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„Meine Kunst soll Grenzen ausloten“
Ein Interview mit Clare Bottomley


Sozial engagiert – das ist kein Label, mit dem sich viele zeitgenössischen Künstler gerne schmücken. Doch Clare Bottomley schreckt das nicht. Für ihr kompromissloses und politisches Werk erhielt die junge englische Fotografin in diesem Jahr den „Deutsche Bank Award for Creative Enterprises“. Bottomley selbst ist die Protagonistin ihrer Fotografien und Videos, in denen sie religiöse Bildmotive nachstellt – manchmal auch mit Mitgliedern ihrer Familie. Der Anblick von Bottomley, die ihren nackten Rücken geißelt oder nur in Unterwäsche bekleidet im Schoß ihrer Mutter liegt, erzeugt Unbehagen, doch gerade das macht die Qualität ihrer Arbeit aus. In einer neuen Videoarbeit wir es um den Umgang mit autistischen Kindern gehen. Mit Eddy Frankel spricht Clare Bottomley über Grenzüberschreitungen, das Versagen der britischen Regierung und ihre eigene religiöse Anschauung.


Eddy Frankel: Sie werden fast immer als Fotografin bezeichnet. Mir scheint allerdings, dass die Fotografien Ihre Arbeiten zwar dokumentieren, aber nicht das eigentliche Werk sind.

Clare Bottomley: Ich sehe mich selbst als Künstlerin, die sich sozialen Belangen zuwendet und dabei Fotografie und Video nutzt, um bestimmte Themen zur Diskussion zu stellen. Ich habe kein Problem damit, eine Fotografin zu sein, aber die Fotografie ist für mich lediglich ein Werkzeug, um das anzusprechen, was mich interessiert. Ich betrachte das eher als Performance, die hoffentlich zu einer gesellschaftlichen Debatte führt. Die Dokumentation ist die eigentliche Kunst.

Können Sie erläutern, was genau Sie mit „Künstlerin, die sich sozialen Belangen zuwendet“ meinen?

Für mich ist die Kunst um der Kunst willen ein falsches Konzept. Ich mag Kunst, die das Bewusstsein der Leute erweitert und sie dazu bringt, Dinge auf andere Art zu betrachten. Das ist das Wichtigste, was Kunst leisten kann. Sie ermöglicht es, Dinge zu hinterfragen – außerhalb von Situationen, die zumeist von Vorurteilen und festgefahrenen Vorstellungen geprägt sind. Wenn man bestimmte Themen im Kunstkontext erörtert, können auch kontroverse Argumente viel freier ausgetauscht werden.

Was ist denn so falsch an Kunst um ihrer selbst willen?

Kunst kann manchmal ziemlich selbst bezogen sein. Ich mag Kunst lieber, die sich an alle richtet, nicht nur an Galeristen oder die Kunstwelt. Es geht darum, dass auch andere Menschen einbezogen werden und etwas verstehen.

Aber es gibt ja Kunst, die rein ästhetischen Wert hat – die also lediglich Kunst um ihrer selbst willen ist, wie etwa die abstrakte Malerei. Und dennoch ist sie schön. Mögen Sie das etwa nicht?

Diese Kunst entstand zu einem Zeitpunkt, als man den Menschen aus der Arbeiterklasse ermöglichte, Galerien zu besuchen, um sich etwas Schönes anzuschauen, dem sie so nicht unbedingt in ihrem Alltag begegneten. So erfüllte diese Kunst auch einen sozialen Zweck. Dasselbe passierte, als man damit begann, auch in Manchester und Sheffield Museen zu eröffnen. Dort zeigte man zwar ästhetische Kunst, aber man nutzte sie als gesellschaftliches Instrument, um den Menschen eine kurze Unterbrechung von ihrem alltäglichen Leben zu ermöglichen. Ich mag daran, wie die Kunst eingesetzt wird – als eine Art Instrument.

Sie erwähnten, wie stark die Kirche ihre Kindheit geprägt hat. Wirkt sich das auch heute noch aus? Was genau an der Rolle der Kirche hat sie so beeindruckt?

Ich habe bei manchen Dingen noch immer Anflüge dieser katholischen Schuldgefühle. Ich bin mir zugleich auch sehr bewusst, dass die Kirche mir einen bestimmten Blickwinkel auf die Welt aufgedrückt hat. Ich glaube nicht, dass sich die Menschen in den westlichen Gesellschaften darüber im Klaren sind, wie stark Religion in unserer Kultur verwurzelt ist, besonders im Hinblick darauf, wie wir andere Religionen wahrnehmen. Ganz gleich ob es sich nun um unsere Moralvorstellungen oder Urteile handelt, sie hat ganz deutlich die Art und Weise geprägt, wie wir die Anderen sehen. Die meisten Menschen denken, wir leben in einer säkularen Gesellschaft, aber das glaube ich nicht. Ich habe wirklich keine Anti-Haltung gegen Religion. Ich finde nur, dass den Menschen bewusst sein sollte, wie viele Bereiche unseres Leben sie prägt und wie sehr sie bestimmt, wie wir andere Menschen in unserer Gesellschaft beurteilen.

