In dieser Ausgabe:
>> Catherine Yass: Traumschichten
>> The Human Clay
>> Sechs Fotografen: Eine Ansicht aus London
>> Susan Derges: "Die ganze Nacht wäre meine Dunkelkammer....."

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The Human Clay





Francis Bacon, Study for a Portrait of Pope Innocent X, 1989
© VG Bild-Kunst, Bonn 2002


Als das Winchester House, der neue britische Hauptsitz der Deutschen Bank in London, 1999 eröffnete, war zunächst geplant, das wegweisende Konzept zu übernehmen, das die Kunstpräsentation in den Frankfurter Zwillingstürmen geprägt hat. So richtet sich in Frankfurt die Hängung der Kunstwerke nach kunsthistorischen Themen, wobei die einzelnen Etagen bestimmten Künstlern der deutschen Nachkriegszeit chronologisch zugeordnet wurden. Zwar vermag das Winchester House mehr als 2000 Menschen zu fassen, dennoch ist es weit davon entfernt, ein Hochhauskomplex mit vielen Stockwerken zu sein. Nicht zuletzt wegen seiner geschwungenen, gelben Fassade wird es im Volksmund zuweilen Big Banana genannt, und so erschien es der Londoner Kunstabteilung nicht angebracht, das Konzept der Zwillingstürme in Frankfurt einfach zu kopieren. Statt dessen entwickelte man ein System, das sich an den runden Konferenzräumen orientierte, die einzelnen Künstlern gewidmet sind. Die Etagen und Korridore wurden hierbei mit den Arbeiten sowohl deutscher als auch englischer Künstler ausgestattet, um einen Überblick der Kunstströmungen der letzten 40 Jahre in beiden Ländern zu vermitteln.



Konferenzraum mit Arbeiten von Patrick Caufield, Winchester House London





Konferenzraum mit Arbeiten von Lucian Freud

Heute sind über 130 Räume in den Britischen Niederlassungen der Deutschen Bank nach Künstlern benannt. Nahezu die Hälfte davon befindet sich im Winchester House, das den Ausgangspunkt zu einer Tour durch die Gegenwartskunst Großbritanniens und Deutschlands bildet. Francis Bacon eröffnet mit einer Lithografie eines seiner Papstbilder den Blick auf die Geschichte britischer Nachkriegskunst. An der Außenseite des ihm zugeordneten Raumes, der seiner Serie von Stierkampf-Bildern gewidmet ist, findet sich ein fotografisches Porträt des Künstlers, das von Bruce Bernard aufgenommen wurde. Durchschreitet man den Korridor in Richtung Westen, stößt man auf andere Künstler der School of London, darunter Lucian Freud, Leon Kossoff, Frank Auerbach und R. B. Kitaj.



Frank Auerbach Reclining Figure, 1972





Leon Kossoff, Dalston Junction near Ridley Road, 1972
© Annely Juda Fine Art, London


Es bietet sich geradezu an, einzelne Räume thematisch miteinander zu verbinden, wenn man ein Gebäude dazu nutzen möchte, um den Besucher möglichst anschaulich in Kunstgeschichte einzuführen – und zwar in jeder Richtung und Beziehung. Geschichte lässt sich schließlich nicht als geradliniger Marsch durch einen Korridor beschreiben. Als Erweiterung zu den beiden oberen Etagen des Winchester House, in denen sich neben den Arbeiten der School of London-Künstler auch die ihrer Zeitgenossen befinden, gelang es den Kuratoren der Deutschen Bank, eine weitere Etage in einem benachbarten Gebäude hinzu zu gewinnen, die ausschließlich dem Schaffen der London School gewidmet ist.

Kitaj prägte als erster den Ausdruck "School of London" anlässlich der 1976 von ihm kuratierten Ausstellung The Human Clay. Dass einige der Teilnehmer dieser damals vom British Arts Council betreuten Wanderausstellung heute im Winchester House gemeinsam präsentiert werden, ermöglicht es, die Anfänge dieser berühmten "älteren" Künstlergeneration Großbritanniens in einem neuen Licht zu betrachten.



Colin Self, Nude Triptych, 1971
© Alan Christea Gallery, London


"Ich habe mich ganz und gar nicht auf der Höhe meiner Zeit gefühlt", schrieb Kitaj in der Einleitung des Katalogs für The Human Clay. 1998 nahm er sich selbst beim Wort, als er den Entschluss fasste, Großbritannien endgültig zu verlassen, um nach über dreißig Jahren von London in die Staaten zurück zu kehren. Dabei hatte seine Ausstellung in jenen Jahren einen immensen Einfluss auf die britische Kunst und ihre Rezeption im In- und Ausland ausgeübt.

