Deutsche Bank Gruppe  |  Gesellschaftliche Verantwortung  |  Sammlung Deutsche Bank  |  Deutsche Guggenheim  |  English  
Home Feature On View News Presse Archiv Service
Diese Kategorie enthält folgende Artikel
Fiona Tan: Professionelle Fremde
„Hinter der sichtbaren Oberfläche“: Ein Interview mit Anni Leppälä
Ein Besuch bei Ebtisam Abdulaziz
Ein Gespräch mit Anna Molska
Die Fotokünstlerin Annegret Soltau
Yto Barrada „Künstlerin des Jahres“ 2011 der Deutschen Bank

drucken

weiterempfehlen
Offener Raum, kollektive Aktion
Ein Gespräch mit Anna Molska


In ihren Videos nutzt Anna Molska die verblassten Utopien der Moderne und des Sozialismus als Gerüst, um heutige Wirklichkeit zu untersuchen. Dabei schleust sie Klageweiber ins Museum oder lässt schlesische Bergleute Hauptmanns "Weber" aufführen. Im Rahmen des von der Deutsche Bank Stiftung und der Zacheta Nationalgalerie ausgelobten Views-Preises für junge polnische Kunst wurde Anna Molska mit einem Arbeitsstipendium in der Villa Romana ausgezeichnet. Angela Rosenberg die Künstlerin dort besucht.


Als Fußgänger kann man sie gut voneinander unterscheiden: die Florentiner, die an diesem kühlen Herbsttag mit hochgezogenen Schultern oder mit Einkaufstüten beladen nach Hause eilen, und die Touristen, die suchend durch die historischen Kulissen laufen. Vor Michelangelos David oder Giottos Glockenturm bleiben sie stehen, schauen und staunen. Überwältigt vom Kunsterlebnis merken sie nicht, dass sie von einer Kamera aufgenommen werden. Zu Davids Füssen sitzt die junge polnische Künstlerin Anna Molska und sammelt diese Momente kollektiver Selbstvergessenheit.

"Ich weiß noch nicht, ob das Material die Grundlage für eine neue Arbeit ist, aber es ist eine Möglichkeit mich mit dem auseinanderzusetzen, was es hier gibt", erklärt die Künstlerin, während sie im Dachgeschoß der Villa Romana an ihrem Arbeitsplatz sitzt, in einem nur von einem kleinen Fenster beleuchteten, rustikalen Esszimmer. Auf dem Tisch steht ihr Laptop, ihr eigenes Fenster zur Welt, kaum zwanzig Minuten zu Fuß entfernt von den Touristenmassen am Palazzo Pitti im Giardino di Boboli. Umgeben von einem eigenen großen Garten mit Obst- und Olivenbäumen, bietet die Villa Romana, neben den Wohn- und Arbeitsräumen für vier Stipendiaten, auch einen Ausstellungsraum im Foyer und Kammern für deren Gäste. Das große Haus mit dem labyrinthisch wirkenden Inneren, wurde ursprünglich von dem Künstler Max Klinger als Atelierhaus erworben. Mittlerweile firmiert der Preis der Villa Romana als ältester deutscher Stipendienpreis. Zugleich ist er auch das am längsten bestehende kulturelle Engagement der Deutschen Bank: Seit mehr als 80 Jahren unterstützt das Unternehmen die renommierte Auszeichnung für zeitgenössische Kunst in Deutschland. Georg Kolbe und Käthe Kollwitz gehörten zu den ersten, die hier arbeiteten, es folgten viele junge Künstler, die heute zu den Großen zählen – von Max Beckmann bis zu Georg Baselitz, Michael Buthe, Katharina Grosse und Karin Sander. Auch Martin Kippenberger war, obgleich kein Stipendiat, während seiner Zeit in Florenz häufig zu Gast.

