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Larissa Fassler
Der Körper und die Stadt


Seit der Antike stellen sich die Denker und Architekten Städte wie menschliche Körper vor, mit Arterien und Venen, durch die Passanten und der Verkehr strömen. Larissa Fassler hingegen setzt ihren eigenen Körper als Maßstab ein, um Orte in Städten wie Berlin, London oder Paris zu erkunden zu kartographieren oder in riesigen Modellen nachzubauen. So auch in ihrer Arbeit Regent Street/Regent's Park in der Sammlung Deutsche Bank. Die kanadische Künstlerin untersucht, wie modellhafte urbane Architekturen unser Denken, unsere Bewegungen und unser Miteinander bestimmen. Lukas Feireiss hat sich an Fasslers Fersen geheftet.


Kottbusser Tor, Alexanderplatz, Les Halles, Regent Street: Dies sind nur einige der transitorischen Zwischenräume in Berlin, Paris und London, die die Handlungsorte von Larissa Fasslers Werk bilden. Es sind Tatorte und Unorte der Moderne zugleich, gebaute Wahrzeichen brutalistischer Stadtplanungsmuster, Knotenpunkte im urbanen Geflecht, die das Verhältnis zum menschlichen Maß verloren haben. In ihrem Werk fokussiert sich die in Kanada geborene und in Berlin lebende Künstlerin auf die banalsten, beiläufigsten und unspektakulärsten Aspekte der Stadt – so wie sie Tag für Tag von tausenden Bewohnern erfahren werden. Ihre Aufmerksamkeit konzentriert sich dabei auf Fußgängertunnel in U-Bahnstationen, auf Straßen, Verkehrswege und Plätze, die häufig nicht funktionieren und zu sozialen Brennpunkten oder überkommerzialisierten Einkaufsmeilen geworden sind. Während Fassler scheinbar konventionelle Mittel architektonischer Darstellung, also maßstabsverkleinerte Modelle, Pläne, Auf- und Grundrisse nutzt, um diese Orte abzubilden, verfolgt sie dabei ein völlig anderes Ziel. Es geht ihr darum, zu zeigen, wie das Stadtbild alltägliche Wahrnehmungen und Handlungen prägt, unser Miteinander und unsere Bewegungen reglementiert.

Um ihre Werke wie die 2009 geschaffene Arbeit Regent Street/Regent's Park (Dickens thought it looked Ilke a racetrack), die in den Frankfurter Deutsche Bank-Türmen zu sehen ist, zu begreifen, gilt es, sich einem der prominentesten Analogiepaare in der Geschichte der abendländischen Stadtrezeption zu zuwenden – dem der Stadt und dem menschlichen Körper. Vergleiche dieser Art reichen weit zurück bis in die griechische Antike. So vergleicht schon Platon den menschlichen Körper mit einer befestigten Stadt und auch Aristoteles verwendet ähnliche Körpermetaphern. Der römische Architekt und Architekturtheoretiker Vitruv entwickelt später anthropometrische Proportionstheorien und bildlich-figurative Umsetzungen von Stadtgrundrissen, die an menschliche Körper erinnern. Bis in die Renaissance florieren seine Theorien im europäischen Raum. Tatsächlich dient der Körper teilweise noch bis weit in die Moderne als Vorbild idealer Stadtplanung. Man denke nur an den Korporal-Urbanismus in Chandigarh, Indien, von Le Corbusier oder an die ebenfalls explizit körperlichen Entwurfspraktiken des damals revolutionären Architektenkollektivs Coop Himmelb(l)au Ende der 1960er Jahre in Wien. Doch diese Beispiele verdanken ihre physiologische Architektur-und Stadtbestimmung weniger antiken Vorläufern. Vielmehr basieren sie auf der dank der Entdeckung des menschlichen Blutkreislaufs und des Herzens als Motor des Körpers im 17. Jahrhundert aufkommenden Popularisierung der Analogie von Stadt und Organismus. Die moderne Gesellschaft und insbesondere die moderne Stadt als ein Konglomerat aus Arterien und Venen, durch die Menschen wie Blutkörperchen strömen!

Auch das von dem britischen Architekten und Stadtplaner John Nash im frühen 19. Jahrhundert für den Prinzregenten und späteren König George IV in London geschaffene städtebauliche Ensemble zwischen Regent Street, der damaligen Stadtresidenz des Prinzen, und den Arkaden des Regent's Park, an dessen Rande seit 2003 die Frieze Art Fair veranstaltet wird, ist in dem Verständnis von der Stadt als organischem Ganzen konzipiert worden. Der Park fungiert hierbei als städtische Lunge. Wie der zeitgenössische französische Stadtplaner Bruno Fortier in Hinblick auf parallele Entwicklungen in Paris schreibt, sollten die Menschen, die durch die Straßen-Arterien der Stadt wandern, um diese eingeschlossenen Parks herum zirkulieren und ihre frische Luft einatmen – so wie das Blut von den Lungen mit Sauerstoff aufgefrischt wird. Dieses wichtige Projekt urbaner Planung spiegelt aber auch die Anpassung des Londoner Stadtbildes an eine zunehmend höhere Geschwindigkeit in der Stadt wider.

