In dieser Ausgabe:
>> Il Ritorno dei Giganti
>> Lyonel Feininger: Strollers – The Passing Scene
>> Sugimoto - Imitation of Life

Im Archiv:
>> Man in the Middle
>> Chillida Tapies
>> Landschaften eines Jahrhunderts

 

Imitation of Life

Ein Auftragswerk für das Deutsche Guggenheim in Berlin auf Welttournee: Nach den Stationen New York, Bilbao und Auckland sind Hiroshi Sugimotos Portraits nun im Singapore Art Museum zu sehen. Die überlebensgroßen Fotografien von Wachsfiguren historischer Persönlichkeiten, die der Künstler aus ihrer Inszenierung bei Madame Tussaud's löste und vor einem dramatisch ausgeleuchteten schwarzen Hintergrund inszenierte, wirken verstörend lebendig. Mit fast halluzinogener Präzision lässt Sugimotos Porträt-Galerie die wächsernen Identitäten von Henry VIII, William Shakespeare oder Fidel Castro in neuem Licht erscheinen. Oliver Koerner von Gustorf über die Authentizität des Künstlichen, "den ersten Fotografen des 16. Jahrhunderts" und die heikle Frage, wie man ein Abendmahl abbilden kann, das angeblich vor zweitausend Jahren stattfand.



Henry VIII
© Deutsche Guggenheim Berlin
  

Anne Boleyn
© Deutsche Guggenheim Berlin

Schon vor Jahren hatte der in New York beheimatete japanische Künstler Sugimoto (Bild) die Idee, seine schwarz-weißen Foto-Serien von Dioramen in Naturkundemuseen und Porträts von Wachsfiguren in einem Band zu vereinigen – als Bilderzählung, die zugleich als Reiseführer für Außerirdische dienen könnte. Gewissermaßen als "First Visitor's Guide", wie ja auch sein Arbeitstitel lautete. Aufgabe dieses Handbuchs wäre es laut Sugimoto, den Neuankömmlingen zu erklären, "was es auf der Erde zu sehen gibt, was für Leute hier leben und zu zeigen, wie das Leben auf der Erde entstand". Sogar ein Vorwort hatte er bereits für dieses Jahrmillionen umfassende Buch geschrieben.

Sein Vorhaben wurde bis heute nicht realisiert, doch gibt der im Jahr 2000 anlässlich der Berliner Ausstellung seiner "Portraits" im Deutsche Guggenheim herausgegebene Katalog (Bestellung hier) einen Eindruck davon, wie dieser fiktive Reiseführer beschaffen sein könnte: Neben den Konterfeis weltberühmter Persönlichkeiten aus mehreren Jahrhunderten findet sich in der Einführung des Kataloges eine Auswahl früherer Arbeiten Sugimotos, die ganz unterschiedliche Szenen abbilden: eine strahlend erleuchtete Leinwand vor den leeren Sitzen eines Kinopalastes, urzeitliche Tiefseesphären, Hinrichtungen durch die Guillotine oder den elektrischen Stuhl, der dunstige Horizont des Pazifischen Ozeans. All diesen Darstellungen wie auch den neueren historischen Porträts berühmter Persönlichkeiten haftet eine unergründliche Aura der Stille an, die in der Abwesenheit jeglichen Lebens gründet. Wenn die menschliche Figur erscheint, dann lediglich als wächserne Nachbildung.

Auf Sugimotos Fotos wirkt die Welt unbewohnt, fast körperlos, in der Schwebe zwischen Leben und Tod. So lassen seine an die Gemälde Caspar David Friedrichs oder Claude Monets angelehnten Seestücke aus den neunziger Jahren nicht nur an ihre berühmten Bildvorlagen denken, sondern zugleich an den Beginn der biblischen Schöpfung, an jenen Satz, mit der die alttestamentliche Genesis eingeleitet wird: "Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis war über der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über den Wassern." Sugimotos Momentaufnahmen von naturgeschichtlicher Evolution und menschlicher Kultur erfassen tatsächlich nur Spuren irdischen Lebens - unbevölkerte Bauwerke, museale Arrangements, ausgestopfte und nachgebildete Flora und Fauna, künstlich geschaffene Doppelgänger und Stellvertreter, die exemplarisch die menschliche Geschichte illustrieren.



William Shakespeare
© Deutsche Guggenheim Berlin
  

Diana, Princess of Wales
© Deutsche Guggenheim Berlin

Die Beziehung zwischen Wahrheit und Fotografie, der Glaube daran, dass die Kamera ein Aufzeichnungsapparat ist, der nicht lügt, wird von Sugimoto virtuos genutzt, um den grundlegenden Zwiespalt zwischen dargestellter und gesehener Welt zu verdeutlichen. (Dazu ein Interview mit dem Londoner Kunstkritiker Martin Herbert.)

