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Freie Radikale
Elad Lassrys hermetische Fotoarbeiten


Kühl, rätselhaft, verführerisch: Elad Lassrys Bilder scheinen zu perfekt, um wahr zu sein. Ob er nun den Hollywood-Schauspieler Anthony Perkins oder Zierkürbisse und Porzellantiere „porträtiert“ - dem in Los Angeles lebenden Israeli geht es um das Sehen an sich, um unsere Wahrnehmung und Interpretation von Bildern. Achim Drucks über einen der interessantesten Protagonisten einer erneuerten konzeptuellen Fotokunst, der auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist.


Der Mann, der Norman Bates war: Die Hauptrolle in Alfred Hitchcocks Psycho ließ Anthony Perkins zum Inbegriff des Psychopathen werden. Nur selten in der Geschichte des Kinos verschmolzen Schauspieler und Rolle so stark wie hier. Elad Lassrys gerahmter C-Print Portrait, Baby Blue (2008) basiert auf einem typischen Publicity-Foto von Perkins, das um 1960 entstanden sein dürfte – dem Jahr, als Psycho in die Kinos kam.  Doch findet sich hier keine Spur von Norman Bates oder den anderen labilen Anti-Helden, die Perkins zuvor verkörpert hat. Stattdessen präsentiert das Foto den Schauspieler, der in dieser Phase seines Lebens ausschließlich Affären mit Männern hatte, in einer ganz anderen Rolle – als idealen Schwiegersohn. Den freundlich blauen Hintergrund des Bildes übernimmt Lassry dann auch für den Rahmen, mit dem er die digital überarbeitete Aufnahme umfasst. Damit fügt er Portrait, Baby Blue eine skulpturale Ebene hinzu und betont so den Objektcharakter seiner Arbeit.

Was aber sehen wir eigentlich, wenn wir Lassrys Bild betrachten? Ein Porträt, wie es der Titel suggeriert? Von einer genretypischen „psychologischen Durchdringung“ des Subjekts Anthony Perkins kann hier allerdings keine Rede sein. Zudem verrät der Titel noch nicht einmal, wen wir vor uns haben. Betrachter, die Perkins nicht kennen, sehen vielleicht einen Sunny Boy im Retro-Styling. Filmfans sehen wahrscheinlich doppelt: den Schauspieler und Norman Bates – vielleicht als unsicher lächelnden Mann, vielleicht aber auch als seine messerschwingende Mutter. Eindeutig ist Portrait, Baby Blue, wie alle Arbeiten Lassrys, nur auf den ersten Blick.

Ein Schauspieler wie Perkins ist ein perfektes Motiv für den 1977 geborenen Künstler. Nicht nur, weil hinter dem stereotypen Sunny Boy der Psychopath lauert, sondern auch wegen seiner ambivalenten, in den frühen 1960ern „verbotenen“ Sexualität, die ihn sowohl für Frauen als auch für Männer begehrenswert erscheinen lässt. So spricht Lassry gerne von der Nervosität, die seine Bilder auszeichnet: „Ein nervöses Bild ist ein Bild, das deine Fähigkeiten und Gewohnheiten in Frage stellt, das die bequeme Haltung, mit der du visuelle Informationen oder die Welt wahrnimmst, erschüttert.“ Dabei arbeitet der Künstler mit Material aus Magazinen wie Life oder Playboy, aber auch eigenen Aufnahmen oder Fotografien, die in seinem Auftrag etwa von professionellen Tierfotografen realisiert werden.

Obwohl Lassrys Motive vom Seelöwen über Rotkohl bis zum Rückenakt reichen, sind seine Bild-Objekte unverwechselbar – dank der intensiv leuchtenden Farben, die sich auch auf ihren Rahmen wiederfinden, und dem einheitlichen Format von 35 x 28 cm. Konzeptuelle Strenge trifft hier auf bonbonfarbenen Kitsch, Verführungskraft auf Hässlichkeit. Wie die Arbeiten von Jeff Koons oder Anselm Reyle sind Lassrys Artefakte anziehend und in ihrer Glätte zugleich fast abstoßend. In einer Welt, in der auch sogenannte „konzeptuelle“ Kunst längst zum Luxusgut geworden ist, inszeniert sie Lassry auch so. Seine Karriere verlief dabei mit verblüffender Geschwindigkeit: Mit 20 Jahren zieht er von Tel Aviv nach Los Angeles, um Film und Kunst zu studieren. 2007 macht er seinen Abschluss an der University of Southern California. Bereits 2008 hat er seine erste Soloschau im Art Institute in Chicago, auf die 2010 die erste Retrospektive in der Kunsthalle Zürich und 2012 ein Ausstellungs- und Performance-Projekt im New Yorker Kunstraum The Kitchen folgen.

Sein mediales Spektrum hat er beständig erweitert: In den zeichnerischen Arbeiten, wie etwa Decorated Eggs, Candles (Centrepiece) und Frying Pan, Lemon, Eggs (2011) aus der Sammlung Deutsche Bank, führt er seine Auseinandersetzung mit dem Stilllebens fort. Die in Schwarz-Weiß-Tönen gehaltenen Arrangements aus Kunstgewerbe, Geschirr und Speisen erinnern an Abbildungen aus alten Interior-Magazinen, die mit ihren inszenierten Aufnahmen die Vorstellungen der amerikanischen Mittelklasse von gutem Geschmack geprägt haben. Außerdem dreht Lassry Filme, in denen er Ballettinszenierungen in eine Abfolge von abstrakten Bildkompositionen verwandelt, oder produziert zwischen Skulpturen und Möbeln oszillierende, minimalistische Objekte. Inzwischen gilt er als einer der profiliertesten jüngeren Künstler und lebt mit einem Chihuahua, zwei Pudeln und zwei Katzen in den Hollywood Hills.

