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Fabian Marti: Trip auf die andere Seite
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Fabian Marti
Trip auf die andere Seite


Er gilt als Shooting Star der Schweizer Kunstszene. Zu Recht: Fabian Martis ästhetische Fotogramme, Keramiken und Installationen entführen den Betrachter in eine Welt jenseits der Wirklichkeit. Im neuen Sitz der Deutschen Bank in Zürich zählen seine Fotoarbeiten zu den Highlights der Kunstpräsentation. Achim Drucks hat Martis Kosmos erkundet.


Die Arme und Beine werden kalt, der Puls ist kaum spürbar. Dazu kommen Verwirrtheit und Wahnvorstellungen. Ganze Landstriche wurden im Mittelalter vom „Antoniusfeuer“ verheert – einer Vergiftung, verursacht durch das Mutterkorn. Der vor allem auf Roggenähren wachsende Pilz enthält eine Vielzahl toxischer Alkaloide. Mutterkorn, so hat Fabian Marti auch die 2011 entstandene, großformatige Fotoarbeit aus der Sammlung Deutsche Bank betitelt. Mit seinen konzentrischen Kreisen in Schwarz-Weiß entfaltet das Bild eine hypnotische Wirkung. Wie eine Spirale zieht es den Blick in die Tiefe.

Marti ist der Rockstar unter den Schweizer Künstlern. Seine langen dunklen Haare und der Vollbart lassen ihn wie einen Wiedergänger des späten Jim Morrison erscheinen. Mit dem charismatischen Sänger der Doors teilt Marti ein intensives Interesse am Schamanismus und an bewusstseinserweiternden Erfahrungen. Break on through to the other side ist der Titel eines der bekanntesten Songs der Doors. Und eben dieser Durchbruch in eine andere Realität ist auch das Thema des 1979 geborenen Künstlers.

Die Pforten zu dieser Sphäre öffnet auch das Mutterkorn. Das entdeckte der Schweizer Chemiker Albert Hofmann, als er 1943 im Auftrag des Pharma-Unternehmens Sandoz nach einem Kreislaufstimulans suchte. Doch die Substanz, die er aus dem Pilz isoliert hatte, stimulierte eine ganz andere Region des Körpers. Sein Lysergsäurediethylamid hatte ungeahnte halluzinogene Wirkungen. In den Sixties wurde LSD dann zu der Party-Droge, mit der eine ganze Generation auf bunte Trips ging. Für Marti sind psychoaktive Substanzen allerdings vor allem ein Mittel zum Erkenntnisgewinn: „Ich glaube daran, dass alles Wissen aus vergangenen Epochen – die gesamte Zeitachse – dem Menschen eingeschrieben ist. Nicht im Sinne von intellektuellem Wissen. Mehr als Instinkt oder Emotion. Die Idee geht auf eine Vision zurück, die ich einmal während eines Pilztrips hatte. Sie fasziniert mich, weil sich damit eine Gleichzeitigkeit eröffnet, die die Möglichkeit einer mentalen Zeitreise in sich birgt.“

Das hört sich sehr nach Esoterik und New Age an. Ein Künstler auf den Spuren von Aldous Huxley oder Carlos Castaneda, die mit ihren Berichten über bewusstseinserweiternde Drogenerfahrungen einst zu Heroen der Gegenkultur avancierten? Ein Blick auf Martis Arbeiten macht jedenfalls eines sofort klar: Seine Fotoarbeiten, Filme und Keramiken sehen extrem gut aus und werden wie verführerische Fetische in aufwendigen Inszenierungen präsentiert. Ihre dekorativen Oberflächen fungieren dabei als Einladung, dem Künstler auf seinem Trip zu folgen. Und der führt nicht nur durch Regionen jenseits von Realität und Rationalität, sondern ebenso durch die gesamte Kunstgeschichte. Das Erstaunliche: Es gelingt ihm dabei, selbst Bildern, die schon längst zu Klischees verkommen sind, ihre ursprüngliche Kraft zurückzugeben. So dreht sich die Spirale – das in seinem Werk am häufigsten wiederkehrende Motiv – nicht nur in Duchamps‘ Film Anémic Cinéma (1926). Man begegnet ihr auch in den Augen der Schlange Kaa in Walt Disneys Dschungelbuch (1967) oder in tausenden von Comics. Gleichzeitig ist die Spirale aber auch ein uraltes mythisches Symbol. An solchen „Urbildern“, die frei im menschlichen Unterbewusstsein flottieren, docken Martis Arbeiten an.

