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Ein Interview mit Brendan Fernandes

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"Gebrochenes Englisch"
Ein Interview mit Brendan Fernandes


Wer bin ich? Diese Frage steht im Zentrum der Arbeit von Brendan Fernandes. Im Rahmen der Ausstellung "Found in Translation" ist sein Video "Foe" gerade im Deutsche Guggenheim zu sehen. Wie in vielen seiner Werke untersucht Fernandes auch hier die Rolle von Sprache bei der Herausbildung einer kulturellen Identität. Anlässlich eines Artist's Talk war Fernandes in Berlin zu Gast, wo ihn Achim Drucks zu einem Gespräch getroffen hat.


Achim Drucks: Ihre Biographie und die verschiedenen Länder, in denen Sie gelebt haben, spielen eine wichtig Rolle für Ihre Arbeit. Könnten Sie Ihren kulturellen Hintergrund ein wenig erläutern?

Brendan Fernandes: Meine Arbeit beschäftigt sich mit kultureller Identität, wobei ich von meinen eigenen Erfahrungen als Migrant ausgehe. Ich nutze diese Erfahrungen, herauszufinden, was der Begiff "Zuhause" für mich bedeutet. Dabei ist dieser Begriff untrennbar mit Vorstellungen von meiner eigenen Identität verbunden. Meine Familie stammt aus Kenia, hat aber indische Wurzeln. Wir kommen aus der Gegend von Goa, einer ehemaligen portugiesischen Kolonie. Daher auch mein Nachname Fernandes. 1989 sind wir von Kenia nach Kanada emmigriert. 2006 bin ich dann wegen meines Studiums nach New York gezogen, wo ich noch heute wohne. Dass meine Biografie so von Migration geprägt ist, hat mich dazu gebracht, mich ständig mit meinem Leben zwischen den Kulturen und meinen verschiedenen Identitäten auseinanderzusetzen.

Es gibt ein türkisches Sprichwort: Wer eine Sprache spricht, ist ein Mensch. Wer zwei Sprachen spricht, versteht die Menschheit. Warum ist das Thema Sprache so wichtig für Ihre künstlerische Arbeit?

Sprache ist universell. Obwohl sie durch die verschiedenen ethnischen Zugehörigkeiten unterschiedlich kodiert ist, hat jeder Mensch zumindest eine Sprache, in der er kommunizieren kann. Kommunikation ist ein überaus wichtiges Werkzeug. Mich interessiert Sprache vor allem als Werkzeug der Aufklärung, als Mittel, um Ideen zu verbreiten. Das ist es, worauf es mir als Künstler ankommt. Ich arbeite in einem konzeptuellen Rahmen, um Dialoge zu initiieren. Dabei bediene ich mich visueller Mittel. Ich habe aber auch einen tänzerischen Hintergrund. Daher interessiere ich mich ebenso für das, was man durch Körpersprache mitteilen kann, etwa durch Bewegung. Oder für andere, nicht-textliche Formen der Kommunikation, wie das Morse-Alphabet. Letztendlich geht es mir darum, Gespräche in Gang zu setzen, Fragen zu stellen und Leute zum Nachdenken zu bringen.

Und wenn man zwei oder mehr Sprachen spricht, dann stellt man andere Fragen.

Ja genau, aber das ermöglicht einem ebenso, seine Fragen ganz unterschiedlichen Menschen zu stellen, andere Gespräche zu führen. Diese Fähigkeit verleiht deiner Sprache außerdem mehr Reichtum und Komplexität. In einer Übersetzung geht ja immer etwas verloren. Aber wenn du in mehrere Sprachen kommunizieren kannst, dann wird es dir eine davon ermöglichen, dich klarer und direkter auszudrücken.

Und wenn man sich in verschiedenen Kulturen bewegt, dann betrachtet man die Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven.

Na, klar. All meine Begegnungen mit unterschiedlichen Kulturen haben mir neue Perspektiven eröffnet. Jede neue Umgebung, jede Erfahrung, die nicht zu meinem Alltag gehört, bedeutet eine Herausforderung. Trotzdem finde ich immer einen Weg, mit der jeweiligen Umgebung zu Recht zu kommen. Ich kann mich diesen neuen Situationen immer ganz gut anpassen.

Ihr Video "Foe", das im Deutsche Guggenheim gezeigt wird, basiert auf dem gleichnamigen Roman von J.M. Coetzee, einer Neuinterpretation von Daniel Defoes 1719 erschienenem Klassiker "Robinson Crusoe". Was hat Sie an diesem Buch interessiert?

