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MACHT KUNST – Die Preisträger
Sehnsucht: Die Fotoarbeiten von Nicolas Balcazar


Ob er in den Straßen seiner Heimatstadt Berlin, in Kuala Lumpur oder einem Braunkohle-Revier in der Niederlausitz fotografiert – mit Hilfe von Doppelbelichtungen und Spiegelungen verleiht Nicolas Balcazar seinen Bildern poetische Dimensionen. Das überzeugte auch die Jury von MACHT KUNST. Jetzt stellt der junge Fotograf im Studio der Deutsche Bank KunstHalle seine jüngsten Arbeiten vor.


„Wenn ich die Geschichte in Worten erzählen könnte, bräuchte ich keine Kamera herumzuschleppen.“ Dieses Statement von Lewis W. Hine findet sich auf der letzten Seite eines kleinen Katalogs, der die wichtigsten Bilder Nicolas Balcazars aus den vergangenen zwei Jahren zeigt. Hine dokumentierte Anfang des 20. Jahrhunderts die Kinderarbeit in amerikanischen Fabriken. Der junge Berliner verehrt diesen Pionier der sozialkritischen Fotografie. Und trotzdem betrachtet Balcazar die Kamera nicht als Werkzeug, um Missstände aufzudecken – selbst wenn seine in der Deutsche Bank KunstHalle präsentierten Fotografien veranschaulichen, wie der Braunkohle-Tagebau ganze Landschaften zerstört. Doch wie Hines glaubt auch Balcazar, dass er das, was ihn beschäftigt, besser mit Bildern ausdrücken kann als mit Worten. Ihm geht es allerdings weniger um Geschichten sondern vielmehr um Stimmungen und Gefühle.

Sehnsucht – so lautet dann auch der Titel von Balcazars Katalog. „Man spürt etwas tief in sich drin, kann dieses Gefühl aber nicht ausdrücken oder erneut erleben. Sehnsucht ist nicht greifbar und genau das spiegeln meine Bilder wieder“, erklärt der Sohn eines Peruaners und einer Deutschen. Diese Sehnsucht bezieht sich auch auf seinen verstorbenen Vater, dem er den Katalog gewidmet hat. Oder auf Orte, an denen Balcazar gelebt oder die er bereist hat. „Weil ich so oft unterwegs bin, weiß ich manchmal gar nicht, wo ich gerade am liebsten wäre. Sehnsucht – das ist für mich das perfekte Wort für diese Momente, in denen ich woanders sein möchte oder mich nach einem Menschen oder Ort zurücksehne.“

Seine Fotos entstanden überall auf der Welt – in Lima, der Stadt, in der er aufwuchs und in Berlin, wo er geboren wurde und in die er 2004 zurückkehrte. Hier studierte er Bioinformatik und arbeitete nach seinem Master u.a. am Robert Koch Institut an der Entschlüsselung von Genen. Er fotografierte auch in Shanghai, wo er ein knapp einjähriges Praktikum absolvierte. Außerdem in zahlreichen europäischen und asiatischen Städten, die er während seiner Reisen kennengelernt hat: Priština, Lyon, Lissabon, Kuala Lumpur. Zu reisen, das sei für ihn so selbstverständlich wie U-Bahnfahren, erklärt Balcazar. Und wenn man den jugendlichen Elan des 28-Jährigen erlebt, wird klar, dass so eine Aussage bei ihm nichts mit Attitüde zu tun hat. Was ihm unterwegs begegnet zeigt er in seinen Bildern nicht als etwas Fremdes oder Exotisches. Stattdessen dokumentiert er vor allem beiläufige Eindrücke von Landschaften, Straßen, Architekturen.

