In dieser Ausgabe:
>> Portrait Hanne Darboven
>> Interview: Tim Eitel
>> Dieter Roth & Dorothy Iannone
>> Interview: Uta Barth

>> Zum Archiv

 

Hanne Darboven, Buchgeschichte (Detail), 1972, Sammlung Deutsche Bank


Mehr als eine zentrale Figur der Konzeptkunst gilt Hanne Darboven heute als eine der wichtigsten deutschen Künstlerinnen überhaupt. Denn ausgehend von einem abstrakten, hochkonzeptionellen Ansatz ist es ihr gelungen, in ihrem umfassenden Werk nicht nur die Zeit festzuschreiben, sondern um ihren subjektiven Kommentar zu erweitern. Vielleicht gerade weil ihre Schrift ohne Buchstaben auskommt, geben die Bögen auch etwas über die Befindlichkeit der Künstlerin Auskunft. Gleichförmigkeit und Abwechslungen erzeugen die Spannung dieser Schreibarbeit, die Ausdauer und Energie über inhaltliche Bedeutungen stellt. Die Schrift wirkt wie seismographische Kurven, wie Schallwellen, ein rhythmisches Auf und Ab der Linie, als ob es nichts mehr gäbe, nur die Macht der Gewohnheit, die verlangt, dass Zeit ausgeschrieben und ausgefüllt wird, mit Zahlen oder mit Musik, "der totalen Abstraktion der Kunst."

Hinzugefügte Bilder, Reisigesel oder Ziegen sind nur Hilfen für die erste Orientierung, die nur die Erinnerung kitzeln, um dann, in Wiederholungen eingebettet, der undurchdringlichen Gleichförmigkeit des Zeitflusses als relativ unbestimmte Fragmenten ausgeliefert zu werden.

Hanne Darboven, Buchgeschichte (Detail), 1972, Sammlung Deutsche Bank


Es ist gerade diese Routine, im streng befolgten und selbst auferlegten Arbeitsrhythmus absolviert, die die Künstlerin dazu einsetzt, für den Betrachter das Volumen der Zeit zu stauchen und zu dehnen, wie ein Gummiband über ganze Wände gestreckt oder zu kleinen Kästchen oder Quersummentäfelchen komprimiert. Ihre Installationen mit den unzähligen beschriebenen und gerahmten Blättern sind sofort widererkennbar und haben eine eigene Ästhetik, die zwischen Vorhersehbarem und Unvorhersehbarem oszilliert. In diesem Flimmern zeigt sich noch einmal die Unbeständigkeit der Gegenwart: Nur das stetige, tägliche Schreibritual kann das "heute" retten, und sei es nur für den Moment, für den es geschrieben wird.

Schiff an Ufer
Hanne Darboven: Liest Du mich?
Lawrence Weiner: Ich lese Dich laut und klar
Das Schreiben füllt keine Leere
Das Schreiben tritt in eine Welt ein, die mit vielen Dingen gefüllt ist
Das Schreiben ist vom ersten Strich an ein fait accompli
Das Schreiben ist heute
Wir schreiben darum sind wir

Dear Hanne – Lawrence Weiner, NYC, 2004

[1] [2] [3]