Roman Ondák, do not walk outside this area, 2012. Installation view, Deutsche Guggenheim, Berlin. Photo: Jens Ziehe. Courtesy the artist
|
Roman Ondák. Photo: Jens Ziehe. Courtesy the artist
|
Roman Ondák, do not walk outside this area, 2012. Installation view, Deutsche Guggenheim, Berlin. Photo: Jens Ziehe. Courtesy the artist
|
Roman Ondák, do not walk outside this area, 2012. Installation view, Deutsche Guggenheim, Berlin. Photo: Jens Ziehe. Courtesy the artist
|
Roman Ondák, do not walk outside this area, 2012. Installation view, Deutsche Guggenheim, Berlin. Photo: Jens Ziehe. Courtesy the artist
|
Roman Ondák, Leap, 2012. Installation view, Deutsche Guggenheim, Berlin. Photo: Jens Ziehe. Courtesy the artist
|
Roman Ondák, Leap, 2012. Installation view, Deutsche Guggenheim, Berlin. Photo: Jens Ziehe. Courtesy the artist
|
Roman Ondák, Wall Being a Door, 2012. Installation view, Deutsche Guggenheim, Berlin. Photo: Jens Ziehe. Courtesy the artist
|
Roman Ondák, Keyhole, 2012. Installation view, Deutsche Guggenheim, Berlin. Photo: Jens Ziehe. Courtesy the artist
|
Roman Ondák, Awaiting Enacted, 2003. Series of 16 newspaper collages. Installation view, Deutsche Guggenheim, Berlin. Photo: Jens Ziehe. Courtesy the artist
|
Roman Ondák, Resting Corner, 2011. Installation view, Deutsche Guggenheim, Berlin. Photo: Jens Ziehe. Courtesy the artist
|
|
|
Es beginnt mit
einem Verbot. Mit einer der vielen Reglementierungen, denen wir
tagtäglich begegnen – die so zahlreich sind, dass wir sie nur noch
abscannen und kaum mehr wahrnehmen. do not walk outside this area heißt die Ausstellung, die Roman Ondák als „Künstler des Jahres" der Deutschen Bank 2012 für das Deutsche Guggenheim
konzipiert hat. Die titelgebende Anweisung, sich nicht außerhalb eines
bestimmten Bereiches zu bewegen, stammt in diesem Fall allerdings von
einem Ort, an dem sie den meisten Menschen völlig absurd erscheint:
Jeder kennt die Markierungslinien auf Flugzeugflügeln, die man aus dem
Kabinenfenster sehen kann, in der Parkposition am Flughafen oder über
den Wolken. Und es sind fast immer dieselben Gedanken, die einem bei
dem Satz „do not walk outside this area“ durch den Kopf schießen: „Wie könnte ich in
10.000 Meter Höhe auf einem Flugzeugflügel herumlaufen?“ Und: „Wie wäre
es wohl, dies wirklich zu tun?“ Paradoxerweise löst dieses seltsame
Verbot Fantasien aus. Obwohl wir Passagiere sind und eigentlich davon
ausgehen müssen, dass sich die Anweisung lediglich an Mechaniker
richtet, fühlen wir uns unweigerlich angesprochen. Ondák nutzt diesen
Mechanismus ganz bewusst. In seiner Ausstellung führt er den Besucher
klammheimlich, mit subtilem Witz und ohne jeden didaktischen Druck
dorthin, wo er für Gewöhnlich eigentlich nicht sein sollte: Auf die
andere Seite der Linie, in jenen „verbotenen“ Bereich, in den nur
unsere Gedanken und Fantasien reichen. Eine Wand
ist eine Tür ist eine Wand: Wie bei einem Puzzlespiel oder einer
Schnitzeljagd hinterlässt der slowakische Künstler Hinweise, dass die
Begrenzungen des White Cube nur physisch sind, dass wir uns durch sie
hindurch imaginieren oder denken können. Für Wall being a door (2012)
installierte er Türgriffe auf beiden Seiten der weißen Wand zwischen
der Eingangshalle und dem ersten Ausstellungsraum des Deutsche
Guggenheim. Keyhole (2012) besteht aus einem simplen
Schlüsselloch, das Ondák in die Wandverkleidung eingelassen hat, die
innen vor die Fensterfassade des Gebäudes gebaut wurde. Wer
hindurchsieht, erspäht durch die Scheibe die Straße Unter den Linden –
einen kleinen, gleißend hellen Ausschnitt von Alltag, Passanten und
Verkehr. Der Blick durch das Schlüsselloch ist mit Verboten und Tabus
behaftet. Wer ihn wagt, hat normalerweise voyeuristische Gelüste und
dringt in die Geheimnisse oder die Privatsphäre anderer ein. Bei dieser
Intervention drehen sich die Verhältnisse um: Man blickt aus dem
geschützten Raum des Museums hinaus in den öffentlichen Raum, durch die
Abgrenzung von Kunst und gewöhnlichem Leben hindurch. Die Grauzone, die
uns Ondák in den meisten seiner Arbeiten betreten lässt, liegt immer
irgendwo zwischen privater und öffentlicher Erfahrung, zwischen
persönlichen und kollektiven Maßstäben. Die Versuchsanordnungen, die er
in langer Vorarbeit mit Skizzen, Zeichnungen, Collagen und Notizen
entwickelt, haben dabei etwas Trickreiches: Sie sind präzise,
analytisch und dabei denkbar einfach.
