Ruhe bitte!
Wo finden Sie Entspannung im Kunstsommer?

Der Sommer lockt auch Kunstfans aus der Stadt hinaus. Kunst auf besondere Art erleben, in der Natur oder an abgeschiedenen Orten in Ruhe genießen – wo geht das? Und wo entgehen Sie dem üblichen Kunsttrubel am besten? ArtMag hat sich umgehört.

Jens Hoffmann
Direktor, Jewish Museum, New York
Photo Robert Adler

Jens Hoffmann
Absolut begeistert hat mich zuletzt der Besuch des ehemaligen Wohnsitzes des Landschaftsarchitekten Roberto Burle Marx (1909-94). Inmitten einer alten Kaffeeplantage etwa 45 Minuten südlich von Rio de Janeiro gelegen, kommt das Burle Marx-Anwesen meiner Vorstellung vom Paradies am allernächsten. Wie in einem verschwenderischen, üppigen Garten Eden wachsen in der sorgfältig gestalteten Landschaft unzählige Pflanzen und Blumen, dazu kommen noch Teiche, Wasserfälle und wunderschöne historische Gebäude.

Burle Marx ist vor allem für seine Zusammenarbeit mit dem ikonischen Architekten Oskar Niemeyer bekannt, mit dem er den Masterplan für Brasilia entwarf, ganz zu schweigen von seinen zahlreichen weiteren kreativen Partnerschaften. Was jedoch nur wenige wissen ist, dass Burle Marx zudem ein leidenschaftlicher Maler, begeisterter Sammler, Schmuckdesigner, talentierter Sänger und meisterhafter Koch war. Als ultimativer Universalgelehrter kannte Burle Marx in seiner kreativen Energie keine Grenzen. Einen großen Teil davon spürt man auf dem Anwesen, das heute Sitio Burle Marx heißt, noch immer. Abseits der ausgetretenen Pfade und weit weg von den üblichen Touristenattraktionen Rios, kann man hier sein früheres Haus besuchen, seine Sammlung religiöser Kunst, von Keramiken, Muscheln und Pflanzen sowie sein Atelier voller Zeichnungen, Malereien und Skulpturen besichtigen – oder einfach in diesem unbeschreiblichen Gärten spazieren. Denn sobald man das Universum von Burle Marx betritt, ist der Rest der Welt vergessen.





Susanne Pfeffer
Direktorin, Fridericianum, Kassel
Photo Angela Bergling

Susanne Pfeffer
Unweit des Fridericianum liegt in fußläufiger Distanz die Karlsaue, die um 1700 als barocke Parkanlage konstruiert und Ende des 18. Jahrhunderts gemäß der Vorstellung eines Landschaftsparks verwandelt wurde – die Karlsaue ist Resultat unterschiedlicher Konzepte von Natur. Wenn ich ein wenig Abstand brauche, laufe ich einige Schritte dorthin und schlendere durch den Park, in dem auch Außenkunstwerke vergangener documenta-Ausstellungen zu finden sind: Besonders gefällt mir die Skulptur Idee di Pietra (2010) von Giuseppe Penone. Das Werk reflektiert die absurde Trennung von Kultur und Natur und begegnet so auf treffende Weise der Künstlichkeit des Parks und seiner nach wechselnden Vorstellungen kultivierten Natur.





Toshio Hara
Direktor, Hara Museum of Contemporary Art, Tokio
Courtesy Hara Museum

Toshio Hara
Mir fallen da drei Orte ein: 1. Das Teshima Art Museum. Das Gebäude ist ein Werk des Künstlers Rei Naito und des Architekten Ryue Nishizawa und einfach der Inbegriff des Schönen. Es lohnt sich, die Zeit für einen Besuch zu nehmen. 2. Der Sunspace for Shibukawa von Ólafur Elíasson im Hara Museum ARC in Shibukawa. Dieses Sonnenobservatorium steht auf einer grünen Wiese. Im Inneren erlebt man ein Spiel von Regenbogen, die ganz allein das Licht erzeugt, das durch ein kleines Fenster fällt und den Besucher in himmlische Sphären versetzt. 3. Das Honolulu Museum of Art, Spalding House. Dieses Museum liegt einsam auf einem Berg. Hier kann ich der Hektik entkommen und mich treiben lassen. Im Schatten der riesigen hawaiianischen Bäume liegt der Garten mit Skulpturen von George Rickey, die in der Brise vibrieren.







