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"Man kann die Moderne nicht neu erfinden"
Eine Begegnung mit Markus Amm


Er ist einer der bekanntesten Protagonisten einer jungen Künstlergeneration, die sich kritisch mit dem Vermächtnis der Moderne auseinandersetzt. Auf den ersten Blick beschwören Markus Amms abstrakte Fotoarbeiten, Collagen und Gemälde die Formensprache vergangener Avantgarden. Tatsächlich geht es dem deutschen Künstler um alles andere als um nostalgische Rückbesinnung. Oliver Koerner von Gustorf hat Markus Amm, der mit einer Serie von Luminogrammen in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist, in Athen getroffen.


Athen ist eine Herausforderung. Eine marode, versmogte Metropole, die es an Urbanität durchaus mit New York aufnehmen kann. Bereits vom Flugzeugfenster aus gesehen umgibt sie ein Ring der Verwüstung, der im krassen Gegensatz zum blau schimmernden Mittelmeer steht: Abraumhalden, Industriegebiete, Vororte, deren Verfall man bereits im Anflug beobachten kann. Später, auf dem Weg ins Zentrum, zieht das Taxi im Schritttempo durch verstopfte Straßen an Vierteln vorbei, die als Konglomerat von Stilen der Nachkriegsmoderne in den Fünfzigern und Sechzigern aus dem Boden gestampft wurden.

Es ist ein bleierner Frühsommerabend, Gewitter liegt in der Luft. In Markus Amms Atelier wird es langsam dunkel. Die monochromen Leinwände, die an den Wänden lehnen, scheinen die Farben der Stadt zu absorbieren: das Grau der Fassaden, die verdreckten Marmorbürgersteige, den Staub auf den Palmen im Park vor dem Fenster. Jeder der könnte, würde sich jetzt auf eine der idyllischen Inseln der Ägäis zurückziehen. Doch Amm liebt das Leben hier. Das wurde bereits auf dem Weg zum Studio spürbar, der durch ein verfallenes Rotlichtviertel führt, vorbei an Gruppen von Junkies, Straßenzügen mit Import- und Exportläden, die Billigkleidung gleich ballenweise verkaufen. Amm kennt die Straßen, durch die man nachts besser nicht läuft, die Lokale, in denen die Leute aus dem Viertel essen gehen. Vor fünf Monaten kam er aus London zur Eröffnung von Basement and Groundfloor in seiner Galerie The Breeder an und ist erst einmal geblieben.

Es passt, Markus Amm in einer Stadt zu treffen, in der 1933 unter der Federführung von Le Corbusier mit der Charta von Athen das Konzept der "funktionalen Stadt" postuliert wurde, und die wie kaum eine andere in Europa das grandiose Scheitern dieser Utopie repräsentiert. Denn der 1969 geborene Deutsche gehört zu einer jungen internationalen Künstlergeneration, die sich konzeptionell und ästhetisch mit dem komplexen Vermächtnis der Moderne beschäftigt. Nicht erst seitdem Roger Buergel im Vorfeld seiner documenta 12 die Leitfrage "Ist die Moderne unsere Antike?" stellte, greifen junge Künstler verstärkt das Formenvokabular von russischer Avantgarde, Farbfeldmalerei oder Abstraktem Expressionismus auf, um es mit aktuellen gesellschaftlichen Zusammenhängen zu konfrontieren.

Bekannt wurde Amm 2004 durch seinen Beitrag zu der wegweisenden Gruppenausstellung Formalismus. Moderne Kunst, heute im Hamburger Kunstverein. Hier zeigte er eine Installation aus Bildern, die auf Anhieb an die rhythmisch geometrischen Kompositionen von Mondrian, Kandinsky oder den russischen Konstruktivismus denken lassen. Ihnen zur Seite gestellt wurden Fotoarbeiten, die an japanische Holzschnitte von Kirschblütenzweigen oder Moholy-Nagys Fotogramme erinnern.

Die Hamburger Schau versuchte damals eine gewagte These: dass "Formalismus" und "Inhaltismus" sich nicht ausschließen, dass politische, kritische Inhalte sich auch durch formal reduzierte, gegenstandslose oder minimalistische Kunstformen vermitteln können. Und diese Inhalte vermitteln sich nicht durch plakative Aussagen, sondern durch ästhetische Erfahrungen, Referenzen an Kunstgeschichte und Popkultur, die Sensibilisierung für Materialien und Kombinationen. Wie Amm haben viele der damals eher in Insiderkreisen bekannten Teilnehmer, wie etwa Tomma Abts, Sergej Jensen oder Wade Guyton inzwischen den internationalen Durchbruch geschafft. Obwohl sie ganz unterschiedlich arbeiten, werden sie häufig unter dem Schlagwort "Neo-Moderne" gehandelt. Das ist zwar eine griffige Formulierung, trifft aber nicht so ganz den Punkt.

