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Walk the Line
Eine Bilderreise durch die Deutsche Bank KunstHalle


Für ihre Ausstellung in der Deutsche Bank KunstHalle träumt Victoria Noorthoorn von schwebenden Bildern. Es gibt für sie nur eine Frau, die diese Vision realisieren kann: Daniela Thomas!


„Wissen Sie“, sagt Daniela Thomas, während sie mit den Händen über die Lehnen ihres Stuhls im Café der KunstHalle streift, „meine Ursprünge liegen im Theater.“ Doch für sie und ihren Mann, den Architekten Felipe Tassara, sei es ganz natürlich, die unterschiedlichsten Herausforderungen anzunehmen – ob nun im Theater, der Oper, dem Film oder in der bildenden Kunst: „Seit den 1920er-Jahren hat die Installationskunst fliegen gelernt und die Welt erobert. Ein ganzes Universum hat sich eröffnet, mit immer mehr Möglichkeiten, Räume oder ortsspezifische Arbeiten zu erschaffen. Und wir sind wie Astronauten in diesem Kosmos.“ Plötzlich hält sie inne, dreht sich um, betastet die Rückseite des Stuhls und wendet sich Tassara zu: „Eigentlich ist er nicht gut für ein Restaurant, man kann seine Tasche gar nicht daran aufhängen.“

Man spürt, dass in ihrem Universum sogar die Frage, wie man seine Tasche an einen Stuhl hängt, interessant ist. Oder die Frage, wie man steht, geht, sich durch eine Ausstellung oder das Leben bewegt. Kunst, das ist für Thomas eine ebenso sinnliche, intellektuelle wie formale Frage, die sich nicht auf bestimmte Disziplinen oder Medien festlegen lässt. Die Frau, die von sich und ihrem Partner bescheiden sagt, sie seien „nur Arbeiter aus Brasilien“, ist in ihrer Heimat eine Legende. 1959 als Tochter des populären Cartoonisten „Ziraldo“ Alves Pinto in Rio de Janeiro geboren, war sie von Kindheit an von Künstlern umgeben. Ihre professionelle Karriere begann als Bühnenbildnerin in den frühen 1980er-Jahren in New York bei der La MaMa Experimental Theater Company. Seitdem hat sie, immer wieder auch mit ihrem Mann, weltweit die Sets für über 80 Opern und Theaterstücke entworfen. Gleichzeitig machte Thomas in den 1990er-Jahren als Drehbuchautorin und Regisseurin von sich reden. Bereits ihr erster Film Foreign Land, den sie 1995 gemeinsam mit Walter Salles drehte, gilt als Meilenstein des neuen brasilianischen Kinos.

Die Nähe zur bildenden Kunst, besonders zum brasilianischen Neoconcretismo, der in den 1960er-Jahren mit Künstlern wie Lygia Clark oder Hélio Oiticica die geometrische Strenge konkreter Kunst mit sinnlicher Lust am Spiel, Subjektivität und Expressivität verband, hat sie während ihrer gesamten Laufbahn begleitet. Sie prägt auch das Ausstellungsdesign, durch das sie und Tassara seit 2000 in Brasilien, Europa und Asien bekannt wurden. Ob das Paar nun für eine Retrospektive brasilianischer Kunst auf der São Paulo Biennale einen Bau von Oscar Niemeyer bespielt oder im Museum of Contemporary Art in Tokio der zeitgenössischen japanischen Kunst eine Bühne bereitet – immer findet es neue Wege, thematische Inszenierungen und formale Experimente zu verbinden.

Das Studio von Thomas und Tassara in São Paulo ist ihr Hauptquartier, doch der Erfolg hat sie auch zu kreativen Nomaden gemacht. Allein in Deutschland haben sie in diesem Jahr an zwei großen Projekten gearbeitet: an der Gestaltung des brasilianischen Pavillons auf der Frankfurter Buchmesse und an dem Ausstellungsdesign für The Circle Walked Casually in der KunstHalle. Hier in Berlin realisieren sie gemeinsam mit der argentinischen Kuratorin Victoria Noorthoorn ein ganz besonderes Vorhaben: die erste große Ausstellung internationaler Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Deutsche Bank – mit rund 130 Meisterwerken und Neuentdeckungen aus über einem Jahrhundert und unterschiedlichsten Regionen. Doch nicht nur die Vielfalt von Künstlern und Strömungen ist eine Herausforderung. The Circle Walked Casually bildet den Auftakt zu einer Serie von Ausstellungen, durch die auf völlig neue Weise die Sammlung Deutsche Bank erfahrbar gemacht wird. In regelmäßigem Turnus werden renommierte internationale Gastkuratoren eingeladen, thematische Ausstellungen mit innovativen Formaten zu realisieren, die den Blick für noch unentdeckte Seiten der Sammlung öffnen.

Noorthoorn, die Thomas bereits 2011 gebeten hat, auf der Lyon Biennale den Einakter Atem von Samuel Beckett zu inszenieren, strebt für diese Premiere ein fantastisch anmutendes Ziel an: einen schier grenzenlos wirkenden Raum, in dem die Bilder schweben, und der Besucher die beiden Hauptmerkmale der Zeichnung – Fläche und Linie – nicht nur intellektuell, sondern auch physisch erlebt, so als bewege er sich in dem leeren Weiß eines Papierblatts.

