In dieser Ausgabe:
>> Catherine Yass: Traumschichten
>> The Human Clay
>> Sechs Fotografen: Eine Ansicht aus London
>> Susan Derges: "Die ganze Nacht wäre meine Dunkelkammer....."

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Catherine Yass: Traumschichten

Ein Porträt der britischen Künstlerin Catherine Yass, die für den Turner-Preis 2002 nominiert wurde, von Alistair Hicks.

"Um mehr über das Wesen des Schlafs zu erfahren, habe ich mit einem Schlafforscher zusammengearbeitet", sagt Catherine Yass (hier eine Biografie, hier ein kurzes Porträt der BBC), die für ihre leuchtenden Fotografien und Lichtkästen bekannt ist. Charakteristisch für ihre Kunst ist das Zusammenspiel positiver und negativer Bilder. Die daraus resultierende Dualität spiegelt sich in der von Yass abgebildeten Welt wieder, die zwischen Traum und harter Realität zu schweben scheint.



Descent: HQ5:
1/4s, 4.7°, 0 mm,
40 mph, 2002
 

Descent: HQ5:
1/4s, 7.2°, 0.2 mm,
20 mph/180, 2002
 

Descent: HQ5,
2002

 

Descent: HQ3,
2002



Trotzdem findet sich in ihrer Arbeit stets ein ganz pragmatischer Aspekt: Ihre Zusammenarbeit mit dem Schlafforscher begann kurz nach der Fertigstellung des achtminütigen Films Descent (mehr hier), der einen ganz wesentlichen Bestandteil ihres Beitrags zur Turner-Preis-Ausstellung bildet, die gegenwärtig in der Londoner Tate Modern zu sehen ist. Der Film lässt den Betrachter auf wunderschöne Weise seine Orientierung verlieren: In dichtem Nebel ließ sich Yass mit ihrer Kamera langsam von einem 240 m hohen, noch in Bau befindlichen Hochhaus in Canary Wharf abseilen. Die hierbei entstandene Kamerafahrt stellt sie auf den Kopf, so dass der Zuschauer das Gefühl hat, ganz langsam durch dieses Niemandsland zu fallen. "Mich faszinierte, wie ich von einem Schlafforscher erfuhr, dass Träume vom Fallen durch bestimmte Nahrungsmittel ausgelöst werden können, die man zuvor gegessen hat. Dass also die Verdauung anscheinend den gleichen Einfluss auf die Beschaffenheit des Traumes hat wie alles Psychologische", erklärt Catherine Yass.



Descent: HQ5,
1/4s, 5.7°, 3.4mm,
8.5mph, 2002
 

Descent: HQ3:
1/4s, 5.7°, 3.4 mm,
8.5mph, 2002
 

Descent: HQ5:
1/4s, 7.2°, 0.2mm,
20mph, 2002


Es kann jedoch zu Missverständnissen führen, wenn man ihre Arbeit in einen direkten Zusammenhang mit Träumen stellt. Sie selbst sagt dazu: "Ich habe ziemlich lebhafte Träume, aber mir liegt nichts daran, sie einfach auf meine Kunst zu projizieren. Es interessiert mich vielmehr wie die Vorstellungskraft funktioniert – im Wachzustand." Dieses Interesse teilt sie vielleicht unbewusst mit einer früheren Generation von Slade-Studenten, wie beispielsweise Victor Willing (1928–1988) und Michael Andrews (1928–1995), die sich mit den Gedanken des französischen Philosophen Gaston Bachelard über Tagträumerei und Architektur beschäftigt hatten.

Von Anfang an hat Yass für ihre Kompositionen eine einfache und klare Architektur gewählt. Oft bekommt man den Eindruck, dass die von ihr fotografierten Korridore (Bild) eigentlich eine Art mentale Architektur widerspiegeln – eine Architektur des menschlichen Geistes. "Natürlich muss die Fotografie ein Sujet haben, man muss ja irgend etwas fotografieren, und der Gegenstand selbst ist es dann auch, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Aber vielleicht reflektieren diese Korridore tatsächlich die Art und Weise, wie der menschliche Verstand funktioniert, weil man ja auch in Träumen Korridore rauf und runter geht, und auch Träume bewegen sich in einem bestimmten Raum."