Sie argumentieren sehr politisch, ihre Kunst aber wirkt sehr persönlich. Woher kommt diese Diskrepanz?

Politik wird von einzelnen Menschen gemacht. Es ist sehr wichtig, sich das klar zu machen. Selbst im familiären Rahmen gibt es politische Strukturen und die prägen unseren Umgang miteinander.

Warum machen Sie sich selbst zur zentralen Figur in Ihren Fotografien?

Ich habe schon immer die Hauptrolle in meinen Arbeiten übernommen, weil ich mich gerne als formbare Oberfläche sehe, mit der ich spielen kann. Ich hatte von Anfang an die Vorstellung, dass wenn ich mich selbst einsetze, eine persönliche Beziehung zwischen dem Betrachter und der Künstlerin entsteht. Ich dachte, dass wenn ich mich selbst diesen Situationen aussetze, es dem Betrachter leichter fällt, meine Arbeit zu verstehen – ganz so, als wäre er selbst in dieser Situation. Ich hoffte, so eine stärkere Verbindung zum Betrachter herzustellen.

Sie haben einmal vier Monate wie Jesus gelebt. Wie war diese Erfahrung, was hat Sie dazu motiviert?

Ich wollte wirklich selbst Jesus werden und nicht nur die Rolle spielen. Ich wollte er werden. Dann habe ich im Internet diese Jesus-Diät gefunden und dachte, wie blöd ist das denn. Ich dachte mir: Lass uns nicht nur diese Diät machen, sondern gleich Jesus werden und versuchen, ihn zu imitieren. Die Leute geben sich Mühe, so gut wie Jesus zu sein. Aber eigentlich handelt es sich dabei nur um einen Kontrollmechanismus der Religion, denn du kannst niemals so gut werden wie er. Wir sind Menschen, wir bleiben auf der Strecke. Ich habe es mit der Jesus-Diät versucht, ich bin gescheitert,  habe mich betrunken und einen Kebab gegessen. Ich habe versucht, übers Wasser zu laufen, aber ich bin nur untergegangen. Ich habe es nicht geschafft, Wasser in Wein zu verwandeln. Da ist immer diese Diskrepanz zwischen dem Versuch, so gut wie Jesus sein zu wollen, und dabei aber ein menschliches Wesen zu sein. Ich finde, das ist eine unfaire Lage, in die die Menschen da gebracht werden. Man fühlt sich einfach immer unwürdig.

Sie sagten gerade, dass Sie versucht haben, über Wasser zu laufen und Wasser in Wein zu verwandeln. Denken Sie wirklich, dass darin die Botschaft von Jesus liegt? Wenn die Leute sagen, man soll leben wie Jesus, versuchen sie doch eigentlich, dich zu einem moralischeren Lebenswandel zu bewegen.
 
Natürlich denke ich das nicht. Das waren lediglich Beispiele von Dingen, die er tun konnte und ich versuchte sie nachzumachen. Es geht da eher um diese ikonischen Gesten, die ja auch von den Leuten als religiöse Symbole verstanden werden.

Wurden Sie jemals dafür angegriffen, dass Sie sich selbst als religiöse Figur darstellen?

Gott habe sie selig, aber ich glaube nicht, dass meine Oma das gut gefunden hätte! Trotzdem denke ich nicht, dass ich betont respektlos mit dem Thema umgehe. Es geht mir eher darum, meine Arbeiten auch außerhalb des Galeriekontextes zu zeigen. Die Leute, die meine Ausstellungen in Galerien anschauen, gehören ja zum Kunstpublikum und sind wahrscheinlich nicht besonders religiös. Da ist es schon viel interessanter Menschen zu erreichen, die leidenschaftlicher mit dem Thema umgehen.

Viele Ihrer Arbeiten können ganz schön verstörend wirken, etwa das Video, in dem Sie sich selbst geißeln. Legen Sie es darauf an?

Auf jeden Fall. Bei der ganzen Idee, als Jesus vor meiner semi-religiösen Familie zu posieren, ging es eindeutig darum, zu verstören. Meine Kunst soll Grenzen ausloten und die Leute dazu bringen, sich selbst, ihre eigenen Standpunkte und Ansichten wirklich ernsthaft zu hinterfragen.

