In dieser Ausgabe:
>> Portrait Hanne Darboven
>> Interview: Tim Eitel
>> Dieter Roth & Dorothy Iannone
>> Interview: Uta Barth

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In der Betrachtung dieser Gesetzmäßigkeiten erkennt die Künstlerin Bedeutsames: es ist ihr gelungen, einen Ansatz zu finden, der Welt eine Ordnung zu geben. Zurück von ihrem ersten New York Besuch notiert sie: "Ich habe etwas geschaffen, in dem ich es durcheinander gebracht habe. Destruktion wird Konstruktion. (...) Meine Systeme sind numerische Konzepte, die als Progressionen oder Reduktionen funktionieren, wie musikalische Themen mit Variationen." Diese Systeme drückt sie in Zahlenworten und Ziffern aus und erkennt, dass ihr numerisches Konzept ad infinitum ausgedehnt werden kann. Dem Chaos des Möglichen, der Unruhe der Vergangenheit begegnete sie mit der Ordnung der Zahlennotierung, die für sie bis heute zur täglichen, streng reglementierten Routine wurde.


Hanne Darboven, 21 x 21, 1968, Sammlung Deutsche Bank


Für die Arbeit Raum New York (1967) stellte sie eine Auswahl der ersten Konstruktions- und Zahlenblätter zusammen mit dem Tisch aus, an dem die Zeichnungen entstanden. Ihr serielles Konzept lebt seitdem von einer zwar internen aber zwingenden Logik, die, sobald die Parameter festgelegt sind, eine präzise Anzahl von Variationen erzeugt, die auf objektive Weise zustande kommen. "Sie hatte eine kleine Gruppe von Zeichnungen bei sich, die sie mir zeigte. Ich war begeistert von der Originalität und der Tiefe der Arbeit (...). Die Reichweite und Eleganz dieser Arbeit, und dieses Denkens, ist etwas, das man nie vergisst", erinnerte sich Sol LeWitt vor zwei Jahren an seine erste Begegnung mit der jungen Künstlerin. Ihre extrem reduzierten Arbeiten, bar jeder Metaphorik, entsprachen genau Sol LeWitts Vorstellungen. Der einflussreiche US-Künstler und langjährige Freund Darbovens, dessen theoretisches Werk Paragraphs on Conceptual Art (1967) die Konzeptkunst begründete, erschloss der bis dahin ausschließlich werkorientierten Kunstwelt einen völlig neuen Diskurs.


Sol LeWitt, Lines in 4 directions (superimposed Yellow), 1971,
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006

In der Betonung des Prozesshaften bestand der wesentliche Unterschied zur Ergebnisorientiertheit vergleichbarer konstruktiver Ansätze seiner Minimalistenkollegen Donald Judd oder Carl Andre. LeWitt postulierte eine klare Aufgabenstellung, eine experimentelle, quasi wissenschaftliche Versuchsanordnung, die mit methodischem Ansatz streng ausgeführt ein Resultat hervorbringen könne, das für den Künstler ebenso überraschend sei wie für den Betrachter.


Donald Judd, Ohne Titel, 1961-1978,
Sammlung Deutsche Bank, © VG Bild-Kunst, Bonn 2006

"Kunst ist eine Mischung aus Konzept und Disziplin", sagt Hanne Darboven nüchtern. 1968 entdeckt sie im Tagesdatum ein universelles Element und macht es zum Thema ihrer Kalenderzeichnungen. Gleichzeitig entstand in New York die erste Skizze zum "Gregorianischen Kalender", den sie als Vorlage für eine Edition der Deutsche Guggenheim zur Verfügung stellte. In immer neuen Variationen des Aufschreibens von Zeit und Zeitrechnungen hat sie ihr Thema gefunden, das sie bis heute mit obsessiver Intensität und großer Akribie bearbeitet. In ihrem künstlerischen System kann das Datum ausgeschrieben oder durch Zahlen ausgedrückt werden: der 8. Februar 1996 kann folglich als 8/2/96, aber auch als Quersumme aus 8+2+9+6=25 und als Kästchenkonglomerat festgehalten werden – oder in ihrer wortlosen Schrift aus U-Bögen. In diese "Tagesrechnungen" schreibt die Künstlerin meist geschichtliche Themen ein, als systematische Auflösungen und Verdichtungen von Tagen, Wochen, Monaten, Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten, wobei jede Arbeit eine Analyse des Begriffs des Zeitablaufs enthält.

