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MACHT KUNST - Die Preisträger: Sonja Rentschs Imaginationsraum für die Deutsche Bank KunstHalle

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MACHT KUNST – Die Preisträger
Sonja Rentschs Imaginationsraum für die
Deutsche Bank KunstHalle


MACHT KUNST mobilisierte die Berliner Szene: Im April dieses Jahres lud die Deutsche Bank KunstHalle Künstler ein, ihre Werke in einer 24-Stunden Ausstellung zu präsentieren. Über 2.000 Arbeiten wurden eingereicht. Die sechs Jurypreise waren mit einer 2-wöchigen Einzelausstellung im Studio der KunstHalle dotiert. Das Projekt von Sonja Rentsch bildet nun den Auftakt der Ausstellungsreihe der MACHT KUNST-Preisträger.


In Sonja Rentschs Atelier sieht man keine Farbtuben oder Stifte, keinen Computer. Die Wände sind weiß und nackt, vor dem Fenster nur ein leerer Küchentisch. Das Studio scheint eher ein Denkraum zu sein als ein Ort der Produktion. Und doch sind gerade die Liebe zu Handwerk, Materialien und Objekten essentielle Bestandteile von Rentschs künstlerischen Interventionen. Immer wirken sie betont einfach. Trotzdem verbinden sie auf eindringliche Weise Anspielungen auf die Kunstgeschichte mit ganz alltäglichen Erfahrungen.   

So könnten auch die selbstgebackenen Brötchen, die sie anbietet, Teil einer Installation sein. Zusammen mit Wasserflaschen und Gläsern standen sie auf einem Beistelltisch in einer Ausstellung in der Berliner Karl Hofer Gesellschaft. Die Besucher konnten sich an Wasser und Brot, so der lapidare Titel des Werks, bedienen. Seit Beuys und Tiravanija können auch Kochen und Essen Kunst sein. Doch Rentschs Arrangement besitzt auch eine skulpturale Qualität. Alles ist einfach und klar: Die Flaschen haben kein Label, die Gläser stehen in Reih und Glied, die Brötchen sind auf einem weißen Tuch in einem geflochtenem Holzkörbchen drapiert. Wasser und Brot, das sind Symbole für die Grundbedürfnisse des Menschen und zugleich ein Gegenbild zu Verschwendung und Überfluss. Sie stehen für Kontemplation, Askese, den Genuss der einfachen Dinge. Parallel lenkt Rentsch die Aufmerksamkeit auf häufig übersehene Formen wie die transparente Biegung einer Glasflasche oder der Faltenwurf eines Tuches.   

Das Studio der 1981 geborenen Künstlerin befindet sich im Dachboden eines Altbaus ganz in der der Nähe des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof. Die Möblierung sieht nach Flohmarkt aus: der schlichte Küchenstuhl, der Sessel mit dem Metallfuß aus einem schicken Siebziger-Jahre-Apartment. Zu diesem Ambiente passt auch Rentschs 2011 entstandene Serie von Objekten – alte Schränkchen, die sie in Kunstwerke verwandelt hat. Objekt Nr. 8 ist ein Exemplar aus schwarzem und türkisem Plastik, wie man es in den Wirtschaftswunderjahren gern in deutschen Badezimmern anbrachte. Rentsch hat das Fundstück zunächst sorgsam gereinigt. Ein Prozess, bei dem es auch um Wertschätzung geht. „Ich habe sehr viel Respekt vor den Dingen. Bei mir bekommen sie sozusagen eine Dusche, werden so aus ihrem Schlaf erweckt und ins Heute gerückt“, erklärt die Absolventin der Hochschule für Künste Bremen, wo sie Meisterschülerin von Yuji Takeoka war. „Ihrer Funktion enthoben sind es keine Gebrauchsgegenstände mehr, sondern sie dürfen einfach nur Dinge sein.“ In ihrer Dinghaftigkeit entwickeln Rentschs Objekte Beziehungen zu den Avantgarden des späten 20. Jahrhunderts: Türen werden zu Farbfeldern, abgebeizte, von allem Überflüssigen befreite Schränkchen erhalten eine minimalistische Qualität. In einer Galerie installiert wirken sie wie Relikte einer vergangenen Ära, sind gleichzeitig aber auch Geheimnisträger: „Indem sie verschlossen sind, haben die Schränkchen etwas, was sie für sich behalten dürfen, was man nicht gleich begucken oder betasten kann. Da könnte ein alter Kamm drin liegen, aber auch ein Buch. Ich stell mir das Innere aber am liebsten als leeren Raum vor, der einfach so ist wie er ist.“

