The Summer of Love Experience
Die friedliche Revolution von San Francisco

In einer großen Ausstellung lässt das PalaisPopulaire den Geist des „Summer of Love“ wiederaufleben. Achim Drucks über den Aufbruch einer ganzen Generation, der bis heute unser Leben prägt.
Die kalifornische Sonne strahlt am 6. Januar 1967 über dem Golden Gate Park – und den 20 000 Leuten, die sich hier zu einem gigantischen Happening versammelt haben. Die Menge tanzt entrückt zum psychedelischen Rock von Jefferson Airplane und Grateful Dead. Schwaden von Weihrauch und Marihuana liegen in der Luft. Zu „A Gathering of the Tribes for a Human Be-In” sind die unterschiedlichsten „Stämme“ gekommen: Fans der angesagtesten Bands der Stadt mischen sich mit Beatniks und den Politaktivisten von der Berkeley University, die sich gegen den Vietnamkrieg und Rassismus engagieren. Hells Angels sind ebenso vor Ort wie Shunryu Suzuki, der Gründer des San Francisco Zen Center. Doch besonders die Hippies bestimmen die Szene. Sie alle eint die Sehnsucht nach einem anderen, freieren Amerika. Auf der Bühne singt der Dichter und bekennende Buddhist Allen Ginsberg sein Mantra: „We are all one. We are all one“. Und LSD-Guru Timothy Leary verkündet „Turn on, tune in, drop out“ – die Aufforderung, sein Bewusstsein zu erweitern, aus der Gesellschaft, aus dem Krieg auszusteigen. „Der Vietnamkrieg schaffte etwas, das wohl nichts anderes hätte vollbringen können“, schreibt 1970 der Sozialwissenschaftler Charles A. Reich in seinem Bestseller The Greening of America. „Er erzwang ein radikales Umdenken. Der Riss, der durch alles ging, an das die Leute glaubten, war so tief, dass sie auch begannen, all die anderen Mythen des Corporate America infrage zu stellen.“ Zwischen 1965 und 1973 werden über 27 Millionen junge Männer volljährig. Jeder von ihnen kann nach Vietnam eingezogen werden. Der Krieg, der fast 60 000 US-Soldaten, zwei Millionen Zivilisten und über eine Million Soldaten des kommunistischen Regimes in Nord-Vietnam das Leben kosten wird, politisiert eine ganze Generation.

Das „Be-In“ wird zur Geburtstagsparty einer Bewegung, die nur ein paar Monate später im Summer of Love ihren Höhepunkt findet – einem unglaublichen Sommer, in dem sich 100 000 junge Leute auf den Weg nach San Francisco machen, um hier Teil dieser Strömung zu werden, die nicht nur Amerika radikal verändern soll. Der Sommer vereint die Anti-Kriegsbewegung mit der psychedelischen Gegenkultur und erzeugt ein Beben, das rund um die Welt zu spüren ist. Musik, Mode, Design und Kunst gehen neue Wege. Freie Liebe und alternative Formen des Zusammenlebens werden ausprobiert, erstarrte gesellschaftliche Strukturen aufgebrochen. Summer of Love: Art, Fashion, and Rock and Roll lässt das Lebensgefühl dieses bewegten Jahres im PalaisPopulaire lebendig werden. Die vom de Young Museum in San Francisco konzipierte Schau zeigt dabei nicht nur ikonische Rockposter, Plattencover, Fotografien und Mode, sondern auch Avantgardefilme und interaktive Musik- und Lichtshows.

Zugleich beschreibt sie den Aufbruch einer Nachkriegsgesellschaft, die sich endgültig von alten Zwängen befreien will: Die Besucher des „Be-Ins“ wachsen in den konservativen 1950er-Jahren auf. Es ist die Zeit des Kalten Kriegs, man fürchtet sich vor der Atombombe und dem Kommunismus. Zugleich erleben die USA einen wirtschaftlichen Boom. Immer mehr Vororte, in denen ein Haus dem anderen gleicht, fressen sich in die Landschaft. Für Nonkonformisten ist hier kein Platz. Die Hipster, die Vertreter der Beat Generation, rebellierten bereits seit den späten 1940er-Jahren gegen Materialismus und die repressive Moral der Mittelklasse, erkundeten Drogen und fernöstliche Spiritualität. Doch im Golden Gate Park manifestiert sich eine neue Szene, deren Vertreter von den Beatniks etwas spöttisch „Junior Grade Hipsters“, kurz Hippies, genannt werden. Sie favorisiert Rock statt Jazz. Depressives Schwarz wird von leuchtenden Farben abgelöst, statt auf Coolness setzt die Bohème der 1960er-Jahre auf Achtsamkeit. War es noch das Ziel der Beatniks, dass die Welt sie in Ruhe lässt, wollen die Hippies die Welt verändern.