Im Vorfeld zu diesem Projekt habe ich viel recherchiert. Ich wusste bereits, dass ich mit einem Sprach-Coach arbeiten wollte. Er sollte mir beibringen, in den Akzenten der Länder zu sprechen, die meinen kulturellen Hintergrund geprägt haben. Ich wusste aber noch nicht, welchen Text ich lesen sollte. Ich habe mich dann für dieses Buch entschieden, weil mir das merkwürdige Verhältnis zwischen Crusoe und Freitag gefällt, aber auch, weil in der Geschichte die Dynamik zwischen dem Zivilisierten und dem Primitiven zum Ausdruck kommt. Robinson als die Verkörperung des zivilisierten Menschen findet auf dieser verlassenen Insel eine neue Art zu leben und freundet sich dort mit Freitag, dem Wilden, an. In dem Roman gibt es auch eine Frau, die sich fragt, warum Freitag nicht spricht. Sie denkt, es liege daran, dass er ein Primitiver und deshalb per se schwachsinnig sei. Für mich steht das für eine koloniale Betrachtungsweise. Freitag kann in Coetzees Buch nicht sprechen, weil ihm die Zunge herausgeschnitten wurde. Das ist sehr verstörend und ich sehe das als Metapher für die brutale Geschichte des Kolonialismus. Das sind einige der Gründe, warum ich den Roman ausgewählt habe.

Wenn man sieht, wie Sie unablässig von dem Sprach-Coach korrigiert werden, dann hat das auch etwas Komisches. Welche Rolle spielt dieser komische Aspekt?

Eine ganz wichtige. Ich setze mich hier ja mit einem ziemlich ernsten Themen auseinander. Deshalb ist gerade Humor ein gutes Mittel, um mit dem Publikum in Kontakt zu kommen. In dem Video wirke ich sehr verletzlich und unbeholfen, während ich versuche, diese Akzente nachzuahmen. Das wirkt einfach komisch, ich kämpfe mich wirklich ab. Wenn ich mich selbst sehe, kann ich in meinem Gesicht lesen, was ich gerade denke. Die Falten auf meiner Stirn zeigen, wie gefrustet ich bin. Wenn ich das Video sehe, muss ich auch selbst lachen. Wenn ich es bei einem Artist's Talk zeige, ist mir das jedes Mal ein bisschen peinlich. Das Publikum fängt an zu lachen, aber genau das nimmt ihm die Hemmschwelle. Humor macht es leichter, sich auf dieses bedrückende Thema und die Arbeit einzulassen.

In einer Kritik zu "Found in Translation" habe ich gelesen, dass nicht Englisch die Sprache der Welt sei, sondern "Bad English" - eine kreolisierte Version, die auch in Ihrer Arbeit "Neva There" auftaucht, einer Serie von Postern mit scheinbar sinnlosen Texten.

Neva There entstand während eines Stipendiums in Trinidad und Tobago. Bevor ich dort ankam, dachte ich, dass ich mich hier mühelos verständigen könnte. Auf den Inseln wird ja English gesprochen. Aber es gab dann doch ein Problem, weil alle einem starken Akzent hatten und Slang sprachen. Auf Trinidad fielen mir die handgemachten Plakate in den Straßen auf, die Leute zu Versammlungen und Parties einluden. Für mich ergaben sie allerdings wenig Sinn, weil sie voller Slang-Ausdrücken und falschem Englisch steckten. Im Laufe der Zeit wurde mir der einheimische Dialekt dann geläufiger und ich begann, die Poster zu verstehen. In Neva There verbinde ich die Philosophie der jamaikanischen Rastafaris mit diesen Plakaten. Ich erfand Slogans in gebrochenem Englisch oder Patois. Sie riefen Passanten dazu auf, zusammen zu kommen, um sich gemeinsam zu befreien und zu emanzipieren, wobei die Poster aber keinen Hinweis auf den konkreten Ort gaben, an dem diese Versammlungen stattfinden sollten. Die utopische Vorstellung, die diese Arbeit vermittelt, kann also gar nicht in die Realität umgesetzt werden, weil man nicht weiß, wo dieser Ort zu finden ist.

Sie sind in Afrika geboren. Afrika ist auch in ihrer Arbeit sehr präsent. Doch meistensnutzen Sie Bilder oder Objekte, die Exotismus und den touristischen Blick auf den Kontinent repräsentieren: etwa Masken, Löwen oder Zebramuster. Wieso?

Als ich in Kenia aufwuchs, arbeitete mein Vater in der Tourismusbranche und ich verbrachte eine Menge Zeit auf Safaris. Als wir dann von Kenia nach Kanada zogen, sah ich mir immer wieder Dokumentarfilme über Afrika an, die mich wehmütig machten. Durch diese Sehnsucht zurückzukehren dachte ich sehr viel darüber nach, was aus mir geworden ist, seitdem wir Kenia verlassen hatten: Warum saß ich hier und saugte Kenia in Form von vorgefertigten Medienbildern von Safaris in mich auf? Natürlich musste ich diese touristische Sichtweise in Frage stellen. Afrika und seine unterschiedlichen Kulturen werden noch wie ein exotischer Monolith betrachtet, als "schwarzer Kontinent". Man kann zum Beispiel diese Masken in Chinatown in Manhattan kaufen und ich fragte mich, wie es möglich ist, dass sie gleichzeitig als Souvenir für New York und für Afrika funktionieren. Ich interessierte mich auch für die Tatsache, dass im Laufe der Geschichte unglaublich viele Artefakte aus Afrika verschleppt wurden. Sie wurden in Museumssammlungen überführt, aber wenn sie ausgestellt werden, findet sich kaum ein wirklicher Hinweis auf ihre Herkunft. Für mich fungieren diese Gegenstände aber auch eine Metapher für mich selbst.

