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Visuelle Enzyklopädie der Volksrepublik
Liu Zhengs monumentaler Bildatlas The Chinese


Acht Jahre arbeitet Liu Zheng an "The Chinese". Immer wieder reist er durch die Volksrepublik und fotografiert Menschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten und Regionen. Dabei ensteht das Portät eines Landes in Zeiten massiver kultureller und sozialer Umbrüche. Zheng ist mit einer Auswahl von Arbeiten aus dieser Aufsehen erregenden Serie in der Sammlung Deutsche Bank vertreten. Rajesh Punj stellt sein Mammutprojekt vor.


Eine ganz persönliche Biographie, zusammengesetzt aus Fotografien, die einen Querschnitt der gesamten Bevölkerung des Landes ergeben – so kann man Liu Zhengs 1994 begonnenes Projekt The Chinese beschreiben. Mit einer Mischung aus inszenierten Bildern und Schnappschüssen hat der Fotograf ein Archiv des modernen Chinas angelegt, das an die aufwändigen Dokumentationen von westlichen Ethnologen aus der Frühzeit der Fotografie erinnert. Die 120-teilige Serie, die 2004 auch als Buch publiziert wurde, beschreibt zugleich die sich rapide verändernden Lebensumstände in der Volksrepublik. Immer wieder hat Zheng systematisch Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen dieses riesigen und widersprüchlichen Landes fotografiert. Vor dem Hintergrund der radikalen ökonomischen und gesellschaftlichen Umbrüche, scheint es, als ginge es Zheng um einen “Protest gegen das Vergessen”, wie es Eric Hobsbawm formulieren würde. Der von dem britischen Historiker geprägte Begriff beschreibt die Notwendigkeit sich wieder und wieder an Menschen und Ereignisse zu erinnern, um sie im kollektiven Gedächtnis zu verankern. Zhengs Fotoserie macht genau das – sie verschafft den Menschen auf seinen Bildern, die häufig am Rande der Gesellschaft stehen, einen Platz in der Geschichte.

Zhengs Recherche für The Chinese hat  geradezu enzyklopädischen Charakter: Wohlhabende Landbesitzer, Transsexuelle, Schauspieler, ein weggeworfener Fötus, Mienenarbeiter: Sie alle werden von ihm mit derselben Belichtung fotografiert und so einander gleichgestellt – jeder Mensch hat Anrecht auf Aufmerksamkeit. Für die Sammlung Deutsche Bank wurden vor kurzem sechs Arbeiten aus der Serie angekauft, darunter auch Qigong, Beijing (1996). Das Bild ist eher Inszenierung als Dokumentation. Ein älterer Mann in traditioneller Mao-Uniform, die eigentlich nur noch von seiner Generation getragen wird, steht mit erhobenen Armen und geschlossenen Augen vor einem dunklen Hintergrund. Auf den ersten Blick wirkt es, als sei er wütend oder verzweifelt. Doch dann wird deutlich, dass er gerade eine Tai Chi Übung macht. In seiner Meditationshaltung erscheint er als Sinnbild innerer Stärke.