Der Ort, an dem sie ihre Utopien verwirklichen, ist Haight Ashbury. In diesem Viertel am Golden Gate Park stehen zahlreiche Häuser aus der Zeit um 1900 leer. Das sanierungsbedürftige „Hashbury“ bietet genügend Raum für das Zusammenleben in Kommunen, für das Erproben von Alternativen zur Konsum- und Leistungsgesellschaft und die Erweiterung des Bewusstseins – sei es durch die Lektüre des Tibetanischen Totenbuchs oder die Einnahme von LSD. „Feed your head“, singt Grace Slick in dem Hit White Rabbit. Angeregt ist ihr Song von Lewis Carrolls Alice im Wunderland, das zur Bibel einer Jugend avanciert, die es in der spießigen Wirklichkeit nicht mehr aushält.

Slicks Band Jefferson Airplane gehört neben den Grateful Dead zu den Musikern, die Rock ’n’ Roll, Folk, Country, Blues und Ethnoklänge miteinander verbinden und so den psychedelischen San Francisco Sound kreieren. Begleitet werden die Konzerte von Lichtshows, bei denen kaleidoskopartige Formen und ineinanderfließende Farben projiziert werden. Alles verflüssigt sich, alles wird eins. Konzerte mutieren zu multimedialen, multisensorischen Spektakeln, an die später Rave und Techno anknüpfen werden.

Auch bei den Künstlern, die die Plakate für diese Konzerte entwerfen, gilt die Devise „anything goes“. Die „Big Five“ – Rick Griffin, Alton Kelley, Victor Moscoso, Stanley Mouse, Wes Wilson – schaffen das visuelle Pendant zum neuen Sound. Für ihre Poster sampeln sie alles, was Kunst- und Kulturgeschichte hergeben, darunter historische Zirkusplakate, alte Hollywoodfilme, Op und Pop Art. Dabei versuchen sie gleichzeitig, die bewusstseinserweiternden Erfahrungen der Light Shows oder eines LSD-Trips visuell umzusetzen. Wilson entdeckt in einem Ausstellungskatalog die Typografie des Jugendstils und treibt die floralen Formen in seinen Entwürfen auf die Spitze. Moscoso, der bei dem für seine Farbtheorien bekannten Bauhaus-Künstler Josef Albers studiert hat, lässt Komplementärfarben wie Rot und Grün oder Blau und Orange direkt aufeinanderprallen. Das Auge kann sich nicht mehr fokussieren, die Motive beginnen zu tanzen – so wie auf Joe Gomez’ Optical Occlusion (1967), einem der zahlreichen Plakate, die im PalaisPopulaire zu sehen sind.

So eklektisch wie die Grafik ist auch die Mode der Hippies. Ihr Look ist stark vom späten 19. Jahrhundert geprägt. „Old-timey” lautet das Zauberwort. In San Francisco werden damals viele der alten Häuser abgerissen und die Trödler bieten eine reiche Auswahl von Vintage aus der Belle Époque an. Stilbildend sind Bands wie The Charlatans, die aussehen, als hätte man die Darsteller eines Westerns in die Gegenwart gebeamt – inklusive ihrer Winchestergewehre. Die Frauen tragen Kleider und Kopftücher ihrer Ur-Urgroßmütter, die einst mit ihren Männern den Wilden Westen erobert hatten. Mit Federboas, Pelzmützen und runden, violett getönten Sonnenbrillen wird Janis Joplin zur Stilikone. Die Ausstellung präsentiert eine speziell für die Sängerin angefertigte Handtasche, die mit violetter, roter und orangefarbener Seide und kleinen Glasperlen bestickt ist. In der Mitte strahlt hellgelb ein Stern – gleich einem Energiezentrum. Das transportiert die Idee einer klassenlosen Gesellschaft, in der jeder einen exzentrischen Adeligen, einen Bohemien, einen Pionier verkörpern und einen Neuanfang machen kann. Zugleich beschwören die von den Hippies adaptierten Ornamente des Jugendstils und der Arts & Crafts-Bewegung eine Rückkehr zu Natur, Handwerk, Ursprünglichkeit.

