In dieser Ausgabe:
>> Biennale in Orange County
>> Max Ernsts Capricorne im Museum in Brühl

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Der Einfluss Peggys verfehlte seine Wirkung nicht. Bald hatte sich fast ganz New York von Max Ernst und Dorothea Tanning abgewendet, berichtet Jimmy Ernst, "die Kunstwelt, Museen, Galerien und alle behandelten das Paar als "Unpersonen", was besonders Dorothea Tanning arg zusetzte. In ihrer Not beschlossen die beiden, New York den Rücken zu kehren und sich in Sedona im Oak Creek Canyon/Arizona niederzulassen. Jimmy Ernst erinnert sich: "Er (Max Ernst) war sehr besorgt über Dorotheas Krankheit und deprimiert wegen der wachsenden Feindseligkeit und der demonstrativen Gleichgültigkeit, die ihm in New York entgegenschlugen." Max Ernst selber schwankte zwischen Hoffnung und Verzweiflung: "Das Klima in Arizona wird Dorotheas Gesundheit guttun." Und: "Vielleicht lassen sie uns dort in Ruhe."

Im Frühjahr 1946 fand der Umzug statt, ein Jahr darauf heirateten Max und Dorothea in einer Doppelhochzeit mit Man Ray und seiner Lebensgefährtin Juliette in Kalifornien. Kurz danach machte sich Max Ernst an die Großplastik Capricorne. Mit dieser machtvollen Figurengruppe zog der Künstler eine Summe aus seinem bisherigen Schaffen. Die einzelnen Figuren, die man auch als Mitglieder einer kleinen dreiköpfigen Familie interpretieren könnte, sind wie so häufig bei Ernst in großen Teilen aus zufälligen Fundstücken zusammengesetzt - so bestehen etwa das Gehörn des Steinbocks und der Leib der Meerjungfrau aus Autofedern, das Zepter, das der bockköpfige Herrscher in der Hand hält, formte der Künstler aus übereinander gestellten Milchflaschen. Auch finden sich in der Gruppe Anklänge an frühere Arbeiten von Max Ernst: Die Gestalt des Capricorne erinnert an die 1944 entstandene Skulptur The King playing with the Queen, das runde Gesicht und der Körper der Meerjungfrau tauchen bereits in Plastiken der dreissiger Jahre auf, etwa bei der Belle Allemande (1935) oder den Figuren von Saint-Martin (1938).

In Jimmy Ernsts Autobiografie gibt es ein Foto, das kurz nach der Fertigstellung des Capricorne aufgenommen wurde. Man sieht darauf die junge schöne Dorothea Tanning in kurzärmliger Bluse und weitem Rock, wie sie auf dem Schoss des Steinbocks sitzt und sich an ihn schmiegt. Dahinter steht Max Ernst und schaut dem Capricorne über die Schulter direkt in die Kamera hinein.


Die Urfassung des Steinbocks von 1948
in Sedona/Arizona, mit
Dorothea Tanning (vorne) und Max Ernst (hinten)



1952 verliessen Max und Dorothea ihr Refugium in Arizona und siedelten nach Frankreich über. Im Zuge dessen formte Max Ernst die ursprünglich aus Beton gegossene Plastik des Capricorne in Gips ab und nahm die Einzelteile mit nach Europa. Zehn Jahre später fügte er die Teile wieder zur Gruppe zusammen, wobei er einige Details veränderte und vereinfachte. Daraus entstand das endgültige Modell für jene sechs Bronzegüsse, die der Künstler anschließend in Auftrag gab. Einer davon ist derjenige, der ab April nächsten Jahres in Brühl ausgestellt wird, weitere Exemplare befinden sich zum Beispiel im Centre Pompidou in Paris und in der Berliner Neuen Nationalgalerie.


Ulrich Clewing

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