Hanne Darboven, Konstruktionszeichnung, 1966, Sammlung Deutsche Bank


Als Chronistin der Zeitläufte verbindet sie die Zeiteinteilung nach dem Kalender in ihren Zahlensystemen mit dem Zeitfluss der Geschichte. Wie eine Kartographin, die einen Ozean vermessen soll und ihn dann Tasse um Tasse ausschöpft, so demütig, aber auch systematisch, nähert sich die Künstlerin dem Phänomen an. Auf schier endlosen Blättern füllt sie die Flächen mit ihrer Essenz von Zeit. Die Blätter werden gerahmt und verhüllen in einem all-over die Wände ganzer Räume, wodurch etwas, das sonst nur vorbei und verloren geht, mit einem Mal konkret erfassbar wird.

Auch ihr Kollege On Kawara zählt die Tage, aber es sind seine Tage, von denen er seit 1966 Date Paintings – Datumsbilder – anfertigte. Jedes Bild wurde genau an dem Tag gemalt, dessen Datum es trägt. Zusammen heißt diese noch nicht abgeschlossene Werkgruppe Todays, und es sind fast 2000 "Heutes", die der Künstler bisher gemalt hat. Dabei weist die Schreibweise des Datums auf den Ort hin, an dem sich der Künstler gerade befand, als er das Bild ausführte – der Monat wird in der Landessprache geschrieben. Außerdem zählt der Künstler die Tage seines Lebens, und informiert seine Freunde in unregelmäßigen Abständen darüber, dass er noch lebt. "I am still alive" steht auf den Postkarten und zeigt, worum es On Kawara eigentlich geht, um Leben und Tod, oder konkreter: um sein Leben. Seine Kunst stellt nichts weiter dar, als dass On Kawara gelebt hat, eine bescheidene faktische Aussage. Auch wenn wir die Zeit und das Leben jetzt und heute mit ihm teilen.



Hanne Darboven in ihrem Atelierhaus, 2005
Foto: © Michael Danner

Hanne Darboven arbeitet gegen den Verlust an, indem sie die Zeit rekonstruiert, durch ihre ausdauernde Tätigkeit des Aufschreibens wie durch das Einbeziehen wichtiger Persönlichkeiten, ausgewählter alltäglicher oder historisch herausragender Begebenheiten. Bei letzteren verlässt sich die Künstlerin gerne auf ihre 1973er Ausgabe der Brockhaus-Enzyklopädie oder Ausschnitte aus dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel . Darüber hinaus zitiert sie oft und gerne ausführliche Passagen ausgewählter Werke der Literatur, Philosophie und Geschichte, seien es Goethe, Bismarck, Sartre, Fassbinder oder Schwitters, und ergänzt sie mit collagierten Bildern und Schnappschüssen, zunehmend auch Skulpturen, Kunsthandwerk und Nippes. Dadurch wird jedes Element in einen konkreten kulturhistorischen Bezug gesetzt, der jedoch gegenüber dem Volumen des geschriebenen Zeitwerks, das sich wie eine Haut über die Wände der Ausstellungsräume spannt, eine beinahe lächerliche Qualität bekommt. Denn was ist schon der Augenblick – und sei er auch noch so bedeutsam – im Vergleich zu einer ganzen Epoche.


Hanne Darboven, Ohne Titel (an Kaspar König, 7.2.1994 heute), 1994,
Sammlung Deutsche Bank


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