Ins Unterbewusste führen auch die fünf weiß glasierten Boxen, die er 2011 bei seiner Einzelausstellung im Kunstmuseum Winterthur zeigte. Objekte, die an die Minimal Art der Sechziger denken lassen. Doch die Oberflächen mit ihren Fingerabdrücken, Kratzern und Dellen hätten Donald Judd kaum gefallen, stehen sie doch in diametralem Gegensatz zu seinen makellosen, industriell gefertigten Metallkuben. Der Blick in Martis Boxen enthüllt zudem, dass die Tentakel, die sich aus ihnen herauswinden, zu einem Oktopus gehören. Wie Aliens hausen die Kreaturen in den White Cube betitelten Keramikkisten. Der Titel signalisiert, dass das Organische, Unreine, Bedrohliche nicht nur hinter den perfekten Oberflächen der Minimal Art lauert, sondern auch hinter den Wänden – und nicht nur denen modernistisch-neutraler Ausstellungsräume. „Der Wahnsinn wird in unserer Gesellschaft schlichtweg ausgeblendet“, erklärt Marti. „Dennoch brodelt er irgendwo unter der Oberfläche und kann jederzeit ausbrechen.“

Marti nutzt nicht nur die Formensprache der Minimalisten, er verarbeitet das unterschiedlichste visuelle Material: minoische Vasen, altniederländische Gemälde, Cover trashiger Science-Fiction-Romane. Afrikanische Masken, die wegen ihrer „Ursprünglichkeit“ schon Picasso als Inspirationsmaterial dienen mussten, tauchen bei ihm als weiße Kunstharz-Objekte auf. Sie basieren auf aus dem Internet heruntergeladenen 3-D-Modellen, die er dann mit geometrischen Formen kreuzt. Die wiederum sind einem späten Picabia-Gemälde entlehnt. Das Zitat des Zitats des Zitats. Dies kann man als Moderne-Kritik verstehen – oder als Ergebnis einer Trophäenjagd, bei der die Beute zu begehrenswerten Artefakten zusammengesampelt wird. „Martis Arbeit präsentiert sich als Kunst, die sich in selbstbewusster Selbstüberschätzung entlang großer Traditionen entwickelt“, so der Kritiker Daniel Baumann in Martis erstem Katalog. „Dabei gibt sie sich als ‚Behälterkunst‘ aus für alles, was wir erhalten möchten und erwarten, oberflächliche Assoziationen, weit hergebrachte Traditionen, jüngste Neuigkeiten.“

Dass solche Aneignungen auch problematisch sein können, zeigt die Arbeit Spiritual Me (2008), die es gleich in fünf Versionen gibt. Marti hat die Fotografie einer barbusigen Afrikanerin, die wie in Trance mit geschlossenen Augen tanzt, mit schwarzen Klebebändern verfremdet. „Diese Tänzerin, das bin ich. In ihrer Naivität oder Blindheit der Welt gegenüber fühle ich mich ihr verwandt“, erklärt Marti im Interview mit der Galeristin Karolina Dankow. Diese Frau sei für ihn „eine Art Metapher für die künstlerische Identität.“ Dabei ist ihm durchaus „bewusst, dass dies in gewissem Sinne eine anmaßende Behauptung ist.“ Doch es bleibt trotzdem fragwürdig, dass bei Marti „Naivität “ und der „Weg zu einem ‚ursprünglichen‘ kreativen Akt“ auch heute noch durch eine nackte Stammesfrau aus Afrika verkörpert werden müssen.