Hanna Wroblewska
Direktorin, Galeria Zacheta, Warschau
Photo M. Szacho/fototaxi.pl

Hanna Wroblewska
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich hier im Sommer ein paar Ruhepausen zu gönnen. Eine davon: einfach in Warschau bleiben! Paradoxerweise ist das Stadtzentrum dann völlig ruhig. Die Warschauer verlassen die Stadt oder drängen sich dicht an dicht an der Weichsel, die in dieser Zeit zum Zentrum der Welt wird. Die Touristen hingegen folgen meist den zwei, drei bekannten Routen zu den königlichen Residenzen in Łazienki and Wilanów.

Aber natürlich gibt es auch noch eine zweite Möglichkeit: in Polen zu bleiben – aber die Hauptstadt meiden! Man findet eine Fülle von Orten, die großartige Kunsterlebnisse und touristische Attraktionen bieten, wo man sie gar nicht vermuten würde. Ich habe Tarnau für mich entdeckt – eine mittelgroße Stadt mit wundervollen Parks, dem ersten Kino Polens und dem sehenswerten modernistischen Mościce, das man auch von Wilhelm Sasnals Gemälden kennt. Die kleine BWA Galerie, deren Direktorin Ewa Łączyńska-Widz vor zwei Jahren übrigens die Kuratorin des „Views“-Wettbewerbs war, präsentiert regelmäßig tolle und anregende Ausstellungen, die den Besucher in den Zustand des reinen Kunstgenusses versetzen. Ein Kunstgenuss, der im allgemeinen Trubel der großen Galerienschauen, Messen und Biennalen leicht untergeht. Ein weiterer Vorteil von Tarnau ist die Nähe zu den Bergen!





Thaddaeus Ropac
Galerist, Paris & Salzburg
Photo Peter Rigaud,
c/o Shotview Photographer's Management

Thaddaeus Ropac
Ich erhole mich gerne in meinem Haus auf der griechischen Insel Hydra, wo es seit den 1960er-Jahren eine interessante und diskrete Künstlerkolonie gibt. Beim Austausch mit den dort lebenden Künstlern und Schriftstellern finde ich Inspiration für neue Ausstellungen und Projekte.





Nicolas Iljine
Advisor to the General Director of the
State Hermitage Museum, St. Petersburg
Gemälde Diana Vouba

Nicolas Iljine
Wenn ich Großstädten wie New York, Moskau, London oder Paris entfliehen möchte, fahre ich gern in die Bretagne, in mein Haus in Pont l’Abbé in der Nähe von Quimper. Ob es nun das Meer direkt vor der Tür, die Fischer, die um vier Uhr morgens ihren Fang an Land bringen, der örtliche Markt oder die köstlichen Crépes mit Cidre sind – die Region ist gekennzeichnet von einer erstaunlichen Vitalität, wunderschönen Landschaften und ausgeprägten kulturellen Traditionen. Die aus dem 13. Jahrhundert stammende Kathedrale von Quimper strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Häufig finden hier Abendkonzerte mit klassischer Musik statt.  Und im nahegelegenen Kunstmuseum stehen oft erstaunlich gute Ausstellungen auf dem Programm.

Im eine Stunde entfernten Pont-Aven waren zahlreiche Künstler zu Gast, unter anderem so innovative Maler wie Paul Gauguin und Émile Bernard. Gauguin kam im Juli 1886 nach Pont-Aven, Bernard etwas später. Als sich die beiden hier zwei Jahre später wiedertrafen, vertiefte sich ihre Beziehung. Bernard zeigte Gauguin sein Bild Pardon à Pont-Aven (1888), von dem einige glauben, dass es Gauguin zu Vision du Sermon anregte. Bernard behauptete immer, dass er der erste war, der in dem Stil, der später als Synthetismus bekannt wurde, gearbeitet hat.

