Maxwell Alexandre, Conny Maier, Zhang Xu Zhan:
“Artists of the Year” der Deutschen Bank im PalaisPopulaire

Seit nun gut einer Dekade zeichnet die Deutsche Bank jährlich eine Künstlerin oder einen Künstler aus. Die Bedingungen: Ihr Werk muss die Medien Papier und Fotografie einbeziehen. Die Auszeichnung „Artist of the Year“ soll neuen, globalen Positionen in der aktuellen Kunst eine Plattform bieten. Das jeweilige Werk soll dabei immer von gesellschaftlicher und künstlerischer Relevanz sein, etwas über unsere Zeit und unsere Gesellschaft aussagen, etwas zeigen, was so noch nicht gezeigt oder ausgedrückt wurde.

Anlässlich des 10. Jubiläums präsentiert sich dieses Programm nun noch vielfältiger und globaler. So wurden dieses Jahr die drei Kurator*innen Victoria Noorthoorn, Hou Hanru und Udo Kittelmann nicht wie üblich um eine, sondern um drei eigene Nominierungen gebeten. Jedes der Jurymitglieder wählte seinen oder ihren „Artist of the Year“: Maxwell Alexandre aus Brasilien, Conny Maier aus Deutschland und Zhang Xu Zhan aus Taiwan. Alle drei verbindet, dass sie über ungewöhnliche Wege zur aktuellen Kunst gekommen sind und sehr diverse Lebenserfahrungen, Weltbilder und kulturelle Einflüsse mitbringen. Jetzt zeigen sie ihre Werke in einer großen Schau im PalaisPopulaire.

Maxwell Alexandre wuchs in Rocinha auf, Rio de Janeiros größter Favela, wo er auch heute noch lebt. Die Gemälde und Installationen des Künstlers kreisen um Gemeinschaft und Gewalt, Hip-Hop und Spiritualität. Alexandre, der aus der Inline-Skater-Szene kommt und evangelikal erzogen wurde, fand in der Kunst einen neuen, nichtdoktrinären Weg, sich von Rassismus und sozialer Benachteiligung zu emanzipieren. Mit Freund*innen hat er die alternative Künstlerkirche A Noiva gegründet. In der Ausstellung ist seine mehrteilige Serie Forbes Under 30 aus dem Zyklus 500 Year Party zu sehen. Alexandre malt das Covermotiv des brasilianischen Forbes Magazins von 2019, das ihn als einen der neunzig erfolgreichsten Brasilianer*innen unter dreißig auszeichnete, immer wieder neu ab. Das hat einen bestimmten Anlass: Der Künstler mit afrikanischen Wurzeln ist als einziger Farbiger neben drei hellhäutigen Menschen zu sehen. Die Hautfarbe entscheidet in Brasilien immer noch über die Chancen, zu einer immer noch vorwiegend weißen Elite zu gehören. Der Titel der Arbeit verweist auf die 500-Jahr-Feier zur „Entdeckung“ Brasiliens durch die Portugiesen – einer Geschichte der kolonialen Ausbeutung durch die Weißen. Alexandre verändert in seinen abgemalten Versionen des Covers immer wieder die Schattierungen der Hautfarben der Protagonist*innen – eine serielle Meditation über den systemischen Rassismus, über Brasiliens Elite und Klassenzugehörigkeit.

Conny Maier ist eine der wichtigsten Entdeckungen in der aktuellen deutschen Malereiszene. Mit ihr wird erstmals eine deutsche Künstlerin als „Artist of the Year“ ausgezeichnet. Maiers figurative, farbig leuchtende Gemälde knüpfen an ganz unterschiedliche Einflüsse an: den Expressionismus der „Brücke“, an Picasso und Gauguin wie auch an die aktuellen Diskurse um die Malerei, die von der „Neuen Figuration“ seit den 1980er-Jahren ausgehen. Maiers Kunst reflektiert eine von Repräsentation und Materialismus bestimmte Welt, in der die Menschen die Kontrolle zu verlieren scheinen. Ein zentrales Motiv ist dabei das Verhältnis von Kultur und Natur – die romantische und heroische Verklärung dieses Ringens um Dominanz und Unterwerfung legt Maier humorvoll und behutsam frei. Auch auf dem zentralen Triptychon ihrer Installation im PalaisPopulaire, das den programmatischen Titel Dominieren trägt, spielt sich auf drei riesigen Leinwänden eine Art Machtkampf ab. Die Arbeit scheint von den preußischen Reiterstandbildern am Bebelplatz und der Prachtstraße Unter den Linden in unmittelbarer Nachbarschaft des PalaisPopulaire inspiriert: Ein Mann mit einem Speer versucht, ein archaisches Pferd zu bezwingen, das ihn abwirft oder sich über ihm aufbäumt. Unklar bleibt dabei, wer hier wen bezwingt. Das Wilde und zugleich „Heroische“ der Szenerie lässt an Darstellungen der Historienmalerei denken, an das idealisierte, heroische und sehr männliche Bild des Menschen, der die Natur bezwingt und sich seine Welt formt. In ihren Werken deutet sich zugleich fundamentale Kritik an den schwerwiegenden Folgen der Ausbeutung von Menschen und Ressourcen an. Das aktuelle Triptychon lässt sich auch als Kommentar zum Ende des Anthropozäns, des vom Menschen geprägten Zeitalters, verstehen – als eine Zukunft, die vielleicht ohne humanes Leben existieren wird.

Zhang Xu Zhan wurde als Sohn einer Familie geboren, die seit über einem Jahrhundert traditionelle Papierfiguren herstellt und mit ihnen handelt. Diese Objekte, die in Taiwan bei religiösen Zeremonien und Beerdigungsritualen genutzt werden, sind aus Pappmaché gefertigt und aufwändig verziert. Sie verkörpern Statussymbole wie Häuser, Autos oder Luxusgüter genauso wie mythologische Kreaturen und dienen so als Kommunikationsmittel zwischen Menschen und Göttern. Zhang Xu dreht aus dieser Tradition heraus surreale Stop-Motion-Filme, die in immersiven Installationen inszeniert sind und in das Reich von Naturgeistern und Dämonen führen. Die neuen Arbeiten für das PalaisPopulaire sind eine Fortsetzung seiner Animal Story-Serie, in der Tiere aus asiatischen Fabeln die Hauptrollen spielen. Häufig sind es die vermeintlich Unterlegenen, die die Bösewichter austricksen, wie etwa das Hirschferkel das gefräßige Krokodil. Unterlegt von Instrumenten wie taiwanesischen Trommeln und dem indonesischen Gamelan, erleben sie Initiationsreisen, in denen sie reißende Gewässer überqueren und sich im wahrsten Sinne immer wieder selbst spiegeln müssen. Zhang Xus Filme erzählen in geheimnisvollen, archaischen Bildern von innerer und äußerer Transformation. Sie berühren dabei so universelle Themen wie Tod, Vergänglichkeit und das Streben nach Gemeinschaft. Zhang Xu, der ein ausgeprägtes Interesse an Spiritualität, Folklore und Anthropologie hat, überführt das tradierte Kunsthandwerk seiner Familie in die globale Kunstwelt des 21. Jahrhunderts. Dabei geht es um die Idee einer universellen Kunst des „Dazwischen“: den Bereich zwischen Kulturen, Traditionen und neuen Technologien.

Deutsche Bank
"Artists of the Year" 2021

bis 7.2.2022
PalaisPopulaire, Berlin