Was da in diesem Weiß zum Schweben gebracht werden soll, hat Gewicht. Das sind ebenso Zeichnungen der Klassischen Moderne von Wassily Kandinsky, Otto Dix oder Kurt Schwitters wie auch Arbeiten aktueller Künstler aus Südamerika und Afrika, etwa Marina De Caro, Laura Lima oder David Koloane. Heroen der Nachkriegskunst – Georg Baselitz, Joseph Beuys, Lucian Freud – treffen auf wegweisende Künstlerinnen unterschiedlicher Generationen: Louise Bourgeois, Marlene Dumas oder Kara Walker.

Es war die Kurzgeschichte Genealogie des uruguayischen Autors Felisberto Hernández (1902–1964), die Noorthoorn zu The Circle Walked Casually angeregt hat. In seinem fantastischen Text schreibt Hernández allen unbelebten Dingen ein geheimes Leben zu. So verlieben sich in seiner Erzählung ein Kreis und ein Dreieck und reisen auf einer horizontalen Linie entlang. Diese Vorstellung einer imaginären Reise und einer persönlichen Beziehung, die sich zwischen den abstrakten Formen entwickelt, sind prägend für das Ausstellungskonzept, das auf eine Chronologie verzichtet. Im Sinne von Noorthoorn sollen die Zeichnungen nicht von dem Kurator funktionalisiert oder interpretiert werden, sondern untereinander, für sich selbst und mit dem Betrachter sprechen. Dieses Vertrauen in die Kraft des Bildes findet bei Thomas eine Analogie im Vertrauen auf die Form.

Der Kosmos, den sie und Tassara hierfür entwickeln, wurde durch bahnbrechende Ausstellungsexperimente der Moderne inspiriert. Dazu gehört die Schau First Papers of Surrealism 1942 in New York, für die Marcel Duchamp tausende Meter von Bindfäden wie ein Spinnennetz über Wände und Bilder spannte, sodass es kaum möglich war, sich darin zu bewegen. Oder die Ausstellungsinstallation der Architektin Lina Bo Bardi in den 1950er-Jahren für das Museu de Arte de São Paulo: In der modernistischen, lichtdurchfluteten Halle des Museums montierte sie Hunderte von Gemälden auf freistehenden Glasscheiben, sodass der Eindruck entstand, sie würden in Augenhöhe schweben.

Während Bo Bardi die Arbeiten in einem Raster anordnete, formieren die an beinahe unsichtbaren Drähten befestigten Bilder in der KunstHalle eine organische Linie, die sich durch den Raum windet. Die einzelnen Zeichnungen bilden dabei Teile einer assoziativen Erzählung oder Konversation, die sich von Bild zu Bild fortsetzt. Thomas’ Inszenierung hat etwas Surreales und zugleich sehr Reduziertes. Sämtliche rechte Winkel der Halle werden abgerundet und wie die gesamte Ausstellungsarchitektur quasi zum Verschwinden gebracht. Fein austariertes Streulicht macht den Raum fast schattenlos. Die Bilder berühren nie die Wand, sie schweben höchstens dicht davor, sodass unser Gefühl von Entfernung und Räumlichkeit ins Wanken gerät. „Wenn ich träumen dürfte“, schreibt Noorthoorn im Katalog, „würde ich von einer Ausstellung träumen, die man wie eine Reise durch den Geist des schöpferischen Subjekts erlebt." Der Fokus dieser Reise liegt auf den Zeichnungen selbst – auf den Visionen der Künstler, ihren Vorstellungen und Utopien, den existenziellen Fragen, die verhandelt werden, Vergänglichkeit, Körper und Transzendenz.

Zugleich gilt es, durch die Korrespondenz zwischen den Zeichnungen Querverbindungen sichtbar zu machen, zu zeigen, wie inhaltliche und formale Themen aufgegriffen und immer wieder neu transformiert werden. „Die Ausstellung funktioniert wie ein kinetisches System“, sagt Thomas. „Es gibt eine Erzählung, ein Gefühl von Rhythmus, Gefühle von Einengung und dann wieder von Befreiung.“ Tatsächlich wird der Besucher an einigen Stellen in der Schau mit Windungen und Kurven konfrontiert, in denen er von schwebenden Werken geradezu umzingelt ist. Während er sie an diesen Stellen nur aus einer fast beklemmenden Nähe betrachten kann, eröffnet sich einige Schritte weiter der Eindruck eines Panoramas. Gepaart mit der Choreografie der Zeichnungen hat das etwas Filmisches. Der Betrachter durchläuft verschieden lange, von Schnitten unterbrochene Bildsequenzen, erlebt die Werke wie in der Nahaufnahme oder der Totalen. Zugleich vermittelt The Circle Walked Casually eine andere Qualität: „Die Werke werden als physische Objekte erlebt“, sagt Thomas schmunzelnd. „Manchmal, wenn du durch die Halle gehst, wirst du spüren: Oh, diese Dinger bewegen sich an ihren Drähten. Es geht wirklich um die Werke im Raum, um eine Erfahrung, die du mit deinem ganzen Sein spürst, mit deinem Körper, deinem Geist, deinen Augen.“


The Circle Walked Casually
28.11.2013 – 2.3.2014
Deutsche Bank KunstHalle




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