In dieser Ausgabe:
>> Bilder der Nacht
>> Weniger Techno, mehr Technik
>> Postkarte aus Japan
>> Kunst in der 2-Raum-Wohnung

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Bilder der Nacht: Kunst und Clubbing



Wolfgang Tillmans, Panoramabar (Sweaty Window), 2002
©Wolfgang Tillmans,
Courtesy Galerie Daniel Buchholz, Köln

In den Siebzigern und Achzigern genossen Künstler wie Andy Warhol, Keith Haring oder Jean-Michel Basquiat das New Yorker Nightlife in vollen Zügen. Heute sind viele Künstler nicht nur gern in den Clubs unterwegs, das Nachtleben liefert auch Inspirationen und Themen für ihre Kunst. In Berlin sind die Verbindungen zwischen Kunst- und Clubszene besonders eng: in Locations wie dem „Berghain“ treffen die Gäste auf Werke hochkarätiger Künstler. Dominic Eichler hat einen Streifzug durch die Berliner Szene gemacht.



Wolfgang Tillmans, Snax, 2002
©Wolfgang Tillmans,
Courtesy Galerie Daniel Buchholz, Köln

Vor kurzen fand die Wiedereröffnung des legendären Berliner Clubs Ostgut statt – in einer spektakulären neuen Location, dem ehemaligen Heizkraftwerk der Stalinallee, erbaut Mitte der fünfziger Jahre. Die neue Inkarnation des Clubs trägt den Namen Berghain . Wie sein Vorgänger bespielt er zwei Etagen, hinzu kommt die etwas kleinere, im Obergeschoss gelegene Panorama Bar, die ihren alten Namen behalten hat. Das Berghain ist in jeder Hinsicht gigantisch. Mit seinen klaren neoklassizistischen Formen und der eindrucksvollen Deckenhöhe von 18 Metern gleicht es einer technoiden Industriekathedrale. Jahrelang hatte das Ostgut den Ruf, nicht nur der beste Club in Berlin zu sein, sondern auch – natürlich abhängig davon, wen man fragt – zu den besten der Welt zu gehören. Sein Ruhm resultiert aus einer einmaligen Kombination: einem extrem ungemütlichen, post-industriellen Anti-Design-Interieur, der Hingabe, nur die allerbesten Produzenten und DJs elektronischer Musik zu buchen, und einer harten Türpolitik. Den gleichen Weg beschreitet das Berghain: Die strenge Auslese an den Pforten zur nächtlichen Extase sorgt für einen einzigartigen, pulsierenden Mix aus unterschiedlichsten Leuten – vom Arbeitslosen bis zum Rechtsanwalt – und sexuellen Dissidenten jedweder Orientierung. Im Berghain und der Panorama-Bar finden manchmal schwule Partys wie der legendäre Snax Club statt, aber nur in Teilen der Räumlichkeiten und nicht ausschließlich für ein rein schwules Publikum – von schwulem Mainstream keine Spur.



Piotr Nathan, Rituale des Verschwindens, 2004
©Piotr Nathan

Die Atmosphäre und das Publikum lassen an eine ziemlich abgehobene Gemeinschaft Gleichgesinnter denken, die darauf besteht, ihre Vielfältigkeit zu feiern und sich einem alternativen Lifestyle hinzugeben. All das sorgt für einen faszinierenden Trip in einem schmutzigen, utopischen Tempel – ohne die üblichen Abstumpfungserscheinungen. Je nach Veranstaltung kann eine Nacht dort bis zum Mittag des folgenden Tages dauern. Die Clubber vereint das Erlebnis eines ritualisierten Hedonismus – ein Nährboden für jede erdenkliche Erfahrung. Das Berghain ist deshalb auch kein Platz für Zartbesaitete oder Menschen, die leicht zu schockieren sind. Im Gegensatz zu anderen Clubs sind hier nur selten naive Teens oder Twens unterwegs, niemand stellt seinen Reichtum offensiv zur Schau, es gibt keine sich betrinkenden Machos im Anzug, die direkt von der Arbeit kommen, und kein Geschnatter dürrer gestylter Mädchen auf der Suche nach einem festen Freund. Doch was haben Berghain und Panorama Bar mit Gegenwartskunst zu tun? Um diese Frage zu beantworten, genügt ein Blick auf ihre neuen Interieurs, die neben den üblichen Elementen einer Clubeinrichtung auch ernst zu nehmende Kunstwerke beherbergen – unter anderem von Wolfgang Tillmans, Piotr Nathan und Marc Brandenburg .





Klobar im alten Ostgut mit Arbeiten von Marc Brandenburg, 2003
Fotos: © Norbert Thormann


In der geräumigen Eingangshalle dominiert Nathans riesige und eindrucksvolle Wandarbeit Rituale des Verschwindens (2004), bestehend aus 175 Aluminiumplatten. Die Platten bedecken die enorme Fläche von 27x5 Metern und zeigen auf historischen Stichen basierende Szenen. Dargestellt sind die vier Elemente Feuer, Erde, Wasser Luft, allerdings nicht wie etwa im Barock üblich als allegorische Figuren, sondern in Form von auf historischen naturwissenschaftlichen Illustrationen basierenden Szenen. Die postkartengroßen Vorlagen hat der Künstler auf ein monumentales Format vergrößert, das in der Nahsicht zu einem abstrakten Linienmuster wird. Nathan wählte Darstellungen vom Ausbruch des Vesuvs, einem Sandsturm in der Wüste, einem Hurrikan an der Küste und von Nordlichtern. Zusammen beschwören diese Bilder eine Welt der Naturschauspiele, betrachtet durch einen historischen Filter mit einer sich ständig bewegenden, subjektiven Linse. Nathan lebt in Berlin und hat dort an der letzten Biennale teilgenommen. Häufig ist das Thema seiner wegen ihrer Materialität poetischen und manchmal auch elegischen Arbeiten die homosexuelle Selbstwahrnehmung im erweiterten sozio-politischen und kulturellen Kontext.



Wolfgang Tillmans, Ostgut Freischwimmer (links), 2004 © Wolfgang Tillmans,
Courtesy Galerie Daniel Buchholz, Köln

Wie Nathan kennen sich auch Tillmans und Brandenburg in der Berliner Clubszene aus und beschäftigen sich mit der Politik von Sexualität und Identität. Alle drei Künstler sind in der Sammlung Deutsche Bank mit Arbeiten in ihrem jeweils wichtigsten Medium – Fotografie und Zeichnung – vertreten. In der neuen Panorama Bar hängen zwei großformatige Tillmans-Fotografien: Die abstrakte Arbeit aus seiner Serie Freischwimmer (2004) lässt an frei fließendes Haar denken, während Nackt (2003) die Courbet-artige Nahaufnahme einer rasierten weiblichen Scham zeigt. Tillmans ist unbestreitbar einer der bekanntesten deutschen Fotografen seiner Generation. Im Jahr 2000 wurde er mit dem renommierten britischen Turner Preis ausgezeichnet und seine Arbeiten werden regelmäßig von internationalen Museen und Galerien gezeigt.



Marc Brandenburg, Ohne Titel (Pillendose), 1999, © Marc Brandenburg
Sammlung Deutsche Bank

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