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Der Anti-Architekt
Anish Kapoor am RIBA in London


Seine oft überwältigenden, gigantischen Skulpturen haben ihn weltberühmt gemacht. Anish Kapoors enigmatisches Werk stellt unsere Konzepte von Raum und Zeit, von Innen und Außen radikal in Frage. Das Royal Institute of British Architects (RIBA) zeigt jetzt die Ausstellung "Place/No Place", die von der Deutschen Bank gesponsert wird. Die Schau versammelt Modelle von Kapoors Arbeiten aus den letzten zwanzig Jahren – eine Retrospektive im Miniaturformat. Ossian Ward hat sich mit dem Bildhauer über architektonisches Denken, Höhepunkte seiner Arbeit und "Memory" unterhalten, sein jüngstes Projekt, das diesen Winter im Deutsche Guggenheim gezeigt wird.




Jeder weiß, dass Anish Kapoor im großen Stil denkt. Fanfarenstöße begleiteten die Präsentation seiner Skulptur Taratantara in der Gebäudehülle, die später das Baltic Centre for Contemporary Art in Gateshead beherbergen sollte. In der roten, waldhornförmigen Skulptur Marsyas hallt der Trompetenklang nach, bald darauf folgte der Spiegelglanz von Sky Mirror in New York und Cloud Gate in Chicago, jener gigantischen bohnenförmigen Metallskulptur auf der AT&T Plaza. Auch die Namen seiner derzeitigen Partner am London National Theatre sind klangvoll: Kapoor entwarf das Bühnenbild für in-i, das neue Tanztheaterstück der französischen Schauspieldiva Juliette Binoche und des Star-Choreographen Akram Khan. Als nächstes plant er nicht nur ein Denkmal für die britischen Opfer der Anschläge vom 11. September, sondern wird in den Hügeln des Tees Valley im Norden Englands auch das "größte Kunstprojekt im öffentlichen Raum" realisieren. Kein Thema, kein Raum scheint für den Bildhauer zu groß.

Doch Kapoor selbst ist anderer Meinung. Vor seiner Auftragsarbeit für die Monumenta-Serie im riesigen Atrium des Pariser Grand Palais – hier tritt er Ende 2011 die Nachfolge von Anselm Kiefer, Richard Serra und Christian Boltanski an – , hat er mehr als nur Respekt: "Das ist der erschreckendste Raum, den ich kenne", sagt er bei unserem Treffen in London. "Er ist zu groß, um ein Innenraum zu sein, aber nicht groß genug, um als Außenraum zu gelten – wirklich furchteinflößend." Mit ebensolcher Bescheidenheit spricht Kapoor auch über die Schau an der Royal Academy, die er für 2009 vorbereitet, und die Enthüllung der ersten seiner fünf Landschaftsinstallationen im Tees Valley. "Ich denke, die Organisatoren beweisen mit diesem Projekt einen unglaublichen Mut und auch damit, dass sie mich mit an Bord genommen haben. Aber wir werden es schon schaffen." Temenos ist eine 110 Meter lange, röhrenförmige Netz-Konstruktion aus 66 Tonnen Middleborough-Stahl, die in einem heiklen Balanceakt zwischen zwei 50 Meter hohen, in schrägen Vertikalen aufragenden Säulen gespannt ist.

"Als ich gefragt wurde, mit wem ich die Auftragsarbeit realisieren wollte, fiel mir sofort Cecil Balmond ein. Für diese Ausmaße brauchte ich einen Ingenieur seines Kalibers, der mir erklärt, was überhaupt möglich ist. Aber vor allem haben Cecil und ich schon häufig zusammengearbeitet." Für seine aufwendigen Projekte hat sich Kapoor schon oft an Balmond gewandt, etwa bei Marsyas. Seine Expertise hat dem 65-jährigen Direktor der experimentellen Abteilung Advanced Geometry des Londoner Ingenieursbüros Ove Arup den Ruf beschert, eine neue Generation von "Künstler-Ingenieuren" hervorgebracht zu haben. Balmonds Arbeitsbeziehung mit Kapoor geht weit über eine beratende Funktion hinaus. Bei den gemeinsamen Projekten, so der Künstler, "handelt es sich wirklich um eine Kollaboration zwischen Cecil und mir."