Sie arbeiten häufig auch mit Boxen oder Containern. Diese bilden so etwas wie eine Verbindung zwischen der Herkunft dieser Artefakte und den Orten, an denen sie jetzt gezeigt werden.

Diese Behälter sind so etwas wie ein zeitweiliges Zuhause für mich. Wenn man von einem Land in ein anderes zieht, lebt man immer vorrübergehend aus einem Koffer oder Container, der für eine Weile zu einem Zuhause wird. Und natürlich werden auch Waren in Containern verschifft.

Auch Ihre Installation "Future (· · · - - - · · ·) Perfect" haben Sie aus Containern konstruiert, an denen Leuchtsignale S.O.S funkten.

Die Arbeit entstand 2008 im Rahmen des Festivals Nuit Blanche in Toronto. Der Event selbst dauerte nur 12 Stunden. Mir wurde gesagt, die geplante Installation müsse auf einem Parkplatz in Liberty Village aufgebaut werden. Ich hatte noch nie davon gehört. Dann wurde mir aber klar, dass es sich um eine Gegend handelte, die gentrifiziert worden war. Man hatte sie einfach umbenannt. Mich interessierte, wie das funktioniert und wie durch die Gentrifizierung die ursprünglichen Bewohner und gewachsene Gemeinschaften vertrieben werden. Mit meiner Installation spielte ich auf Habitat an, einen utopischen Wohnhauskomplex, den der Architekt Moshe Safdie für die Weltausstellung Expo 67 in Montreal gebaut hat. Der Komplex war für jedermann gedacht, jenseits von Rassen-, Klassen- oder Geschlechtergrenzen. Doch letztendlich wurde er aufgrund der hohen Arbeitskosten viel zu teurer. Der utopische Ansatz von Habitat wurde durch das Kapital zunichte gemacht. Ich schuf in Anlehnung an dieses Projekt eine 12 Meter hohe, temporäre Installation aus gestapelten Containern, die für nur 12 Stunden stehenblieb. Die Formen der Container ähnelten den architektonischen Modulen von Habitat und funkten ihr S.O.S. in Form von Morsezeichen in die Stadt. Zum Zeitpunkt des Festivals war die ökonomische Krise in den USA und Kanada auf ihrem Höhepunkt und in beiden Ländern standen Wahlen an. Nordamerika sah sehr unsicheren Zeiten entgegen. Der Frachtcontainer hat viele Bedeutungen, mit ihm werden Waren und manchmal auch Menschen. In Kanada importieren wir viel mehr, als wir exportieren und so entstehen diese gigantischen Containerfriedhöfe, die leer stehenden Städten ähneln. Einmal wollte das kanadische Olympia-Komitee das Dorf für die Spiele in Vancouver aus diesen Containern bauen, aber das Projekt wurde nie realisiert. Ich habe auch in Kopenhagen und Korea Menschen in Wohnkomplexen gesehenen, die aus Containern gebaut sind. Ich mag es, dass der Container als Objekt die Vorstellung von Zuhause gleich auf mehrfache Weise in Frage stellt oder erweitert.

Sie hatten Atelierstipendien an so unterschiedlichen Orten wie Prag, Karlsruhe, New York, Korea oder Trinidad. Wie wirken sich diese Aufenthalte auf Ihre Arbeit aus?

Diese Stipendien sind sehr wichtig für mich. Ich bin ein rastloser Mensch. Ich bin gerne an unterschiedlichen Orten, an denen ich immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert werde. Hier muss ich mich immer wieder selbst hinterfragen, mit anderen verhandeln. Dadurch bekomme ich Gelegenheit, einzigartige, fantastische Menschen kennenzulernen. Das ist eine Herausforderung, aber eine, die ich gerne annehme. Die Zeit, die ich in anderen Städten und Ländern verbracht habe, hat mich geprägt, aus den Erfahrungen schöpfe ich neue Idee, aus denen dann Kunst wird.

Könnte Berlin für Sie ein inspirierender Ort sein?

Bestimmt! Ich würde hier gerne mal hinziehen. Ich mag die Ausstrahlung der Stadt, man kann die Geschichte spüren, das, was hier passiert ist. Berlin ist eine Stadt im Übergang, voll neuer und positiver Energie. Ich wäre wirklich gerne länger hier.




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