Die den Regent's Park umkreisende Straßenführung steht, wie der US-amerikanische Stadtsoziologe Richard Sennett in seinem einflussreichen Buch Fleisch und Stein. Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivilisation anmerkt, exemplarisch für den sich seit dem 19. Jahrhundert vollziehenden Wandel des städtischen Raums, der "Mittel zum Zweck reiner Bewegung", wird. Zugleich wirkt die zunehmende städteplanerische Begünstigung individueller Mobilität der Versammlung von großen Menschenmengen entgegen. Der Regent’s Park kann zwar in großer Geschwindigkeit umkreist werden, ist aber nur durch einige schmale Zugänge zu betreten, so dass größere Gruppen das Areal nicht auf einmal betreten können – eine Form der Kontrolle, die in Zeiten aufkommender sozialer Unruhen durchaus beabsichtig war. Der so auf Beschleunigung und individuelle Bewegung zugeschnittene Raum mutete bereits den Viktorianern wie eine Rennstrecke an: So beschreibt sie damals auch der englische Schriftsteller Charles Dickens und wird sowohl von Sennett als auch von Fassler im Untertitel ihrer Arbeit zitiert.

Es ist eben jener Raum der Geschwindigkeit im Herzen Londons, den Fassler in Regent Street/Regent's Park mit akribischer Hingabe und detektivischer Aufmerksamkeit entschleunigt und als Schauplatz ihres Werkes vergegenwärtigt. Wie eine Spurensucherin, geschult im Lesen der Oberflächen, visualisiert sie das Dickicht der Zeichen, Botschaften, Codes und Narben auf der Haut des zeitgenössischen städtischen Raumes in all seiner Überfülle, Zufälligkeit und Verwahrlosung. Dabei verbringt die Künstlerin Tage damit, die Umgebung ihrer Untersuchungsorte abzuwandern und dabei möglichst alle Schilder, Graffitis, Zäune und Absperrungen fotografisch zu dokumentieren, um diese dann in einem weiteren Schritt nachzuzeichnen, einzuscannen und in maßstabsgetreu duplizierten Lageplänen der Straßenzüge zu montieren. Gottfried Semper, der deutsche Architekt des 19. Jahrhunderts, verstand den gebauten Raum als dritte Haut, die den Körper nach der eigentlichen Haut und der Kleidung umgibt. Diese Haut wird bei Fassler in der maximalen Verdichtung gesellschaftlicher An-und Aussprüche zu einer lesbaren Chronik des Zeitgeschehens.

Bei der Lektüre und Übersetzung von urbanen Räumen und der Übertragung in ihre kartographischen Repräsentationen vollzieht Fassler darüber hinaus eine faszinierende Erweiterung des Verhältnisses von menschlichem Körper und Stadt. Sie nutzt ihre eigene Körpererfahrung als Maß der Raumverortung innerhalb der Stadt. Wie schon zuvor in ihren früheren Arbeiten Kotti (2008) oder Hallesches Tor (2005), ist es ihr eigener Körper, der im Abschreiten des Verhandlungsortes zum Medium der Erkenntnis wird. Er dient als Instrument, um die Komplexität des öffentlichen Raumes zu begreifen. Fassler entwickelt ihre modellhaften Rekonstruktion und kartographischen Arbeiten anhand Ihrer eigenen individuellen Körpermaße. So werden beispielsweise die Länge ihrer Schritte, Arme oder Finger zum Ausgangspunkt ihrer höchst subjektiven Vermessungsmethoden. Zugleich fließen ihre eigenen Wahrnehmungen und die Ergebnisse von ausdauernden, fast manischen Recherchen ein. Häufig notiert sie die unterschiedlichsten Phänomene auf ihren Karten: die Zahl der Personen, die eine Brücke überqueren, das aktuelle Wetter, Stellen an denen Punks sitzen oder Passanten urinieren, Straßenhändler ihre Ware verkaufen. Stadtgeschichte wird durch die leibliche und sinnliche Erfahrung der Künstlerin hindurch erzählt. Der Körper der Stadt gewinnt erst durch das Zusammenspiel mit dem Körper der Künstlerin an Gestalt. In diesem Sinne erweisen sich Fasslers Arbeiten als von explizit topologischer Natur. Sie sind 'Er-Örterungen' im radikalen Sinne des Wortes, die sich der intensiven Lektüre des illustrierten Stadtkörpers widmen und es dabei vermögen, zwischen den Zeilen lesen.

Lukas Feireiss (*1977, Berlin) arbeitet als Kurator, Herausgeber und Künstler in der internationalen Vermittlung raumschaffender Praktiken und visueller Kultur jenseits disziplinärer Grenzen. Feireiss unterrichtet an verschiedenen Universitäten im In-und Ausland und ist Professor für Raum & Design Strategien an der Kunstuniversität Linz.




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