Bekannt wurde der in Zürich lebende Künstler mit Fotogrammen, für die er auf alte Symbole zurückgriff. Kreuze, Eulen, Totenköpfe, häufig gespiegelt oder sich überlagernd – Bilder, die wirken, als hätte Moholy-Nagy das Cover-Design für das Album einer Gothic-Band übernommen. Sie entstehen mit Hilfe eines Scanners, auf dessen Glaspatte er verschiedene Objekte platziert. So zeigt Hey, now, it’s the sun (Amanita Muscaria) (2008) den Lamellenkranz eines Fliegenpilzes – eine riesige Pupille, die durch ein dunkles Universum zu schweben scheint. Verweise auf Pilze durchziehen Martis gesamtes Werk. Das liegt an ihrer psychoaktiven Wirkung, weswegen sie auch in den Ritualen der Schamanen eine zentrale Rolle spielen. Seit Jahrtausenden bewegen sich diese spirituellen „Psychonauten“ in den Sphären, die auch der Künstler zu erkunden sucht: „Schamanen sind die wahren Meister des Bewusstseins“, so Marti. „Sie haben Zugang zu anderen Realitäten und können uns lehren, unser Weltbild in Frage zu stellen. Weil alles, was wir wahrnehmen, denken und tun auf unserem Bewusstsein basiert und Schamanen uns zeigen, dass dieses Bewusstsein verändert werden kann, kommt man zu dem Schluss, dass unsere Wirklichkeit, Kultur und sogar die Wissenschaft auf einer unsicheren Basis stehen.“

Wie ernst ist es ihm mit solchen Bezügen zu Esoterik, Okkultismus und Bewusstseinserweiterung? Jongliert er mit diesen Bedeutungen genauso wie mit seinem visuellen Material? Die Intensität, mit der Marti diese Themen in seinem Werk immer wieder durchdekliniert, ist jedenfalls von beindruckender Konsequenz. Wenn er sich allerdings auf einem Katalog-Cover als ein auf dem Sofa träumender Bohemien inszeniert, dem gerade das Buch Der Geheimkult des heiligen Pilzes aus der Hand gleitet, deutet dies aber auch ein ironisch gebrochenes Spiel an – zumindest mit dem Bild des Künstlers als von Visionen getriebenem Genie.

Martis Sehnsucht nach Authentizität wird deutlich, wenn er erklärt, dass er mit seinen Keramikskulpturen angefangen habe, „um direkter, um mit den Händen zu arbeiten“. Das habe „etwas sehr Archaisches: etwas aus Erde zu schaffen“. Das stimmt natürlich. Es ist aber zugleich eine Aussage, von der der Künstler ganz genau weiß, dass sie extrem nach Selbsterfahrung und Töpferkurs klingt. Ihm ist klar, dass diese Form von Ausdruck und Authentizität, genauso wie die Spirale, schon längst zum Klischee geworden ist. Marti macht sich trotzdem an die Arbeit – und das Ergebnis gibt ihm Recht.

Und was das schwierige Thema „Esoterik“ anbetrifft: Nicht nur für Marti existiert jenseits von White Cube und Wirklichkeit eine Sphäre, die sich unserem rationalen Bild der Welt entzieht. Schamanen kennen sie seit ewigen Zeiten. Doch selbst dem nobelpreisgekrönten Physiker Werner Heisenberg war klar: „Die existierenden wissenschaftlichen Begriffe passen jeweils nur zu einem sehr begrenzten Teil der Wirklichkeit, und der andere Teil, der noch nicht verstanden ist, bleibt unendlich.“ Die Pet Shop Boys drücken das auf ihrer neuen Platte noch einfacher aus: There is a place beyond this world.

Aktuelle Ausstellungen :

Armin Boehm / Fabian Marti / Erika Verzutti
31.08. – 20.10.2012
Galerie Peter Kilchmann
Zürich

La jeunesse es un art
Jubiläum Manor Kunstpreis 2012
01.09.2012 – 18.11.2012
Aargauer Kunsthaus
Aarau

COSMIC LAUGHTER
timewave zero, then what?

09.09.– 14.10.2012
Kuratiert von Fabian Marti und Cristina Ricupero
Ursula Blickle Stiftung
Kraichtal




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