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No Place like Home
Ein Rundgang durch die Whitney Biennale 2012


Regelmäßig sorgt die New Yorker Whitney Biennial für heftige Kontroversen. Denn alle zwei Jahre wagt die Schau, die seit 2006 von der Deutschen Bank gefördert wird, eine aktuelle Bestandsaufnahme der amerikanischen Szene. So gilt die Biennale als ein Barometer, das nicht nur die aktuellen Strömungen der US-Kunst registriert, sondern auch die gesellschaftlichen Befindlichkeiten. John Reed berichtet, wie das Ergebnis diesmal ausgefallen ist.


"Zuhause" – die Whitney Biennial 2012 präsentiert sich als vielschichtige Auseinandersetzung mit diesem emotional besetzten Begriff. Dieses Thema erscheint überaus passend für die diesjährige Ausgabe der wohl bedeutendsten Überblicksschau zur aktuellen US-Kunst, steckt doch das Whitney Museum selbst gerade mitten in einem Umzug. Sein zukünftiges, von Renzo Piano entworfenes Heim – Nummer vier in der Geschichte des Hauses – liegt in Chelsea und bietet mit einer Fläche von 19.000 Quadratmetern viel Raum für Experimente. Der Schwerpunkt der diesjährigen Biennale liegt dann auch auf innovativen Medienarbeiten: Allein 33 Film-, Video-, Digital-, Performance- und Installationskünstler sind vertreten. Die Besucher sollten deshalb viel Zeit mitbringen, denn allein die Filme und Videos haben zusammen genommen eine Spieldauer von über 30 Stunden. Ausgewählt wurden die Künstler von der Whitney-Kuratorin Elisabeth Sussman, der Jay Sanders, ein unabhängiger Kurator, mit dem Schwerpunkt Performance zur Seite stand. Die starke Präsenz der Medienarbeiten führt allerdings dazu, dass für Malerei, Bildhauerei oder Fotografie nur wenig Raum bleibt. So entsteht der Eindruck, dass es sich hier um zwei unterschiedliche Biennalen handelt: Eine Medien- und Performance-Schau, die für die zukünftige Orientierung des Whitney Museums steht, und eine Ausstellung, die sich eher im traditionellen Rahmen bewegt.

Das zentrale Thema der Biennale veranschaulicht etwa ein Film des kürzlich verstorbenen Mike Kelley. Going East on Michigan Avenue from Westland to Downtown Detroit basiert auf seinem ersten für den öffentlichen Raum realisierten Projekt. Er ließ das Haus, in dem er seine Kindheit verbracht hat, nachbauen und auf einen Truck montieren. Der Film dokumentiert die Fahrt dieses Nachbaus vom Museum of Contemporary Art im Zentrum von Detroit zu Kellyes realem, in der Vorstadt Westland gelegenen Elternhaus. Das weiße Holzhaus steht stellvertretend für Zehntausende von Häusern in den Suburbs, mit denen sich die Arbeiter der großen Autofabriken ihren Traum vom Eigenheim verwirklicht haben. Zwischen die Bilder der Fahrt sind Interviews mit ganz unterschiedlichen Bewohnern Detroits geschnitten – von Stripperinnen bis zu Kirchenvertretern oder Arbeitern bei Ford. Dabei entsteht ein vielschichtiges Porträt von Kelleys ehemaliger Heimatstadt und ihrer aktuellen sozialen Lage. Auch Kate Levants Installation 'eyenter, "integr intra' impression bezieht sich auf das Verschwinden der für Detroit so typischen Arbeiterklasse: Sie lässt Überbleibsel eines abgebrannten Hauses von der Museumsdecke baumeln. Zuhause erscheint hier als Illusion – doch jeder kennt die starken Gefühle, die der Umzug von einem Heim ins nächste mit sich bringen kann. Insgeheim wissen wir, dass unsere Ursprünge uns viel mehr bedeuten als wir uns eingestehen.

