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Jeder ist ein Performer: Roman Ondáks
“do not walk outside this area” im Deutsche Guggenheim


Als “Künstler des Jahres” 2012 der Deutschen Bank hat Roman Ondák mit “do not walk outside this area” eine Ausstellung für das Deutsche Guggenheim realisiert, die einer imaginären Reise gleicht. Dabei unterwandert der slowakische Künstler nicht nur die Konventionen des Kunstbetriebs, sondern schickt die Besucher über die Tragfläche einer Boeing, wo sie ganz selbstverständlich zu Performern werden. Ein Rundgang von Oliver Koerner von Gustorf.


Es beginnt mit einem Verbot. Mit einer der vielen Reglementierungen, denen wir tagtäglich begegnen – die so zahlreich sind, dass wir sie nur noch abscannen und kaum mehr wahrnehmen. do not walk outside this area heißt die Ausstellung, die Roman Ondák als „Künstler des Jahres" der Deutschen Bank 2012 für das Deutsche Guggenheim konzipiert hat. Die titelgebende Anweisung, sich nicht außerhalb eines bestimmten Bereiches zu bewegen, stammt in diesem Fall allerdings von einem Ort, an dem sie den meisten Menschen völlig absurd erscheint: Jeder kennt die Markierungslinien auf Flugzeugflügeln, die man aus dem Kabinenfenster sehen kann, in der Parkposition am Flughafen oder über den Wolken. Und es sind fast immer dieselben Gedanken, die einem bei dem Satz „do not walk outside this area“ durch den Kopf schießen: „Wie könnte ich in 10.000 Meter Höhe auf einem Flugzeugflügel herumlaufen?“ Und: „Wie wäre es wohl, dies wirklich zu tun?“ Paradoxerweise löst dieses seltsame Verbot Fantasien aus. Obwohl wir Passagiere sind und eigentlich davon ausgehen müssen, dass sich die Anweisung lediglich an Mechaniker richtet, fühlen wir uns unweigerlich angesprochen. Ondák nutzt diesen Mechanismus ganz bewusst. In seiner Ausstellung führt er den Besucher klammheimlich, mit subtilem Witz und ohne jeden didaktischen Druck dorthin, wo er für Gewöhnlich eigentlich nicht sein sollte: Auf die andere Seite der Linie, in jenen „verbotenen“ Bereich, in den nur unsere Gedanken und Fantasien reichen.
  
Eine Wand ist eine Tür ist eine Wand: Wie bei einem Puzzlespiel oder einer Schnitzeljagd hinterlässt der slowakische Künstler Hinweise, dass die Begrenzungen des White Cube nur physisch sind, dass wir uns durch sie hindurch imaginieren oder denken können. Für Wall being a door (2012) installierte er Türgriffe auf beiden Seiten der weißen Wand zwischen der Eingangshalle und dem ersten Ausstellungsraum des Deutsche Guggenheim. Keyhole (2012) besteht aus einem simplen Schlüsselloch, das Ondák in die Wandverkleidung eingelassen hat, die innen vor die Fensterfassade des Gebäudes gebaut wurde. Wer hindurchsieht, erspäht durch die Scheibe die Straße Unter den Linden – einen kleinen, gleißend hellen Ausschnitt von Alltag, Passanten und Verkehr. Der Blick durch das Schlüsselloch ist mit Verboten und Tabus behaftet. Wer ihn wagt, hat normalerweise voyeuristische Gelüste und dringt in die Geheimnisse oder die Privatsphäre anderer ein. Bei dieser Intervention drehen sich die Verhältnisse um: Man blickt aus dem geschützten Raum des Museums hinaus in den öffentlichen Raum, durch die Abgrenzung von Kunst und gewöhnlichem Leben hindurch. Die Grauzone, die uns Ondák in den meisten seiner Arbeiten betreten lässt, liegt immer irgendwo zwischen privater und öffentlicher Erfahrung, zwischen persönlichen und kollektiven Maßstäben. Die Versuchsanordnungen, die er in langer Vorarbeit mit Skizzen, Zeichnungen, Collagen und Notizen entwickelt, haben dabei etwas Trickreiches: Sie sind präzise, analytisch und dabei denkbar einfach.

