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Was wäre wenn…?
Yane Calovski in der Sammlung Deutsche Bank


Die gescheiterten Utopien der Moderne sind eines der zentralen Themen von Yane Calovski. Der mazedonische Künstler ist mit zwei bedeutenden Serien in den Deutsche Bank-Türmen vertreten: "Master Plan" setzt sich mit den Plänen des japanische Architekten Kenzo Tange für den Wiederaufbau der mazedonischen Stadt Skopje nach dem verheerenden Erdbeben von 1963 auseinander, während "Oskar Hansen's Museum of Modern Art" Plakate für das Ausstellungsprogramm eines nie realisiertes Museum entwirft. Christiane Meixner stellt Calovskis Arbeiten aus der Sammlung Deutsche Bank vor.


Die Geschichte hat es nicht gut gemeint mit Skopje. Gleich mehrfach wurde die mazedonische Metropole in Kriegen zerstört, 1963 von einem Erdbeben nahezu ausradiert. Die Schäden waren so groß, dass Staatspräsident Tito mitten im Kalten Krieg einen internationalen Wettbewerb für den Wiederaufbau anordnete - und Skopje so in den Fokus urbanistischer Debatten rückte. Yane Calovski hat von diesen Anfängen des neuen Skopje nichts mitbekommen. Doch der Künstler, Jahrgang 1973, wuchs in der Peripherie der "großen Stadt" auf, mit Sicht auf ihre futuristischen Designs : "Stets hatte man den Eindruck, in einer Version der Zukunft zu leben. Als Kind zeichnete und collagierte ich Bilder der Stadt, die ein Zwitter aus Häusern und Maschine war, und bevölkerte sie mit Menschen." Mit Beginn seines Studiums verschlug es Calovski ins Zentrum, wo sich die Kunstakademie befindet, und schließlich wurde auch die sozialistische Planstadt als Experiment zum Thema seiner konzeptuellen Arbeit. Denn Tito hatte im blockfreien Jugoslawien nicht einfach verfügt, wie das neue Skopje aussehen sollte. Stattdessen bat er die Vereinten Nationen um die Ausschreibung des von ihm initiierten Wettbewerbs, um die internationale Architektur-Avantgarde für das Projekt zu interessieren.

Gewinner war mit Kenzo Tange ein populärer Vertreter des International Style, des Neuen Bauens, dessen Gebäude aus Glas, Stahl und Beton einer universalen Ästhetik gehorchten. Vor allem aber gefiel der Jury, dass der Japaner die künftigen Bedürfnisse einer wachsenden Stadt vorausdachte, in der einmal vier Millionen Menschen leben sollten. Tange verordnete ihr strukturelle Klarheit und ein modulares System, das unter anderem auf Skopjes ethnische Vielfalt reagierte. Er schuf öffentliche Bereiche ohne überdimensionierte Aufmarschplätze und verband traditionelle architektonische Elemente fernöstlicher Kultur mit den Visionen eines urbanen Organismus, der wie eine Maschine funktionieren sollte. Nur alles andere als sentimental sollte dieser Masterplan sein: Eine Rekonstruktion der kleinteiligen historischen Altstadt schloss Tange aus, das hätte seiner durch und durch modernen Vision widersprochen.

Yane Calovski nennt Skopje deshalb einen Ort ohne Vergangenheit. Zugleich steht er exemplarisch für die inzwischen hinfälligen urbanen Utopien der 1950er und 1960er Jahre. Skopje ist selbst ein städtebauliches Museum unter freiem Himmel geworden, das neben Calovski auch die Gruppe Works in Progress und immer wieder auch Architekturbüros beschäftigt. Interessant ist hierbei für alle Beteiligten der ambitionierte Masterplan der Modellstadt und dessen Realisierung, die sich schon in der ersten Phase als unmöglich erwies. Denn Tange hatte auf langsames Wachstum gesetzt, während es dem sozialistischen Staat nicht schnell genug mit dem Wiederaufbau gehen konnte. Schon nach kurzer Zeit arbeiteten mazedonische, griechische und polnische Architekten an den Details. Tange entglitt die Kontrolle, sein Entwurf verwässerte, eine Art "barocker Brutalismus", so die Stadtplanerin Maren Harnack, ersetzte die progressiven gestalterischen Ideen. Am Ende standen lähmende Kompromisse: In den 1980er Jahren schlief der Umbau völlig ein - als sei der Utopie die Luft ausgegangen. Und genau dieser Zustand macht diesen Ort für Calovski so interessant.

