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Vom Verschwinden und Erleuchten
Michael Stevenson im Frankfurter Portikus


Mit seinem von der Deutsche Bank Stiftung geförderten  Ausstellungsprojekt verwandelt Michael Stevenson den Frankfurter Portikus in eine  gigantische Camera Obscura. Zugleich ist „A Life of Crudity, Vulgarity, and Blindness“ auch eine Meditation über das Fliegen, das menschliche Dasein und die Liebe zu Inseln. Sarah Elsing hat den neuseeländischen Künstler vor Ort getroffen.


Die Türen schlagen zu und es ist dunkel. Hinten, dort wo sonst der Notausgang des Portikus ist, schwebt ein Bild. Ein altmodisches Flugzeug mit Propeller und lustigem Dach. Irgendwie kommt einem das Objekt bekannt vor. Ja, genau: Das Flugzeug  hängt doch im Dachstuhl der Ausstellungshalle. Durch das gläserne Dach konnte man es schon von der Brücke über den Main aus sehen. Aber wie kommt das Flugzeug als flirrendes Erinnerungsstück jetzt in diesen Raum? Eine Fata Morgana? Nicht ganz.

Der neuseeländische Künstler Michael Stevenson hat den Frankfurter Portikus in eine begehbare Camera Obscura verwandelt. „Die Konstruktion dieser Kamera ist ziemlich einfach und analog. Man braucht einen hellen und einen dunklen Raum, eine Linse und ein paar Spiegel. Und schon kann man ein Objekt von einem Platz an den anderen schicken“, erklärt er. Und so schwebt in Stevensons aktueller Ausstellung A Life of Crudity, Vulgarity, and Blindness, die die Deutsche Bank Stiftung fördert, ein immaterielles Flugzeug durch die Ebenen des Portikus. Vom lichtdurchfluteten Dachgeschoss über einen externen Schacht und diverse Spiegel in die zentrale Ausstellungshalle. Die Besucher bewegen sich in einer Art Live-Fotografie, einem „schwebenden Bild“, aus dem sie heraustreten können, um vom Garten die äußere Konstruktion der riesigen Lichtmaschine zu begutachten. Nach Sonnenuntergang, wenn die Camera außer Betrieb und das Haus geschlossen ist, erinnert das Flugzeug in dem hell erleuchteten Dachfenster an die „Magie“ der analogen Fotografie und die unendlichen Eigenschaften des Lichts. Eine Erleuchtung auf der Maininsel.

Michael Stevenson ist fasziniert von Inseln. Nicht nur weil der 48-jährige selbst auf einer Insel  – in Inglewood in Neuseeland – geboren wurde. Viele seiner Arbeiten konstruieren Bilder, die sich allegorisch verschlüsselt auf Inselstaaten beziehen: Improvisierte Flöße oder absurde Erfindungen, die nur in ihrer Isoliertheit vom Rest der Welt genial erscheinen. Und so kam die Einladung im Portikus auszustellen, dieser einsamen Kunsthalle auf der Insel mitten in der Stadt, genau richtig. „Der Portikus ist ein sehr besonderes Gebäude, seiner Geschichte und seiner Lage wegen. Deshalb wollte ich unbedingt das ganze Gebäude in meine Arbeit einbeziehen. Die Kunsthalle selbst ist jetzt das Objekt“, sagt Stevenson.

Dabei ist es gerade das Verwinden der Objekte, das Stevenson im umgebauten Portikus zeigt. Das echte Flugzeug bekommt der Besucher nicht zu sehen. Nur seine Projektion. Und so lautet das Motto der Schau: „Die Objekte sind verschwunden. Nur ihre Abbilder und Erinnerungen an sie bleiben.“ Es ist ein Zitat des panamaischen Mathematikers und Philosophen José de Jesús Martínez. Chuchú, wie der 1991 verstorbene Martínez genannt wurde, war ein Mann mit vielen Talenten: Er fungierte auch als persönlicher Leibwächter und Berater des panamaischen Staatschefs Omar Torrijos Herrera (1968 - 1981). Und Chuchú war zudem begeisterter Pilot, der 1979 eine Theorie des Fliegens entwickelte. Das Traktat ist mehr Poesie als Wissenschaft. Und doch beschreibt es sehr präzise, wie sich die Verhältnisse in der Luft ändern, wie alles plötzlich still und klar wird. Im Gegensatz dazu steht das Dasein auf der Erde, das A Life of Crudity, Vulgarity, and Blindness ist, wie es der Titel der Ausstellung formuliert. Tatsächlich  fühlt sich der Besucher in der dunklen Halle wie ein Blinder, der Rohheit und Vulgarität des Lebens hilflos ausgesetzt. Nur das zittrige Bild vom Flugzeug erinnert an das lichte Leben, das sich in höheren Sphären abspielt.

