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"Yto Barrada ist eine Allround-Kulturproduzentin" - Ein Gespräch mit Andrée Sfeir-Semler

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Yto Barrada ist eine Allround-Kulturproduzentin
Ein Gespräch zwischen Silke Hohmann und Andrée Sfeir-Semler


Andrée Sfeir-Semler eröffnete 1998 ihre Galerie in Hamburg, vor sechs Jahren folgte eine Dependance in ihrer Geburtstadt Beirut. Mit ihrem ambitionierten Programm setzt sie Zeichen für die Kunst aus Nordafrika und dem Nahen Osten. Im Januar 2011 hat Silke Hohmann vom "Monopol" Magazin sich mit ihr über Yto Barrada und die junge arabische Szene unterhalten.


Silke Hohmann: Die politische Lage in einigen nordafrikanischen Staaten ist gerade angespannt bis dramatisch. Yto Barrada lebt und arbeitet in Tanger, Marokko. Wenn Sie mit der Künstlerin in Kontakt stehen, sprechen Sie über die aktuellen Ereignisse?

Andrée Sfeir-Semler: Ehrlich gesagt nein, da wir immer so viel zu besprechen haben, wenn wir telefonieren. Aber selbstverständlich ist Yto Barrada eine sehr politische Künstlerin, sowohl durch ihre sozialen Aktivitäten wie etwa die Eröffnung der Cinémathèque de Tanger als auch in ihrem Werk. Sie ist politisch sehr engagiert in der Stadt, in der sie lebt.

Marokko spielt auf dem globalen Kunstatlas noch keine große Rolle – wie ist die kulturelle Situation dort, in welchem Entwicklungsstadium befinden sich die künstlerische Produktion und Präsentation?

Es gibt verschiedene Künstler, die aus Marokko kommen, aber in Frankreich oder in den Vereinigten Staaten leben. Im Land selbst gibt es relativ wenige Akteure. Dazu kommt, dass Marokko riesig und sehr dezentral organisiert ist, die Geografie ist äußerst unhandlich. Es gibt Marrakesch, es gibt Tanger, Rabat, Fez und Casablanca, aber die Kommunikation der einzelnen Städte und Stätten untereinander ist nicht so einfach. Auch deshalb ist Marokko noch nicht so weit, was zeitgenössische Kulturarbeit betrifft. Es gibt zum Beispiel keine Galerien wie unsere. Wenn Sie in Marokko herumreisen, haben Sie wirklich über lange Strecken das Gefühl, ins Mittelalter zurückzureisen.

Gibt es überhaupt Ansprechpartner für Yto Barrada in ihrem eigenen Land, wenn es um die Auseinandersetzung mit Gegenwartskunst geht?

Außer Yto Barrada gibt es Abdellah Karroum, der eine wichtige Rolle als Kunstvermittler spielt. In Marrakesch hat er Ende 2010 die Biennale organisiert, die vor kurzem ins Leben gerufen wurde, aber man kann noch nicht von einem Nukleus sprechen. Er betreibt den Projektraum Apartment 22 in Rabat und saß auch schon in der Jury der Biennale von Venedig. Abdellah ist ein enger Freund und, wenn Sie so wollen, Sparringspartner von Yto Barrada, aber wann sehen die sich schon mal? Man muss erst mal fünf Stunden reisen, um sich zu treffen.

Also stellt Yto Barrada, quasi als Pionierin, selbst Räume her, in denen Kommunikation über Kultur stattfindet?

Absolut, und ihre Rolle in Tanger kann gar nicht überschätzt werden: Sie schafft einen Treffpunkt, dafür hat sie die Cinémathèque gegründet. Das Kino ist sehr wichtig für die Stadt. Yto Barrada hat das einzige Kino mit einem vernünftigen Niveau übernommen, als es plötzlich keine Kinos mehr gab – das Cinéma Rif am Grand Socco, dem großen Markt. Jetzt betreibt sie es mit einer Gruppe von Mitarbeitern und einem internationalen Beratergremium mit höchst anspruchsvollem Programm, das ist also richtige Kulturarbeit. Sie hat außerdem das einzige Internet-Café in der Stadt eröffnet. Das ist ebenfalls sehr wichtig. Es ist ein Ort, an dem die Jugend sich altersgemäß treffen kann.

Das ist Kulturschaffen an der Grenze zur Sozialarbeit.

Nicht nur an der Grenze! Ihre Mutter hat in Tanger ein Frauenhaus eröffnet, in dem Yto Barrada sich ebenfalls häufig aufhält, um mit den Frauen zu sprechen, zu essen oder zu arbeiten. Sie ist mit der Bevölkerung in ihrem Umfeld also intensiv in Kontakt.

