Spektakulärer Trip ins All
Mori Art Museum präsentiert “The Universe and Art”

Von Tokio in die unendlichen Weiten des Weltraums: Die aktuelle Schau des Mori Art Museums dreht sich um ein großes Thema – das Universum und die Zukunft der Menschheit. Das Reich jenseits des Planeten Erde ist zugleich Sehnsuchtsort, Projektionsfläche und Gegenstand der Forschung. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Und sind wir tatsächlich alleine im All?  Diese existenziellen Fragen haben nicht nur Wissenschaftler, Philosophen und Science-Fiction-Autoren, sondern auch zahlreiche Künstler beschäftigt. Dementsprechend reicht das Spektrum der Exponate von Meteoriten über Manuskripte von Leonardo da Vinci oder Galileo Galilei bis zu aufwendigen High-Tech-Installationen. Mit dabei sind auch zahlreiche Künstler aus der Sammlung Deutsche Bank wie Andreas Gursky, Wolfgang Tillmans, Hiroshi Sugimoto oder Mariko Mori.

Die Schau gliedert sich in vier Kapitel. Im ersten Teil geht es um verschiedene Darstellungen des Universums und um seine Erforschung. Religiöse Artefakte treten in einen Dialog mit wissenschaftlichen Geräten und zeitgenössischer Kunst. Hier sind verschiedene Mandalas – abstrakt-ornamentale Darstellungen des Universums, die auch als Meditations-Objekte dienten – neben einem Video von Maeda Yukinori oder einem minimalistische Skulptur von Kisho Mwkaiyama zu sehen. Es sind kontemplative, spirituell aufgeladene Arbeiten, in die man sich wie in ein Mandala versenken kann. Aus den Tiefen des realen Universums stammt dagegen das Material für ein Schwert, das einst dem japanischen Kaiser Taisho gehörte: Das Eisen für dieses kunstvoll geschmiedete Waffe lieferte ein Meteorit. Das silbrig glänzende Metall ist unglaubliche 4 Milliarden Jahre alt.

Ausschließlich zeitgenössischen Positionen ist The Universe as Space-Time, das zweite Kapitel der Schau, gewidmet. Hier demonstriert Andreas Gursky großformatige Fotoarbeit Kamiokande (2007), dass wissenschaftliche Forschungsanlagen ihre ganz eigene ästhetische Faszination besitzen: In der mit Wasser gefüllten Mine eines ehemaligen Bergwerks wurde ein Neutrino-Observatorium installiert, in dem Tausende von "Photo-Augen" die Bewegung dieser Elementarteilchen festhalten. Sie sind die Bausteine unserer Welt und des gesamten Universums.

Neutrinos entstehen unter anderem bei den Kernreaktionen auf der Sonne. Eine Ahnung von der ungeheuren Energie, die dieser Himmelskörper jede Sekunde produziert, vermittelt die Installation Brilliant Noise. Auf drei gigantischen Leinwänden blendet das britische Künstlerduo Semiconductor tausende Satellitenbilder von Sonnenstürmen übereinander. Das flackernde Licht dieser thermonuklearen Prozesse wird in elektronische Sounds übertragen – es ist fast so, als ließe uns Brilliant Noise den Pulsschlag der Sonne spüren. Dass der Kosmos spätestens seit dem amerikanisch-russischen Wettlauf ins All auch ein politischer Ort ist dokumentiert Trevor Paglen. Die Fotografien des amerikanische Geografen, Künstlers und Aktivisten zeigen Spionagesatelliten, die die Welt so gut observieren, dass sie sogar Gesichter erkennen können.

Den Fragen, ob es Leben außerhalb der Erde gibt und wie es mit der Spezies Mensch weitergeht, widmet sich die dritte Sektion. Hier verweist Patricia Piccininis hyperrealistische Silikon-Skulptur The Rookie auf neuesten Entwicklungen der Gentechnik wie CRISPR. Hinter dem kryptischen Kürzel verbirgt sich eine Methode, mit deren Hilfe die DNA fast jedes Organismus schnell und einfach neu „editiert“ werden kann. So sind in China bereits heute Minischweine auf dem Markt, die dank Gentechnik ganz besonders niedlich und klein ausfallen. Piccininis Rookie, ein hilflos in die Welt schauender Hybrid aus Baby, Raupe und Schildkröte, denkt diese Entwicklungen konsequent weiter – mit einem verstörenden Ergebnis. Der Pop-Kultur entsprungen ist dagegen die chromglänzende Roboterfrau von Hajime Sorayama. Sein Bildband Sexy Robot machte den Zeichner 1982 weltberühmt und inzwischen existieren auch dreidimensionale Versionen seiner erotischen Männerfantasie.

Das letzte Kapitel der Schau fragt dann, ob die Zukunft des Menschen vielleicht im Weltall liegt. Darauf verweisen nicht nur historische Exponate wie das Foto von Neil Armstrongs Fußabdruck auf der Mondoberfläche oder die Skizzen von Konstantin Ziolkowski, dessen theoretischen Forschungen die Grundlagen der sowjetischen und westlichen Raumfahrt lieferten. Auch Zeitgenössisches ist zu sehen. Besonders faszinierend ist der von der NASA ausgezeichnete Entwurf für ein aus Eis gefertigtes Haus, das künftige Bewohner des Mars beherbergen könnte.

Immer wieder werden diese eher technologischen Projekte mit künstlerischen Visionen kontrastiert. So lässt Jules de Balincourt auf seinen Gemälden Astronauten und Planeten in einer schwarzen Unendlichkeit schweben. Für die neuesten Entwicklungen in Sachen digitaler Kunst steht das 2001 in Tokio gegründete Kollektiv teamLab. „Den anderen um Lichtjahre voraus“ – so charakterisierte die Japan Times die Arbeiten der aus mehr als 400 Künstlern, Programmierern, Mathematikern, Architekten und Ingenieuren bestehende Gruppe. Im Mori Art Museum entführt ihre von uralten japanischen Mythen inspirierte Installation Crows are Chased and the Chasing Crows are Destined to be Chased as well, Blossoming on Collision — Light in Space die Besucher in ein interaktives Universum aus Licht, Farben und Bewegung. Dieser Kreislauf aus Werden und Vergehen vollzieht sich mit jedem Besucher, der den Raum betritt, auf eine immer wieder andere Weise. Light in Space gleicht dem Portal zu einem psychedelischen Kosmos  – ein perfekter Abschluss dieses Ausstellungsprojekts zwischen Kunst, Technologie und Spiritualität.

The Universe and Art
bis 09.01. 2017
Mori Art Museum , Tokio