Für This Could Be Something If I Let It ist Dawn Kasper buchstäblich im Whitney eingezogen. Als Künstlerin, der ein eigenes Studio fehlt, hat sie sich hier für die Laufzeit der Biennale einquartiert. In den Räumen des Museums erscheint ihr Zimmer als Kunstwerk und Müllhalde zugleich: Ihr Bett, die alten Bücher, schäbig-schicke Überbleibsel ihres Alltags – all das zeigt den krassen Gegensatz zwischen dem realen Künstlerleben und der Kunst, die hier dem Publikum präsentiert wird. Damit berührt sie auch ein zentrales Thema der diesjährigen Biennale: "öffentlicher versus privater Raum". Das bezieht sich nicht nur auf den Umzug des Whitney und die daraus resultierende neue Identität des Museums, sondern ebenso auf die ökonomischen Herausforderungen, denen sich die USA genauso wie der Rest der Welt stellen müssen. Die Privatisierungen – des Gesundheitssystems, der Gefängnisse, der gesamten Wirtschaft – haben sich als voreilige Entscheidungen erwiesen, die man nur schwer rückgängig machen kann. Kaspers Geschäft – sie tauscht ihre gesamte Identität gegen einen Atelierraum – ist dabei besonders eindrucksvoll, eine treffende Metapher für unsere augenblickliche Situation.

Die Installation Hearsay of the Soul von Werner Herzog ist eine Hommage an einen holländischen Künstler des 16. Jahrhunderts. Hercules Segers erscheint dem Filmregisseur auf Grund seiner innovativen Landschaftsbilder und Drucktechniken als Vorläufer der Moderne. Eine zweite historische Perspektive eröffnet Jutta Koether. Sie integriert das von Marcel Breuer entworfene Whitney-Gebäude in einen Gemälde-Zyklus, der auf Nicolas Poussins Vier Jahreszeiten (1660-64) basiert. Drei dieser Jahreszeitenbilder platziert sie analog zu den vier Himmelsrichtungen im Galerieraum, der Norden allerdings wird durch ein Fenster repräsentiert. Koethers Arbeit macht die Architektur gewahr. Sie weckt ein nostalgisches Gefühl für das Breuer-Gebäude, das ein ganzes Jahrhundert der modernen Kunst in seinen Räumen beherbergt hat und nun selbst schon bald zur Museumsgeschichte gehören wird. Wem "Home" zu hausbacken klingt, um die aktuelle Biennale zu beschreiben, der kann auf den politisch aufgeladenen Begriff "Occupancy", Besetzung, zurückgreifen. Während Occupy Wall Street sich so langsam zu "Occupy Main Street" verwandelt, impliziert der Terminus "Occupancy” soziale Kritik. Und die wurde auch aktiv vor Ort geübt: die Whitney Biennale selbst wurde zum Ziel von "Occupy Wall Street". Aktivisten störten die Eröffnung für die VIP-Gäste – als Solidaritätsaktion mit Kunstspediteuren und –packern, die bei Sotheby's gegen ihre Entlassung und für bessere Arbeitsverträge kämpfen. Und auch eine täuschend echt gefälschte Whitney-Website wurde lanciert. Sie verkündete, das Museum hätte sich von seinen beiden Sponsoren, Sotheby's und der Deutschen Bank, getrennt.

Zugleich verbindet sich der Begriff der "Occupancy" mit einer übergeordneten kulturellen und sozialen Realität, die immer mehr Menschen betrifft. Wir besitzen nicht mehr, sondern wir mieten. Sogar unsere Identitäten scheinen ephemerer Natur zu sein. Um beständig zu bleiben, müssen sich Kultur, Mode und das eigene Ich kontinuierlich neu erfinden, in jeder Saison wieder neu angeschafft werden.

Bei zwei Werken der Biennale handelt es sich um reine Textarbeiten, die ganz direkt die Occupy-Bewegung und ihre Bezüge zur Kunst thematisieren. In High Line (for Sick Bees) schreibt der Künstler/ Kritiker John Kelsey: "Wir erleben gerade, wie sich die Geschichte mit Occupy unter dem Druck der Medien beginnt selbst zu reduzieren – auf eine Liste von Forderungen, die von einem Fernsehsprecher vorgelesen werden kann. Das wäre das Ende dessen, was wir an diesem Phänomen so schätzen, dass wir eben nicht wissen, wie man diese Bewegung genau definieren kann und wozu sie fähig ist. Es ist ein sich ständig wandelnder, sowohl ganz konkreter als auch abstrakter Raum, der hier besetzt worden ist." Andrea Fraser bezieht sich in ihrem Essay There's no place like home stärker auf die Kunstszene, die ihr besetzt und kompromittiert erscheint: "Wir sehen, wie sich die kritischen, sozialen und politischen Ansätze, die definieren wollen, was Kunst ist und was sie tut, immer stärker vermehren. Diese Modelle spielen eine zentrale Rolle in den vorherrschenden Diskursen, in denen es lediglich darum geht, die Kunst zu legitimieren."

