Deutsche Bank Gruppe  |  Gesellschaftliche Verantwortung  |  Sammlung Deutsche Bank  |  Deutsche Guggenheim  |  English  
Home Feature On View News Presse Archiv Service
Diese Kategorie enthält folgende Artikel
Grammatik des Alltags: Anmerkungen zu Roman Ondák
Vorhang auf! Die Premiere der Frieze New York
Nüchterne Schönheit: Die Fotografien von Berenice Abbott
No Place like Home - Ein Rundgang durch die Whitney Biennale 2012
Tor zur Gegenwart - Wilhelm Sasnal im Münchner Haus der Kunst
„Farbe im Weltall ist eh Quatsch“: Auf den Spuren von Thomas Ruff
Ein Interview mit Brendan Fernandes
Ein Rundgang durch die neuen Gartenhallen des Städel Museums
Ein Interview mit Städel-Direktor Max Hollein
Elegante Lösungen: Gerhard Richter in Berlin und Frankfurt

drucken

weiterempfehlen
Tor zur Gegenwart
Wilhelm Sasnal im Münchner Haus der Kunst


Noch Anfang der Nullerjahre zählte Wilhelm Sasnal zu den absoluten Newcomern. Heute gehört der polnische Künstler zu den Schwergewichten am internationalen Markt – und das obwohl er in seiner Malerei statt auf große Gesten oder zynischen Witz auf Dialektik und Distanz setzt. Auch in den Frankfurter Türmen der Deutschen Bank ist ihm mit zahlreichen Arbeiten auf Papier eine ganze Etage gewidmet. Anlässlich der großen Werkschau im Münchner Haus der Kunst beschreibt Kito Nedo die unergründliche Leichtigkeit von Sasnals Malerei.


Architekturen, Menschen, Momente, historische Ereignisse, banale Details: Wilhelm Sasnals Gemälde flackern auf der Netzhaut wie Fernsehbilder, durch die man sich hindurch zappt. Sie springen zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen Andeutung und Überschärfe, zwischen Privat- und Weltgeschichte hin und her. Die groben Muster, die gewöhnlich helfen, einem Werk einen programmatischen, stilistischen oder auch nur traditionalistischen Ort zuzuschreiben – bei Sasnal laufen sie ins Leere. Zum Außenseiter macht ihn das jedoch nicht. Im Gegenteil. Wie ein Besessener und mit großem internationalen Erfolg liefert der Pole eine Kunst aus dem Jetzt – schöne, pragmatische, moderne Gemälde, scheinbar ideologisch unvergiftet und dazu noch unbeschwert von allzu ehrgeizigem Kunstwollen. Das veranschaulicht auch seine umfassende Werkschau im Münchener Haus der Kunst. Nicht der Exzess erscheint als produktives Grundprinzip des 1972 im polnischen Tarnów geborenen Malers, sondern die lässige Balance. Kein Fürst, kein Berserker, kein zynischer Witzbold oder letzter Wilder – Sasnal schlüpft eher in die Rolle des sanften, fleißigen Rebellen.

Dass in seinem Werk und seiner Person nichts Mystisches oder Geniehaftes aufscheint, hat auch damit zu tun, dass die Malerei als Genre längst den Anspruch der Königsdisziplin verloren hat. Für Sasnal bleibt die Arbeit mit Farbe und Leinwand dennoch ein zeitgemäßes Mittel, die Welt um ihn herum zu erfassen und seine Eindrücke in einen sich beständig ausweitenden Atlas von Bildern festzuhalten. Sein Material können Ereignisse oder Schnappschüsse aus dem Privatleben sein, genauso wie Geschehnisse aus der Weltpolitik. In München etwa ist das pastellige, scherenschnittartige Bild seiner Geburtsstadt, Tarnów, (2003) genauso zu sehen wie das berühmte Seitenprofil seiner rauchenden Frau Anka, (2001) und das 2010 entstandene Bild seines videospielenden Sohnes Kacper. Es sind aber auch Bezüge zur Kunstgeschichte (Bathers at Asnieres, 2010), zu Art Spiegelmans berühmtem Comic-Roman über den Holocaust (Maus 5, 2001), Naturkatastrophen (Tsunami, 2011) und Weltpolitik (Power Plant in Iran, 2010) präsent.