Die Perfektion des Hollywoodkinos zeichnen auch seine Fotoarbeiten aus. Ob er Zierkürbisse oder „Colorado's Handsome Supermodel“ Trae Austin Pflueger zeigt – die Objekte auf seinen Bildern wirken zugleich hyperreal und absolut künstlich. Seine „Porträts“ zeigen keine Persönlichkeiten, sondern begehrenswerte Oberflächen, Stillleben statt Charakterstudien. Mit ihren einfarbigen Hintergründen und den Sockeln, auf denen er Lippenstifte oder Glasfiguren drapiert, erinnern seine Bilder an professionelle Produktfotografie. „Als ich anfing, musste konzeptuelle Fotografie, die ernst genommen werden wollte, etwas Amateurhaftes haben, sie war überwiegend schwarz-weiß oder fotokopiert, auf keinen Fall gegenständlich. Sie sollte sich gegen die Idee der technischen Meisterschaft wenden“, erklärt Lassry im Gespräch mit Ryan Trecartin, mit dem er in der wegweisenden Schau Younger Than Jesus in New Museum, New York, vertreten war. „Meine Arbeiten wirken so, als entschlüssele man sie auf den ersten Blick. Dadurch geben sie dem Betrachter ein vorläufiges Gefühl der Sicherheit – das ziemlich bald in sich zusammenbricht, je mehr man sich mit den Bildern beschäftigt.“

Genau das macht die Faszination seiner makellosen Fetische aus: Sie zeigen ganz einfache Dinge und lösen trotzdem vor allem Fragen aus. So zeigen etwa Tree und Two Trees (2010) aus der Sammlung Deutsche Bank stilisierte Bäume, die aus unterschiedlich gefärbten Holzteilen zusammengesetzt sind. Handelt es sich hier um politisch korrektes Kinderspielzeug, Kunstgewerbe oder von Lassry in Auftrag gegebene Objekte? Warum ist Tree eine Schwarz-Weiß-, Two Trees dagegen eine Farbfotografie? Und welchen Unterschied macht das für unsere Wahrnehmung des Bildes und der Objekte?

Lassrys Arbeiten sind Rätsel, die sich kaum lösen lassen. Ihre Uneindeutigkeit beginnt dank der auffälligen Rahmen schon auf der formalen Ebene: „Ich betrachte sie nicht als Fotografien sondern als Objekte, als etwas, das zwischen einer Skulptur und einer Abbildung angesiedelt ist.“ Der Rahmen fungiert dabei als eine Art Vitrine, in der Lassry sein jeweiliges Motiv präsentieren kann. In einer Zeit, in der Fotos allgegenwärtig sind, per Smartphone mühelos aufgenommen und gleich weitergeschickt werden können, isoliert er einzelne Bilder und stellt sie so zur Diskussion. Die Arbeit wird „zu einem Fach oder einem Sockel für die mentalen Bilder des Betrachters, für die Vielzahl von Bedeutungen oder die 'Geisterbilder', die in einem Bild stecken.“

Verglichen mit den meisten Werken aktueller Fotokünstler sind Lassrys Arbeiten klein: Mit ihrer handlichen Größe arbeiten sie auch „gegen das Erhabene an und gegen dieses Genre der Fotografie, für das die Düsseldorfer Schule mit Andreas Gursky steht, die Idee, mit Malerei in Konkurrenz zu treten, und den Effekt, dass man von der Fotografie überwältigt wird.“ Mit Künstlern wie Roe Ethridge oder Annette Kelm steht Lassry für eine erneuerte, konzeptuelle Studiofotografie, die mit ihren hermetischen Stillleben durchaus in der Tradition der Moderne steht und die kühle Bildsprache der Neuen Sachlichkeit in die Gegenwart transportiert.

Dabei tritt Lassry auch in die Fußstapfen der sogenannten „Pictures Generation“ um Richard Prince und Cindy Sherman, die in den späten 1970ern damit begannen, Motive aus Magazinen, Filmen und Fernsehen zu appropriieren. Sie kratzten an den Oberflächen der amerikanischen Massenkultur. Indem sie die Macht der Bilder untersuchten, legten sie die Mechanismen von Konsum, Begehren und Repräsentation offen. In ihren Arbeiten stellten die Künstler der „Pictures Generation“, wie etwa auch Jack Goldstein oder Sherrie Levine, nicht nur die Erscheinungsformen der Konsumkultur in Frage, sondern auch den Begriff des "originären" Kunstwerks.
 
Lassry geht es allerdings um ganz grundsätzliche Erfahrungen und Erkenntnisse  – unsere Wahrnehmung und Interpretation von ganz alltäglichen Bildern, die nie eindeutig sind, sondern immer verborgene Bedeutungen und Konnotationen transportieren. Vielleicht zeigt er auch gerade deswegen immer wieder Tiere. Wie die Bilder sind auch sie allgegenwärtig, aber wir verstehen sie nicht wirklich. Häufig hat er seine Arbeiten als „freie Radikale“ bezeichnet. Das sind instabile, besonders reaktionsfreudige Sauerstoffmoleküle. Sie können für „oxidativen Stress“ sorgen – eine Kettenreaktion, in der sich freie Radikale mit bestehenden Molekülen verbinden. Dadurch entstehen dysfunktionale Moleküle und neue freie Radikale. Auch Lassrys nervöse Arbeiten setzen solche Kettenreaktionen in Gang. An ihrem Ende steht vielleicht die Erkenntnis, dass man nicht alles glauben sollte, was man sieht.




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