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Zwischen den Kulturen: Found in Translation im Deutsche Guggenheim
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Zwischen den Kulturen
Found in Translation im Deutsche Guggenheim


Auf Grund der Globalisierung rückt die Welt immer enger zusammen. Dabei wird die Übersetzung zu eine immer wichtigeren, alltäglichen Werkzeug. Hier setzt die aktuelle Ausstellung im Deutsche Guggenheim an: „Found in Translation“ veranschaulicht anhand von Videos, Installationen und Fotografien internationaler Künstler, dass diese scheinbar einfache linguistische Aufgabe mehr über unser Verständnis von der eigenen und der fremden Kultur aussagt, als wir annehmen.


Wenn Sprache Macht bedeutet, dann ist der ehemalige Sklave Freitag machtlos. Denn dem Gefährten von Robinson Crusoe wurde die Zunge herausgeschnitten. Vielleicht sogar von Crusoe. Und so spricht der gestrandete Seemann nicht nur für sich selbst, sondern auch für den stummen Freitag. In J. M. Coetzees 1986 erschienenen Roman Foe verkörpert Freitag die Opfer des Kolonialismus – den "Wilden" ohne eigene Stimme. In dem 2008 realisierten Video Foe verbindet Brendan Fernandes diesen Roman mit seiner eigenen Biografie. Der Künstler wurde in Nairobi als Sohn einer aus Goa stammenden Familie geboren und wuchs in Toronto auf – ein multikultureller Hintergrund, der im Zeitalter von Globalisierung und verstärkter Migration das Leben von immer mehr Menschen kennzeichnet. In seinem Video liest Fernandes eine Passage aus Coetzees Roman vor und benutzt dabei die typischen Akzente jener Länder, die seine Biografie geprägt haben: Kenia, Indien und Kanada. Doch dies ist gar nicht so einfach. Immer wieder wird seine "Übersetzung" aus dem Off von einer Sprachtrainerin korrigiert. Fernandes stammelt, setzt wieder ein, zieht sogar seine Lippen mit den Fingern auseinander, um den von der Trainerin gewünschten Klang zu erzielen. Seine absurd-komische Performance demonstriert, wie bereits der bloße Akt des Sprechens ethnische Stereotype bedienen kann.

Der Begriff der "Übersetzung" als Modell und als Metapher ist der Ausgangspunkt für die Ausstellung Found in Translation. Für die neun vertretenen Künstler eröffnen Übersetzungen ein weites diskursives Feld, in dem verschiedene Faktoren, die unsere Identität bestimmen – Politik, Klasse, Herkunft, Religion, Sexualität – verhandelt werden. Konzipiert wurde die Schau von Nat Trotman, Associate Curator am Solomon R. Guggenheim Museum. Hier war sie im Rahmen der "Deutsche Bank Series at the Guggenheim" im vergangen Jahr zu sehen. Die Reihe präsentiert Auftragsarbeiten, die für die Deutsche Bank und die Solomon R. Guggenheim Foundation entstanden sind, sowie Themenausstellungen, die sowohl im Berliner wie im New Yorker Guggenheim zu sehen sind.

Während Lisa Oppenheims Doppelprojektion Cathay (2010) die Übertragung eines chinesischen Gedichts durch den amerikanischen Dichter Ezra Pound mit der wörtlichen Übersetzung eines Sprachwissenschaftlers kontrastiert, basiert Patty Changs Die Ware Liebe (2009) auf einem Text des deutschen Philosophen Walter Benjamin über seine Begegnung mit der chinesisch-amerikanischen Schauspielerin Anna May Wong. Zwei sich abwechselnde Projektionen beleuchten das Verhältnis von Benjamin und Wong aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Die erste zeigt Übersetzer, die den Text aus dem Deutschen ins Englische übertragen. Dabei wird deutlich, wie unterschiedlich sie Benjamins komplexe Gedanken verstehen. Die zweite Projektion zeigt Changs Inszenierung einer imaginären erotischen Liaison zwischen Benjamin und Wong sowie Interviews mit den Schauspielern zu ihren Rollen. Subtil reflektiert Changs Arbeit die romantisch geprägte, westliche Auffassung von östlicher Kultur und die Rolle von Text als Medium, das diese Sehnsüchte nach dem exotischen Anderen transportiert.