Mit seinen Referenzen an die Moderne postuliert Amm alles andere als nostalgische Rückbesinnung. Gerade seine frühen Arbeiten zeugen von einer ambivalenten Haltung, die viele Künstler seiner Generation teilen. "Die Moderne ist mehr als eine Formensprache oder ein Vokabular, da geht es auch um Ideen einer multikulturellen Gesellschaft und um Aufklärung", sagt er sehr entschieden. Der Verehrung der Avantgarden von einst steht allerdings das Bewusstsein dafür entgegen, dass dieser Mythos lädiert ist. Der moderne Traum von Aufklärung und Fortschritt scheint angesichts historischer, ökologischer und sozialer Katastrophen ausgeträumt. Für die um 1970 Geborenen ist die Moderne nur noch als wieder und wieder recycelte Erfahrung erlebbar, versteinert im sozialen Wohnungsbau, vermarktet als Wagenfeld-Teekanne oder in Plattencoverdesigns von Kraftwerk oder New Order. "Es gab ja immer diese Wellen, in denen die Formensprache des russischen Konstruktivismus adaptiert wurde, zunächst vom Bauhaus und später dann in den sechziger und achtziger Jahren", sagt Amm. "Und ich habe mich so auf diese ganzen Höhepunkte konzentriert, die es auch im angewandten Bereich gab. Das waren alles Referenzpunkte für mich und daran kann man erkennen, dass die achtziger Jahre starken Einfluss auf mich hatten. Ich habe in einer Band gespielt mit 15, Punk. Da fing es an, dass man Flyer und Plakate gemacht hat, nachdem man aus seiner Aquarellphase raus war. Später habe ich dann Grafik an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach studiert. Nachdem ich in drei Jahren keine einzige Vorlesung besucht hatte, habe ich festgestellt, dass mich das eigentlich gar nicht interessiert und bin nach Hamburg gegangen, um Kunst zu studieren.“

Während Amm sich zunächst noch von japanischen Aquarellen inspirierten Arbeiten widmet, die er selbst als "esoterisch" beschreibt, und mit Farbräumen und den subtilen Verläufen von Tusche und Wasserfarbe auseinandersetzt, stößt er auf einen Band über Katsura, die im 17. Jahrhundert in Kyoto erbaute kaiserliche Villa. Für Bauhaus-Architekten wie Walter Gropius und Bruno Taut, der 1933 an seinem "allerschönsten" 53. Geburtstag zu diesem "in der Welt völlig allein stehenden Weltwunder" geführt wird, bestätigt Katsura die Zeitlosigkeit seiner architektonischen und gesellschaftlichen Utopien. In der Villa entdeckt er Schlüsselelemente, die dreihundert Jahre später auch von der modernen Architekturströmung des International Style postuliert werden: modulare Bauweise, Transparenz, eine reduzierte, sichtbare Struktur. "Von Gropius gab es auch den Satz ‚Katsura plus Beton, das ist die Moderne’", sagt Amm. "Die Idee, dass es diese Formensprache schon immer gab, hat mich wirklich interessiert. An diesem Punkt habe ich tatsächlich damit angefangen, mich mit der Moderne zu beschäftigen."

Amms ab 1999 entstehende Arbeiten greifen die moderne Vorstellung einer reinen, von der Fessel aller historischen Stile befreiten Kunst auf – und verunreinigen sie. Die Katsura-Schwärmerei der Bauhäusler verbindet er mit Einflüssen einer anderen Japan-Welle, die seine eigene Jugend mitgeprägt hat: dem Japan-Kitsch der Eighties-Wave-Kultur, in der New Romantics und Popstars von Siouxsie bis Boy George Kimonos trugen oder sich schminkten wie Geishas, einer Zeit, in der Plattencover, T-Shirts und Jacken mit japanischen Kalligraphien und roten Sonnen gepflastert waren. Die Bauhüttenphilosophie des Bauhauses, in der es um ewige Werte, gute Form und hochwertige Materialien geht, konterkariert Amm mit betont billigen, industriellen Materialien. Die architektonisch anmutenden Raster, Farbfelder und Diagonalen, die seine Bilder bestimmen, werden mit Klebeband, Kugelschreiber, Edding oder Nagellack markiert. Auch wenn diese Werke den Eindruck von Gemälden vermitteln, sind sie nicht gemalt, sondern collagiert und gezeichnet. Amms Bilder werden von Fotogrammen begleitet. Manche Formen auf diesen Arbeiten scheinen japanische Kirschblüten zu zitieren, wurden aber mit abgerissenen Birkenzweigen aus dem nächsten Park angefertigt. Diese Mischung aus hypersensibler, reduzierter Ästhetik und unterschwelligem Witz behagt nicht jedem in der Hamburger Szene, die zu dieser Zeit eher von gestisch expressiven Malern wie André Butzer oder Markus Selg geprägt wird. Amm bleibt zunächst ein Insiderkünstler, bis ihn die Galeristin Karin Günther in ihr Programm aufnimmt.

