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Anish Kapoors Skulptur Memory im New Yorker Guggenheim Museum


Bereits Ende 2008 sorgte Anish Kapoors Skulptur "Memory" im Deutsche Guggenheim für Furore. Jetzt ist die Auftragsarbeit für die Berliner Ausstellungshalle in New York zu sehen – im Rahmen des Programms, mit dem das Solomon R. Guggenheim Museum sein 50-jähriges Jubiläum feiert. Gleichzeitig startet mit "Memory" die "Deutsche Bank Series at the Guggenheim", mit der Projekte vorstellt werden, die im Deutsche Guggenheim ihre Premiere hatten.

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Er baue gern Skulpturen, die größer sind als die Räume, die sie umschließen, hat Anish Kapoor erklärt. Und auch Memory (2008), sein aus 154 Cor-Ten Stahl-Elementen gefertigtes Objekt, scheint den Ausstellungsraum im New Yorker Guggenheim fast zu sprengen. Doch trotz ihrer Größe wirkt es auf verblüffende Weise "immateriell". Der rostfarbene Gigant scheint sich der Schwerkraft zu entziehen und nimmt auf subtile Weise Kontakt mit den Raumgrenzen, mit Wänden, Boden und Decke auf. Die Ausstellung stellt die erste Zusammenarbeit zwischen dem Guggenheim und Kapoor dar und wurde von Sandhini Poddar, Assistant Curator of Asian Art, Solomon R. Guggenheim Museum, kuratiert.

Wie alle Arbeiten Kapoors lädt auch Memory zu den unterschiedlichsten Assoziationen ein: Ei, UFO, Unterseeboot – an all das lässt die ovale Form denken. Aber auch an eine Bombe oder einen trivialen Heizkessel. Die auffälligen Nähte der verschweißten Stahlplatten erinnern in ihrer handwerklichen Präzision an eine vergangene Epoche, die große Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Die Skulptur des Turner Preis-Trägers bringt den Betrachter dazu, selbst aktiv zu werden. Denn in ihren Dimensionen ist sie tatsächlich überwältigend und in ihrer Gesamtheit aus nur einem Blickwinkel nicht zu erfassen. Deshalb gilt es, sich Memory aus verschiedenen räumlichen Perspektiven zu nähern. Der Künstler beschreibt diesen Prozess als "Diagramm, das nie vollendet werden kann".

Im New Yorker Guggenheim Museum erreichen die Besucher über eine Treppe einen zweiten Galerieraum, in dem eine rechteckige Öffnung in der Wand den Blick ins Innere von Memory erlaubt – in einen stockdunklen Raum, dessen Begrenzungen nicht erkennbar sind. Eine Höhle, die einen unglaublichen Sog ausübt. Tritt man einen Schritt zurück, erscheint die Öffnung zweidimensional, wie ein monochromes Gemälde. Der Renaissance-Theoretiker Leon Battista Alberti bezeichnete den Rahmen eines Bildes als "Fenster zur Welt". Doch bei Kapoor verschieben sich die Perspektiven: seine Skulptur ist eher ein Fenster zum "Selbst" und lässt den Betrachter auch in sein Inneres, sein Unterbewusstsein schauen.

"Die Dunkelheit ist ein sehr interessanter Zustand", erklärte Kapoor im Gespräch mit dem Kurator Marcello Dantas. "Von Dante bis zu Freud oder dem Satan – wir leben, wenn Sie so wollen, in einer inneren Dunkelheit. Im Laufe der Jahre habe ich mich in meinen Arbeiten immer wieder mit dieser inneren Dunkelheit auseinander gesetzt. Die ganze westliche Philosophie basiert ja auf der Vorstellung, dass Platon in dieser Höhle saß, und metaphorisch gesprochen nach oben ins Licht schaute und sprach ‚Es werde Fortschritt’. Freud dagegen blickte ins dunkle Ende der Höhle und vielleicht blicken wir alle immer noch dorthin."

