Images of Italy
Gegenwartsfotografie aus der Sammlung Deutsche Bank in Mailand

Die poetische Nüchternheit des Neorealismus, die subtilen Farben von Luigi Ghirri, Heidi Speckers Exkursion in das Apartment von Giorgio de Chirico: Die Galleria d'Arte Moderna in Mailand zeigt Italien durch die Linse von deutschen und italienischen Fotokünstlern – und entwickelt dabei Einblicke fernab aller Klischees. Immagini dell'Italia präsentiert Werke aus dem Sitz der Bank in Mailand-Bicocca, dem Bankgebäude in der Via Turati und der Niederlassung in Rom. Die Ausstellung vereint Werke von den 1950er-Jahren bis in die jüngste Gegenwart. Sie alle treten auf ganz unterschiedliche Weise mit der italienischen Geschichte und Kultur in Verbindung. Ob ihre Bilder nun Phänomene des Massentourismus, das Vermächtnis der Moderne oder die klassische Schönheit der Architektur und der Landschaft reflektieren – immer stehen das formale Experiment, aber auch eine ästhetische oder gesellschaftliche Vision Italiens im Fokus. Dabei spielt auch der Ausstellungsort eine Rolle: Die Gegenwartsfotografie korrespondiert mit dem prunkvollen neoklassizistischen Interieur der Villa Reale, in der das GAM, das Museum für Kunst des 18. bis 20. Jahrhunderts untergebracht ist.  

Und natürlich beginnt die Schau mit Italien-Bildern, deren Motive mit kollektiven Erinnerungen, Emotionen und dem touristischen Blick verbunden sind. Aber genau der wird auch infrage gestellt. In unserer globalisierten Welt kann Venedig auch mitten in Las Vegas liegen. Hier nämlich fotografierte Armin Linke das Venetian Hotel, das sich als durchkommerzialisierte Kompaktausgabe der Lagunenstadt präsentiert – inklusive Canal Grande und Rialtobrücke. Das geschichtsträchtige Venedig, das in der Realität mit Massentourismus und ökologischen Problemen zu kämpfen hat, wird hier in einer bereinigten Form kopiert. Solche „Zitate“ zeigen, wie mächtig die Klischeebilder Italiens sind. Es sind genau solche historischen Monumente und natürlich auch die arkadischen Landschaften, die das Image des „Bel Paese“ weltweit geprägt haben – millionenfach reproduziert von Magazinen, Reiseprospekten und Websites. Oder Postkarten, wie sie der Konzeptkünstler Jonathan Monk für seine Arbeit The collectors’ leftovers auf Flohmärkten gesammelt hat. Die Vorbesitzer waren allerdings weniger an den Bildern vom Trevi-Brunnen oder Markusplatz interessiert. Ihnen ging es um die Briefmarken. So fehlt jetzt bei allen Karten die linke obere Ecke, was die abgebildeten Motive humorvoll konterkariert.

Den klassischen Postkartenansichten setzen die Fotografen in der ersten Sektion der Ausstellung ihren ganz eigenen Blick auf Italien entgegen. Etwa Luigi Ghirri, den vor allem das Alltägliche, Periphere interessiert. Seine subtilen Aufnahmen geben selbst Touristenattraktionen wie dem Parco dei Mostri ihre Aura zurück. Nüchtern und distanziert fokussieren sich dagegen Vincenzo Castella und Giovanni Chiaramonte auf Großstädte: Überlagern sich bei Castella die urbanen Strukturen Mailands, sind es bei Chiaramonte Geschichte und Gegenwart Roms. Beide Fotografen nahmen 1984 an Ghirris legendärer Ausstellung Viaggio in Italia teil. Sie präsentierte eine Gruppe von Fotografen, denen es um ein Bild des Landes fernab aller Klischees ging. Candida Höfer und Olaf Metzel blicken von außen auf Italien und zeigen Architekturen, in denen sich die Hoch- aber auch die Alltagskultur manifestiert: den opulenten Lesesaal der Biblioteca Riccardiana in Florenz und eine Strandbar an der Adria. Die großformatigen Arbeiten verleihen ihren Motiven eine fast magische Präsenz – und lassen sie uns mit neuen Augen sehen.

Künstler, die mit Inszenierung, Montage und digitaler Bildbearbeitung arbeiten, stehen im Mittelpunkt der zweiten Sektion. 2011 begrüßte Adrian Paci auf dem Platz der sizilianischen Barockstadt Scicli mehr als 700 Menschen per Handschlag. The Encounter spielt auf Pacis Identität als Migrant an: Der Künstler flüchtete mit seiner Familie aus Albanien. Das uralte Ritual des Händereichens symbolisiert das Sich-Öffnen für den Anderen, der in Italien eine neue Heimat gefunden hat. Auch Martin Liebscher und Moira Ricci setzen sich selbst in Szene. Liebschers Panorama fungiert dabei als ironischer Kommentar zum traditionellen Genre "Selbstporträt“. Ricci zog es für A Lidiput an den Strand, wo sie sich als gulliverartige Gestalt inszeniert. Trotz ihrer Größe wird sie von den Badegästen nicht wahrgenommen – ein eindringliches Symbol für Entfremdung.

Um Innen- und Außenansichten, aber auch die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe Italiens, geht es in der letzten Sektion. Heidi Specker und Günther Förg blicken dabei auf die Moderne und erkunden Architekturen, deren Strukturen und kontextualisieren diese. Dass Architekturfotografie auch symbolisch aufgeladen sein kann, beweisen Luca Andreoni und Antonio Fortugno. Auf ihren im Aostatal entstandenen Aufnahmen lassen sie Tunnel wie Tore in eine andere Welt erscheinen. Mit Luca Vitones Wandinstallation Mare Nostrum schließt sich der Kreis der Ausstellung. Auf blauen Wellen formieren sich hier Postkarten von Strandpromenaden und Sonnenuntergängen zur Silhouette Italiens. Mit leiser Ironie präsentiert Vitone seine Heimat als Idylle, stellt aber zugleich die Rolle der Nation in Geschichte und Gegenwart zur Diskussion.

Immagini dell'Italia
26.09. – 28.10.2019
Galleria d'Arte Moderna, Mailand