In der Gegend von Carnac trifft gibt es erstaunlich viele megalithische Stätten, man trifft auf Dolmen, Hügelgräber und einzelne Menhire. Mehr als 3.000 prähistorische Steine wurden aus den Felsen geschlagen und von den Völkern, die die Gegend vor den Kelten besiedelten, errichtet. Das geschah während der Jungsteinzeit,  wahrscheinlich um 3.300 vor Christus, manche der Steine sind sogar noch rund tausend Jahre älter.

Älter Menschen sprechen hier noch Bretonisch, eine keltische Sprache, die auch in Irland, Schottland, Cornwall und auf der Isle of Man gesprochen wird. Während des 19. Jahrhunderts wurden die lokalen Trachten immer aufwendiger und bunter. Besonders berühmt waren die aufwendigen Spitzenhauben, die die Frauen trugen. Manche der mit Blumenmustern bestickten Exemplare waren bis zu 30 Zentimetern hoch.

Hier trifft man auch immer wieder auf alte Kirchen. Vor der Notre-Dame-Kapelle in Tronoën steht ein schöner, von Wind und Wetter gezeichneter  Kalvarienberg aus dem 15 Jahrhundert.

Die bretonische Volksmusik umfasst eine Reihe von Stilen. Die traditionellen Musiker wurden ab den 1950er-Jahren zu Helden des Folkrevivals. Im Sommer finden Konzerte statt und jede Dorfgemeinschaft organisiert eine „Fest-noz“, eine Nacht der Musik und traditionellen Tänze.




Nada Raza
Kuratorin, Tate Modern, London

Nada Raza
Vor kurzem erst war ich wieder in Sri Lanka. Mein letzter Besuch fand noch zu Zeiten des dortigen Bürgerkriegs statt. Damals blieb ich an den für Touristen sicheren Stränden im Süden des Landes. Diesmal konnte ich mit einem Mietauto in den Norden der Insel fahren. Meine Reise begann in der Hauptstadt Colombo. Als grüne Stadt mit vielen niedrigen Bauten hat sie sich viel von ihrem ursprünglichen Charakter bewahrt und gilt als ein Katalysator für Innovationen in der Region. So ist etwa die Architektur in Sri Lanka ganz außergewöhnlich. Eingeweihte wohnen gern in Häusern oder Hotels, die von Geoffrey Bawa (1919-2003) entworfen wurden. Bawa und seine Zeitgenossen wie Minette de Silva waren Pioniere der Tropischen Moderne. Sie arbeiteten mit Künstlern zusammen, um zeitgemäße Lebensräume zu schaffen, die lokale Materialien nutzen und auf die Umgebung eingehen. Ich besuchte Bawas Wohnhaus „Number 11“, in dem man auch übernachten kann. Eine Batik von Ena de Silva ziert den weißgekachelten Flur, an dessen Ende eine von Laki Senanayakes Metallblech-Eulen den Besucher empfängt und weiter ins kühle Innere des Gebäudes lockt.

Ebenfalls in Colombo hält die Barefoot Galerie die Erinnerung an Barbara Sansonis innovative Textilkunst wach, während Paradise Road zugleich als Galerie und luxuriös dekoriertes Restaurant fungiert. Mit jungen Künstlern traf ich mich bei Saskia Fernando, einer neuen, ambitionierten Galerie für Gegenwartskunst. Das Künstlerkollektiv Theerta  versammelt sich gern im Kunstraum Red Dot. Hier erfuhr ich von einer neuen Performance-Plattform in einer öffentlichen Busstation. Annoushka Hempels Galerie befindet sich in ihrem Haus, wohin sie mich vor einer Wohltätigkeitsauktion im Lionel Wendt Center einlud. Wendt wurde mit experimentellen Fotoarbeiten bekannt und stand im Mittelpunkt der kulturellen Szene im kolonialen Ceylon der 1930er Jahre. Die ganz in der Nähe gelegene Sapumal Foundation zeigt eine Auswahl von Arbeiten der 43 Group, zu der neben Wendt auch modernistische Maler wie Pieris, Keyt, Daraniyagala zählten.

