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Keren Cytter: Fear, Fun and Fire
Alles zur neuen Kunst in den Deutsche Bank-Türmen

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Keren Cytter:
Fear, Fun and Fire


Sie verwischt die Grenzen zwischen Kunst und Leben ebenso wie die Grenzen zwischen den Genres: Keren Cytter dreht Filme, veranstaltet Tanzperformances, verfasst Romane und sogar ein Opernlibretto. Für "Globe" hat sie drei Abende konzipiert, deren vielversprechendes Motto "Fear, Fun and Fire" lautet. Kito Nedo wollte mehr wissen und traf die Künstlerin in Berlin.


Gerade hat Keren Cytter ihren ersten Horrorfilm abgedreht. Wovon Don't Touch me, Psychopath! handelt? Das verrät die Künstlerin nicht. Die Premiere ist schließlich erst im März – im Rahmen von Globe, dem Kunst- und Performanceprogramm zur Eröffnung der modernisierten Deutsche Bank-Türme in Frankfurt. Nur eines verspricht die Künstlerin: der Psychopathenstreifen in Spielfilmlänge wird "sehr gruselig". Um einen fundamentalen Bruch mit ihrem bisherigen Schaffen handelt es sich nicht. Denn der Horror und die Vorliebe für drastische Szenen – die nisteten schon immer in den Filmen, mit denen die 1977 in Tel Aviv geborene Cytter seit dem Jahr 2001 die internationale Szene begeistert und verstört.

Oft wirken die Dialoge, Choreografien, Schnitte und Kamerafahrten in den Clips improvisiert und doch ausgeklügelt. Ihr Ensemble rekrutiert die Künstlerin aus dem Bekannten- und Freundeskreis. Dann lässt sie ihre Figuren um einen dunklen Kern kreisen: Horror und Drama, die in menschlichen Beziehungen schlummern und erwachen, wenn die Verhältnisse bröckeln, wenn Intimität ins Monströse kippt. Geschickt thematisiert die Künstlerin in ihre Arbeiten auch die unausgesprochenen Zwänge und Vereinbarungen, die die künstlerische Produktion begleiten: Plötzlich verwischen sich die Rollen und die Grenze zwischen "vor" und "hinter" der Kamera. In solchen Momenten wird es für den Zuschauer schwierig, herauszufinden, wer da plötzlich mit wessen Stimme spricht und wo genau die Musik spielt. Wenn in diesen unklaren Augenblicken Text und Bild trotzdem zu sich selbst finden, dann ist man Komplize von Cytters Kunst geworden. Die überraschenden Wendungen in ihrem Werk kann man derzeit auch in München studieren. Der dortige Kunstverein widmet ihr die Überblicksschau The Hottest Day of the Year. Und im New Yorker Guggenheim Museum ist ihr Video Les Ruisellements du Diable (2008) im Rahmen der Ausstellung The Deutsche Bank Series at the Guggenheim: Found in Translation zu sehen.

Wie die Szenen in ihren Videos aus dem Fokus laufen, zeigt Cytters ganz eigene Idee von Dramatik. Manchmal blitzt eine Waffe, Glas zerbricht und Leute sterben Filmtode im Videoformat: Was passiert sein könnte, bleibt oft nur angedeutet und unausgesprochen. Man sieht es wie durch eine beschlagene Scheibe. Mehr als eine schlüssige Erzählung interessieren die Künstlerin Blicke und Gesten – wie sich Menschen auf der Straße, in Bars und Wohnungen bewegen. So zwingt sie den Betrachter ihrer Filme zur Spekulation und zur Ausdeutung der Indizien, zu einer anderen Art von Genauigkeit.

Beschleunigtes Erzählen, Verwirrung und die Verschärfung von Widersprüchen sind die Techniken, mit denen es Cytter gelingt, die Sprünge zwischen Liebe und Arbeit, zwischen Kunst und Leben, Literatur, Theater und Kino produktiv zu machen. Sie bewegt sich in verschiedenen Gattungen und sucht nach losen Erzählformen, die dem freihändigen Umgang mit Bild und Text beim Betrachter Vorschub leisten. Ist diese hybride Kunst noch Kino oder schon Theater? Interessiert das hier tatsächlich jemanden? Wie die Theaterkünstler René Pollesch oder der verstorbene Christoph Schlingensief ist Keren Cytter niemand, der sich besonders ehrfurchtsvoll der Geschichte und den Traditionen und Normen der erzählerischen Formate nähert oder den Grenzen zwischen ihnen große Beachtung schenkt. Lieber haut sie auf den Putz der Genre-Architekturen, dass es im Gebälk knirscht und sich die ersten Risse zeigen.

So handelt es sich auch bei Fear, Fun and Fire, dem von der Künstlerin für Globe. For Frankfurt and the World konzipierten dreitägigen Programm, das neben Vorträgen der Autoren und Kritiker Charles Arsène-Henry, Diedrich Diederichsen und Philipp Kleinmichel unter anderem auch den Rahmen für die Premiere von Cytters Don't Touch me, Psychopath! und dem neuen Theaterstück Fabian Susie liefern wird, in erster Linie um ein anarchisch-hybrides Gesamtkunstwerk. Bei Fear, Fun and Fire, so die Künstlerin, handele es sich um eine Mischung von geistigen und materiellen Aggregatszuständen. An welchen Umschlagspunkten sie ineinander übergehen, das lässt sie offen.