Angesichts dieser technischen Höchstleistungen und überdimensionalen Skulpturen ist es natürlich verführerisch, Kapoor als hybride Mischung aus Künstler und Architekt begreifen zu wollen. Es wirkt daher nicht sonderlich überraschend, dass der Bildhauer jetzt eine Werkschau im Royal Institute of British Architects präsentiert. Was allerdings erstaunt, sind die Ausmaße der Exponate. Unter dem Titel Place/No Place sind im RIBA nämlich Miniaturversionen von Kapoors bisherigen Mammutskulpturen zu sehen, und ebenso Balmonds Modelle von Temenos sowie der Entwurf zu Memory, Kapoors Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim in Berlin. Streng betrachtet handelt es sich dabei nicht um Skulpturen, sondern um architektonische Modelle. Wie Gulliver, der durch das Land der Liliputaner streift, ist der Betrachter zum ersten Mal in der Lage, die Kapoor-Projekte aus der Perspektive eines Riesen zu betrachten, sie sowohl von allen Seiten als auch aus der Vogelperspektive zu inspizieren.

"Das ist keine Architektur", erklärt Kapoor kategorisch mit Blick auf die Auswahl von 30 Kunstwerken für den öffentlichen Raum der letzten 20 Jahre, "obwohl es sich um architektonische Skulpturen handelt – zumindest von der Größe her. Und es stimmt, seit 1984 bin ich vor allem an dem Moment interessiert, an dem Skulptur beginnt und eine andere Lesart, ein neues Gefühl von Raum ermöglicht." Doch bedenkt man, wie sich seine Werke an Größe und Ambitioniertheit immer wieder übertreffen, fragt man sich, ob Kapoor nicht wenigstens Parallelen zur Arbeit eines Architekten oder Ingenieurs sieht? "Um Gottes Willen, nein! Dazu bin ich viel zu sehr auf mein Atelier angewiesen. Jedes Problem, jede Schwierigkeit entsteht hier und wird auch hier gelöst, bitte lassen Sie das nicht außer Acht. Ich kann mich nicht nur in meinen Gedanken damit beschäftigen oder während ich im Flugzeug sitze. Ich glaube nicht, dass mir eine rein intellektuelle Arbeitspraxis jemals genügen könnte."

Natürlich wäre er nicht in der Lage, den gesamten Arbeitsaufwand alleine zu stemmen, gibt der Künstler zu. Als Mit-Schöpfer vieler dieser Miniatur-Kapoors, die das RIBA elegant auf alltäglichen Werk- und Malerbänken präsentiert, werden die Architekten und Modellmacher aufgeführt, mit denen der Künstler gearbeitet hat. Es ist offensichtlich, dass sie nicht die Arbeit eines einsamen Genies darstellen. Kapoors handgeformte Modelle sind essentiell für die Vorbereitung seiner gigantischen Projekte. "Zeichnungen alleine könnten das nicht erklären. Skulptur ist ein sehr zeitaufwendiges Medium. Immer wieder arbeitet man ganz intensiv am selben Element. Erst nach einer längeren Zeit führen diese Wiederholungen zur Innovation." Kapoor wäre nie damit zufrieden, diese kleineren Arbeiten am laufenden Band in seinem Atelier im Süden Londons zu produzieren. "Das ewige Gehetze in der gegenwärtigen Kunstwelt macht mich traurig. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen dem Produzieren einer Arbeit für oder über den Kunstmarkt und deinem eigenen Verständnis von Kunst als einer Entdeckungsreise, an der du wächst. Ich weiß nie genau, was ich mache, ich bin immer auf der Suche. Als ich in den 1970ern mit der Kunsthochschule begonnen habe, erschien mir die Vorstellung, meinen Lebensunterhalt wirklich mit meiner Kunst zu bestreiten, vollkommen illusorisch. Ich wusste nur, dass ich Kunst machen musste. Wir vergessen diese tiefere Realität von Kunst nur allzu schnell."




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