Ist ihre eigene künstlerische Produktion denn von diesen gesellschaftlich-kulturellen Tätigkeiten getrennt zu betrachten?

Sie müssen Yto als eine Allround-Kulturproduzentin sehen, die einerseits Kulturarbeit, vor allem im visuellen Bereich, leistet. So ist sie zum Beispiel auch im Vorstand der Arab Image Foundation, die 1996 gegründet wurde und bis heute das einzige Bilderarchiv im arabischen Raum darstellt. Die einzelnen Länder haben zumeist gar keine Fotoarchive und die Gründung dieses Archivs in Beirut ist enorm wichtig zur Wahrung und zur Pflege des kulturellen Gedächtnisses. Aber sie ist eben auch Künstlerin.

Eine Künstlerin, die sich die Aufgabe gestellt hat, sich intensiv mit den Lebensbedingungen in ihrem Land zu beschäftigen?

Sie macht jedenfalls kein l’art pour l’art, ihre Kunstwerke sind durchaus auch Zeugnisse. Viele Werke thematisieren die schlechte Bebauung des Landes, den fast schon räuberischen Umgang mit der Vegetation, das Verschwinden von Grün, das Vernichten von Natur, auch die Abwanderung der Jugend aus dem Land ist ein wichtiges Thema, genauso wie die Meinungsfreiheit. Und natürlich das Thema Migration nach Europa. Im Besitz der Deutschen Bank sind ja auch Arbeiten mit dem Titel Belvedere (2001): Das ist die Stelle, von der aus die Menschen über das Wasser Europa erreichen.

In der westlichen Welt ist der arabische Raum oft am präsentesten in den Nachrichten, es geht um Konflikte und kulturelle Differenzen. Inwieweit schließt Yto Barrada sich jener Bilderproduktion an?

Yto ist ganz und gar keine dokumentarisch arbeitende Künstlerin, absolut nicht! Auch das Archiv, ihre Serien, sind keineswegs Dokumentarfotografie. Sie ist durch und durch Künstlerin. Die Kulturarbeit, die sie in ihrem realen Umfeld leistet, ist zwar wichtig für ihre eigene künstlerische Arbeit, die Wirklichkeit inspiriert sie – Situationen, in denen sie lebt, ihre Umgebung, ihre Stadt. Aber ihre Arbeiten bemühen sich weder um Objektivität, noch wird sie in ihren Motiven ethnisch oder exotisch. Das ist sehr wichtig. Es geht ihr nicht um das Abbilden von Wahrheit. Ihre Arbeit ist viel eher militanter Natur. Das sieht man zum Beispiel an ihren sogenannten Posters: die sind wie Pamphlete, Werke, die an die Geschichte erinnern – aber eben als Kunstwerk, niemals als Dokument. Dazu ist ihr einfach das Kunstwerk als solches zu wichtig. Es geht Yto Barrada darum, die Augen der Menschen zu öffnen durch Kunst.
Heißt das, ihre Werke sind auch ohne jedes Wissen über den gesellschaftlichen und politischen Kontext erfahrbar?
Aber natürlich, wenn Sie zum Beispiel ihre Fotografien der Logos von Busgesellschaften anschauen. Sie sind sehr abstrakt fotografiert, so dass sie fast wie konstruktivistische Malerei aussehen. Diese Arbeit thematisiert einerseits Dinge wie Flucht und Analphabetismus, da diese Logos auch die Funktion haben, schriftliche Information zu ersetzen. Aber gleichzeitig geht es auch um Farbe, um Kunstgeschichte oder den Blick auf Kunstgeschichte. Wer diese Bilder betrachtet, muss die Geschichte dahinter nicht mal kennen.

Macht man es sich damit nicht zu einfach?

Nein, warum? Yto Barrada hat eine ganz große Begabung darin, das Schwere und das Leichte in einer eleganten Balance zu halten. Sie vermittelt teilweise deprimierende, existenzielle Inhalte, aber sie bleibt frisch und spielerisch. Das sieht man auch in ihrer Art, ihre Werke zu hängen und zu arrangieren.

Sie arbeiten hauptsächlich von Hamburg aus – wie begann Ihre Zusammenarbeit mit Yto Barrada?