Indem Rentsch die Dinge reinigt, gibt ihnen die Künstlerin ihre Würde zurück. Auch am Anfang vieler religiöser und magischer Praktiken steht die innerliche oder äußerliche Reinigung, die durch ein Ritual vollzogen wird und den Geist öffnet. Auch wenn Sonja Rentsch eine ortsspezische Arbeit entwickelt steht dieses Ritual am Anfang: „Zunächst reinige ich den Raum und räume alles weg, was mich stört. Dabei lerne ich den Ort kennen und merke, was die Qualität des jeweiligen Raums ausmacht.“ So transformierte sie die Kühlkammer einer ehemaligen Fleischerei in einen strahlenden White Cube: die gekachelten Wände wurden weiß lackiert, die Fleischerhaken an der Decke poliert und der Boden mit einer Schicht Meersalz bedeckt. Wer die Kammer betreten wollte, mussten sich im davor gelegenen Verkaufsraum zunächst die Füße waschen. Damit die Besucher ungestört waren, hatte Rentsch extra eine Tür in den vorher offenen Durchgang eingebaut. Die Kühlkammer wurde so zum hermetischen Ort, an dem man über existenzielle Themen wie Leben und Tod nachzudenken konnte – oder über die Massen von blutrotem Fleisch, die diesen Raum im Laufe der Jahre gefüllt haben.

Die Nichtfarbe Weiß, die für Reinheit, Leere oder Unschuld stehen kann, spielt in Rentschs Werk eine zentrale Rolle: In einer Brache im  Zentrum von Marseille entdeckte sie eine Mauernische, in der früher vielleicht einmal eine Madonnenstatue stand. Rentsch verputzte das bröckelnde Gemäuer mit weißem Gips. Obwohl in der Gegend viele Sprayer unterwegs waren, wurde diese Intervention respektiert. Monate lang leuchtete die „re-sakralisierte“ Nische in ihrem neuen Glanz. In der Bremer Kulturkirche St. Stephani transformierte sie eine hinter der Orgel verborgene Kammer.Dort installierte sie in einem Holzkasten drei indirekt beleuchtete, mit weißer Seide bezogene Tafeln – minimalistische Versionen eines klassischen Altartriptychons. Rentschs Raumarbeiten fungieren als Leerstellen, die den Betrachter dazu auffordern, sie mit eigenen Bildern und Gedanken zu füllen. Auch ihr ortsspezifisches Projekt für die Deutsche Bank KunstHalle ist ein solches Angebot. Im Studio des Ausstellungshauses wird Rentsch einen Raum im Raum im Raum – so der Titel der Ausstellung – installieren: einen großen Würfel, dessen Wände mit weißer Seide bespannt sind. In der Mitte des indirekt beleuchteten Kubus befindet sich ein zweiter Würfel – eine verkleinerte Version des Raums, den man gerade betreten hat. Subtil spielt diese Arbeit mit Größenverhältnissen und der Wahrnehmung. Zugleich schafft Rentsch aber auch einen neutralen, fast sakral anmutenden Imaginationsraum.

Dass ihre zunächst so schlicht erscheinenden Arbeiten eine starke Präsenz besitzen, zeigte auch Rentschs Beitrag zu MACHT KUNST. Zwischen Unmengen von Gemälden und Fotografien hing an einem Keramikhaken ein Geschirrtuch – natürlich in schlichtem Weiß. Statt Initialen hatte Rentsch o.T. – ohne Titel – in das Leintuch sticken lassen. In ihrer Verbindung aus formaler Einfachheit und konzeptuellem Ansatz überzeugte die Arbeit auch die Jury: Als eine von drei Künstlern der ersten MACHT KUNST-Ausstellung wurde Sonja Rentsch ausgezeichnet.

So wie ihr Geschirrtuch zwischen Gebrauchsgegenstand und Kunstobjekt changiert, schafft Rentsch mit ihren Interventionen und Raumarbeiten Situationen, die gleichzeitig an Kunstströmungen der 1960er Jahre anknüpfen, aber auch religiöse Motive andeuten. Es geht ihr um die Schönheit von Materialien – und deren symbolischen Bedeutungen, die aber nur unterschwellig mitschwingen. Wie die weißen Flecken auf einer Landkarte geben ihre Arbeiten Raum für die Imagination des Betrachters. Alles was er braucht, ist die Bereitschaft, die Reise ins Unbekannte auch anzutreten.

Sonja Rentsch – Raum im Raum im Raum
Deutsche Bank KunstHalle
13.12.2013 – 1.1.2014




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