In dieser Ausgabe:
>> Catherine Yass: Traumschichten
>> The Human Clay
>> Sechs Fotografen: Eine Ansicht aus London
>> Susan Derges: "Die ganze Nacht wäre meine Dunkelkammer....."

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Sechs Fotografen: Eine Ansicht aus London

Andrew Lambirth


In der reichhaltigen Sammlung der Deutschen Bank ist das Werk junger, zeitgenössischer Fotografen gut repräsentiert. Neben den Kunstwerken von Johnnie Shand Kydd, der die flüchtigen Momente des Nachtlebens von Kunststars wie Jay Jopling und Gary Hume verewigt, ergeben sich beim Blick auf eine ganze Reihe ausgestellter fotografischer Werke erkennbare Linien. Es kristallisieren sich spezifische Interessen und Themen heraus, von denen eines "Gegenwärtige Geschichte" oder die anhaltende Wirkung der Geschichte auf die Gegenwart heißen könnte.

Wie Richard Benson betonte (in: A Maritim Album, Yale University Press 1997), "ist die grundlegendste Realität der Fotografie, dass sie uns die Vergangenheit zeigt". Das ist richtig, aber diese Künstler gehen über die reinen Grundlagen hinaus. Sie versetzen uns in verschiedene Versionen der Zukunft und zeigen uns, oftmals durch Humor und Satire, wie wir die Welt gestalten. Sie thematisieren den Umfang oder den Mangel an Erzählung, ebenso wie die vagen, aber modischen Konzepte der Psychogeografie. Es sind Künstler, die sich mit Aneignung oder Neuinterpretation beschäftigen (es gibt eben nichts Neues unter der Sonne) und Strategien benutzen, in denen es vor allem auf den Kontext ankommt, in dem existierende Bilder möglicherweise neu verortet werden können. Ihre Arbeiten haben ebenso viel mit Illusion wie mit Aufklärung zu tun, sie betonen die Begegnung von Wissenschaft und Natur, Kultur und Geografie, Engagement und Passivität. Auf ästhetischer Ebene wirken sie besonders und entschieden zugleich.



Hannah Collins: True stories 8, 2000
Sammlung Deutsche Bank
© Tate Gallery, London


In ihrer Arbeit Wahre Geschichten 8 aus dem Jahr 2000 zeigt uns Hannah Collins (geb. 1956) die St. Paul's Kathedrale, wie sie sich - von Kränen umstellt - aus verschiedenen Bauplätzen erhebt. Von dem Raum in der Deutschen Bank aus, in dem Collin's Fotografie in der City of London hängt, kann der Betrachter tatsächlich auf St. Paul's sehen (wenn auch zugegebenermaßen aus einem etwas anderen Blickwinkel als auf der Fotografie), das heißt, er kann die Realität mit dem Abbild vergleichen. Aber ist Collins Fotografie überhaupt ein schlichtes Abbild? Gewiss nicht in der dramatischen Art, mit der sie den Himmel in ihren Bildern künstlich einfärbt. Der Himmel über Barcelona (in einem daneben hängenden Bild im gleichen Raum) ist in einem wunderbaren Eidotter-Gelb gehalten, während der Londoner Himmel über St.Paul's durch ein üppiges Irisch-Grün verschattet ist. Sollen diese Farben als Indikatoren industrieller Verschmutzung interpretiert werden? Ist diese Anspielung auf die grellbunte Verpuffung einer chemischen Reaktion als Kommentar zum modernen urbanen Leben und seinem expansionistischen Bauprogramm gemeint? Collins legt ihren eigenen Standpunkt zwar nahe, aber wir dürfen uns an eigenen Interpretationen versuchen.

Zwei frühe Schwarz-Weiß-Fotografien von Collins aus dem Jahr 1989, die im selben Londoner Raum hängen, zeigen runde Restauranttische, die mit Tischtüchern umwickelt sind – darunter scheinen sich die gedeckten Speisen abzuzeichnen. Die Bilder sind bewusst geheimnisvoll gehalten, kryptisch in dem Sinne, dass sie mit einer Bildhaftigkeit spielen, die ihre Bedeutung bewusst verbirgt. Die Stadtbilder sind ebenso geheimnisvoll, aber auf eine offenere und aussagekräftigere Weise. Sie erweitern das eigentlich urbane Thema um eine organische Komponente und zwingen uns, die Beziehung zwischen der Natur und dem vom Menschen Geschaffenen in unserer vordergründig umweltbewussten Gesellschaft zu hinterfragen.

Eine andere Ansicht Londons zeigt sich im Hintergrund einer ausgezeichneten, modernen Neufassung des bekannten Motivs der Pieta - die trauernde Madonna mit dem toten Christus auf ihrem Schoß. Diesmal ist aber nicht St. Paul's zu sehen, sondern der Post Office Tower und das Millennium-Riesenrad. Das Bild der Irin Siobhan Hapaska (geb. 1963) trägt den Titel Robot und zeigt einen jungen Mann im karierten Hemd, der einen zerpflückten und auseinandergenommenen Roboter (also ein Ex-Roboter) im Schoß hält, ganz in der Art einer klassischen Pieta-Darstellung.