Ich habe im Jahr 2005 eine Galerie für zeitgenössische Kunst in Beirut aufgemacht, die erste in der Stadt, die auf einem hohen professionellen Niveau mit internationalen, aber auch mit einheimischen Künstlern arbeitet. Libanon ist ganz anders als Marokko: Alles findet in Beirut statt und die Szene steht eng im Austausch miteinander. Ich glaube sehr daran, dass ein Galerieprojekt immer einen Bezug zum soziogeografischen Bereich, in dem es existiert, haben muss. So fing ich an, Künstler aus dem gesamten arabischen Raum genauer anzuschauen, und bin sehr schnell auf Yto gestoßen. Seit 2006 arbeiten wir zusammen. Ich denke, dass aus meinem Programm solche Künstler wie Walid Raad, Akram Zaatari und Yto Barrada universelle Künstler sind. Und genau aus diesem Grund sind sie unter anderem auch für das Deutsche Guggenheim in Berlin interessant.

Sie vertreten auch den hauptsächlich durch seine performative Kunst bekannten Libanesen Rabih Mroué, von dem es wenige Werke gibt, die man im engeren Sinne ausstellen kann. Im April wird er im Rahmen von Globe, dem Kunst- und Performance- Programm zur Eröffnung der neuen Kunstpräsentation in den Deutsche Bank-Türmen, in Frankfurt auftreten. Wie ist er künstlerisch einzuordnen?

Kein Wunder, dass Sie kaum Kunst von ihm gesehen haben, er macht sehr wenige Ausstellungen. Dafür ist er eben als Performer in der Szene sehr bekannt. Er kennt sich mit Theater und Ballett extrem gut aus. Er stellt ein ganzes Programm zusammen und lädt Freunde und Kollegen ein, die tanzen, Vorträge halten oder Videos zeigen. Auch er selbst wird natürlich performen.

Er arbeitet in erster Linie mit seinem Körper. Inwieweit versteht sich Rabih Mroué als politischer Künstler?

Er ist sehr politisch, er thematisiert mit seinen Mitteln ganz konkret die Politik in seinem eigenen Land, dem Libanon. Dennoch ist auch er ein global verständlicher Künstler. Er hat 2010 den Spalding Gray Award in Amerika bekommen, im Mai wird ihm der Jürgen Bansemer & Ute Nyssen Dramatikerpreis verliehen. Rabih Mroué thematisiert verschiedene politische Situationen wie Unterdrückung, das Verschwinden, kulturelle Wurzeln, Krieg an sich, das Entschuldigen des Krieges, das Grauen des Krieges. Aber auch die privaten Aspekte daran, wie die eigene Biografie, die Generation seines Großvaters, seines Vaters, das Sammeln von Büchern, das Lesen im arabischen Raum – das sind seine Themen. Aber die Vermittlung seiner Kunst funktioniert eben sehr stark über das situative Erleben, über das Erfahren seiner Performance, es lässt sich schwer beschreiben. Da spielen Dinge mit hinein wie der Ton seiner Stimme, das Gefühl, das er transportiert, wenn er arbeitet. Er ist nicht so kartesianisch wie zum Beispiel Walid Raad

… der mit konzeptuellen Fotoarbeiten als einer der führenden Künstler aus dem Libanon das Schicksal des Landes thematisiert. Er ist in Sammlungen wie der des MMK Frankfurt, des Solomon R. Guggenheim Museums und der Tate London vertreten …

… und er ist mit Rabih Mroué sehr gut befreundet. Das ist eine ganze Gruppe von Künstlern im Libanon, die ein enges Verhältnis zueinander haben. Das, was Walid mit dem Kopf macht, macht Rabih vielleicht mit der Intuition und mit dem Gefühl. Die Inhalte sind sehr ähnlich.

Inwieweit gibt es die Gefahr, dass die Kunst aus dem arabischen Raum, auch die von Yto Barrada, im Westen gewisse Stereotype bedient? Also jene Bilder bestätigt, die wir ohnehin schon im Kopf haben?

Um Ihnen das Leben zu vereinfachen: Sie können die Arbeit von Yto Barrada problemlos mit dem Werk von Wolfgang Tillmans, Paul Graham oder mit jemandem wie Nan Goldin vergleichen, alles Künstler aus dem westlichen Raum. Tillmans oder Goldin thematisieren zwar ihr eigenes Milieu, aber niemand würde ernsthaft bezweifeln, dass sie Kunst machen. So wie Yto Barrada sind sie von ihrer Gegenwart inspiriert, aber sie würden jederzeit die Autonomie des Kunstwerks für ihre Arbeiten reklamieren. Yto Barradas Kunst ist absolut lesbar für ein westliches Publikum, obwohl sie in ihrer marokkanischen Kultur tief verwurzelt ist. Ich denke, sie ist eine Künstlerin, die großes Ansehen genießt, weil ihre Fotografie eine hohe Qualität besitzt. Und nicht, weil sie aus Nordafrika kommt.




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