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Panorama der Gegenwartskunst
Ein Rundgang durch die neuen Gartenhallen des Städel Museums


Gerade eröffnete der unterirdische Neubau des Städelmuseums seine Pforten – mit einem spektakulären Panorama der Gegenwartskunst. Zu den Highlights gehören auch zahlreiche Dauerleihgaben aus der Sammlung Deutsche Bank. Zentrale Werke von Georg Baselitz, Neo Rauch oder Gerhard Richter tragen dazu bei, dass die jüngere Kunstgeschichte hier auf völlig neue Weise erzählt werden kann.


Auf den ersten Blick sieht man nichts. Keine sogenannte Signature-Architektur, kein protziges Wahrzeichen. Der neue Erweiterungsbau des Städel blüht diskret im Verborgenen, unter dem Rasen im Innenhof des Museums. Alles, was man von den 3.000 qm großen Gartenhallen sieht, ist ein sanfter Hügel, gesprenkelt mit kreisrunden Oberlichtern, die an Bullaugen erinnern. Die ornamentale Verbindung von Gras, Glas und Stahl erinnert an Op Art und strahlt gleichzeitig etwas Irreales aus. Tatsächlich ergeht es dem Besucher der neu gestalteten Sammlung für Gegenwartskunst des Frankfurter Museums ein bisschen wie Alice, die neugierig dem weißen Kaninchen in seinen Bau gefolgt ist: Man stößt auf eine Wunderwelt, die anderen, verblüffenden Regeln folgt. Denn es ist nicht nur ein Ausstellungsraum, in den man über die breite Treppe des Hauptgebäudes hinabsteigt, sondern eine strahlend helle Sphäre für die Gegenwartskunst – ein eigenes Universum mit Haupt- und Nebenwegen, auf denen man sich sogar verlaufen kann.

Unter dem Rasen, von wo aus man durch fast 200 Oberlichter in den Himmel emporblicken kann, fühlt man sich der realen Welt entrückt. Versetzt in einen Kunstkosmos, in dem die Bilder zu schweben scheinen und ungezwungen miteinander korrespondieren. Ganz unmittelbar tritt man in dieses Gespräch ein. Denn anders als in den meisten großen Museen, hat man sich in den neuen Gartenhallen des Städel entschlossen, die Geschichte der Gegenwartskunst nicht chronologisch oder thematisch streng abgegrenzt zu erzählen. Die Vorstellung von der Kunstgeschichte als gradliniger Entwicklung, die zielgerichtet mit immer wieder neuen Tendenzen in die Zukunft strebt, hat man hier ein zeitgemäßeres Modell entgegengestellt: Ein Netzwerk, das die Kunst über Dekaden, räumliche Grenzen, fest umrissene Strömungen hinweg in Beziehung setzt. Von Anfang an hat das Städel mit dem Frankfurter Architekturbüro schneider + schumacher und den Ausstellungsarchitekten Kuehn Malvezzi zusammengearbeitet, um einen konzeptionellen und ästhetischen Rahmen zu finden, der Raum und Offenheit schafft – nicht nur für die Werke, sondern auch für die Begegnung mit ihr.

Und so betritt man im neuen Untergeschoss zunächst einen weitläufigen Platz, von dem verschiedene Wege abgehen. "Es gibt größere Plätze und kleinere "Häuser", erläutert Städel-Direktor Max Hollein das architektonische Konzept. "Wie der Besucher einer Renaissance-Stadt sind Sie eingeladen, um Ecken zu biegen, sich vielleicht auch etwas in kleinen Gassen zu verlieren, um dann aber immer wieder in eine größere Platzsituation zurückzufinden. Es ist ein nicht-hierarchischer, nicht-linear geführter Parcours. Das hat zur Folge, dass Sie ganz unterschiedliche Wege durch diese Präsentation nehmen können." So können die Besucher die Geschichte der Gegenwartskunst ohne Reglementierungen erkunden – dank eins offenen Konzepts, das das Nebeneinander ganz unterschiedlicher Positionen zulässt, ohne sie durch Kategorisierungen einzuzwängen.