Wie vielschichtig Amms Ansatz ist, zeigen auch seine Luminogramme, an denen er bereits 1997 zu arbeiten beginnt, und die er über zehn Jahre hinweg parallel zu seinen Bildern herstellt. Dazu zählt auch die unbetitelte Serie von 2005, die für die Sammlung Deutsche Bank erworben wurde. "Ein Fotogramm macht man, indem man ein Objekt auf das Fotopapier legt und es sich als Negativschein abbildet", erklärt Amm. "Ein Luminogramm – wie ‚Lumen’, das Licht – entsteht, wenn man nur noch mit Licht arbeitet und nicht mehr mit einem Objekt. Ich habe das Fotopapier in unterschiedlichen Variationen gefaltet und dann belichtet. Man sieht genau, wie das Licht entlang der Faltungen gelaufen ist – wo es hingekommen ist, wo nicht, wo es von dem Fotopapier reflektiert wurde, oder sich selbst reflektiert hat. Bei den ersten Versuchen habe ich einfach Fotopapier gerollt und es dann in diese Rolle hinein mit einem Feuerzeug belichtet. Weil das Licht die verschiedenen Papierschichten unterschiedlich durchdrang, ergaben sich verschiedene Gradationsstufen von Grau." Die Bilder, die so entstehen, wirken fast auratisch. Zugleich sind sie, wie Amm betont, in ihrer Herstellung "ziemlich primitiv".

Genau diese Ambivalenz zwischen Pragmatismus und Transzendenz charakterisiert Amms künstlerische Strategie. Denn tatsächlich ästhetisiert er künstlerische Prozesse und Problemstellungen. Die Faltspuren auf seinen Luminogrammen deuten auch an, dass das Fotopapier zuvor zu einem dreidimensionalen Objekt gefaltet oder gerollt war, so dass sich in der Belichtung auch die Idee eines Raumes abbildet. Auf vielen von Amms Bildern sind Vorzeichnungen zu erkennen. "Für mich ist diese Prozesshaftigkeit sehr wichtig", erläutert der Künstler, "und dass der Betrachter sehen kann, dass ich mich nicht an die vorskizzierten Linien gehalten habe und aus der Skizze etwas ganz Anderes entstanden ist." Immer wieder wird in Amms Arbeit der Bruch zwischen der "heiligen, reinen Idee" und dem Kunstwerk spürbar. "Es geht um Komposition, allerdings geht es auch darum, eine Komposition völlig zu zerlegen", sagt Amm, "oder auch darum, genau das Gegenteil von einem schönen Bild zu machen."

Ob er Details seiner eigenen konstruktivistischen Wandgemälde kontinuierlich abfotografiert, vergrößert und in unterschiedlichen Kombinationen zu neuen Arbeiten zusammenfügt, oder der Farbauftrag seiner Ölgemälde durch den sich durch die Leinwand drückenden Keilrahmen strukturiert wird – immer sind die Referenzen, die Amm den Strömungen der Moderne erweist, von Distanz und Doppelbödigkeit gekennzeichnet. In seiner jüngsten Ausstellung bei The Breeder zeigte er den klassischen White Cube als abgenutztes Modell: In den Ecken der Galerie prangten die Spuren überdimensionaler Klebestreifen, wie bei den maßstabsverkleinerten Nachbildungen von Galerien, in die Künstler winzige Versionen ihrer Gemälde kleben, um die Hängung zu testen. Zusätzlich installierte Amm Skulpturen, die aus nachgebauten Absperrungen bestanden, mit denen normalerweise wertvolle Kunstwerke vor den Besuchern geschützt werden. Diese Zweckentfremdung strahlt ebenso reduzierte formale Strenge, wie auch eine gewisse Ironie aus. Die Sperre, die Trennung und Unerreichbarkeit symbolisiert, wird selbst zum auratischen Kunstwerk, während der White Cube als sakrale Stätte der Moderne längst ausgedient hat.

Amm thematisiert diesen Bruch mit unterschwelligem Witz, aber ohne Zynismus: "Man kann ja nicht so tun, als ob man die Moderne neu erfinden kann, man weiß ja, welche historischen Entwicklungen sie durchlaufen hat. Humor oder Ironie sind vielleicht eine gute Lösung, sich ihr anzunähern. Es geht mir nicht um heilige Werte, die sagen, dass ist endgültige und zeitlose Schönheit. Daran glaube ich nicht, im Gegenteil. Wenn ich mich mit der Moderne beschäftige, dann bedeutet das für mich auch mit genau diesen Klischees zu brechen."




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