Im Rahmen des gemeinsam von der Deutsche Bank Stiftung und der Zacheta Nationalgalerie in Warschau ausgelobten Views-Preises für junge polnische Kunst wurde Anna Molska mit dem 2009 erstmals vergebenen Arbeitsstipendium in der Villa Romana ausgezeichnet. Künftig werden hier, neben deutschen auch polnische Stipendiaten zu Gast sein. Dieser Austausch ist Programm und Anna Molska genießt es, weitere Gäste einzuladen. Im Oktober 2010 empfing die 27-jährige Künstlerin ihren ehemaligen Professor Grzegorz Kowalski. Dessen Werkstatt an der Kunsthochschule in Warschau, ursprünglich für Skulptur, heute für "audiovisuelles Gestalten", ist ein Phänomen. Aus ihr ging eine ganze Generation heute weltweit bekannter polnischer Künstler hervor, darunter Pawel Althamer, Katarzyna Kozyra und der designierte Kurator der 7. Berlin Biennale (2012), Artur Zmijewski.

Prägend für die Lehre Kowalskis war der polnische Architekt und utopische Visionär Oskar Hansen, der 1959 in Reaktion auf die von ihm als erstarrt wahrgenommene Formgebung der Moderne ein Manifest der Offenen Form schieb. Diesem lag eine Vorstellung von Raum zu Grunde, der nicht statisch, umbaut oder fest gegliedert sein sollte, sondern als eine von Menschen geschaffene dynamische Struktur, in der Kunst und Architektur als "Passepartout wirken für die Veränderungen, die im Raum stattfinden". In der Klasse Kowalski jedoch rückte die Energie zwischen den beteiligten Akteuren in den Mittelpunkt und die Videokamera avancierte zum bevorzugten Dokumentationsmittel. "In den neunziger Jahren gab es nur eine einzige VHS Kamera und man musste wochenlang warten, bis man an die Reihe kam, um sie zu benutzen", berichtet Anna Molska über diese Zeit, die heute, nur fünfzehn Jahre später, kaum mehr vorstellbar ist.

Molskas bekannteste Arbeiten sind Videofilme. Tanagram (2006-7), noch während des Studiums realisiert, wurde im Frühjahr 2009 in der Ausstellung The Generational: Younger Than Jesus im New Yorker New Museum gezeigt. Er zeigt eine präzise konzeptualisierte Performance zweier junger Männer, die nur Riemenhelme und schwarze Suspensorien tragen. Ihre athletischen Körper setzen sie dazu ein, um schwarze geometrische Objekte umher zu schieben, was an das chinesische Legespiel Tangram denken lässt. Beginnend mit einem schwarzen Quadrat bilden die beiden Akteure aus verschiedenen Elementen Formen, die Motive des russischen Konstruktivismus zitieren – etwa Kasimir Malewitschs ikonisches Schwarzes Quadrat auf weißem Grund (1915). Als sich die beiden Männer, nachdem sie ihr Spielzeug beiseite geschoben haben, nebeneinander auf den Boden ausstrecken, ertönt ein kurzer Dialog in polnischer Sprache, der an einen Film aus kommunistischer Zeit erinnert: "Ich bin jetzt erwachsen," sagt der Eine, worauf der Andere antwortet: „Du bist noch feucht hinter den Ohren!“, und der Erste trotzig erwidert: "Ich bin jetzt achtzehn. Ich gehe zur polnischen Armee". Mit dem Wortwechsel bricht eine beunruhigende nationalistische Bedeutungsebene in die hermetische, fetischistisch aufgeladene Inszenierung und stört das formale Spiel mit abgesicherten kunsthistorischen Referenzen, wie Malewitsch oder Oskar Schlemmers Triadischem Ballett (1922). Damit hinterfragt Molska den Einfluß nostalgischer, nationalistischer und revisionistischer Ideen auf das heutige Polen und die Macht revolutionärer Gedanken, nachhaltig gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken.