Doch in Haight Ashbury wird auch eine neue Form von Ökonomie gelebt. Das Wort „free“ ist allgegenwärtig. Die Diggers, eine anarchistisch angehauchte Straßentheatergruppe, eröffnen „Free Stores“, in denen von Kleidung bis zum ausrangierten Fernseher alles verschenkt wird. Als seit dem Frühjahr 1967 immer mehr Teenager ohne Geld nach San Francisco strömen und die Lage prekär wird, organisieren sie im Golden Gate Park eine Suppenküche. Zubereitet wird das „Free Food“ aus dem, was die Supermärkte aussortieren – eine Form von Nachhaltigkeit, die heute wieder ganz aktuell ist. Diesem progressiven Ansatz stehen allerdings sehr traditionelle Geschlechterrollen entgegen: Selbst bei den Aktivisten sind die Frauen fürs Kochen zuständig. Die Diggers initiieren auch die Haight Ashbury Free Medical Clinic, wo sich Ärzte jeden Tag um bis zu 250 Patienten kümmern, darunter viele jugendliche Ausreißer und Drogensüchtige.

Wie die ganze Nation haben diese Teenager die Bilder des „Be-In” gesehen und sind nach San Francisco aufgebrochen. Schon bald drängen sich Scharen von Möchtegern-Hippies und Neugierigen in den Straßen von Haight Ashbury. Aus Touristenbussen werden die Bewohner des Viertels wie Zootiere begafft. Zugleich verwässert der Mainstream, der dieses Lebensgefühl nur zu gerne auf Sex, Drugs and Rock’n’Roll reduziert, die fundamentalen Ideen der Hippiebewegung. Dabei hat die „Free“-Mentalität der Diggers ganz handfeste politische Beweggründe. „Wir waren mitten in einem kulturellen Krieg“, erinnert sich Mitbegründer Peter Coyote, der später in Hollywood-Produktionen wie E.T. mitspielen wird. „Die Digger waren kulturelle Revolutionäre. Wir begannen, die Situation genauer zu analysieren und erkannten, dass die gesamte Kultur den Vietnamkrieg produzierte – das war nicht lediglich ein politischer Irrweg. Wer die Prämissen von Profit und Privatbesitz akzeptierte, endete auch in Vietnam.“ Viele Hippies der ersten Stunde haben nach dem Sommer genug von San Francisco, besonders von den Dealern, die immer mehr harte Drogen in Umlauf bringen. Sie fliehen aufs Land. Für sie und Millionen anderer Amerikaner, die versuchen, ein gemeinschaftliches, ökologisch orientiertes Leben zu führen, erscheint 1968 der erste Whole Earth Catalog, ein Kompendium von Do-it-yourself-Tipps, Produktempfehlungen und Bezugsquellen. Man erfährt, wo man die neuen Mountain Bikes bekommt, wie man Ziegen züchtet oder eine geodätische Kuppel baut – eine Art Google in Buchform. Allein 1972 werden 1,5 Million Exemplare verkauft. Hinter dem Projekt steckt Stewart Brand, der bestens mit der Gegenkultur, aber auch den Computer-Pionieren am Stanford Research Institute vernetzt ist. 1968 unterstützt er den Techniker Douglas Engelbart bei einer Präsentation, die erstmals die Computermaus, Hypertext und Technologien, auf der die heutigen Videokonferenzen beruhen, vorstellt. Für den Whole Earth Catalog erfindet er den Ausdruck „Personal Computer“. Auch 1984 ist er seiner Zeit weit voraus – als Mitbegründer der ersten Online-Community The WELL.

Den Whole Earth Catalog bezeichnet Apple-Gründer Steve Jobs 2005 in einer sehr persönlichen Rede an der Stanford University als „eine der Bibeln meiner Generation“. Tatsächlich verdeutlicht diese Verbindung zum Silicon Valley, wie die Hippiebewegung auch unsere vernetzte und virtuelle Welt geprägt hat. Zuletzt gibt Jobs den Studenten genau das Motto mit auf den Weg, das auf der Rückseite der letzten Ausgabe von Brands Katalogs zu lesen ist: „Stay hungry. Stay foolish.“

Das Erbe des Summer of Love ist auch für Ex-Digger Peter Coyote allgegenwärtig. Obwohl es der Gegenkultur nicht gelungen sei, ihre politischen Kämpfe zu gewinnen – sie erreichte weder das Ende des Vietnamkriegs noch des Rassismus und Imperialismus –, habe sie doch „alle kulturellen Kriege gewonnen. Es gibt keinen Ort in den USA, an dem es keine Frauen- und Umweltbewegung gibt, Slow Food, Bioläden, Alternativmedizin, verschiedene spirituelle Richtungen. Also Sachen, bei denen es darum geht, wie Menschen tatsächlich leben. Das geht viel tiefer als Politik. Ich denke, wir haben tatsächlich viel mehr gewonnen, als den Leuten bewusst ist.“

Summer of Love
Art, Fashion, and Rock & Roll

20.6.–28.10.2019
PalaisPopulaire