So reflektieren die im Auftrag des Deutschen Guggenheim entstandenen Fotografien offensichtlicher als zuvor das Verhältnis zur Darstellung in der Malerei und verweisen auf die Werke von Holbein, Vermeer und Van Dyck. Mit seinen Portraits hat der Hasselblad-Preisträger Sugimoto auch erstmalig sein seit Mitte der siebziger Jahre bevorzugtes Bildformat von 50 x 60 Zentimeter verlassen und zeigt nun Großformate und mehrteilige Tableaus. Größer als das Leben selbst blicken uns William Shakespeare, Anne Boleyn, Prinzessin Diana, oder Rembrandt entgegen. Im Gegensatz zu Sugimotos früheren Aufnahmen erscheinen die porträtierten Figuren hier effektvoll beleuchtet vor einem schwarzen Hintergrund, bis ins kleinste Detail versehen mit den fotografisch simulierten Gesten altniederländischer Ölmalerei, und entspannen einen bizarren Dialog zwischen Maltechnik, Wachsfigur und Kamera.

Wenn der Besucher von Madame Tussaud's in Amsterdam angesichts der Nachstellung von Vermeers berühmtem Gemälde Die Musikstunde das Gefühl verspürt, er befände sich tatsächlich selbst im Bild des niederländischen Meisters und somit im Ambiente des 17. Jahrhunderts, wird diese subjektive Empfindung in Sugimotos Darstellung und Konzept auf paradoxe Weise gesteigert. In seinem gemeinsam mit den Portraits entstandenen Bild The Music Lesson erscheint die wächserne Szenerie auf den ersten Blick nicht als rekonstruierte Kopie, sondern als vermeintlich authentische, fotografische Vorlage, an der sich Vermeer orientiert haben könnte. Während man auf Vermeers Gemälde in dem über dem Klavier hängenden Spiegel die Reflexion der Staffelei des Malers erkennt, sieht man bei Sugimoto an dieser Stelle das Stativ der Kamera, ganz so als sei der Fotograf bereits vor Jahrhunderten Augenzeuge der eigentlichen Situation gewesen.



The Music Lesson
© Deutsche Guggenheim Berlin


Die konzeptionelle Raffinesse, mit der Sugimoto seine Bildobjekte quer durch die Zeiten und Medien in die Gegenwart transformiert, wird besonders an seiner Version des "Abendmahls" deutlich: Das von Leonardo da Vinci gemalte Heilsgeschehen wurde so oft nachgeahmt, dass die Imitationen bekannter sind, als das Originalgemälde. Niemand weiß, wie diese Szene tatsächlich ausgesehen hat, und doch erscheint da Vincis Fresco als geläufige Darstellung, an der sich die "Genauigkeit" späterer Kopien messen lassen muss. Bei Sugimoto, dem laut eigenem Bekunden die Popularität christlicher Religion ein Rätsel ist, erlangt diese Ikone westlicher Kunst und Geschichte eine fremdartige Bedeutung: Indem er die Szene anhand eines in Japan entdeckten Figurenensembles mit der Akribie eines Wachsbildners wie einen tatsächlich stattgefundenen Moment im Foto möglichst "lebensecht" auferstehen lässt, löst er das Motiv nicht nur aus dem religiösen Zusammenhang, sondern auch aus dem linearen Zeitverständnis des Betrachters.



The Last Supper
© Deutsche Guggenheim Berlin


Vor dem Dunkel des Raumes versammeln sich die merkwürdig deformierten Teilnehmer des "Abendmahls" zu einer Gruppenaufnahme: Ihre künstlichen Glieder sind in gefrorenen Posen erhoben, ganz so, als wollten sie pflichtbewusst einen Kanon verewigen, der ihnen selbst entfallen ist. Bar aller Werte, beschränkt auf die Abbildung wächserner Existenz, verkörpert Sugimotos Foto eine Realität, die mit einem Wandbild im 15. Jahrhundert begann und durch zahllose Reproduktionen in die Gegenwart eingetreten ist. (Dazu ein Interview zwischen Sugimoto und Robert C. Morgan vom NYARTS - Magazin) Als Kunstwerke bekunden Sugimotos Arbeiten nicht nur die Illusionen der Vergangenheit, sondern auch die Fiktion einer fernen Zukunft – einer Zeit in welcher die Geschicke des Menschen nur noch durch seine Versuche gedeutet werden können, sich selbst zu verewigen.

In seinem geplanten Reiseführer für Außerirdische werden Sugimotos Portraits unter dem Kapitel "Aussterben" präsentiert: "Massensterben dieser Gattung sind von Zeit zu Zeit unter den Lebensformen der Erde zu beobachten. Bitte planen Sie für die Dauer dieser seltenen katastrophalen Ereignisse keine Reisen zum Planeten Erde."