Für do not walk outside this area gliederte er die langgestreckte Halle des Deutsche Guggenheim in drei aufeinanderfolgende Räume, die zusammen einen Parcours bilden, auf dem der Besucher wie auf einer Reise unterschiedliche Erfahrungen macht. Er erlebt den Ort, das Werk und sich selbst aus immer wieder neuen Perspektiven. Die Ausstellung verbindet hierbei zwei Themenkomplexe, die Ondák seit Beginn seiner Laufbahn beschäftigen: die Regeln und Konventionen, die nicht nur unseren Alltag, sondern auch die Repräsentation und Rezeption von Kunst prägen, und eben das Reisen, die Bewegung von einem Ort zum Anderen – sei dies nun physisch oder in der Imagination. Beide Themen verbinden sich eng mit der Laufbahn des 1966 in Žilina geborenen Künstlers, die von der Auflösung der ehemaligen Tschechoslowakei geprägt ist. Während die Einflüsse von Concept und Minimal Art in seinem Schaffen unübersehbar sind, knüpft es zugleich an die subversiven Taktiken von Künstlern aus dem ehemaligen Ostblock an. Die systemkritische Kunstszene war auch in der Slowakei gezwungen, im Verborgenen zu arbeiten und reagierte mit subtilen Eingriffen und öffentlichen Aktionen auf die sanktionierte Staatskunst.
   
In dieser Tradition hat Ondák immer wieder ein Motiv aufgegriffen, das mit Warten und Erwartung verbunden ist: die Warteschlange. Für seine Performance Good Feelings in Good Times ließ er 2003 vor dem Kölnischen Kunstverein oder 2004 auf der Kunstmesse Frieze in London Statisten ohne ersichtlichen Grund anstehen. Das brachte nicht nur den Kunstbetrieb, sondern auch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage durcheinander. Häufig warteten die Leute, ohne genau zu wissen, warum. Natürlich waren diese Aktionen von den im Ostblock üblichen Schlangen vor Lebensmittelläden inspiriert, die Ondák aus seiner Kindheit kannte, aber dennoch hat sich dieses Bild tief in die kollektive Erinnerung aller Gesellschaftssysteme eingeprägt. Heute gehören Schlangen vor den Gates der Billigfluglinien zum globalen Alltag. Zugleich verbindet sich das Anstehen für viele Menschen mit dem unsicheren Gefühl ökonomischer Depression. In seiner Arbeit Awaiting Enacted (2003), die im ersten Raum der Ausstellung zu sehen ist, greift Ondák diese Implikationen auf: In einem riesigen Schaukasten zeigt er 16 Seiten unterschiedlicher slowakischer Zeitungen, die am selben Tag erschienen sind, in denen sämtliche Bilder ersetzt wurden. Stattdessen montierte er Motive von Menschenschlangen hinein, die er in Zeitungen aus den unterschiedlichsten Ländern und Zeiten fand: Menschen in jedem Alter, jeder Hautfarbe und in jedem erdenklichen Kleidungsstil stehen vor Läden, Schaltern, Schulen, Behörden oder Touristenattraktionen, in anonymen Korridoren oder auf der Straße – in der Ausgabe von Ondáks fiktivem Blatt gibt es scheinbar nur eine Nachricht: die gesamte Welt steht an.