Sie bringen sich mit unglaublicher Vehemenz in Ihr Werk ein. Welche Rolle spielen Körperpolitik und Geschlechterrollen in Ihrer Arbeit?

Es ist wohl kaum möglich, mein Werk ohne den feministischen Kontext zu betrachten und ich glaube, er klingt auch ganz klar darin an. Aber das ist nur ein Element. Ich interessiere mich für Body Politics und natürlich für den Umstand, dass Jesus ein Mann war. Aber besonders interessant ist für mich diese Zerbrechlichkeit, in der er gezeigt wird, für mich war seine Rolle fast zweigeschlechtlich. Auf Bildern ist er dünn, hat hohe Wangenknochen und langes Haar. Das entspricht nicht unbedingt dem, was wir uns heute unter einem Mann vorstellen. Deshalb spiele ich gerne mit diesem Look.

Wie wohl fühlen Sie sich mit Ihrer eigenen Sicht auf Ihren Körper?

Wohl genug, um ihn zum Gegenstand dieser Bilder zu machen. Aber das macht mich noch lange nicht immun gegen das Wissen, mit welcher Härte meine körperliche Erscheinung beurteilt wird. Wie ich mich selbst mit meinem Körperbild fühle ist eine ziemlich persönliche Frage, aber ich würde sagen, das ist ein Work in Progress. Es wird nie eine angenehme Erfahrung sein, meinen Körper mit all seinen Fehlern und Schwächen zur Schau zu stellen. Aber ich glaube, genau dieses Unbehagen ist notwendig, um die Verbindung zum Betrachter herzustellen, die ich will.

Glauben Sie, dass die Leute Sie und Ihren Körper aufgrund dieser Bilder beurteilen?

Ich hoffe, dass sie meinen Körper so beurteilen, wie er ist: unvollkommen und voller Fehler –genauso wie ihr eigener auch. Es ist wichtig, sich klar zu machen, wie viel Aufmerksamkeit auf die körperliche Erscheinung gerichtet wird.

Wie steht es mit Ihrem pädagogischen Ansatz? Wie eng ist er mit Ihrer Arbeit verbunden?

Der ist sehr wichtig für meine Arbeit. Ich mag Kunst, die jeder versteht, denn genau dadurch entwickelt sie ihre Kraft. Und sie hilft mir dabei mitzubekommen, was passiert oder was junge Menschen bewegt. Wenn man mit ihnen über große Themen diskutiert, merkt man, dass sie sich von so etwas wie Geschichte nicht einschüchtern lassen und sehr aufgeschlossen sind. Es hilft mir dabei, mit meiner Kunst mutiger zu sein und mich mit Themen auseinanderzusetzen, denen man sich wirklich zuwenden muss. Außerdem erdet es mich und bewahrt mich davor, eine dieser abgehobenen Künstlerinnen zu werden.

Bei Ihrem aktuellen Projekt, für das Sie mit dem „Deutsche Bank Award“ ausgezeichnet wurden, arbeiten Sie mit einem Jungen namens Johnny zusammen.

Johnny ist ein autistischer Teenager, den ich in einem Jugendzentrum betreut habe. Es hat mich schon immer interessiert, wie diese Kinder den Übergang vom heranwachsenden zum erwachsenen Autisten erleben. In jungen Jahren wird ihnen geholfen, aber wenn sie dann älter sind, werden sie einfach in eine Wohnung gesteckt. Diese Zeit zwischen 17 und 19 muss man sich wirklich genauer anschauen. Ganz besonders jetzt, da unsere Regierung vorhat, sämtliche Unterstützung zur Integration von Menschen mit Behinderungen in die Arbeitswelt abzuschaffen. Gerade jetzt gibt es eine Riesenangst vor Betrügereien mit Sozialleistungen und die Regierung nutzt das zur Stimmungsmache aus. Johnny und ich haben zusammen an der Planung der Filmarbeiten für das Video gearbeitet. Er hat einen sehr genauen Plan von den verschiedenen Aspekten seines Lebens gemacht, während ich an einer Reihe von Monologen saß. Für das Projekt ist es wichtig, dass Johnny eine aktive Rolle spielt. Das fängt damit an, dass er die Kamera mit aussucht und hört damit auf, dass er sich mit mir zusammen um das Budget kümmert, was uns oft Sorgen bereitet. Mit Geld kann er natürlich viel besser umgehen als ich. In dem Video geht es darum, wie Johnny sich und seinen Autismus in unserer Gesellschaft sieht.




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