An britischen Kunsthochschulen, ganz besonders an der Slade, war es lange verpönt, Handlung auf Bildern zu zeigen. Menschen darzustellen, die etwas miteinander tun, galt als absolut tabu. Kunst sollte über die bloße Erzählung erhaben sein. Auch wenn sich Yass der Zwangsjacke dieser Lehren entzog und nicht im Fachbereich Malerei studierte, weisen viele ihrer Bilder jene spezifische Ausdrucksstärke auf, die von dieser Hochschultradition geprägt ist. So galt ihr Interesse von Anfang an dem Porträt, das für sie untrennbar an die Darstellung der vereinzelten Figur gebunden ist, die ausnahmslos eingerahmt, isoliert und in ihrer Umgebung gefangen erscheint.



Cell: 2, 1998





Cell: hole, 1998

Die Ausnahme bestätigt die Regel, denn wenn gelegentlich mehr als eine Figur abgebildet ist, wie beispielsweise in der Arbeit Portrait: Chairpersons of the Council of the City of Salford (1994), wirken die Dargestellten auch hier vollkommen isoliert, ein jeder für sich, fast so, als wäre er durch die künstlerische Technik eingeschweißt worden. Im selben Jahr erregte ihre Korridor-Serie Aufmerksamkeit; für ihre Kompositionen über trostlose Architekturen, Krankenhauskorridore (Bild) und andere institutionelle Räume wurde sie berühmt. Sie selbst ist der Meinung, diese Anerkennung sei "reiner Zufall" gewesen.

"Ursprünglich waren die Korridor-Bilder als Hintergrund für Porträts gedacht, nie als etwas anderes," erklärt Yass. "Und nun hatte ich den Auftrag erhalten, in einem Krankenhaus zu arbeiten; bis dahin hatte ich nur Porträts gemacht.. Eigentlich war es meine Absicht gewesen, Patienten aus der psychiatrischen Abteilung porträtieren. Doch noch bevor ich überhaupt damit anfangen konnte, wurde mir das Archiv eines gewissen Dr. Diamond gezeigt, einem Arzt aus dem neunzehnten Jahrhundert, der hier in dieser Klinik über psychische Krankheiten geforscht hatte. Es bestand aus den Fotografien der einzelnen Patienten, und jedem war eine knappe Beschreibung ihrer Krankheit beigefügt. Diese Menschen waren so für alle Zeiten durch ihre Krankheiten – Wahnsinn, Hysterie oder Melancholie - gekennzeichnet."

"Bevor ich mich also mit den Porträts von den Patienten beschäftigte, nahm ich zunächst Bilder von Korridoren auf. Die Patienten-Porträts installierte ich schließlich in den Nischen des Krankenhauskorridors. Aber ich war nicht glücklich damit, sie aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang zu reißen.

Wenn ich früher Porträts gemacht habe, dann war das immer ein Versuch, bereits existierende Beziehungen noch mehr ans Licht zu holen. Wenn ich zum Beispiel im Auftrag einer Galerie arbeiten sollte, hätte ich das Porträt von einem Kurator gemacht. Ich hatte bis dahin mit Beziehungen zu tun, in denen die Macht gleich verteilt war, mit Beziehungen die nicht von der Machtausübung auf andere geprägt waren. Hier jedoch hatte ich mit Menschen zu tun, die wohl kaum daran interessiert waren, von mir aufgenommen zu werden. Ich wollte sicher sein, dass sie nicht in einer ausbeuterischen Situation gezeigt werden, ich wollte sie nur in einem Kontext ausstellen, wo sie auch Respekt erfahren würden.

Ich glaube nicht, dass man in einem Foto zum Kern des Wesens eines Menschen vordringen kann, weil die Identitäten der Menschen sich ständig ändern. Es ist nur ein Moment, und dann ist er vorbei: Identitäten entziehen sich jeglichem Zugriff. Das führt dazu, dass man manchmal gar nicht genau weiß, was man da eigentlich fotografiert. Ich will nicht einfach meine eigene Vorstellung auf die Menschen projizieren. Ein Krankenhaus ist eine abgeschlossene Welt in sich, vollkommen isoliert von der Außenwelt. Deshalb kann ein Foto von einem Patienten niemals den ganzen Menschen erfassen."