Für do not walk outside this area
gliederte er die langgestreckte Halle des Deutsche Guggenheim in drei
aufeinanderfolgende Räume, die zusammen einen Parcours bilden, auf dem
der Besucher wie auf einer Reise unterschiedliche Erfahrungen macht. Er
erlebt den Ort, das Werk und sich selbst aus immer wieder neuen
Perspektiven. Die Ausstellung verbindet hierbei zwei Themenkomplexe,
die Ondák seit Beginn seiner Laufbahn beschäftigen: die Regeln und
Konventionen, die nicht nur unseren Alltag, sondern auch die
Repräsentation und Rezeption von Kunst prägen, und eben das Reisen, die
Bewegung von einem Ort zum Anderen – sei dies nun physisch oder in der
Imagination. Beide Themen verbinden sich eng mit der Laufbahn des 1966
in Žilina geborenen Künstlers, die von der Auflösung der ehemaligen
Tschechoslowakei geprägt ist. Während die Einflüsse von Concept und
Minimal Art in seinem Schaffen unübersehbar sind, knüpft es zugleich an
die subversiven Taktiken von Künstlern aus dem ehemaligen Ostblock an.
Die systemkritische Kunstszene war auch in der Slowakei gezwungen, im
Verborgenen zu arbeiten und reagierte mit subtilen Eingriffen und
öffentlichen Aktionen auf die sanktionierte Staatskunst. In
dieser Tradition hat Ondák immer wieder ein Motiv aufgegriffen, das mit
Warten und Erwartung verbunden ist: die Warteschlange. Für seine
Performance Good Feelings in Good Times ließ er 2003 vor dem Kölnischen Kunstverein oder 2004 auf der Kunstmesse Frieze
in London Statisten ohne ersichtlichen Grund anstehen. Das brachte
nicht nur den Kunstbetrieb, sondern auch das Verhältnis von Angebot und
Nachfrage durcheinander. Häufig warteten die Leute, ohne genau zu
wissen, warum. Natürlich waren diese Aktionen von den im Ostblock
üblichen Schlangen vor Lebensmittelläden inspiriert, die Ondák aus
seiner Kindheit kannte, aber dennoch hat sich dieses Bild tief in die
kollektive Erinnerung aller Gesellschaftssysteme eingeprägt. Heute
gehören Schlangen vor den Gates der Billigfluglinien zum globalen
Alltag. Zugleich verbindet sich das Anstehen für viele Menschen mit dem
unsicheren Gefühl ökonomischer Depression. In seiner Arbeit Awaiting Enacted
(2003), die im ersten Raum der Ausstellung zu sehen ist, greift Ondák
diese Implikationen auf: In einem riesigen Schaukasten zeigt er 16
Seiten unterschiedlicher slowakischer Zeitungen, die am selben Tag
erschienen sind, in denen sämtliche Bilder ersetzt wurden. Stattdessen
montierte er Motive von Menschenschlangen hinein, die er in Zeitungen
aus den unterschiedlichsten Ländern und Zeiten fand: Menschen in jedem
Alter, jeder Hautfarbe und in jedem erdenklichen Kleidungsstil stehen
vor Läden, Schaltern, Schulen, Behörden oder Touristenattraktionen, in
anonymen Korridoren oder auf der Straße – in der Ausgabe von Ondáks
fiktivem Blatt gibt es scheinbar nur eine Nachricht: die gesamte Welt
steht an.
Installationen und Zeichnungen, die „Innen“ und
„Außen“ reflektieren, Menschen die warten: Vielleicht kann man den
ersten Raum in Roman Ondáks Ausstellung als so etwas wie einen
imaginären Warte- oder Abflugbereich verstehen, denn es geht in do not walk outside this area
mit einem verblüffenden Transit weiter: Tatsächlich findet sich im
nächsten Raum die komplette Tragfläche einer Boeing, die von den
Besuchern wie eine Brücke oder Steg genutzt wird, um in den letzten
Teil der Schau zu gelangen. Und natürlich führt der Weg über den
diagonal in den White Cube installierten Flugzeugflügel über die
Markierungslinie mit der Aufschrift „do not walk outside this area“.