Konstruktivistische Ideen spielen nur eine Nebenrolle. "Mir ist das Formale nicht so wichtig. Wenn man eine Verbindung zwischen zwei Positionen herstellt hat man eine Linie und ein weiterer Punkt macht daraus ein Dreieck, aber es bedeutet nicht, dass man sich einer konstruktivistischen Ideenwelt anschliesst. Zuerst kommen bei mir die Menschen, und dann alles andere". So überrascht es auch nicht, dass, aus dem Abendessen, bei dem wir über ihre Arbeit sprechen wollen, spontan eine große Tafel mit allen Stipendiaten und deren Gästen wird. Und erst sehr spät wird der Tisch für den Computer und die Lautsprecher wieder freigeräumt.

Das Interesse an gesellschaftlichen Veränderungen konnte man in Berlin bereits an P = W / t (Power) und W = F * s (Work) (2008) ablesen. Diese Formeln lassen sich mit "Macht ist gleich Arbeit geteilt durch Zeit" und "Arbeit ist gleich Kraft mal Verschiebung" übersetzen. Die Videos entstanden als Abschlussprojekt der Künstlerin an der Warschauer Akademie und wurden 2008 im Rahmen der 5. Berlin Biennale gezeigt. In einer Doppelprojektion ist auf einer Seite das leere, weiße, mit roten Markierungen gefasste Spielfeld eines Squashcourts zu sehen, in dem unsichtbare Kräfte auf herumliegende Squashbälle einwirken, bis diese, wie von Geisterhand geschlagen, über die Wände springen. Auf dem gegenüberliegenden Bildschirm errichtet eine Gruppe von Arbeitern auf einer Brache ein großes dreieckiges Metallgerüst. Die Konstruktion macht erst Sinn, als sich die Männer darauf zu einer lückenhaften menschlichen Pyramide formieren. Bei Aufmärschen und Paraden galt diese geometrische, monumentale Form aus individuellen Körpern einst als Sinnbild für die Macht des revolutionären Kollektivs. Doch schon das Gerüst in Molskas Video ist bereits im Bereich der Parodie utopischer Konstruktionen angesiedelt. Verloren steht es im Niemandsland und die mürrischen Männer sind alles andere als strahlende "Helden der Arbeit".

Der Künstlerin gelingt es, durch die Wiederholung solch obsoleter Formen den Betrachter zur Reflexion über die Beziehung von Kunst und Gesellschaft anzuregen. Über Bezüge zu den Räumen, in denen wir heute leben und arbeiten, verhandelt sie in ihren Arbeiten Strategien der Erinnerung, des Vergessens oder der nostalgischen Reaktivierung der sozialistischen Moderne. Dies führt zu der Frage nach dem Potential von Kunst in der Organisation und Gestaltung des eigenen individuellen Lebens, aber auch der Initiation kollektiver Erlebnisse und deren heutiger gesellschaftlicher Relevanz.

"Ich bin sehr am Phänomen der Arbeiterklasse interessiert, an der Macht der Arbeiterklasse als Gruppe und ihrer kollektiven Aktion." Während der Arbeit an The Weavers (Die Weber, 2009) erschien es Molska zunächst, als ob sich nichts verändert habe, doch "es hat sich verändert, aber nicht so radikal wie im Westen. Polen hat den Übergang zur postindustriellen Phase noch nicht ganz vollzogen – das Problem der Arbeiterklasse, ihre Macht, die existiert hier noch". Für diese Videoarbeit griff die Künstlerin auf ein Hauptwerk des Naturalismus in Deutschland zurück und entlehnte Titel und Dialogfragmente bei Gerhart Hauptmanns 1894 uraufgeführtem Drama. Der historische Weber-Aufstand, der dem Nobelpreisträger dafür als Vorlage diente, fand 1844 in Schlesien statt, das heute in Polen liegt. An diesem Ort arbeitete Molska mit Arbeitern der Kohlebergwerke, die über 100 Jahre später von Umstrukturierungen und Schließungen betroffen sind. Man sieht die Arbeiter in Minen schuften, in der Mittagspause auf Schlackehaufen sitzen, Brot und Wurst essend, und im Gespräch miteinander die Skrupellosigkeit der bestimmenden Herren anprangern und Revolte erwägen. Dabei benutzen sie, auf bisweilen etwas mühselige Weise, genau die Worte und Sätze, die Hauptmann seinen Webern in den Mund legte. Erscheint dieses Vorgehen im ersten Moment didaktisch, bekommt es durch die sichtbar werdenden Verwerfungen und Parallelen, durch die Verschiebung des historischen Kontexts in die Gegenwart, eine spürbare Dringlichkeit.