Die Ergebnisse seiner künstlerischen Untersuchungen sind in die Serie Master Plan (2008) eingeflossen, die in den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen zu sehen ist. "Eine Arbeit, die sich auf die fehlenden erzählerischen und visuellen Kapitel des Wiederaufbaus konzentriert", so Calovski. Die 66 Zeichnungen reflektieren jene Phase, als Skopje eine architektonische Revolution versprochen wurde. Master Plan spürt Tanges ursprünglichen Absichten noch einmal nach. Auf zahlreichen Blättern ist Skopje als Grundriss präsent, die Bereiche für Wohnen, Produktion und kollektive Erholung hat der Künstler farbig markiert. Ebenso wie jenen gigantischen Highway, auf dem der gesamte Verkehr gebündelt werden sollte. Daneben entstanden Zeichnungen, die auf Archiv-Fotografien aus Tanges Studio basieren:. Der Architekt und seine Mitarbeiter hocken über Plänen, halten Besprechungen ab oder separieren sich für Momente. Calovski fängt solche authentischen Szenen in flüchtigen Impressionen ein. Die Figuren werden konturiert und einzelne Flächen farbig gefüllt: Ein Hemd leuchtet rot, eine schwarze Hose schluckt das Licht. Der Rest bleibt Skizze und vermeidet jede exakte Darstellung, weil dies die zirkulierenden Ideen in Tanges Büro ähnlich zementieren würde, wie es seinem Entwurf bei der Realisierung von Skopje widerfuhr. So zeigt sich in den Zeichnungen jenes Ephemere, das in der Realität verlorengegangen ist. "Ich versuche, den Betrachter an den Moment der Produktion zurückzubringen. Dazu gehört auch die Vermittlung der Atmosphäre." Mit seinen Zeichnungen, die das Vergangene rekonstruieren und dabei künstlerisch interpretieren, entstehen zusätzliche Dokumente, die (noch) nicht im kollektiven Gedächtnis verankert sind. Dafür vermischt Master Plan den "rationalen Raum der Diagramme und Grafiken mit dem mystischen Raum der Illusionen" und liefert zusätzliche Bilder, die die offizielle Version ab jetzt ergänzen.

Das Faktische und der Spielraum der Fiktion: Dieses Thema beschäftigt zahlreiche Künstler vor allem einer jungen Generation. Seit dem Fall der Mauer 1989 werden die Städte in Mittel- und Osteuropa kontinuierlich umgestaltet. Mit den Veränderungen verschwinden zumeist die Bauten sozialistischer bzw. postsowjetischer Prägung, mit denen Künstler in Sofia, Riga, Vilnius oder Dresden aufgewachsen sind. Die neue Stadtplanung nach westlichem Muster wirft jedoch nicht nur Fragen nach ihrer ästhetischen Legitimation auf. Letztlich verdrängt sie jede andere Weltsicht. So wird Städtebau zur Machtfrage und Architektur zu einem ideologischen Instrument. Yane Calovski, der sich jüngst in dem Projekt Ponder Pause Process in der Tate Britain mit den Depots des Hauses beschäftigt hat, um Strukturen des Sammelns und Konservierens zu analysieren, sieht das ähnlich. Als 2004 die mazedonische Regierung zentrale Grundstücke in der Stadt verkaufen wollte, um unter anderem Platz für ein neues Gebäude der US-Botschaft zu schaffen, begann der Künstler mit seinen Recherchen. Der Master Plan, ein fortlaufendes konzeptuelles Werk, war Teil der Ausstellung The Rest of Now anlässlich der 7. Manifesta 2008 in Südtirol. Aus dem Städtischen Museum Skopje lieh sich der Künstler dafür Tanges großes, historisches Architekturmodell - zur visuellen Ergänzung seiner Zeichnungen und als Sinnbild dessen, was einst als Zukunft galt.