Um die Übersetzung eines Textes in das Medium Film geht es in Keren Cytters Video Something Happened (2007). Ein Mann und eine Frau, ein Zimmer und ein Revolver, dazu Rachmaninows Zweites Klavierkonzert. Diese Grundzutaten eines konventionellen Melodrams nutzt Cytter als Basis für eine vielschichtige Arbeit über das Ende einer Beziehung und über das Medium Film an sich. Die israelische Künstlerin, die 2011 auch an Globe, dem Kunst- und Performance Programm zur Widereröffnung der Frankfurter Deutsche Bank-Türme beteiligt war, nahm Natalia Ginzburgs 1947 erschienen Roman È stato così (So ist es) als Ausgangspunkt für ihre Inszenierung. Ginzburg schildert eine zerbröckelnde Ehe. Cytter dagegen lässt das streitende Paar nicht nur miteinander sprechen, sondern auch mit dem Publikum. Manche Szenen wiederholen sich, die Tonspur läuft nicht immer synchron zu den Bildern. Durch die artifiziellen Dialoge und den provisorisch wirkenden visuellen Stil vergegenwärtigt Cytter die filmische Adaption des Romans als eine Form der Übersetzung, die der ursprünglichen Erzählung weitere Bedeutungsebenen hinzufügt.

Sharon Hayes, die auch in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, hat sich für ihre Dia-Projektion In the Near Future (2009) als Aktivistin inszeniert. Ihr Spiel mit teils veralteten Agitprop-Slogans ist dabei mehr als nur eine Referenz an historische politische Bewegungen. Hayes bezieht sich ebenso auf unsere Rolle in aktuellen politischen Diskursen – als Zuschauer oder Aktivist. Auch O Zhangs kurz vor der Sommerolympiade in Peking 2008 entstandene Fotoserie The World is Yours (But Also Ours) arbeitet mit Slogans. Die in New York lebende Künstlerin zeigt auf ihren Bildern Jugendliche, die vor Wahrzeichen der chinesischen Hauptstadt posieren. Sie tragen T-Shirts, auf denen Botschaften in "Chinglish" zu lesen sind – einem häufig völlig sinnlosen Fantasy-Englisch. Bei Zhang werden die Slogans auf den T-Shirts zu bissigen Kommentaren zur jüngeren chinesischen Geschichte. Etwa, wenn ein T-Shirt mit dem Spruch It’s All Good in the Hood (Alles klar im Kiez) vor dem Tor auf dem Platz des Himmlischen Friedens auftaucht, auf dem der Mahnruf "Salutiert den Patrioten" zu lesen ist. Der Platz ist von den Studentenprotesten von 1989 bereinigt, es herrscht wieder Ruhe im Land, es wird brav konsumiert. Oder doch nicht?

O Zhang lässt in ihrer Serie die unterschiedlichsten kulturellen Einflüsse miteinander kollidieren. Sie reflektiert nicht nur, wie es die Künstlerin formuliert, ihre eigene "tiefgreifende Ambivalenz" in Bezug auf ihr Heimatland, das sie 2004 verlassen hat. Gleichzeitig zeigt sie auch die "ökonomischen und politischen Konflikte innerhalb der modernen chinesischen Kultur, vor allem die Identitätskrise der dort lebenden Jugendlichen." Ob Siemon Allen in The Land of Black Gold (2004) anhand unterschiedlicher Versionen von Hergés Tim und Struppi Comic Tintin au pays de l’or noir den Palästinakonflikt thematisiert oder Matt Keegan in seiner Videoinstallation‘N‘ as in Nancy (2011) fragt, wie mit Hilfe von Sprache Machtverhältnissen etabliert werden, die Künstler in Found in Translation loten kulturelle Unterschiede aus und operieren dabei an den Schnittstellen von Sprache, Geschichte, Politik und Imagination. Die Übersetzung – im sprachlichen wie im übertragenen Sinn – erscheint dabei als elementares Werkzeug für unser Verständnis der Wirklichkeit.

Found in Translation
28.01. – 09.04.2012
Deutsche Guggenheim, Berlin




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