Dann auf in den Süden der Insel! Zuerst nach Mirissa, wo ich mich mit Saskia Pinkleton in ihrem Atelierhaus traf, einem weiteren architektonischen Wunderwerk. Es fiel mir schwer, die Reise fortzusetzen, doch das preisgekrönte Kadju House in Seenimodera ist das Haus, von dem ich immer geträumt habe. Für meinen Freund Vikrom Mathur hat der Architekt Pradeep Kodikara ein wahres Juwel aus poliertem Beton entworfen. Dort konnte ich mich zwei Tage lang auf meine nächsten Abenteuer vorbereiten. Es fiel mir schwer nach Galle weiterzufahren. Die alte Hafenstadt hat sich inzwischen zum Touristenzentrum gewandelt. Im dortigen Maritime Museum erfährt man eine Menge über den indischen Ozean. Ich schaute mir auch den Leuchtturm am Dondra Head an, der südlichsten Spitze Sri Lankas, wo auch der legendäre Admiral und Entdecker Zheng He im 15. Jahrhundert vor Anker ging. Zwischen diesem Punkt und der Antarktis ist nur noch Wasser.

Dann fuhr ich in Richtung Norden und stieg in einem ebenfalls von Geoffrey Bawa designten Hotel ab, dem Kandalama. Der an einem von Felsen umgebenen See errichtete Bau ist ganz von Kletterpflanzen überwuchert. Sie dienen einigen Affenfamilien als natürliche Aufzüge. Ihr Treiben kann man durch die Zimmerfenster gut beobachten. Das Hotel ist perfekt gelegen, um Dambulla, einen bemalten Felsentempel zu besuchen. Und bis zu dem ebenso alten wie spektakulären Palast Sigiriya ist es auch nicht weit. Seine symmetrisch angelegten Wassergärten sind eines der ältesten Beispiele für einen königlichen Lustgarten. Ganz in der Nähe besuchte ich den Künstler Laki Senanyake, der in einem offenen Haus ohne Mauern wohnt. Von seinem Lieblingsplatz blickt er auf eine Zisterne, die er in sein Wohnzimmer integriert hat. Die Musik erklang aus Lautsprechern in den Bäumen. Hier erfuhr ich mehr über seine Zusammenarbeit mit Bawa. Leider verpasste ich den Künstler Mohanned Cader, der mir seit langem immer wieder von diesem magischen Ort erzählt hat.

Dann war ich in Jaffna, um im Sri Lanka Archive of Contemporary Art, Architecture and Design an einem Seminar bei Natasha Ginwala teilzunehmen. Dank des Engagements des Gründers Sharmini Periera und dem in Jaffna beheimateten Künstler und Lehrer Thamotharampilla Shanaathanan versammelt sich hier immer ein junges, überaus aufgeschlossenes Publikum. Das Seminar wurde simultan vom Englischen ins Singhalesische und ins Tamilische übersetzt, was die ethnischen und sprachliche Barrieren verdeutlicht, die auch nach dem offiziellen Ende des Bürgerkriegs zwischen den beiden Volksgruppen fortbestehen.

Zusammen mit der Fotografin Menika van der Poorten und der Schriftstellerin Jyoti Dhar, die in der Stadt waren, um Teilnehmer der nächsten Ausgabe des Kunstfestivals Colomboscope zu besuchen, war ich in der rekonstruierten Bibliothek des Archivs  und den Ruinen der zerstörten Festung von Jaffna. Während die Sonne über dem Meer unterging, färbte sich der Mond hinter uns in ein mattes Rot – ein magischer Moment, den keine Kamera jemals festhalten könnte. Die Stimmung war wunderschön und doch gespenstisch und so schwiegen wir eine Weile.
 
Abgesehen von den tollen Eissalons – ‘Rio’ gehört zu den berühmtesten und hier aßen wir einen Eisbecher in den tollsten Technicolour-Farben – gibt es hier kaum einen Ort an dem man sich treffen kann. Und so könnte das Archiv mit seinem Talk-Programm und der wachsenden Bibliothek zu einem neuen diskursiven Treffpunkt werden. Ich traf mich auch mit den Künstlern Jagath Weerasinghe und Thenuwara Chandragupta und wir hatten eine Menge zu besprechen. Viel zu schnell war es dann aber Zeit für die achtstündige Rückfahrt zum Flughafen. Mein Versprechen, schnell wieder nach Sri Lanka zurückzukommen, kann ich vielleicht schon bald wahrmachen – im August, zur neuen Ausgabe von Colomboscope.