Kapoor, dem die Londoner Royal Academy gerade als erstem lebenden Künstler eine große Einzelausstellung widmet, verweigert eindeutige Erklärungen zu seinen Arbeiten. Kunst ist für ihn kein Ausdruck persönlicher Erfahrungen. Statt um expressive Gesten gehe es ihm um "Inhalte, die unter einer abstrakte Oberfläche eine symbolische Ebene besitzen", so Kapoor in einem Interview mit dem BBC-Journalisten John Tusa. "Diese Inhalte sind zwangsläufig philosophischer und religiöser Natur. Ich denke, es geht mir – und das soll jetzt gar nicht prätentiös klingen – um das große Geheimnis unserer Existenz. Das hat zwar auch etwas mit meiner Psychobiografie zu tun, meine Arbeiten basieren aber nicht darauf."

Seine ebenso enigmatischen wie ästhetischen Werke haben Kapoor zu einem globalen Kunststar gemacht. Und tatsächlich vereinen sich im Werk des 1954 in Mumbai geborenen Bildhauers östliche und westliche Einflüsse. Er möchte sich nicht in irgendeinen nationalen Kunstkanon einordnen lassen. Fragen nach seinen indischen Wurzeln empfindet der Künstler, der seit 1972 in London lebt, als "langweilig". Er weigerte sich auch, an der Ausstellung The Other Story (1989) teilzunehmen, in der die Hayward Gallery Arbeiten asiatischer und schwarzer Künstler in Großbritannien seit dem 2. Weltkrieg vorstellte. Nationalität ist ein Kriterium, das den Sohn eines Hindu und einer Jüdin, deren Eltern wegen religiös motivierter Verfolgungen aus dem Irak nach Indien geflohen waren, nie interessiert hat. "Ich bin daran gewöhnt, ein Ausländer zu sein. Ich bin daran gewöhnt, nicht dazu zu gehören. Mir gefällt das. Es hat seine Vorteile."

In seinem Werk thematisiert Kapoor grundlegende Fragen der menschlichen Existenz, aber auch die Spannung zwischen Leere und Präsenz, Materiellem und Immateriellem. Seine Skulpturen entziehen sich jeder narrativen Interpretation. Stattdessen ermöglichen seine monumentalen Installationen dem Betrachter intensive, emotionale wie physische Erfahrungen. So spannte er für Marsyas 2002 eine blutrote Membran durch die Turbinenhalle der Londoner Tate Modern. Das Ausmaß der 120 Meter langen Skulptur machte es unmöglich, sie in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Wie Memory musste man auch diese Arbeit abschreiten und die immer wieder neu entstehenden Eindrücke zu einem vollständigen Bild zusammenzufügen. Dass Kapoors Arbeiten auch in kleinen Dimensionen überzeugen, bewies die von der Deutschen Bank gesponsert Schau Place/No Place. Die Ausstellung 2008 im Royal Institute of British Architects (RIBA) versammelte Modelle von Kapoors Arbeiten aus den letzten zwanzig Jahren – eine Retrospektive im Miniaturformat.

Turning the World Upside Down III lautet der Titel seiner sphärischen Edelstahl-Skulptur, die seit 1999 in der Lobby des Londoner Hauptsitzes der Deutschen Bank zu sehen ist: Die Reflexionen im Inneren der ausgehöhlten Kugel stellen die Welt buchstäblich auf den Kopf, während uns die konvexen Oberflächen der Skulptur mit einem Raum konfrontieren, der sich ins Unendliche fortzusetzen scheint. Wie seine 110 Tonnen schwere Arbeit Cloud Gate (1999-2006) für den Millennium Park in Chicago funktioniert Turning the World Upside Down ganz unabhängig vom jeweiligen kulturellen Hintergrund des Betrachtes. Kapoor, so scheint es, hat als Bildhauer eine visuelle Sprache geschaffen, die an das kollektive Unbewusste appelliert – und weltweit verstanden wird.
Achim Drucks

The Deutsche Bank Series at the Guggenheim
Anish Kapoor - Memory
Solomon R. Guggenheim Museum
New York, USA
21.10.2009 – 28.03.2010




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