Als Fotograf ist Balcazar Autodidakt. Mit zwanzig kehrte er von Peru nach Deutschland zurück und legte sich aus diesem Anlass eine kleine Digitalkamera zu. „Es ging mir ganz einfach darum, das, was mir passierte, festzuhalten – auch um es mit meiner Familie in Peru teilen zu können.“ Daraus entwickelte sich eine echte Leidenschaft. Neben seinem Studium begann er, zu fotografieren. Klassisches learning by doing. Um die Geschichte des Mediums kümmerte er sich zunächst nur wenig: „Ich wollte mich nicht mit anderen Fotografen auseinander setzen, weil ich Angst hatte, davon zu sehr beeinflusst zu werden, bevor ich meinen eigenen Stil entwickelt habe.“ 2012 besuchte er dann doch eine Fotoschule. Er hatte das Gefühl, an seine Grenzen zu stoßen und wollte ein professionelles Feedback zu seinen Bilder.

Auf eines seiner bevorzugten Stilmittel kam er per Zufall. „Im Menü meiner Kamera habe ich den Punkt „Doppelbelichtung“ entdeckt, das ausprobiert und gedacht: Das ist ja ein spannender Effekt.“ Die Arbeit mit diesem Effekt hat er inzwischen perfektioniert. Ob Balcazar eine riesige Hand über einer Straße schweben lässt oder das Porträt einer jungen Frau mit der Aufnahme eines Waldes verschmilzt – die Doppelbelichtungen verleihen seinen Bildern eine irreale, leicht melancholische Stimmung.

Auch die Arbeit, für die er bei MACHT KUNST von der Jury ausgezeichnet wurde, ist eine Doppelbelichtung. Sie verbindet seine bevorzugten Themen: Menschen und Architekturen. Mit einem Freund war er in der Hamburger Hafencity unterwegs und fotografierte ihn im Gegenlicht. Vor einem strahlend weißen Himmel erscheint der junge Mann mit der Basecap nur als Silhouette. Dieses Motiv kombiniert Balcazar mit der Aufnahme einer Hausfassade. Obwohl eigentlich ohne diese Intention entstanden, lässt das Bild doch unwillkürlich an das Leben von Jugendlichen in den Betonburgen der Vorstädte denken – daran, wie Architektur das Leben ihrer Bewohner prägt.

Bei den Bildern in seiner Ausstellung 15.000 t im Studio der Deutsche Bank KunstHalle bedient sich Balcazar einer anderen Verfremdungstechnik. An der Stirnwand des Raums hängt ein einziges Großformat: Über einer Abraumgrube lauert ein gigantisches technoides Objekt. Die aggressive Science Fiction-Maschine lässt eine vereinzelte menschliche Figur auf Insektengröße schrumpfen. Hier sieht man auch wirklich eine Fiktion: Balcazar hat die Aufnahme eines Schaufelbaggers gespiegelt. Mit diesem Trick bringt er den Stahlkoloss zum Schweben und gleichzeitig steigert die dadurch entstandene Symmetrie die ästhetische Wirkung der Maschine.

Ihre Ambivalenz macht den Reiz von Balcazars neuen Bildern aus, die im Braunkohle-Tagebau Welzow-Süd in der Niederlausitz entstanden. Er zeigt die Zerstörung der Landschaft, vor allem aber seine Faszination für die Stahlkonstruktionen, die hier im Einsatz sind. Etwa die 15.000 Tonnen schwere – daher der Ausstellungstitel – F60. Diese weltweit größte bewegliche Maschine ist beides zugleich – Wunderwerk und Monstrum. Das signalisieren auch die Titel der Bilder: Sahaquiel und Gaghiel sind die Namen von zerstörerischen Engel in Neon Genesis Evangelion, einer japanischen Anime-TV-Serie, die Balcazar in Peru begeistert verfolgte.

Die Auszeichnung und die damit verbundene Ausstellung versteht er als Bestätigung, dass die Fotografie für ihn viel mehr ist als nur das bessere Hobby eines angehenden Wissenschaftlers. Und so erweitert er seine Grenzen auf beiden Gebieten: als Bioinformatiker plant Balcazar seine Promotion und auch als reisender Fotograf hat er das nächste Ziel schon fest vor Augen – einen Küstenstreifen in Bangladesch, wo abgewrackte Ozeanriesen per Handarbeit in ihre Einzelteile zerlegt werden.
Achim Drucks

Nicolas Balcazar – 15.000 t
10.1. – 26.1. 2014
Studio der Deutsche Bank KunstHalle, Berlin




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