In Buddha in Cage, Wutai Mountain, Shanxi Province (1998) hat Zheng hat einen poetischen Augenblick  festgehalten, nichts an diesem Bild ist gestellt: Ein Vorhang aus Nebel zieht sich über eine Schlucht. An ihrem Rand sitzt ein marmorner Buddha. Nur ein Gerüst aus Bambusholz scheint zu verhindern, dass die Skulptur in den Abgrund stürzt. Beim Transport in ein anderes Dorf wurde der Buddha hier wie zufällig abgestellt. Seine Anhänger sind verschwunden, in ihrer völligen Isolation wirkt die Figur in dem Bambuskäfig wie ein majestätisches Relikt längst vergangener Zeiten. Einen ganz anderen, flüchtigen Moment hat Zheng mit A Flower Boy at the Roadside, Daqing Mountain, Inner-Mongolia (1998) festgehalten: Vor der weiten, unberührten Landschaft der Mongolei fotografierte er einen Blumenverkäufer. Seine neue Rolle als “Motiv” vor einer Kamera ist für den jungen Nomaden noch ungewohnt, verunsichert klammert er sich an seinen Blumenstrauß.  
Two Old Clowns, Dita, Beijing (2000) vermittelt etwas von der Lebendigkeit der frühen Chinesischen Oper. Zwei alternde Clowns liegen sich in den Armen. Mit ihren androgyn-maskenhaft geschminkten Gesichtern und den traditionellen Theaterkostümen wirken sie – ähnlich dem steinernen Buddha – wie aus der Zeit gefallen. Das etwas mitgenommene Duo lässt an längst vergangene Zeiten der chinesischen Geschichte denken: die Ära der Kaiser-Dynastien, das “Zeitalter der tausend Vergnügungen”. Zugleich weisen ihr Taumeln, ihr verzweifelt wirkendes Lächeln darauf hin; dass es solche Vergnügungen bald nicht mehr geben wird, dass sich die Zeit gewendet hat: Die Traditionen fallen dem Verlangen nach Modernität und ökonomischen Aufschwung zum Opfer, das heutige China gehört den Industriellen.

Den größten Teil der 1990er Jahre arbeite Zheng engagiert als Fotojournalist für die auflagenstarke Tageszeitung Chinese Workers’ Daily. Teile seiner Serie entstanden noch während dieser Zeit. Es scheint, als habe er damals eine persönliche Revolution durchlebt, die sein Bild der Realität grundlegend änderte. Durch seine Arbeit kam er mit den unterschiedlichsten Teilen der chinesischen Gesellschaft in Berührung. Darunter waren oft Menschen, die sich zwar für Zhengs Kamera öffnen und sich zeigen konnten, doch im Alltag  für die Außenwelt nahezu unsichtbar waren. Mit seinen Aufnahmen appellierte Zheng an den Zusammenhalt der Gesellschaft und zeigte dabei offen ihre Bruchstellen. Dieser von ihm selbst als unpolitisch verstandene Akt stellte Zhengs Serie allerdings bewusst in Opposition zu der offiziellen, propagandistisch eingefärbten Bildproduktion seines Landes. Die Arbeit an The Chinese führte ihn dann schließlich dazu, bei Chinese Workers’ Daily aufzuhören und sich so auch von politischen Restriktionen zu befreien.

Der 1969 geborene Fotograf begann seine Laufbahn in einer Phase massiver sozialer und kultureller Umbrüche. Chinas Führer Deng Xiaoping hatte die Wirtschaft für ausländische Investoren geöffnet und damit einen gewagten, beispiellosen Systemwechsel angestoßen. Das “freie” Unternehmertum, das unter der permanenten Kontrolle des Ein-Parteien-Staats stand, führte zu einem immensen wirtschaftlichen Aufschwung. Statt Bauern und Arbeitern übernahmen jetzt gut ausgebildete Technokraten die Macht, die Revolution wurde durch wirtschaftliche Evolution abgelöst. Die nachhaltige Art der Bewirtschaftung auf dem Land wurde dem Versprechen von Reichtum in den Städten geopfert. Auf seinen Bildern zeigt Zheng Menschen, die von diesen Umbrüchen überrollt wurden. Häufig sind sie verarmt, machtlos, ungebildet – und sie verlieren nicht nur ihre Traditionen, sondern auch ihr Selbstwertgefühl. Zhengs Fotoarbeiten kritisieren ein Land, das sich auf Kosten seiner Bevölkerung modernisiert.

