In dieser Ausgabe:
>> Portrait Hanne Darboven
>> Interview: Tim Eitel
>> Dieter Roth & Dorothy Iannone
>> Interview: Uta Barth

>> Zum Archiv

 
Die Zeit überbrücken…
Ein Gespräch mit Uta Barth




Uta Barth, Ohne Titel (Ground Nr. 9)
1992-93, Courtesy Uta Barth, Tanya Bonakdar Gallery, New York,
ACME, Los Angeles

In der zeitgenössischen Fotografie besetzt Uta Barth eine einzigartige künstlerische Position. Mit ihren häufig verschwommenen Aufnahmen von Bäumen, Straßen oder leeren Räumen geht es der Fotografin nicht darum, ihre Umwelt zu dokumentieren oder etwas über sich selbst auszusagen. Im Gegenteil – Barth eliminiert alle eindeutigen Hinweise, die etwas über das Thema oder die Geschichte ihrer Aufnahmen aussagen könnten. Stattdessen stellt sie sich einer viel schwierigeren Herausforderung – nämlich zu versuchen, wirklich zu sehen. Cheryl Kaplan hat sich mit der in Los Angeles beheimateten Fotografin über ihre Arbeit unterhalten.
In dem Film Buffalo 66 ist Vincent Gallo gerade aus dem Gefängnis entlassen worden. Wir sehen, wie er in einen Bus steigt und dann aus dem Fenster blickt. Im nächsten Augenblick sitzt er reglos hinter dem Steuer eines Autos, das auf einem Parkplatz steht. Minuten vergehen wie Stunden… Selbst das Mädchen neben ihm will wissen, was er da eigentlich gerade tue. Genervt antwortet er: "Ich überbrücke Zeit, überbrücke einfach nur die Zeit."


Uta Barth, Ohne Titel (00.1), 2000
Sammlung Deutsche Bank


Verschobene und unterbrochene Zeitläufe beginnen und enden in Uta Barths Fotografien. Meisterhaft isoliert sie Alltägliches aus seinem Zusammenhang und setzt das Hervorgehobene in ihren fotografischen Sequenzen neu zusammen. Bilder überlagern sich oder scheinen ausgeblendet zu werden. Sie werden wie in einer Versuchsanordnung getrennt, erscheinen wie zu einem Diagramm zusammengesetzt oder halten beiläufige und periphere Eindrücke fest.

Im Gegensatz zum Film und einem großen Teil der Fotografie löscht Barth in ihrer Arbeit ganz bewusst so viele Bezüge zur realen Welt wie möglich. Die meisten Diskussionen über das Werk der Künstlerin kreisen um ihre verschwommenen Bilder, aber es geht ihr um viel mehr. Sie beschäftigt sich nicht mit Fragen des fotografischen Stils. Ihr Interesse gilt dem "zufälligen, ungerichteten Blick" und steht in krassem Gegensatz zu den konstruierten oder inszenierten Erzählungen, mit denen etwa Jeff Wall oder Sam Taylor Wood bekannt geworden sind. Seltsamerweise hat diese erzählerische Fotografie die Verbindung des Mediums zum Realismus noch verstärkt. Eine Verbindung, die auch damit zusammenhängt, dass wir ständig mit Pressefotos konfrontiert werden oder mit unseren Schnappschüssen die Welt um uns herum festhalten möchten.



Uta Barth, Ohne Titel (aot 4)
aus der Serie "...and of time", 2000,
Courtesy Uta Barth, Tanya Bonakdar Gallery, New York,
ACME, Los Angeles


Barth fragt mit ihren Arbeiten, ob wir glauben, dass wir die Dinge nur dadurch kennen lernen, indem wir sie mit anderen Dingen in Beziehung setzen. Diese Frage bezieht sich auf die langjährige Auseinandersetzung darüber, ob Fotografie dazu fähig ist, die Wirklichkeit abzubilden. Indem Barth den Betrachter ermutigt, seinem Instinkt zu folgen und langsam und genau hinzuschauen, intensiviert sie seine Beziehung zur Außenwelt. Häufig entzieht sie ihm dabei gerade die Dinge, nach denen er zuerst Ausschau hält: Objekte, identifizierbare Schauplätze oder die verräterischen Spuren, die die Autorin des Bildes hinterlassen haben könnte. Zugleich erlaubt Barth es dem Blick des Betrachters, bei ihren Arbeiten zu verweilen. Genau dieses Verweilen lässt ein Gefühl von Intimität entstehen und eine Art zu schauen, die es ermöglicht, "Zeit zu überbrücken".

Uta Barth wurde in Deutschland geboren und wuchs in Kalifornien auf. Ihre Arbeiten waren im New Yorker Guggenheim Museum, im Museum of Contemporary Art, Los Angeles, und der Londoner Tate Modern zu sehen. Und auch im Londoner Hauptsitz der Deutschen Bank ist eine ihrer Arbeiten zu besichtigen. Seit 18 Jahren unterrichtet sie an der University of California in Riverside.



Uta Barth, Ohne Titel (aot 1),aus der Serie "...and of time", 2000,
Courtesy Uta Barth, Tanya Bonakdar Gallery, New York,
ACME, Los Angeles


Cheryl Kaplan: Warum ist Ihnen in Ihren Fotoarbeiten Anonymität so wichtig?

Uta Barth: Ich möchte nicht, dass sich meine Arbeit um mich dreht, deshalb entferne ich sorgfältig alle autobiografischen Informationen. 1998 entschied ich mich dazu, nur noch in meinem Haus zu fotografieren, denn ich war auf der Suche nach einem neuen Weg, um den Bildgegenstand aus meiner Arbeit zu entfernen und die Bedeutung des Bildes von seinem Gegenstand zu separieren. Etwas zu suchen, um es zu fotografieren, erschien mir nicht mehr sinnvoll, aber trotzdem musste ich ja meine Kamera auf irgendetwas richten. Deshalb richtete ich sie auf Dinge, die so vertraut und alltäglich erscheinen, dass sie dabei fast unsichtbar geworden sind. Ich möchte nicht selbst der Bildgegenstand werden, den ich so sehr auszumerzen versuche.

[1] [2] [3]