Und es bietet Raum für eine Sammlung, die in den letzten Jahren immens gewachsen ist – so sehr, dass das Museum in der Vergangenheit immer wieder an räumliche Grenzen stieß. Doch nun kann in den Gartenhallen endlich viel mehr von dem gezeigt werden, was das Städel zu bieten hat. Etwa Hauptwerke von Alberto Giacometti, Yves Klein, Francis Bacon, Jörg Immendorff oder Dan Flavin. Auch ein bedeutender Anteil von den über 850 Werken, die die Sammlung erst seit kurzem bereichern, ist hier zu erleben – hochkarätige Arbeiten, die das Profil des Hauses weiter schärfen, Lücken schließen und helfen, ein noch umfassenderes Panorama zeitgenössischer Positionen zu eröffnen.

Neben Neuankäufen und Schenkungen wichtiger Werke von Künstlern wie Thomas Bayrle, Peter Roehr, Wolfgang Tillmans oder Victor Vasarely kamen wichtige und umfangreiche Werkgruppen aus Unternehmenssammlungen hinzu. Die Kooperation des Städel mit Unternehmenspartnern sorgte bereits im Vorfeld 2008 für Schlagzeilen. Die Deutsche Bank übergab 600 hochkarätige Werke aus ihrer Unternehmenssammlung dauerhaft an das Museum, die DZ Bank steuerte 200 Arbeiten aus ihrer renommierten Sammlung zeitgenössischer Fotokunst bei. 60 Gemälde und Skulpturen, 161 Originale auf Papier und 379 Druckgrafiken: Das Konvolut aus der Sammlung Deutsche Bank stellt eine maßgeschneiderte Ergänzung der Städelsammlung dar. Die Auswahl fokussiert sich vor allem auf Klassiker aus den ersten Jahrzehnten der Sammlung: Georg Baselitz, Martin Kippenberger oder Markus Lüpertz sind mit zentralen Werken vertreten. Hinzu kommen Arbeiten von Joseph Beuys, Konrad Klapheck oder Rosemarie Trockel. Insbesondere der Bestand des Städel an Arbeiten von Anselm Kiefer wird durch Wege der Weltweisheit: Hermanns-Schlacht in hervorragender Weise ergänzt. Umfangreiche Werkgruppen von Hanne Darboven, Günther Förg oder Imi Knoebel erweitern auch die Graphische Sammlung des Museums. Sämtliche Leihgaben wurden gemeinsam mit dem Ziel ausgewählt, die Bestände des Städel nachhaltig in die Zukunft fortzuführen und gleichzeitig Arbeiten von musealem Rang aus den ersten Jahrzehnten der Unternehmenssammlung noch stärker der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. "Ich bin sicher: der Kunst-Schatz, den wir als Deutsche-Bank Sammlung an das Städel übergeben haben, ist eine Investition, die reiche Früchte tragen wird", sagte Josef Ackermann, Vorsitzender des Vorstands und des Group Executive Committee der Deutschen Bank bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der Gartenhallen. Dies gelte nicht nur für das Museum und die Stadt Frankfurt, sondern auch für die Deutsche Bank selbst. "Denn Unternehmen, und gerade Banken, sind Teil der Gesellschaft. Sie können nur zusammen gedeihen."

Die Werke aus der Sammlung Deutsche Bank werden nicht in einer eigenen Galerie gezeigt, sondern gliedern sich assoziativ in die Präsentation ein. So schwebt etwa Rosemarie Trockels 1988 entstandenes Strickbild Who will be in in 99? in Anspielung auf Kasimir Malewitschs konstruktivistische Kunst über der Haupthalle – wie eine russische Ikone über Eck gehängt. Es blickt hinunter auf eine Kunstlandschaft, in der sich verschiedene thematische Sektionen ineinander verschränken. Ausgehend von der russischen Avantgarde wird etwa verfolgt, wie die geometrisch- konstruktivistische Abstraktion auch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte, von Ad Reinhardt oder Donald Judd weiter bis zu Imi Knoebel oder der Hard-Edge Malerei von John Armleder.