Wurde dieser eher altmodisch aussehende Roboter geopfert, damit wir leben können? Eher unwahrscheinlich! Dennoch ist das Bild mitfühlend und witzig zugleich. Es scheint an die Totenwache für eine Maschine gemahnen zu wollen. - Das aber wäre zuviel des Guten in unserer von Technologie beherrschten Epoche.

Eine weitere Neuinterpretation eines ikonografischen Motivs bietet uns Anya Gallaccio (geb. 1963) mit ihrem melancholischen Blick auf Tod und Zerfall unter dem Titel Now the Leaves are Falling Fast. Sie spielt auf das klassische Gemälde Ophelia (1851-52) des Prä-Raffaeliten John Everett Millais an, auf dem der Körper der von Hamlet verschmähten Geliebten nach ihrem Selbstmord einen Fluss hinab treibt.

Für ihre Neuinterpretation posiert Gallaccio selbst, in einem bizarren Selbstportrait, das sie in einem scheinbar toten, überwucherten Gewässer irgendwo im Süden Englands zeigt. Es erinnert an das Foto aus einem Film über einen geheimnisvollen Mordfall und suggeriert eher den gewaltsamen Tod durch äußeren Einfluss als einen geplanten Selbstmord. Die ländliche Umgebung verstärkt das ungeheure Pathos des Bildes zusätzlich. Übernehmen wir eigentlich Verantwortung für einander oder doch nur für uns selbst?



David Hiscock: Stroke (Grass), 1997, Sammlung Deutsche Bank
© David Hiscock, London


Havid Hiscock (geb. 1956) ist ein enorm vielseitiger Fotograf, der sowohl farbenfrohe und einfallsreiche abstrakte Bilder produziert, als auch die langen Belichtungszeiten ins schier Unendliche zu erweitern vermag, während er die Kamera präzise und sorgfältig über und um den gewählten Gegenstand herum bewegt. Auf diese Weise hat er eine Art fotografischen Kubismus entwickelt, mit dem er das Wesen eines Gegenstands aus ungewöhnlichen Blickwinkeln einfängt. Tatsächlich scheint das Grass sich zu bewegen: Hiscock's Bilder Stroke/ Grass erinnern an einen flüssig-biegsamen Drahtteppich, der sich einem zeitlosen Tanz hingibt. Hier offenbart sich ein weiterer Blick auf die natürliche Welt: Das Grass wogt und wiegt sich wie die Wellen auf dem Wasser, wenn es von einem Schwimmer durchpflügt wird. Tatsächlich sind wir damit jedoch zum ruhigen Kern der Dinge vorgestoßen, ins Mikroskopische, wo nichts mehr ist, was es scheint.

Die Brüder Maik und Dirk Löbbert (geb. 1958) aus Deutschland untergraben als Team jegliche selbstsichere Wahrnehmung unserer Umwelt. Ihre Arbeit ist subversiv, provozierend, aber immer spielerisch; die Gefahr löst sich in einem Witz auf. Das beunruhigende Bild eines Eisenbahntunnels mit der durch einen schwarzen Halbkreis angedeuteten gähnenden Öffnung, die wie eine zusätzlich perfektionierte Spiegelung wirkt, erinnert an Charles Dickens' unheimliche Geistergeschichte The Signalman. Etwas bedrückend Düsteres liegt in dieser Aufnahme, eine Fremdheit jenseits des Natürlichen, die nur schwer integriert werden kann.



Maik und Dirk Löbbert: San Gimignano II, 1996
Sammlung Deutsche Bank
© Maik und Dirk Löbbert, Köln


Die Löbberts widmen sich aber auch der Darstellung klassischer Architekturlandschaften: eine stille italienische Piazza ebenso wie die Panoramaansicht der Türme von San Gimignano, die geometrische Interventionen in kräftigen Farben aufweisen. Eigentlich sieht es so aus, als hätte ein freches Kind aus purem Übermut die schönen Schwarz-Weiß-Bilder eines teuren Buchs mit Farbe übermalt. Einmal ist es ein rotes Rechteck, das vertikal auf eine Stadtlandschaft gemalt ist, ein anderes Mal wird ein Innenhof zum grellblauen Schachbrett. Wenn sie sich der Landschaft widmen, kann es passieren, dass die Lobberts ein knallrotes Brett in die Astgabeln zweier großer, am Flussrand stehender Bäume einfügen. Ihre Absicht ist es unter anderem, uns immer wieder mit Rätseln zu konfrontieren. Gar keine so schlechte Idee in einer Zeit, in der ansonsten ein unschlüssiger Pluralismus und scheinbar endlose Wahlmöglichkeiten vorherrschen.

Übersetzung: Uta Ruge