Ways of Seeing Abstraction:
João Maria Gusmão + Pedro Paiva

Abstraktion, darunter verstehen die meisten Menschen noch immer eine Konzentration auf die Form. Eine Kunstströmung, mit der ästhetische Ideen, Ordnungen, philosophische Ideen oder innere Gefühle zum Ausdruck gebracht werden können – die aber mit der alltäglichen Lebenswirklichkeit nicht viel zu tun hat. Doch gerade in von Krisen gekennzeichneten Zeiten werden auch von der Kunst Relevanz und Dringlichkeit erwartet, eine Aussage zu aktuellen gesellschaftlichen Themen. Künstlerisches Engagement vermittelt sich dabei heute nicht ausschließlich durch klare visuelle Botschaften und Inhalte – sondern immer mehr auch durch die Abstraktion. Gerade für jüngere Generationen ist die gegenstandslose Kunst das Mittel der Wahl, um Politik, Religion oder soziale Fragen zu thematisieren. Mit Werken aus der Sammlung Deutsche Bank unternimmt die Ausstellung „Ways of Seeing Abstraction“ im PalaisPopulaire eine durchaus subjektive Bestandsaufnahme der internationalen Abstraktion von der Nachkriegsmoderne bis in die jüngste Gegenwart – und dokumentiert die Vielfalt und Diskursivität, die sich hinter der Idee der gegenstandslosen, „reinen“ Form verbirgt. Anlässlich der Schau zeigen wir Ihnen in unserer Serie Arbeiten von Künstler*innen, die Abstraktion eigenwillig nutzen und auf neue Weise definieren.


João Maria Gusmão + Pedro Paiva, Lightsaber Outline, 2015
© the artists and Sies + Höke, Düsseldorf

João Maria Gusmão + Pedro Paiva, Green and Pink Stripes and a Light Blue, Cross Over a Dark Background, 2015
© the artists and Sies + Höke, Düsseldorf

João Maria Gusmão + Pedro Paiva, Simple Purple Cross Pattern, 2015
© the artists and Sies + Höke, Düsseldorf

João Maria Gusmão + Pedro Paiva, Dim Apricot Stripes and Blue Bands an Black, 2015
© the artists and Sies + Höke, Düsseldorf


Auf den ersten Blick lassen die Arbeiten von Gusmão + Paiva an abfotografierte Stoffproben oder an die Gitterstrukturen auf den Teppichen der Bauhaus-Künstlerin Anni Albers denken. Doch dann lösen die sich überlagernden farbigen Streifen einen Moment der Irritation aus. Die Streifen verlaufen nicht ganz gerade, ihre Konturen beginnen vor den Augen zu tanzen, und wo sie sich überlagern, mischen sie sich nicht nach den Regeln der Farbenlehre.

Gusmão + Paivas Serie, der mehrfach belichtete Negative zugrunde liegen, bezieht sich nicht nur auf Design. Sie setzt sich auch mit der abstrakten Kunst des 20. Jahrhunderts auseinander – etwa mit den Flimmereffekten der Streifenbilder der Op-Art-Künstlerin Bridget Riley. Gusmão + Paivas Arbeiten lassen ein ähnliches Gefühl visueller Instabilität entstehen. Solche Momente subtiler Verunsicherung charakterisieren das gesamte Werk des portugiesischen Künstlerduos. In ihren Filmen und Camera-obscura-Installationen geht es um die Unzulänglichkeit der Wahrnehmung und die Erkundung des magischen Potenzials unserer alltäglichen Wirklichkeit. Sie stehen für eine „erholsame Metaphysik", eine Formulierung der Künstler, mit der sie ihre künstlerische Arbeit auf den Punkt bringen.