Ways of Seeing Abstraction:
Franziska Furter, Draft IX/V, 2010

Abstraktion, darunter verstehen die meisten Menschen noch immer eine Konzentration auf die Form. Eine Kunstströmung, mit der ästhetische Ideen, Ordnungen, philosophische Ideen oder innere Gefühle zum Ausdruck gebracht werden können – die aber mit der alltäglichen Lebenswirklichkeit nicht viel zu tun hat. Doch gerade in von Krisen gekennzeichneten Zeiten werden auch von der Kunst Relevanz und Dringlichkeit erwartet, eine Aussage zu aktuellen gesellschaftlichen Themen. Künstlerisches Engagement vermittelt sich dabei heute nicht ausschließlich durch klare visuelle Botschaften und Inhalte – sondern immer mehr auch durch die Abstraktion. Gerade für jüngere Generationen ist die gegenstandslose Kunst das Mittel der Wahl, um Politik, Religion oder soziale Fragen zu thematisieren. Mit Werken aus der Sammlung Deutsche Bank unternimmt die Ausstellung „Ways of Seeing Abstraction“ im PalaisPopulaire eine durchaus subjektive Bestandsaufnahme der internationalen Abstraktion von der Nachkriegsmoderne bis in die jüngste Gegenwart – und dokumentiert die Vielfalt und Diskursivität, die sich hinter der Idee der gegenstandslosen, „reinen“ Form verbirgt. Anlässlich der Schau zeigen wir Ihnen in unserer Serie Arbeiten von Künstler*innen, die Abstraktion eigenwillig nutzen und auf neue Weise definieren.


Franziska Furter, Draft IX/V, 2010
© Franziska Furter and Galerie Lullin + Ferrari


Wie „poetische Neuronengewitter" muten die Tusche- und Bleistiftzeichnungen von Franziska Furter an – diese schwarz-weißen Landschaften, Explosionen und Himmelskörper, die zugleich abstrakt und doch voller offener Bedeutungen sind. Die Konstellationen in den Zeichnungen ihrer Serie Draft könnten die Ausschläge eines Seismografen sein, Berge oder einfach Graphitstaub, der eine Wand herunterrieselt. Furters Zeichnungen befinden sich in einem Zwischenzustand, als wollten sie etwas abbilden – ein Gefühl, ein Bild, einen Gedanken – und es sei aber noch nicht deutlich, was. „Diese Bilder sehen zwar aus wie Schwarz-Weiß-Fotografien, doch existieren sie nicht in der Realität. Es sind Abbildungen einer erfundenen Welt – also einfach eine andere Realität“, sagt die Künstlerin über ihre Arbeit, die sie in den letzten Jahren um Skulpturen und Installationen erweitert hat.

Mit Beginn der 2010er-Jahre erlangten Furters Zeichnungen eine von Mystik, Science-Fiction und Fantasy inspirierte Dimension. Die Grundlage bilden japanische Mangas, die sie in einem langwierigen Arbeitsprozess fotokopiert, vergrößert, ausschneidet, Elemente neu kombiniert und abzeichnet – um dann diese Schritte mehrfach zu wiederholen. Die Draft-Zeichnungen wiederum entstanden nach kleinen Skizzen direkt auf dem Papier. Furter interessiert auch hier der Prozess der zeichnerischen Übersetzung, der Form, Komposition und Bedeutung mit jedem Arbeitsschritt in einen neuen Zustand übergehen lässt.