Das Whitney ist nicht das einzige New Yorker Museum, das mehr kuratorische Freiheit anstrebt, indem es seine Angebotspalette erweitert und vielfältiger gestaltet. Das Guggenheim und das MoMA haben sich bereits neu definiert – sie sind nicht mehr nur Kunst-, sondern Kulturinstitutionen. So befindet sich das MoMA seit zwei Dekaden in einem kontinuierlichen Prozess der Umgestaltung und Expansion. Dass jetzt auch reine Textarbeiten auf der Whitney Biennale gezeigt werden, ist von ähnlicher Tragweite wie die erstmalige Einbeziehung des Mediums Film im Jahr 1975. Das Web hat zu einer Renaissance des Essays beigetragen. Da sich das neue Whitney als Plattform für fast alles, was mit Kunst zu tun hat, versteht, wird dies auch zu einer noch aktiveren Präsenz im Internet führen, wozu nicht nur Bilder und Videos, sondern eben auch Texte gehören.

Der Besucher fühlt sich auf der Biennale, als ob er durch eine große Webseite surft. Er kann sie nicht auf einmal überblicken, geschweige denn sich auf alle Kunstwerke einlassen. Allein für das Filmprogramm bräuchte man mehr als einen vollen Tag. Die Schau erscheint vielmehr als eine Serie von Interaktionen, die in selbst noch nicht abgeschlossen sind, aber doch so etwas wie ein großes Ganzes erahnen lassen. Als ob sie diesen Gedanken veranschaulichen will, hat Lutz Bacher in der gesamten Ausstellung 85 gerahmte Offsetdrucke verteilt. Sie zeigen einzelne Seiten des Celestial Handbook, das Bilder verschiedener Galaxien zeigt. Diese Arbeiten tauchen plötzlich an ganz unvermuteten Stellen auf und signalisieren dem Betrachter, dass er auf seinem Weg durch die Ausstellung bestimmt einige der Sternenbilder übersehen hat.

Die letzte Ausgabe der Biennale strahlte zu ihrem 75-jährigen Bestehen ein selbstbezogenes Gefühl für die eigene Geschichte aus. In der Zusatzausstellung Collecting Biennials zeigte das Museum ein Best-of aus seinen Beständen, etwa Bilder von Edward Hopper, die von der Biennale für das Whitney angekauft worden sind. Auch dieses Jahr sind vereinzelt Werke aus der Sammlung zu sehen, etwa Warhols Fotoarbeit Cyclist (1976), die Nick Mauss unter anderem zusammen mit einem Gemälde von Marsden Hartley (1940) und einem 1917 entstandenen Aquarell von Charles Demuth präsentiert. Die Arbeiten sind Teil einer nostalgischen Installation, die auf einer Zeichnung des französischen Illustrators Christian Bérard basiert.

Der Geist von 2012 dreht sich weder um Tradition noch Reflektion. Dass sie sich übernehmen ist ein Vorwurf, der den meisten Biennalen gemacht wird. Doch 2012 erschlägt einen die Vielzahl der Arbeiten nicht. Vielmehr trumpft hier ein Museum auf, das sich selbst entwachsen ist, das physisch nicht mehr in der Lage ist, seiner eigenen Persönlichkeit treu zu bleiben. Das Whitney möchte sehr viel: Konzerte, etwa von der legendäre Kunst-Band Red Krayola. Ausreichend Platz für Choreografinnen wie Sarah Michelson, die mit ihrer Performance fast den gesamten 5. Stock des Museums bespielt. Bühnen, Kinosäle, Technologie und vielleicht sogar Modenschauen – das jedenfalls deutet Georgia Sagris etwas prätentiös geratenes Skype-Projekt an. Das Whitney möchte automatische Klaviere wie in der Performance von Lucy Raven und Pfeifenorgeln wie in der Installation von Lutz Bacher. Das alles soll es natürlich gerne haben. Die Ausweitung des Angebots ist ja auch bereits in vollem Gange.

Whitney Biennial 2012
01.03 - 27.05.2012
Whitney Museum, New York




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