Doch was hat das ganze Programm tatsächlich mit ihr zu tun? Ganz einfach: "Ich bin ein bisschen Fear, ein bisschen Fun und ein bisschen Fire", sagt Cytter, die sich etwa auf den Auftritt der fünfköpfigen Londoner Techno-Krach-Band Maria & The Mirrors vor allem wegen der schrillen Outfits freut: „2as den Sound betrifft, darüber bin ich mir gar nicht so sicher." Was musikalisch von dem eingeladenen Singer/Songwriter John Maus zu erwarten ist, den der Kritiker Jens Balzer einst als "Neo-Postpunk-Alleinunterhalter und allseits bewunderter hawaiianischer Metahipster" charakteriserte, weiß sie hingegen ziemlich genau: Maus klinge "in etwa wie Joy Division".

Cytter macht nicht den Eindruck einer berechnenden Strategin, die sich unnötig verbiegt. Nach Berlin kam sie Ende 2005, über einen Zwischenstopp in Amsterdam. Für sie stellt sich die eigene Praxis in den verschiedenen künstlerischen Feldern ganz geordnet dar: "Ich glaube, dass Schriftstellerei zur Literatur gehört, Filmkunst ins Kino und Theater auf die Bühne." Dass ihre Bücher, etwa die Romane The Man who climbed up the stairs of Life and Found out they were Cinema seats (Frankfurt/ Zürich, 2005) oder The seven most exciting hours of Mr. Trier's life in twenty-four chapters (Rotterdam/ Leuven/ Berlin, 2008), bislang in Form von Katalogen im Kunstkontext publiziert wurden, ist Nebensache. Hauptsache, sie erscheinen.

Zum Schreiben kam sie über das Verfassen von Kunstkritiken für eine Tageszeitung, als sie noch in Israel lebte. Seitdem hat sie nie wieder mit dem Schreiben aufgehört: Nur die Inhalte sind andere geworden. Sogar die Gründung eines thematischen Magazins, das sich um Sex und Kunst drehte, habe sie eine Zeitlang in Israel vorangetrieben: "Ich habe meine Freunde nackt fotografiert und dachte, das wäre populär – aber es hat nicht funktioniert." Eine Lehre, die sie aus dem Debakel für sich gezogen habe, war, dass es einfach nicht funktioniert, wenn man vorsätzlich versucht, gefällig zu sein und auf den potentiellen Markt schielt. Eine gewisse exhibitionistische Ader ist dennoch geblieben. Im letzten Jahr erschienen die White diaries, eine Sammlung von Cytters Tagebuchaufzeichnungen aus dem Winter 2009: "Dieses Tagebuch ist halbgar. Es besteht aus fünfzig Prozent Ehrlichkeit und fünfzig Prozent Geheimnissen, die während der Redaktion herausgestrichen wurden. Dieses Tagebuch ist halb-real, nichts ist hier fiktiv, aber nicht alles wird erzählt", heißt es im Vorwort des Textes.

Obwohl Bücher wie die White Diaries zu spezialistisch sind, um ein Massenpublikum zu finden, gibt Cytter die Hoffnung nicht auf, mal einen Mainstream-Hit zu landen, der sie über die Grenzen des Kunstbetriebs trägt. Fast jedes Jahr reicht sie einen Film für das Filmfestival in Cannes ein. 2008 war das der 120-minütige HD-Spielfilm The legend of the devil's hill and endless search for freedom, im Jahr davor der in den Niederlanden entstandene 35-Milimeter-Film New Age. Bislang ohne Erfolg. Ist sie neidisch auf ihre Künstlerkollegin Miranda July, deren zweiter Film The Future gerade auf der Berlinale lief? "Halb und Halb", sagt Cytter. Auf den Erfolg schon. Bei manchen Dingen ist sie aber einfach zu keinem Kompromiss bereit – dafür liebt sie die Überraschung viel zu sehr.

Globe
Keren Cytter: Fear Fun and Fire

23. – 25.03.2011
Deutsche Bank-Türme
Taunusanlage 12
Frankfurt am Main

23. März – Fear
- Lecture Performance von Charles Arsène-Henry
- Premiere von Don't touch me Psychopath

24. März – Fun
- Diedrich Diedrichsen – Lecture
- Andrew Kerton and Dafna Maimon (Performance)
- Maria & the Mirrors (Konzert)

25. März – Fire
- Philipp Kleinmichel (Lecture)
- Fabian Susie (Keren Cytter-Performance)
- John Maus (Konzert)

The Deutsche Bank Series at the Guggenheim: Found in Translation
Solomon R. Guggenheim Museum, New York
11. Februar – 1. Mai 2011

Keren Cytter - The Hottest Day of the Year
29. Januar – 27. März 2011
Kunstverein München




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