Wenn es etwas Spezifisches in seinem Werk gibt, dann ist das wohl die Geschwindigkeit, mit der Sasnal arbeitet. "Malerei ist das Medium, mit dem man sofort auf bestimmte Ereignisse Bezug nehmen kann. Ich male ziemlich schnell, das macht es mir möglich, sofort zu reagieren, sagte er anlässlich der Eröffnung seiner Ausstellung im Haus der Kunst. So war es auch mit den beiden neuen Gaddafi-Gemälden aus dem letzten Jahr, die nun in München präsentiert werden. Ihn habe die Art der öffentlich-medialen Ausstellung des toten Körpers tief berührt, erzählt Sasnal über sein Bild des lybischen Diktators. Das kursierende Medienbild habe ihn an eine Ikone der Kunstgeschichte erinnert: "Natürlich dachte ich an Mantegnas Beweinung Christi". Im Haus der Kunst erscheint die Szene zweifach: einmal realitätsnah und einmal als ein Gewühl bunter Farben. Dazwischen lag ein Moment der Reflexion: "Ich hatte das Gefühl, ich sei zu weit gegangen. Deshalb malte ich das Ganze noch einmal, als Farbenspiel." Statt einer Revision produziert der Maler also ein nachträgliches Korrektiv, einen Kommentar. So wird die Malerei zum dialektischen Balanceakt, in dem die Reflexion des Sujets und die ständige Hinterfragung der eigenen Rolle als Maler austariert werden müssen: Was sollen diese Bilder eines gestürzten Diktators, dessen Körper in den Medien wie eine Trophäe präsentiert wurde? Soll dem Leichnam durch den Akt der Malerei so etwas wie Würde zurückgegeben werden? Darf man das? Wie weit kann ein Maler gehen?

Sasnal lässt diese Fragen in seiner Arbeit anklingen, allerdings verzichtet er auf überflüssige Detailbeschreibungen: "Das braucht es nicht, um die Situation zu beschreiben. Der Körper auf der Matratze, umringt von Fotografen genügt." Der Titel Gaddafi lenkt die Betrachtung des Bildes sowieso in eine bestimmte Richtung. In anderen Fällen sei es weniger relevant, das Referenzbild aus der Mediensphäre zu erkennen. "Wenn es wichtig ist, dann gebe ich dem Betrachter über den Titel einen Hinweis, woher das Bild kommt oder warum ich es benutzt habe. Manchmal ist sich auch das Bild genug. In solch einem Fall vertraue ich auf die Intuition des Betrachters, die hilft zu den Wurzeln vorzustoßen oder das Bild auf seine Weise zu betrachten. Ich mag es, wenn Leute meine Bilder auf Ihre Art interpretieren."

Dass Sasnal mit derselben distanzierten Offenheit historisch aufgeladenes Material, oder auch ganz banale Medienbilder in Malerei transformiert, brachte ihm bereits den Ruf eines Pop-Erben ein. "Wilhelm Sasnal ist der polnische Roy Lichtenstein" schrieb etwa eine deutsche Zeitung vor ein paar Jahren über den Maler. Doch verbindet ihn, dem Zeitungsbilder, Comicstrips, Publicity-Shots von Celebrities und Selbstfotografiertes als Vorlagen für seine Bilder dienen, tatsächlich etwas mit der klassischen amerikanischen Pop-Tradition? Es ist wohl eher so, dass Sasnals Werk beweist, wie sehr die Pop-Methoden im heutigen Kunst-Mainstream verwurzelt sind. Mehr nicht.

Obwohl – die Verbreitung teilweise widersprüchlich wirkender Statements wirkt so wie bei Warhol abgeschaut: "In den meisten Fällen denke ich nicht über das Ergebnis nach, wenn ich mit der Arbeit beginne. Ich begebe mich auf die Suche und nehme das Ende nicht vorweg. Also folge ich meiner Intuition. Ich sehe mich nicht als Dogmatiker, wenn es darum geht Lösungen zu finden. Wenn sich nichts ergibt, male ich das Bild eben nochmal."

Mystisch sind seine Bilder nicht, mystisch scheint allerdings sein Erfolg. Über dessen Ursache rätselt die Kunstwelt seit geraumer Zeit: Ist er, der sich jahrelang als polnisches Landei inszenierte, in Wahrheit der Schlaueste von allen Zeitgenossen? Neben Protagonisten wie Pawel Althamer, Paulina Olowska und Monika Sosnowska zählt er zur Generation jüngerer polnischer Künstler, die in den späten Neunzigern den Sprung auf die internationale Bühne schafften, auf Biennalen, in Museen und Galerien weltweit ihre Kunst zeigen. Noch Anfang der Nullerjahre zählte Sasnal zu den absoluten Newcomern; heute gehört der Maler bereits zu den Schwergewichten am Markt, vertreten von Galeristen wie dem Berliner Jörg Johnen, der Londonerin Sadie Coles und dem Zürcher Iwan Wirth.