Kitaj betonte, wie stolz London damals auf seine vielen Künstler war, die sich in ihren Arbeiten vom rigiden Avantgardismus jener Jahre lösten. Er schrieb dazu: “Unter dem Strich lässt sich feststellen, dass diese kleine Insel mehr einzigartige und starke künstlerische Persönlichkeiten hervorgebracht hat als irgend ein anderer Ort auf der Welt, von der gewaltigen künstlerischen Vitalität Amerikas einmal abgesehen… Es gibt eine bedeutende School of London… wenn einigen dieser ungewöhnlichen und faszinierenden Persönlichkeiten, denen man hier begegnet, auch nur ein Bruchteil der internationalen Aufmerksamkeit und Unterstützung zuteil würde, die in diesen mageren Zeiten für provinzielle und orthodoxe Avantgardismen erübrigt wird, dann würde eine solche School of London sogar noch stärker hervortreten, als die, die ich in meiner Vorstellung begründet habe. Eine Schule des wirklichen London in England, in Europa… die ausländischen Schülern so heftige Kunstlektionen erteilt, wie sie nur dieser merkwürdige, alte, heruntergekommene und absolut einzigartige Ort hervorbringen kann.“



R.B. Kitaj, Study (Jean), 1969
© The Artist courtesy of Marlbough Fine Art


Kitaj’s Vision einer School of London setzte sich durch und wurde mit Hilfe des British Council und von Kuratoren aus aller Welt so international, wie es Kitaj vorhergesagt hatte. Doch ist die Kunstwelt chronisch anfällig für Moden, und die neunziger Jahre brachten die neuerliche Rückkehr eines Avantgardismus, der Kitaj wieder einmal das Gefühl gab, ausgeschlossen zu sein. Vielleicht ist es gerade jetzt an der Zeit, sich mit den Ideen von The Human Clay auseinander zu setzen. Die School of London, wie sie Kitaj vorschwebte, war alles andere als eine eingeschworene, hermetische Künstlergruppe, wenn sie zuweilen auch als solche propagiert wurde.



Lucian Freud, Woman with an Arm-Tattoo, 1996
© Goodmann Derrick, London


Fünfunddreißig Künstler nahmen an The Human Clay teil. Fast alle wurden hier noch einmal ausgewählt, um Kitajs Standpunkt, zu verdeutlichen, dass das Studium der menschlichen Figur so aktuell wie eh und je sei. Die wenigen Papierarbeiten in dieser Etage vermitteln lediglich einen Eindruck vom breiten Spektrum dieser Künstler. Auch hier hat sich Kitaj entschieden gegen eine sture Theoretisierung der Kunst gewandt: "Niemand wird jemals die Wahrheit besitzen – oder um es mit den Worten Ezra Pounds zu sagen: All unseren hartgesottenen und halbgaren Eitelkeiten zum Trotz ("despite all the hard-boiled and half-baked vanities of all the various lots of us") – es wird immer so viele Wahrheiten geben wie eigentümliche Existenzen."



Peter Blake, I for Idols, 1991
© VG Bild-Kunst, Bonn 2002






Richard Hamilton, I'm dreaming of a black Christmas, 1971
© VG Bild-Kunst, Bonn 2002



Dem Geist der Human Clay-Ausstellung folgend, die es auf rätselhafte Weise schaffte, zugleich kritisch und umfassend zu sein, will die Deutsche Bank mit ihrer Präsentation in diesen Räumen das Interesse für das breite Spektrum dieser Kunst wecken. Im Winchester House sind neben Kitaj noch vielen anderen auf dieser Etage präsentierten Künstlern Räume gewidmet: Frank Auerbach, Francis Bacon, Peter Blake, Patrick Caulfield, Lucian Freud, Richard Hamilton, Howard Hodgkin, Leon Kossoff und Colin Self. Den launischen Gesetzmäßigkeiten des Kunstmarktes und der Gebäudeplanung ist es zu schulden, dass die Arbeiten einiger Künstler aus Kitajs Gruppe in andere Räume verlegt wurden. Lediglich die Arbeit von Michael Andrews konnte von der Bank rechtzeitig für die Büros in der Appold Street erworben werden. Andere Gebäude profitieren von Bildhauern wie Anthony Caro und Eduardo Paolozzi. Mag die Präsentation von Kunst in sich ständig wandelnden Räumen im streng akademischen Sinn auch fragwürdig sein, der Sammlung verleiht dies ihren einzigartigen Charakter.

Alistair Hicks





Anne at Drancy Station, 1985
© The Artist courtesy of Marlbough Fine Art