Ob er Männer oder Frauen, Kinder oder Alte fotografiert – zu Zhengs formalem Ansatz gehört es, dass er für jeden Porträtierten das gleiche quadratische Bildformat verwendet. Nicht nur das, auch seine Vorliebe für Außenseiter der Gesellschaft verbindet ihn mit der amerikanischen Fotografin Diane Arbus. Wie sie fotografiert er die Menschen in ihrer ganz unmittelbaren Umgebung. In den späten 1960ern porträtierte Arbus Jahrmarktartisten, Nudisten, Mittelklassefamilien und Exzentriker. Beeinflusst von der Kultur der Beat Generation, die bereits in den 1950ern für einen neuen, kritischen Blick auf die amerikanische Gesellschaft gesorgt hatten, hinterfragte sie mit ihren ungeschönten Bildern den amerikanischen Traum. In gewissem Sinne suchte Zheng mit The Chinese nach der Mischung aus Absurdität, Intimität und Schonungslosigkeit die Arbus’ Fotografie auszeichnet.

Ein weiteres Vorbild für Zheng war August Sander, der mit seinem Bildatlas Menschen des 20. Jahrhunderts einen fotografischen Querschnitt der deutschen Gesellschaft zur Zeit der Weimarer Republik realisierte. Sander sah die Menschen in ihrer Arbeitskleidung, ihren Kostümen oder Trachten zugleich als Repräsentanten von unterschiedlichen Klassen und gesellschaftlichen Gruppen, die er in seinem Werk auch kategorisierte. Zu ganz unterschiedlichen Zeiten ging es Arbus und Sander darum, mit der Kamera etwas Grundlegendes über die jeweiligen Lebensverhältnisse zu enthüllen. Beide Fotografen waren wichtige ästhetische und konzeptuelle Referenzen für Liu Zheng. Wenn man The Chinese in einem internationalen Kontext betrachtet, ist Zheng weit mehr als ein “chinesischer” Fotograf per se.

Die Geschichte der chinesischen Dokumentarfotografie wurde durch die lange Herrschaft der Kommunisten jäh unterbrochen. Sha Fei (1912 – 1950) oder Zhuang Xueben (1909-1984)  zählen zu den ersten bedeutenden Fotografen des Landes. Doch erst in den 1990er Jahren, als sich China nicht nur für den Handel, sondern auch den kulturellen Austausch mit dem Westen öffnete, war es möglich, dass sich das Medium radikal erweiterte und Fotografen neue formale Ausdrucksmittel und Inhalte ins Spiel bringen konnten. Liu Zheng gehörte zu einer Gruppe von progressiven Fotografen, die die Beschränkungen des Fotojournalismus hinter sich ließen und eine eigene Publikation ins Leben riefen. Die Gründung des Underground-Magazins New Photo 1996 führte dazu, dass sich Zheng von seiner Rolle als Zeitungsfotograf verabschiedete, um seine eigenen Ideen verwirklichen zu können. Diese Unabhängigkeit bedeutete allerdings auch, dass er teilweise heimlich arbeiten musste, ohne offizielle Anerkennung und festes Gehalt.

Liu Zhengs beeinflusst die zeitgenössische Kunstszene in China vor allem durch sein kompromissloses Streben nach der Wahrheit, sein Misstrauen gegenüber den offiziellen Bildern. Sein Idealismus, der Wille, den Status Quo in Frage zu stellen, verbindet seine Arbeit mit der von Zeitgenossen wie Ai Weiwei, Song Dong, Wang Guangyi oder Xu Bing. Seine Serie ist eine grundlegende Auseinandersetzung mit der chinesischen Gesellschaft, unzensiert und ohne propagandistischen Hintergrund. Dabei zeigt The Chinese auf bislang beispiellose Weise auch die prekären Lebensumstände in der heutigen Volksrepublik. Wenn er über seine fotografische Mission spricht, erscheint die Arbeit an dem Projekt für ihn fast so etwas wie eine Erleuchtung gewesen zu sein: “Während des Fotografierens begann ich viele abstrakte Begriffe zu verstehen – Wahrheit und Lüge, Leere und Realität und allmählich lösten sich für mich die Trennlinien zwischen diesen Begriffen auf. The Chinese begann für mich als Versuch, die Realität festzuhalten, aber das Ergebnis des Projektes war eine einzigartige Vision.”




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