"Skopjes Wiederaufbau war voller kreativer Ambitionen, aber was wir im Kontext der urbanen Planung utopisch nennen, ist auch die Erwartung, dass gewisse soziale, politische und ökonomische Projektionen real werden," resümiert Calovski. Auch diese Erwartung an die Moderne blieb allerdings uneingelöst. Allmählich erschöpfte sich das Vertrauen in den ungebremsten Fortschritt - weil sich urbanistische Konzepte eben nicht mit dem moralischen Anspruch verbinden lassen, mit ihnen auch Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen. Dennoch spielen Calovskis Arbeiten auch nach Master Plan die Möglichkeiten solcher Utopien durch. Was wäre, wenn…? Wenn Tanges Ideen vorbildhaft realisiert worden wären? Hätte es in seinen Siedlungen modulare Strukturen gegeben, wie der Künstler sie 2009 in der Ausstellung Obsessive Setting für die Berliner Galerie Zak/Branicka vorgestellt hat? Einen Ort mit diversen Funktionen auf engstem Raum, in dem man arbeiten, produzieren und ausruhen kann?

Oder wenn der Entwurf des polnischen Architekten und Visionärs Oskar Hansen - der den Warschauer Kunstprofessor Grzegorz Kowalski nachhaltig beeinflusste und mit ihm dessen ehemalige Studenten wie Pawel Althamer, Anna Molska oder Artur Zmijewski - in Skopje verwirklicht worden wäre? Dort gingen nach dem Beben von 1963 als Zeichen internationaler Solidarität so viele Arbeiten von Künstlern ein, dass auch ein Wettbewerb für ein modernes Museum veranstaltet wurde. Hansens Entwurf hatte jedoch keine Chance. Ein temporäres Gebäude auf der Basis einer "Offenen Form", die ein Gegenentwurf zur bereits erstarrten Sprache der architektonischen Moderne darstellen sollte. Mit Räumen aus beweglichen Modulen, die sich nach Bedarf erweitern, verkleinern oder versenken lassen sollten. Das war keine Option für eine zerstörte Stadt, die sich nach Beständigkeit sehnte. Calovski hat 2007 zusammen mit der Künstlerin Hristina Ivanoska aus dem illusionären Entwurf ein konkretes Projekt gemacht und Oskar Hansen's Museum of Modern Art als Adresse für die Avantgarde in das Skopje der 1960er Jahre versetzt. In solch ein Gebäude hätten Künstler wie Ana Mendieta, Paul Thek oder Ad Reinhardt gepasst. So konzipierte das Duo einen Ausstellungskalender für die Zeit von 1966-2008, entwarf einen Katalog und flankierte die fiktiven Ausstellungen mit Plakaten, deren grafisches Design Hansens architektonische Wabenstruktur spielerisch aufgreift. Sie werben für Projekte, die es nie gegeben hat. Möglich aber wären sie gewesen und hätten die internationale Wahrnehmung der jugoslawischen Kunstszene nachhaltig verändert.

Aus Oskar Hansen's Museum of Modern Art wie aus Masterplan spricht nicht Trauer über verpasste Chancen, sondern die Notwendigkeit zur Interpretation. Schließlich steckt selbst im Konjunktiv noch das gestalterische Potenzial, mit dem sich die Zeugnisse der Moderne, ihre Visionen und Illusionen interpretieren oder aber instrumentalisieren lassen. "Wir sollten nicht vergessen, dass von allen Künsten die Architektur die mächtigste Waffe ist und sich früher oder später gegen ihre Bewohner richtet. Nicht Tanges Pläne, sondern die Machtspiele der Politik liefern eine negatives ‚utopisches' Beispiel urbaner Entwicklung, die so verheerend wie ein Erdbeben ist", erklärt Yane Calovski. Und schreibt in Tanges Erbe seine eigene Version ein, bevor es andere tun.




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