Noch eine Verbindung gibt es: Das Flugzeug unter dem Portikus-Dach ist ein Nachbau aus Martínez Flotte. Der begeisterte Hobbypilot benannte seine Propellermaschinen nach Aleph-Zahlen, einer mathematische Zahlenfolge, die die Unendlichkeit beschreibt. „Und auch Licht ist unendlich“, sagt Stevenson. „Aber die Geschichte mit Martínez läuft parallel zur Installation. Beide Elemente durchdringen sich. Aber man versteht die Installation auch ohne die Erzählung.“ Insofern ist die Installation im Portikus typisch für Stevenson. Grundlage sind immer Geschichten, an denen er überraschende Korrekturen vornimmt und daraus allegorische Bilder oder Objekte formt. Dabei sind seine Arbeiten in ihrer Unmittelbarkeit jeden Betrachter zugänglich und zugleich so vielschichtig, dass sie auch für Experten den Reiz nicht verlieren.  

Auf der Biennale in Venedig 2003 etwa präsentierte Stevenson im neuseeländische Pavillon zwei Erfindungen, auf die seine Landsleute besonders stolz sind: Den Moniac und den Trekka. Das erste ist ein wasserbetriebener Computer, der das nationale Wirtschaftssystem simuliert, das zweite eine Art Land Rover, der angeblich eigens für die besonderen Gegebenheiten Neuseelands entwickelt wurde. Stevenson aber schaut genauer hin und offenbart den Moniac als lächerliche Konstruktion, durch dessen Rohre, Rinnen, Trichter und Plastiktanks das Wasser wie ein Geldfluss fließt. Und bei dem grandiosen Trekka, Symbol für den urwüchsigen Erfindungsgeist der Neuseeländer, handelt es sich um ein klappriges Gefährt, dessen Herzstück ein tschechischer Traktormotor ist. Das ist einerseits wunderbar grotesk und zum Lachen, andererseits karikiert Stevensons damit die Idee der Biennale als einer internationalen „Leistungsschau“, auf der jedes Land seine Kunst und sich selbst von seiner besten Seite präsentiert.

Ein weiteres Beispiel für die doppelte Tiefe von Stevensons Arbeiten ist die Installation Rakit, die als Ganzes zuletzt in der Herbert Read Gallery in Canterbury zu sehen war. Es handelt sich um ein notdürftig zusammen gefrickeltes Floß aus leeren Plastiktanks, Holzplanken und einem weißem Betttuchsegel. Stevenson erinnert damit an die Geschichte des australischen Künstlers Ian Fairweather, der 1952 auf einem selbst gebauten Floß in See sticht, um Malaysia zu erreichen. Nach 16 Tagen landet er auf einer kleinen Insel und wird von einem Passagierschiff nach England gebracht. Dort wird er gezwungen, Gräben auszuheben, um das Geld für die ungewollte Passage abzuarbeiten. Rund um das Floß verteilt Stevenson Fundstücke, die Europäer und Amerikaner klassischerweise mit Südseereisen verbinden: ein Stapel mit National Geographic-Heften, vergilbte Landkartenreste, ein gestrandeter Globus und ein Kopie von Marcel Mauss’ anthropologischer Studie Das Geschenk über das soziale Miteinander verschiedener Südseevölker.

So verwandelt Rakit die in Australien sehr bekannte Geschichte des Künstlers, der sich an das lächerlichste Objekt klammert, um zu neuen Ufern zu gelangen, am Ende aber für etwas zahlen muss, das er gar nicht wollte, in ein Bild über die merkwürdigen Formen des weltweiten Austausches von Gütern und Geld. Und über sich selbst als Künstler und seine Verstrickung in die Mechanismen der globalen Wirtschaft. Der schöne Twist am Ende dieser Geschichte ist, dass Stevensons Installation an vier deutsche Sammler verkauft wurde, die deren Elemente unter sich aufgeteilt haben. Das Zitat des Philosophen und Hobbyfliegers Martínez passt also auch hier: Als Objekt ist Rakit verschwunden. Es bleibt nur die Erinnerung und natürlich ein Foto.


Michael Stevenson: A Life of Crudity, Vulgarity, and Blindness
bis 2. Dezember 2012
Portikus, Frankfurt am Main




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