Er wolle keine gefälligen Bilder malen, sagt Sasnal, nicht einfach in eine Schublade gesteckt werden: "Ich möchte nicht mit einem bestimmten Stil identifiziert werden. Ich möchte nicht stylish sein." Aber wie meint er das? Wie ein Anti-Künstler geriert er sich jedenfalls nicht. Natürlich sind seine Bilder überaus stylish, sie sind schön. Sie laufen dem Zeitgeist nicht entgegen, sondern schmiegen sich ihm förmlich an. Daher kommen diese Deja-vu-Momente. Tatsächlich sind seine Bilder aufgeladen mit formalen und inhaltlichen Anspielungen. Ihre Ästhetik erinnert etwa an die milchige Malerei des Belgiers Luc Tuymans. Sasnals Verfahren der Uneindeutigkeit, seine Bezugnahme auf Zeitungs- und Privatfotos, die so etwas wie einen Atlas der Welt bilden, lassen an Gerhard Richter denken. Wenn Sasnal zeichnet, dann fühlt sich der Betrachter manchmal an den Kalifornier Raymond Pettibon erinnert, auch bei den Papierarbeiten in der Sammlung Deutsche Bank. Den auf Linien und Schwarz-Weiß Kontraste reduzierten Tuschezeichnungen haftet etwas Comic-artiges an, sei dies bei den Gitterstrukturen, die an Disco-Kugeln erinnern, oder den Szenen, die wie aus einem Film Noir erscheinen. In den Tuschebildern amalgieren Zeiten und Stile aus Ost und West zu einer hermetischen Erzählung, aus der wir nur Ausschnitte wahrnehmen können.

Wer also ist Wilhelm Sasnal? Welche Position vertritt er? Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. Gerade weil er sich nicht auf Sujets, Stile, Themen festlegen lassen will und sich dabei merkwürdig zeitlos gibt, bewahrt er sich die Möglichkeit, Zeitgenosse zu bleiben. Das hat allerdings nichts Leichtfertiges, Spekulatives: Sasnals Gemälde sind sein Tor zur Gegenwart. Im Treppenaufgang, über den man in die Ostflügel-Galerie des Münchner Haus der Kunst gelangt, findet sich ein Zitat an die Wand geschrieben: "Malerei ist kein Spiel, nichts, was man zum Spaß tut; sie verlangt eine Verantwortung, die ich sehr ernst nehme."

Wilhelm Sasnal
03.02 – 13.05.12
Haus der Kunst, München




Newsletter
Bleiben Sie immer Up to Date in Sachen Gegenwartskunst – mit ArtMag. Abonnieren Sie hier unseren Newsletter.
 

Alternative content

Get Adobe Flash player

On View
Roman Ondáks Projekt für das Deutsche Guggenheim / Cornelia Schleime in der Deutschen Bank Luxembourg / Hannah Collins in der 60 Wall Gallery der Deutschen Bank New York / Zwischen den Kulturen: Found in Translation im Deutsche Guggenheim / Glamour und Geschichte: Douglas Gordon in Frankfurt
News
Kunst privat! Hessische Unternehmen zeigen ihre Sammlungen / Bundesaussenminister Westerwelle eröffnet Roman Ondák-Schau / Opus 60 - Hören Sie Hanne Darbovens Orchesterkomposition für 120 Stimmen / Raum für wildes Denken - Die Triennale 2012 in Paris / Deutsche Bank zeigt japanische Künstlerinnen in ihrer Lounge / Einstürzende Neubauten: Carlos Garaicoa im Kunstverein Braunschweig / Being Singular Plural - Deutsche Bank Series im New Yorker Guggenheim Museum / William Kentridges "Black Box" zurück in Berlin / Die VIP-Lounge der Deutschen Bank auf der TEFAF / Deutsche Bank Schweiz initiiert Kunstprojekt / Roman Ondák im Düsseldorfer K21 / Boris Mikhailov in der Berlinischen Galerie / Museum of Contemporary Art in Sydney wiedereröffnet / Städel App: Alles zu den Highlights aus der Sammlung Deutsche Bank im neuen Städel Museum
Presse
Die Presse über "Found in Translation" im Deutsche Guggenheim / „Frankfurter Museumswunder“ - Pressestimmen zum neuen Städel Museum
Impressum  |  Rechtliche Hinweise  |  Zugänglichkeit
Copyright © 2012 Deutsche Bank AG, Frankfurt am Main


+  ++  +++