Installationen und Zeichnungen, die „Innen“ und „Außen“ reflektieren, Menschen die warten: Vielleicht kann man den ersten Raum in Roman Ondáks Ausstellung als so etwas wie einen imaginären Warte- oder Abflugbereich verstehen, denn es geht in do not walk outside this area mit einem verblüffenden Transit weiter: Tatsächlich findet sich im nächsten Raum die komplette Tragfläche einer Boeing, die von den Besuchern wie eine Brücke oder Steg genutzt wird, um in den letzten Teil der Schau zu gelangen. Und natürlich führt der Weg über den diagonal in den White Cube installierten Flugzeugflügel über die Markierungslinie mit der Aufschrift „do not walk outside this area“. „Die Skulptur ist so installiert, dass die Leute ganz selbstverständlich drüber laufen, ohne besondere Aufforderung“, erzählt Ondák beim Gespräch kurz vor der Eröffnung. „Man läuft durch die Ausstellung und steht plötzlich auf dem Flügel. Diese Anweisung, die man dann lesen kann, richtet sich an dich, an jeden Einzelnen. Man fragt sich unweigerlich: `Nanu, geht es hier um meine geistige Begrenztheit oder mein Benehmen?` Doch nicht ich habe das erfunden, ich habe diese Anweisung einfach nur so, wie sie ist, übernommen und in die Ausstellung verlagert.“
Im Umfeld des Museums rührt das Verbot, einen bestimmten Bereich zu betreten, auch an anderen Ängsten: Bitte nicht berühren. Bei Ondák ist das Gegenteil der Fall. Ganz bewusst habe er für seine riesige Skulptur ein Objekt ausgesucht, das zugleich spektakulär und völlig unspektakulär ist: „Zunächst erscheint so eine Tragfläche wie ein enormes, bombastisches Objekt. Das ist es aber nicht, es sieht nach nichts aus. Tatsächlich ist es völlig gewöhnlich. Jeden wird diese Form an die eigenen Reiseerfahrungen erinnern und das lässt Platz für die eigene Vorstellungskraft.“ Für Ondák würde die Skulptur ohne die Menschen nicht funktionieren. Der Flügel, sagt er, sei für ihn eine Art Plattform, auf der man sich selbst anders wahrnimmt, die Skulptur könne ohne Menschen nicht funktionieren. Sie sei erst vollendet, wenn sie von den Besuchern überquert wird: „Der Raum ist leer. Es ist nichts drin, außer dieser Tragfläche, den Besuchern die drüber laufen und jenen, die warten müssen. Denn leider kann er immer nur von einer bestimmten Anzahl von Leuten betreten werden. Einige der Besucher brauchen vielleicht noch Hilfe oder Erläuterungen vom Aufsichtspersonal, das gehört zur Idee. Es ist eine Performance. Das ist das, was ich mit einer veränderten Wahrnehmung meine. Man muss nichts aufführen oder Leute unterhalten. Jeder, der die Tragfläche betritt, ist ein Performer.”
 
Im letzten Teil der Ausstellung endet die Reise mit einer Reise oder besser, einem semi-fiktiven Reisebericht, der wie eine Spiegelung der Nachrichtenmeldungen aus dem ersten Raum wirkt. In Balancing at the Toe of the Boot (2010) erzählt Ondák eine gemeinsame Reise nach, die er mit seiner Frau in einem Fiat Panda durch Kalabrien unternahm. In einem von beiden Seiten einsehbaren Glasrahmen finden sich sieben Postkarten mit gängigen Motiven von kalabrischen Sehenswürdigkeiten, die das Paar mit immer wieder derselben Nachricht verschickt hat: „We are still alive“. Das ist eine Anspielung auf eine Arbeit des Japaners On Kawara, einem der bedeutendsten Vertreter der Konzeptkunst. Zwischen 1970 und 1979 verschickte Kawara in regelmäßigen Abständen Telegrame an Freunde und Bekannte, die stets dieselbe Botschaft enthielten: „I AM STILL ALIVE. ON KAWARA“. Zugleich ist die Version der Ondáks eine ironische Anspielung auf die Gefahren dieser süditalienischen Region: das organisierte Verbrechen und der völlig chaotische Straßenverkehr. Die Kluft zwischen realem Ereignis, persönlicher Wahrnehmung und Berichterstattung verdeutlicht sich auch in 16 gerahmten fiktiven Zeitungsberichten, in denen im Reportagestil von der Reise berichtet wird. Auf den schnappschussartigen Bildern sieht man das Touristenpaar Ondák in betont ereignislosen und austauschbaren Situationen: neben Kakteen, beim Besuch einer Glasbläserei, auf der Strandpromenade.
    
Genau diese obskure Schnittstelle zwischen Ereignis und Nicht-Ereignis, Spektakel und Banalem, zwischen dem Öffentlichen und Privaten spricht do not walk outside this area auch als Gesamtinstallation an. Ebenso wie die Tragfläche, die der Angelpunkt der Ausstellung ist, sind auch alle anderen Werke keine weihevollen Kunstfetische, sondern eher Vehikel oder Hilfsmittel, die unser Denken, unsere Imagination in Gang setzen, unsere Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung hinterfragen. Viele Aspekte der Ausstellung, wie etwa das Warten und Anstehen, die Regeln, nach denen wir uns in öffentlichen Räumen und in Museen bewegen, die Nachrichten, die wir wie Erfahrungen aus zweiter Hand wahrnehmen, sind Bestandteil unseres Alltags. Wir haben sie so verinnerlicht wie die weißen Wände, an denen „Kunst“ aufgehängt wird. Ondák fordert uns auf, diese Begrenzungen nicht widerspruchslos hinzunehmen – weder im Leben, noch in der Kunst.




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