In dieser Ausgabe:
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Kunst kommt von Künstlichkeit
Ein Gespräch mit Tim Eitel



Urbane Coolness oder vollklimatisierter Alptraum? In Tim Eitels Bildern treffen modernistische Großstadtarchitekturen, Parklandschaften und weite Himmel als scharf konturierte Flächen aufeinander. Bevölkert werden seine Gemälde von vereinzelten Figuren oder Gruppen, in denen jeder für sich agiert. Doch jetzt scheint sich ein dunkler Schatten auf die schöne neue Welt gelegt zu haben. Sebastian Preuss sprach mit Tim Eitel, einem der erfolgreichsten Künstler der Neuen Leipziger Schule, über Parallelwelten, die Natur als Freizeitpark und seine Faszination für Körperhaltungen.




Tim Eitel, Krater, 2004,
Foto Uwe Walter, Berlin,
Courtesy Galerie EIGEN + Art, Leipzig/Berlin,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2006


Die Menschen auf Tim Eitels Bildern wirken immer isoliert. Sie scheinen in sich versunken, verinnerlicht, oft abweisend gegenüber der Umwelt. Wie in einer unsichtbaren Blase bewegen sie sich durch merkwürdig sterile Welten. Es sind Museen, die zwar reale Bauten zitieren, in denen aber Bildgitter à la Mondrian auf surreale Weise mit den Interieurs verschmelzen; Landschaften, deren Natur abstrahiert und zu kühlen Farbflächen gefroren erscheint.



Tim Eitel, o. T. (Gepäck), 2005,
Foto Uwe Walter, Berlin,
Courtesy Galerie EIGEN + Art, Leipzig/Berlin,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Neuerdings sind auch sie verschwunden, und die Figuren verlieren sich in endlosen Monochromien oder tiefem Nachtschwarz. Eitel spricht von Parallelwelten. Er ist ein Meister der versteckten Andeutungen, auch wenn man diese nie wörtlich nehmen sollte. Seine Bilder versetzt er mit diffusen Stimmungen, auf deren Charakter er sich selbst nicht festlegen will. Die Nähe zum Symbolismus des späten 19. Jahrhunderts ist durchaus eine Wahlverwandtschaft. Eitel träumt den alten Traum der Romantik weiter, doch tut er das ohne jede Nostalgie und ohne Sentiment. Dagegen wappnet er sich mit modernen Design- und Architekturelementen und dem zeitgeistigen Habitus seiner Figuren. Splendid Isolation – auf keinen der jungen Malerstars passt dieser Begriff so sehr wie auf den 34-Jährigen, der mit Neo Rauch, Matthias Weischer oder David Schnell in Leipzig studierte. Seit drei Jahren sorgt er bei Sammlern rund um den Globus für leuchtende Augen und schon lange sind seine Arbeiten auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten.


Sebastian Preuss: Warum wirken die Figuren in Ihren Bildern eigentlich immer so isoliert, selbst dort, wo sie in Gruppen auftreten?

Tim Eitel: Ich begreife das wie eine Versuchsanordnung. Wenn ich die Figuren aus ihrem ursprünglichen Kontext herauslöse, konzentriere ich mich auf ihre bloße Erscheinung, auf ihre Haltung und ihre Körpersprache. Aber die Art der Isolierung ist von Werk zu Werk unterschiedlich. Bei den frühen Arbeiten, den Museums-Bildern, versinken die dargestellten Menschen in Kontemplation. Bei den Landschaften geht es dagegen eher um das Verhältnis des Städters zur Natur, die hier aber mehr als Naherholungsraum und kulturell erschlossenes Gebiet erscheint. Es geht um den Konflikt, um die Interaktion von einzelnen Figuren mit der Landschaft. Man sollte die Isolation der Figuren allerdings nicht mit Einsamkeit verwechseln. Es ist eher ein Alleinsein – Alleinsein als Möglichkeit, sich zu konzentrieren. Man kommt ja in solchen Momenten auch seiner eigenen Identität näher.


Tim Eitel, Leerer Raum, 2004,
Foto Uwe Walter, Berlin,
Courtesy Galerie EIGEN + ART, Leipzig/Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2006
Tim Eitel, o. T. (Graue Wände), 2005,
Foto Uwe Walter, Berlin,
Courtesy Galerie EIGEN + ART, Leipzig/Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006



Sie haben einmal betont, wie wichtig Ihnen der Weltbezug in Ihrer Malerei ist, dass Sie sich gar nicht vorstellen könnten, abstrakt zu malen. Aber dieser Weltbezug ist doch gerade durch die Isolation Ihrer Figuren stark gebrochen. Ihre Bilder sind entrückt, oft magisch und wirken immer künstlich.

Das geschieht doch zwangsläufig. Malerei ist ja immer etwas Künstliches, Inszeniertes; einen ungebrochenen Realismus gibt es nicht. Ich übersetze die Realität für mich und löse aus der ganzen Bilderflut, die täglich auf uns niederprasselt, eine Art Parallelwelt heraus. Sieht man dann auf einem Bild, um nur ein Beispiel herauszugreifen, eine verlegen dastehende Figur in einer Schalterhalle, dann ist es eine Darstellung, die durchaus etwas Typisches über unsere Zeit aussagen kann. Dieser ganze riesige Strom der Bilder von heute bedeutet ja letztlich nichts. Man muss eine Essenz daraus filtern, Zeichen finden, die allgemeingültiger sind. Dabei will ich jedoch keine literarischen oder theoretischen Aussagen treffen, sondern beim Betrachter Assoziationen auslösen.



Tim Eitel, Wagen, 2005,
Foto Uwe Walter, Berlin,
Courtesy Galerie EIGEN + ART, Leipzig/Berlin,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2006

Haben Sie innere Bilder vor Augen, wenn Sie mit einem Bild beginnen?

Die entstehen erst nach und nach. Zum Beispiel dieser Bauwagen auf einem meiner neuen Bilder. Als ich ihn sah, interessierte er mich gleich. Ich ahnte, dass ich mit ihm etwas anfangen könnte, und fotografierte ihn. Natürlich fotografiere ich auch viel, was ich dann nicht mehr verwende. Die Eindrücke und Assoziationen verdichten sich, ich fange an zu malen, und dann kommt immer mehr hinzu.

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