In dieser Ausgabe:
>> Portrait Hanne Darboven
>> Interview: Tim Eitel
>> Dieter Roth & Dorothy Iannone
>> Interview: Uta Barth

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Wir schreiben, darum sind wir
Hanne Darboven und die Konzeptkunst



Mitte der sechziger Jahre erregt Hanne Darboven mit ihren Konstruktionszeichnungen erstmals Aufmerksamkeit. Aus der obsessiven Beschäftigung mit Zahlen und Daten entsteht im Laufe der Jahre, Tag für Tag, ein in seiner Konsequenz einzigartiges Werk – tausende von Blättern, auf denen die Künstlerin die Zeit aufschreibt, das Chaos der Welt in ihrem Ordnungssystem bannt. Angela Rosenberg über Hanne Darboven und ihre aktuelle Installation "Hommage à Picasso".



Hanne Darboven, Hommage à Picasso, Installationsansicht
Foto: © Mathias Schormann
Copyright © Deutsche Guggenheim

Der Meister empfängt uns selbst. Allerdings schaut der Picassokopf aus Bronze etwas verdrießlich drein. Er ist Teil der aktualisierten und erweiterten Version von Hanne Darbovens Hommage à Picasso aus den Jahren 1995 bis 2006 – einer Installation und Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim, die den Betrachter mit einem Meer von Zahlen und Zeichen umgibt. Die Wände sind vom Boden bis zur Decke restlos ausgefüllt: In 270 maßangefertigten Rahmen finden sich annähernd 10.000 Blätter. Die Künstlerin Hanne Darboven notiert darauf das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Ergänzt um eine gerahmte Kopie des 1955 entstandenen Picasso-Gemäldes Sitzende Frau im türkischen Kostüm sowie eine Serie gekaufter und in Auftrag gegebener Skulpturen, wird diese Aufzeichnung des Millenniumswechsels musikalisch durch Darbovens neu produziertes Werk Opus 60, einer Sinfonie für 120 Orchestermusiker, untermalt.


Hanne Darbovens Atelierhaus, 2005
Foto: © Michael Danner

Erstaunlich emotional ist diese Ausstellung geworden. Wer mit dem internationalen Publikum am 3. Februar 2006 die Uraufführung ihrer Komposition mit 120 Instrumentalisten der Jungen Symphonie Berlin in der Deutschen Guggenheim hören durfte, erlebte am Ende eine überglückliche, sichtlich bewegte, sehr zarte Frau, die sich überschwänglich bei Musikern und Dirigenten bedankte, und die gar nicht dem spröden, coolen weiblichen Dandy glich, als den sie sich gerne inszeniert.

Sie wollte ursprünglich Pianistin werden, die Tochter aus der Kaffeeröster-Dynastie, die 1941 in München geboren wurde, und in Hamburg-Harburg aufwuchs, wo sie heute noch in ihrem Elternhaus lebt. Das leidenschaftliche, seit frühester Kindheit gepflegte Interesse an Kunst bewegte sie dann aber doch zu einem kurzen und intensiven Studium an der Hamburger Kunsthochschule, wo ihre Suche nach einer universellen, grundlegenden Wahrheit ihren Anfang nahm.


Hanne Darboven, Hommage à Picasso (Detail), 1995-2006,
Foto: © Mathias Schormann Copyright: © Hanne Darboven


"It is what it is" sagte Lawrence Weiner einmal über die Arbeiten seiner Kollegin. Aber wer sich die Zeit nimmt, die Ausstellung Hommage a Picasso zu betrachten, kann hier eine neue Seite dieser bedeutenden Künstlerin entdecken. Und wer einen bissigen Showdown oder eine Abrechnung der Ikone der Konzeptkunst mit dem wohl bedeutendsten Maler des zwanzigsten Jahrhunderts erwartet hatte, wird enttäuscht. Denn die kühle, reservierte Eleganz, die die raumfüllenden Installationen ihrer Arbeiten stets auszeichnet, wird hier auf erfrischende Weise gebrochen. Eine Gruppe von lebensgroßen Reisigeseln, eine üppige Bronzeziege, handbemalte Ornamentrahmen: Die kunsthandwerklichen Objekte, die Darboven ihren Zahlenkolonnen und Schriftbildern zur Seite stellt, erinnern an die Formensprache Picassos; an seine Liebe zum Volkstümlichen, zum "Primitiven". Zugleich erfüllen sie den Raum mit einer Mischung aus beinahe anrührender Naivität und kultischer Mystik. Die überwältigende Klarheit des Tafelwerkes wird dadurch nicht gestört. Sie findet eine geradezu spirituelle, aber auch heitere Form, die der Ausstellung die Anmutung einer modernen Kapelle oder einer ägyptischen Grabkammer gibt. Betont wird dieser Eindruck zusätzlich durch die leise sich wiederholenden musikalischen Formeln des Opus 60 , das im Hintergrund zu hören ist. Fast erscheint Darbovens Installation als ein Ort der Läuterung, würdevoll, milde, konzentriert, und dennoch durchsetzt mit einem wunderbaren Hauch trockenen Humors, wenn die Künstlerin einige der Blätter für ihre eigene, innig geliebte Ziege mitsigniert: H.D. + Mickey 1995.

Hanne Darboven, 21 x 21 (Detail), 1968, Sammlung Deutsche Bank


Nach der gesellschaftlichen Katastrophe des deutschen Faschismus, dessen Nachwirkungen in den sechziger Jahren noch so deutlich zu spüren sind, dass dies eine ganze Generation polarisiert, sucht die junge Künstlerin nicht den Anschluss an die aktive politische Szene, sondern Ruhe und Konzentration. Um der bundesrepublikanischen Enge zu entfliehen, geht sie zuerst für kurze Zeit nach Paris, findet dann aber ausgerechnet im Trubel von New York ihr zweites Zuhause. Hier zieht sie sich ab 1966 für drei Jahre zurück, an einen Tisch in ihrem kleinen 30–Quadratmeter-Apartment in der New Yorker East 90th Street. Es entstehen ihre ersten Konstruktionszeichnungen, mit Bleistift und Kugelschreiber: diagrammartige Zeichnungen, Tabellen, diagonale Linien mit unterschiedlichen Neigungswinkeln. Auf amerikanischem Millimeterpapier notiert die Künstlerin Gesetzmäßigkeiten in Zahlen, weil sie "so stetig, begrenzt und künstlich sind".

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