Anna Molska reizt der Perspektivwechsel und der damit verbundene veränderte Blick auf die Realität: "Wenn ich wieder nach Polen zurückkomme, dann sehe ich die Dinge schärfer. Der Kontrast ist so stark, dass selbst die kleinen Dinge, die ich vorher gar nicht wahrgenommen habe, ganz deutlich werden". Dies lässt sich am Beispiel der Klageweiber nachvollziehen. Für Placzki - The Mourners (2010) arbeitete die Künstlerin mit einer Gruppe von Frauen, die als Klageweiber bei Beerdigungen auftreten, wie es im ländlichen Polen nach wie vor Brauch ist. Sie zeigt die Frauen, Matronen in braunen Parkas, im Ausstellungsraum des Zentrums für Polnische Skulptur im winterlichen Oronsko, und beobachtet sie distanziert, als handele es sich bei ihnen um eine animierte Skulpturengruppe. Im Verlauf des knapp halbstündigen Videos entspannen sich die Protagonistinnen zunehmend in der kühlen Atmosphäre und beginnen gemeinsam, einen Klagegesang zu entwickeln. Er scheint sich an die Institution des White Cube selbst zu richten. Als werde hier all das beweint, was leichtfertig vom Projekt der Moderne ausgeschlossen wird, wie die ländlichen Traditionen aber auch die kaum auszuhaltenden Emotionen, denen sie rituellen Ausdruck verleihen. Was wie die Darstellung eines Konflikts zwischen Tradition und Moderne wirkt, stellt sich als poetisches Plädoyer dar – gegen die Erstarrung in der Kunst und für ihre Freiheit, jenseits von Konventionen und gängigen formalen und inhaltlichen Setzungen.

Es ist noch später geworden und die Frage bleibt offen, ob etwas aus Florenz Eingang in ihre Arbeiten finden wird. Anna Molska weiss es nicht und zuckt die Schultern. "Ich habe auch Aufnahmen von Tieren in den Dioramen im hiesigen Naturkundemuseum gemacht – sie sind sehr alt. Vielleicht arbeite ich daran weiter." Dann lacht sie: "Mal sehen, ich habe jetzt nämlich eine tolle neue Kamera! Super 8!"




Newsletter
Bleiben Sie immer Up to Date in Sachen Gegenwartskunst – mit ArtMag. Abonnieren Sie hier unseren Newsletter.
 

Alternative content

Get Adobe Flash player

On View
All Access World: Agathe Snows Auftragsarbeit für das Deutsche Guggenheim / The Deutsche Bank Series at the Guggenheim: Found in Translation / INDIA AWAKENS im Essl Museum / Color Fields im Deutsche Guggenheim / 2010 California Biennial
News
Urban Utopia: Sammlung Deutsche Bank Hong Kong eröffnet / Die Villa Romana-Preisträger 2011 präsentieren sich in Florenz / Charity-Event: Tobias Rehberger zu Gast in der Deutschen Bank Mailand / Imi Knoebel in Den Haag / Zehnter Jugend-Kunst-Preis der Deutsche Bank Stiftung vergeben / Georg Baselitz Remix / Edge of Arabia: Deutsche Bank unterstützt Ausstellung in Istanbul / Deutsche Bank fördert Edward Hopper-Schau im Whitney Museum
Presse
Color Fields im Deutsche Guggenheim
Impressum  |  Rechtliche Hinweise  |  Zugänglichkeit
Copyright © 2012 Deutsche Bank AG, Frankfurt am Main


+  ++  +++