Garden Portrait, 2001

Auch wenn Yass dies abstreitet, so hat doch der Mann in dem Leuchtkasten Garden Portrait (1995–2001, im Besitz der Sammlung Deutsche Bank) etwas Visionäres, beinahe als befände er sich im Zustand des Wachtraums. Wieder werden wir mit dieser Doppeldeutigkeit konfrontiert: Ist er ein Visionär? Sieht er überhaupt irgend etwas? Das Bild selbst liefert keinen Anhaltspunkt, es deutet aber mit seinen brillanten, verschwommenen blauen Rändern gleichzeitig auch deren Durchlässigkeit an, als ob der Mensch mit seiner Umgebung verschmilzt und umgekehrt. Es ist, als befände er sich in eben jenem "traumwandlerischen Schwebezustand", den Yass in ihrer Arbeit erreichen möchte.

Sieht man dieses Bild jedoch im Zusammenhang mit den nackten Korridor-Bildern oder denen der Zellen-Serie (mehr hier), die sie vom Inneren eines Gefängnisses gemacht hat, so ist man irritiert über die Verschiebungen, die innerhalb dieser Welt stattfindenden. Die sich ausbreitenden Blau- und Grüntöne scheinen die Ordnung der Dinge an sich angreifen zu wollen, und drohen, die nüchterne Architektur aufzulösen wie eine zersetzende Säure oder ein Virus, der Farben befällt. Fast scheint es als würden die verschwimmenden Ränder Löcher bilden, die uns auffordern, von einer Welt in die andere hinüber zu gleiten.

Blau ist für Yass besonders wichtig: "Im Gegensatz zu anderen Farben scheint Blau die Eigenschaft zu haben, gleichzeitig vor und hinter einer Fläche zu erscheinen, so dass man es nie genau lokalisieren kann. Es bewirkt, dass man das Bild von einem fragmentierten und ungewohnten Standpunkt aus betrachtet. In den Porträts lässt die Farbe Blau den Raumeindruck und die Position des Menschen im Raum ins Wanken geraten, was den Betrachter durchaus desorientieren kann. Bildern wie aus der Korridor-Serie, die keine Personen abbilden, überlassen den Betrachter einem leeren Raum, in den er hineinfällt."



Bankside: Cherrypicker, 2000 /
Sammlung Deutsche Bank


Fallen wir also tatsächlich in diese Bilder "hinein"? Die instinktive Reaktion bei ihrer Betrachtung dürfte eher das Bedürfnis sein, aus den Zwängen der Gefängnis- und Krankenhausmauern auszubrechen, und damit gleichzeitig die eigenen inneren Mauern zu überwinden. Doch Yass hat uns dort hinein gestoßen – wir sind nicht einfach nur gefallen.. Es sind die verschwommenen Übergänge zwischen der Architektur unserer eigener Gedankengebäude und den von Yass abgebildeten Grundstrukturen, die uns in diesen Zustand versetzen. Wie eine Virusinfektion wirkt in uns die Beklemmung fort, mit der Yass ihre Arbeiten versetzt hat.



Star: Madhuri Dixit, 2001





Star: Hema Malini, 2001

Während eine subjektive Interpretation wie diese der Vielschichtigkeit ihrer Arbeiten kaum gerecht werden kann, hat Yass selbst jede Festlegung auf eindeutige Sujets oder Kategorien stets vermieden. Anläßlich der zehnten Indian Triennial in Neu-Delhi 2001, bei der sie Großbritannien repräsentierte, zeigte sie eine Serie von Porträtaufnahmen von Bollywood-Stars. Hier wird der Betrachter vollkommen in den Bann der Filmwelt gezogen. Den opulenten und luxuriösen Interieurs der Kinostudios fehlt jede Spur der Beklemmung aus den Krankenhausbildern. Beim Anblick der grellbunten Porträts indischer Filmstars wird einem bewußt, weshalb diese von Millionen von Fans angebetet werden. Und trotzdem entspringen auch diese Bilder ohne Zweifel der selben Art von Vision und sind deshalb geeignet, das Denken hinter dem Gesamtwerk von Yass zu verdeutlichen: "Mich interessieren Leuchtkästen als eine Art von Skulptur, wie auch Fotografie und Film. Film verführt uns und zieht uns in die Welt der Bilder. Auch Leuchtkästen haben ein Innenleben, ganz so wie wir selbst."

Literatur:
Greg Hilty, Parveen Adams: "Catherine Yass", aspreyjacques, London 2000.
Vikram Chandra: "Star", British Council, London 2001.

© Catherine Yass, London