VIEWS 2019
Die Deutsche Bank Award-Ausstellung in der Zachęta

Zu mystischer Musik lässt Dominika Olszowy ein Skelett durch die blauen Weiten des Weltalls tanzen. Dabei bewegt sich der grinsende Knochenmann so gelenkig wie ein Zirkusakrobat. Zu sehen ist dieses kosmische Memento mori auf einer wandfüllenden Leinwand, vor der die Künstlerin eine Gruppe runder Tische installiert hat. Darauf die wie versteinert wirkenden Überreste eines Festmahls. The Wake, zu Deutsch ‚Totenwache‘, lautet der Titel dieser zeitgemäßen Version eines Vanitas-Stilllebens. Man merkt der präzisen Inszenierung an, dass Olszowy auch als Bühnenbildnerin arbeitet. Aber nicht nur das. Sie ist zudem Mitbegründerin der feministischen Hip-Hop-Band Cipedrapskuad und des Motorradclubs Horsefuckers M.C. The Wake ist gerade in der Warschauer Zachęta zu sehen, wo zurzeit die Ausstellung der Nominierten für den wohl bedeutendsten Preis für polnische Gegenwartskunst gezeigt wird: den „VIEWS 2019 - Deutsche Bank Award“, der alle zwei Jahre vergeben wird. Das Kooperationsprojekt zwischen Zachęta und Deutscher Bank stärkt die künstlerische Infrastruktur des Landes und gibt dem Publikum einen Überblick über die aktuellen Tendenzen.

In diesem Jahr ist Dominika Olszowy für ihre wegweisende Arbeit ausgezeichnet worden, die sich auch wie eine Totenwache oder eine morbide Parabel auf den aktuellen Zustand der Gesellschaft lesen lässt. Doch nicht nur dieses Werk setzt Zeichen in der Ausstellung VIEWS 2019. Die Auswahl wurde dieses Jahr nicht von Kuratoren und Museumsleuten, sondern ausschließlich von Künstlern getroffen – von den acht bisherigen Gewinnern des „VIEWS - Deutsche Bank Award". Die Spannbreite der gezeigten Arbeiten reicht von Malerei und Skulptur bis zu Film, Installation und Performance. Der Trend zu dezidiert politischen Arbeiten, der bereits 2017 zu beobachten war, setzt sich dieses Jahr fort – was angesichts der politischen Situation in Polen nicht wirklich überrascht. Die Stimmung in der Gesellschaft hat sich seit dem Wahlsieg der nationalkonservativen PiS-Partei im Jahr 2015 zunehmend verhärtet, wird von Polarisierung und Spaltung geprägt. Das zeigen auch die Ergebnisse der aktuellen Europawahl in Polen, bei der die etwas stärkere konservative Regierungspartei und die progressivere Opposition fast gleichauf lagen. Einer der Hauptstreitpunkte ist dabei das, was in Polen "Ideologia Gender" genannt wird – die Abwendung vom traditionellen, katholisch geprägten Familienbild, in dem Frauen vor allem für die Geburt von Kindern und deren Erziehung zuständig sind und Homosexualität massiv abgelehnt wird.

Gegen den Rechtsruck der polnischen Gesellschaft setzen Liliana Piskorska und das Kollektiv KEM eine aktivistische Kunst, die mit queerer, feministischer Haltung für Freiheit und Toleranz eintritt. In Piskorskas neuer Videoarbeit Strong Sisters Told Their Brothers geht es um die Sichtbarkeit – oder besser gesagt die Unsichtbarkeit – von lesbischen Frauen im öffentlichen Raum, wo sie sich, wie auch viele andere Minderheiten, zunehmend unsicher fühlen.

Performance, Choreografien und Events sind die bevorzugten Medien von KEM, einem Kollektiv, das im Kern aus vier Leuten besteht und bei seinen Aktionen mit einem Netzwerk aus befreundeten Künstlern und Aktivisten kooperiert. Wie bei vielen dieser Gruppen, die sich mit Identitätspolitik beschäftigen, verwischen auch bei KEM die Grenzen zwischen künstlerischer, kuratorischer, pädagogischer und politischer Arbeit. Mit ihrer Dragana Bar im Ujazdowski Castle Centre for Contemporary Art elektrisierten sie im Sommer 2018 die Warschauer Szene. Den temporären Club verstand das Kollektiv als „sicheren Ort für nicht-heteronormative Vergnügungen“ – also als einen Freiraum für die LGBTQ-Community. Zur Eröffnung von VIEWS veranstaltete KEM eine Performance, in der es um Gewalt und Ausgrenzung durch Sprache ging. In einer Reihe von Treffen werden diese Themen dann während der Laufzeit der Ausstellung weiter diskutiert.

Doch in der aktuelle VIEWS-Schau haben auch Malerei und Skulptur ihren Platz. So gehört Tomasz Kowalski zu den profiliertesten jungen Malern des Landes und war bereits in zahlreichen internationalen Ausstellungen vertreten. Auf seinen Gemälden erschafft er eine enigmatische Welt, in der die Gesetze von Zeit, Raum und Schwerkraft außer Kraft gesetzt sind. Ihre Bewohner erinnern eher an Schaufensterpuppen als an reale Menschen. Kowalski bedient sich gerne an der Kunstgeschichte. Reminiszenzen an Brueghel und Bosch, die Stillleben der flämischen Meister, den deutschen Expressionismus oder den amerikanischen Outsider-Künstler Henry Darger verbinden sich bei ihm zu surreal anmutenden Landschaften und Interieurs.

Gizela Mickiewicz findet das Material für ihre Skulpturen dagegen im Hier und Jetzt. Ihren Beitrag The Loneliness of Sightlines, eine Gruppe von acht Skulpturen, hat sie aus modernen Kunststoffen gefertigt. Die Bildhauerin bevorzugt Werkstoffe, die noch in der Forschungs- und Testphase stecken. Sie dienen noch keinem definierten Zweck, haben weder eine bestimmte Form, noch transportieren sie bestimmte Bedeutungen. Das gibt Mickiewicz die Möglichkeit, das künstlerische Potential dieser Materialien ganz neu für sich zu entdecken und für ihre Arbeiten zu nutzen.

Zugleich aktiviert sie mit The Loneliness of Sightlines den Raum und den Betrachter. Jede dieser frei im Raum stehenden Skulpturen ist transparent, durchbrochen oder bildet eine Art Rahmen. Bewegt man sich zwischen den Objekten, ergeben sich immer wieder neue Perspektiven auf den Galerieraum und die anderen Teile der Skulpturengruppe, ohne dass es allerdings möglich ist, das Ensemble als Ganzes wahrzunehmen.
 
Wer von den fünf Finalisten den mit 15.000 Euro dotierten „VIEWS 2019 - Deutsche Bank Award“ erhalten wird, entscheidet eine international besetzte Fachjury. Am 6. Juni wird in der Zachęta der Gewinner verkündet. Wer den Publikumspreis gewonnen hat, wird am Ende der Ausstellung bekanntgegeben.
A.D.

VIEWS 2019
Deutsche Bank Award

bis 30.06.2019
Zachęta, Warschau