Immer wieder setzt Martin Engler, der Kurator der Ausstellung und Kustos für die Sammlung der Gegenwart, auf unerwartete Verbindungen, oder erleuchtende Kombinationen: Die kühlen Architekturbilder von Eberhard Havekost lassen Neo Rauchs Rätselbilder plötzlich erstaunlich streng und real erscheinen. Immer wieder zerfließen in der Präsentation die Grenzen zwischen Medien und Genres. Zum Beispiel korrespondieren die Werke des europäischen Informel erstaunlich gut mit der abstrakten Fotografie von Wolfgang Tillmans. Auch die Synergien zwischen der Sammlung Deutschen Bank und der des Städel werden deutlich, etwa wenn Engler die Beuys Bronze-Skulptur Bergkönig(1958-61) und Anselm Kiefers Holzschnitt Wege der Weltweisheit (1978), beide aus der Sammlung Deutsche Bank, Anselm Kiefers riesigem Mixed-Media Bild Argonauten(1990) entgegenstellt. Nicht nur die Verweise auf deutsche Geschichte und Mythologie treten hier in Beziehung, sondern auch die Materialität der Werke.

"Es geht darum, dass die Qualität der einzelnen Arbeit sichtbar wird, aber auch darum, dass sich die Sammlungen des Städel und der Deutschen Bank sehr gut, sehr intelligent und auf sehr hohem Niveau ergänzen", erklärt Engler. In der Präsentation der Gegenwartskunst spielen die Werke von zwei Künstlern eine zentrale Rolle, die eng mit der Geschichte der Sammlung Deutsche Bank verbunden sind: Sigmar Polke und Gerhard Richter. Neben ausgewählten Gemälden wie etwa Richters Kahnfahrt (1965) oder Polkes Drehung (1979) sind es besonders die Druckgrafiken, die früh von der Deutschen Bank gesammelt wurden und in ihrer Vollständigkeit für Engler einen einzigartigen Stellenwert besitzen. Ein ganzer Raum ist unter dem Motto "Der kapitalistische Realismus im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" den beinahe kompletten Grafikserien von Polke und Richter gewidmet.

Immer wieder wechselt in der Ausstellung die Perspektive, ob man im nächsten Modul mit der Frage konfrontiert wird, wie Künstler sich in Ost und West politisch positioniert haben, oder ob anhand von Positionen wie Georg Baselitz und Asger Jorn die Auflösung und Wiederfindung der Figur in der Malerei verfolgt werden. Weder in der Architektur, noch in der Konzeption der Sammlung für Gegenwartskunst verlässt man sich auf statische Verhältnisse. So sagte Max Hollein bei der Pressekonferenz zur Eröffnung, der Neubau und die Sammlungspräsentation seien "nicht das Ende, aber ein erster großer Schritt in einem fortwährendem Prozess der Entwicklung". Dieser Schritt wurde in Lichtgeschwindigkeit gegangen, der Neubau des Städel ist laut Hollein "eines der am schnellsten umgesetzten Kulturgebäude" überhaupt. Von der ersten Konzeption bis zum Einzug vergingen lediglich viereinhalb Jahre. Mit dazu beigetragen hat ein Schulterschluss bürgerschaftlichen Engagements – der in Frankfurt so gut funktionierte, wie wohl kaum anderswo. Die Hälfte der Baukosten von 52 Millionen Euro kam aus öffentlichen Mitteln, die andere Hälfte wurde durch die Unterstützung von Stiftungen, Unternehmen und zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern zusammengetragen. Ob nun wenige Euro oder sechsstellige Summen, die ganze Stadt sammelte mit, darunter auch die Eintracht Frankfurt. Die Frankfurter lieben ihr Städel – gerade weil es die Tradition des bürgerschaftlichen Engagements seit nun fast 200 Jahren repräsentiert. Dass es dabei nicht nur die Kunstgeschichte, sondern auch die eigene Geschichte auf solch innovative Weise weitererzählt, verspricht eine spannende Zukunft.

Oliver Koerner von Gustorf




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