„Die Skulptur ist so installiert, dass die Leute ganz
selbstverständlich drüber laufen, ohne besondere Aufforderung“, erzählt
Ondák beim Gespräch kurz vor der Eröffnung. „Man läuft durch die
Ausstellung und steht plötzlich auf dem Flügel. Diese Anweisung, die
man dann lesen kann, richtet sich an dich, an jeden Einzelnen. Man
fragt sich unweigerlich: `Nanu, geht es hier um meine geistige
Begrenztheit oder mein Benehmen?` Doch nicht ich habe das erfunden, ich
habe diese Anweisung einfach nur so, wie sie ist, übernommen und in die
Ausstellung verlagert.“ Im Umfeld des Museums rührt das Verbot,
einen bestimmten Bereich zu betreten, auch an anderen Ängsten: Bitte
nicht berühren. Bei Ondák ist das Gegenteil der Fall. Ganz bewusst habe
er für seine riesige Skulptur ein Objekt ausgesucht, das zugleich
spektakulär und völlig unspektakulär ist: „Zunächst erscheint so eine
Tragfläche wie ein enormes, bombastisches Objekt. Das ist es aber
nicht, es sieht nach nichts aus. Tatsächlich ist es völlig gewöhnlich.
Jeden wird diese Form an die eigenen Reiseerfahrungen erinnern und das
lässt Platz für die eigene Vorstellungskraft.“ Für Ondák würde die
Skulptur ohne die Menschen nicht funktionieren. Der Flügel, sagt er,
sei für ihn eine Art Plattform, auf der man sich selbst anders
wahrnimmt, die Skulptur könne ohne Menschen nicht funktionieren. Sie
sei erst vollendet, wenn sie von den Besuchern überquert wird: „Der
Raum ist leer. Es ist nichts drin, außer dieser Tragfläche, den
Besuchern die drüber laufen und jenen, die warten müssen. Denn leider
kann er immer nur von einer bestimmten Anzahl von Leuten betreten
werden. Einige der Besucher brauchen vielleicht noch Hilfe oder
Erläuterungen vom Aufsichtspersonal, das gehört zur Idee. Es ist eine
Performance. Das ist das, was ich mit einer veränderten Wahrnehmung
meine. Man muss nichts aufführen oder Leute unterhalten. Jeder, der die
Tragfläche betritt, ist ein Performer.” Im letzten Teil
der Ausstellung endet die Reise mit einer Reise oder besser, einem
semi-fiktiven Reisebericht, der wie eine Spiegelung der
Nachrichtenmeldungen aus dem ersten Raum wirkt. In Balancing at the Toe of the Boot
(2010) erzählt Ondák eine gemeinsame Reise nach, die er mit seiner Frau
in einem Fiat Panda durch Kalabrien unternahm. In einem von beiden
Seiten einsehbaren Glasrahmen finden sich sieben Postkarten mit
gängigen Motiven von kalabrischen Sehenswürdigkeiten, die das Paar mit
immer wieder derselben Nachricht verschickt hat: „We are still alive“.
Das ist eine Anspielung auf eine Arbeit des Japaners On Kawara,
einem der bedeutendsten Vertreter der Konzeptkunst. Zwischen 1970 und
1979 verschickte Kawara in regelmäßigen Abständen Telegrame an Freunde
und Bekannte, die stets dieselbe Botschaft enthielten: „I AM STILL
ALIVE. ON KAWARA“. Zugleich ist die Version der Ondáks eine ironische
Anspielung auf die Gefahren dieser süditalienischen Region: das
organisierte Verbrechen und der völlig chaotische Straßenverkehr. Die
Kluft zwischen realem Ereignis, persönlicher Wahrnehmung und
Berichterstattung verdeutlicht sich auch in 16 gerahmten fiktiven
Zeitungsberichten, in denen im Reportagestil von der Reise berichtet
wird. Auf den schnappschussartigen Bildern sieht man das Touristenpaar
Ondák in betont ereignislosen und austauschbaren Situationen: neben
Kakteen, beim Besuch einer Glasbläserei, auf der Strandpromenade. Genau
diese obskure Schnittstelle zwischen Ereignis und Nicht-Ereignis,
Spektakel und Banalem, zwischen dem Öffentlichen und Privaten
spricht do not walk outside this area auch als
Gesamtinstallation an. Ebenso wie die Tragfläche, die der Angelpunkt
der Ausstellung ist, sind auch alle anderen Werke keine weihevollen
Kunstfetische, sondern eher Vehikel oder Hilfsmittel, die unser Denken,
unsere Imagination in Gang setzen, unsere Wahrnehmung und
Selbstwahrnehmung hinterfragen. Viele Aspekte der Ausstellung, wie etwa
das Warten und Anstehen, die Regeln, nach denen wir uns in öffentlichen
Räumen und in Museen bewegen, die Nachrichten, die wir wie Erfahrungen
aus zweiter Hand wahrnehmen, sind Bestandteil unseres Alltags. Wir
haben sie so verinnerlicht wie die weißen Wände, an denen „Kunst“
aufgehängt wird. Ondák fordert uns auf, diese Begrenzungen nicht
widerspruchslos hinzunehmen – weder im Leben, noch in der Kunst.
|