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Von der Schönheit des Unfertigen
Eine Begegnung mit Kalin Lindena


Im Februar treten die Villa Romana-Preisträger 2009 ihr Stipendium an. Die Auszeichnung ist nicht nur der älteste deutsche Kunstpreis, sondern auch das am längsten bestehende kulturelle Engagement der Deutschen Bank. Bereits seit den 1920er Jahren unterstützt sie das Künstlerhaus in Florenz. In einer Serie stellt db artmag die aktuellen Preisträger vor. Den Anfang macht Kalin Lindena, die bereits seit 1999 in der Sammlung Deutsche Bank vertreten ist. Kito Nedo hat mit der Berliner Künstlerin über Gesamtkunstwerke, Graffiti und ihre Vorstellung von Schönheit gesprochen.




Für einen Moment wirken die Bewegungen der drei schwarzen Figuren am Strand etwas linkisch. Wie Kids, die erste Breakdance-Moves in Zeitlupe oder ein Dada-Ballet nach Buchstaben proben, verrenken sie ihre Oberkörper, Arme und Beine in der Morgensonne von Rockaway Beach, New York City. Doch plötzlich werden die Rhythmen fließend und schnell, bis man nicht mehr zwischen Hippie-Reigen, Breakdance oder Pogo unterscheiden kann. In der tänzerischen Ekstase ist alles möglich, selbst die ästhetische Wiederbelebung der lang vergessenen Körperreform-Bewegung der zwanziger Jahre. Dazwischen sind immer wieder Aufnahmen aus einem spärlich-dramatisch ausgeleuchteten Innenraum geschnitten, wo menschliche Silhouetten wie auf einer Bühne zwischen kulissenhaften Aufbauten hin- und herhuschen: es sind die Geister der klassischen Avantgarde – und sie tanzen.

Gegenüber (Ein Stehtanz) hat die Berliner Künstlerin Kalin Lindena ihren knapp zehnminütigen Film genannt, und die Produktion solch referenzsatter und dennoch erratischen Bewegtbilder ist im Moment ihre große Leidenschaft. Das heißt jedoch nicht, dass Lindena innerhalb der von ihr genutzten Medien bestimmte Hierarchien kennt. Stattdessen liebt sie es, wenn sich die Grenzen zwischen Film, Schauspielerei, Bildhauerei und Zeichnung verwischen und letztendlich so etwas wie "eine großen Erzählung", eine ganzheitliche Inszenierung entsteht. Am Ende wird der Film wieder Teil einer Installation, das Gleichgewicht zwischen den Medien ist erneut hergestellt. Auch darin ähnelt sie den Ahnen der Avantgarde, die vor hundert Jahren begannen, die althergebrachten Schranken zwischen Kunst, Architektur, Tanz, Theater, Philosophie, Gestaltung und dem Leben einfach zu ignorieren.

"Die Art und Weise wie um 1900 über das Gesamtkunstwerk nachgedacht wurde, fasziniert mich. Dass man eben auch die Räume tapeziert, den Stuhl baut und die Vase entwirft und das Besteck, womit man isst, man sich seine Gedanken macht, die man am besten auch noch aufschreibt – dieses allumfassende Arbeiten."

Auch Lindena folgt dem Ideal gleichberechtigten Schaffens in allen künstlerischen Disziplinen. Deshalb fällt der Künstlerin, die zwischen 1997 und 2004 bei Walter Dahn an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig studierte, und nach einer Zwischenstation in Köln mittlerweile in Berlin lebt, eine Selbsteinordnung schwer: "Ich bin weder Maler noch Zeichner, aber ich möchte malen und zeichnen, ich möchte Bildhauer sein und Filme machen." Diese Freiheit in der Medienwahl resultiert jedoch nicht aus der Angst vor Festlegung, sondern aus der Neugier, die Grenzen der Genres auszuloten. Denn am Grunde der Arbeiten von Lindena schwingt immer der Wille mit, nicht nur Bilder, sondern ganze Räume in der eigenen künstlerischen Sprache sprechen zu lassen und verschiedene Teile einer Ausstellung miteinander in Beziehung zu bringen.

Doch utopistische Manifeste wird man von Lindena nicht zu lesen bekommen – auch wenn die hochgewachsene junge Frau mit den kantig gezupften Augenbauen, ihren selbstgenähten schwarzen Oberteilen und Hosen und spitzen Stiefeletten im bohemistischen Nachtleben von Berlin-Mitte manchmal wirkt wie die Wiedergängerin einer expressionistischen Dichterin. Lieber betitelt sie ihre Werke mit verschlüsselten Botschaften – nicht selten Bob Dylan, Neil Young oder den Singer/Songwriter Will Oldham alias Bonnie "Prince" Billy zitierend – die den neomodernistischen Gestus mit Hang zu Innerlichkeit und Hermetik brechen. Wer ihren Zeichnungen und Installationen entgegentrete, sei "in einer enervierenden Suche nach Möglichkeiten von 'Bedeutung' gefangen", schrieb ein Kritiker angesichts einer Ausstellung in der Berliner Galerie Christian Nagel im Ton sympathisierender Verwunderung. Der Ausstellungstitel damals lautete Wir Nennen Einen Berg Nach Dir und klingt noch immer merkwürdig nach Wandervogel und Einstürzenden Neubauten zugleich.

Alles zu erklären und durchschaubar zu gestalten, das interessiert Lindena tatsächlich nicht. Transparenz ist für sie eher Aufforderung zum Spiel mit Rahmen, Blick und dessen Brechung. Dann baut sie Rotunden aus Fensterglas wie 2001 im Garten des Braunschweiger Kunstvereins oder kristalline Architekturen wie in besagter Berg-Ausstellung, die an den Architekten Bruno Taut oder den Maler und Kunsthandwerker Wenzel Hablik, dessen Arbeiten die expressionistische Architektur der Zwanziger vorwegnahm, denken lassen. Oder sie hängt, wie kürzlich geschehen, Fahnen-Objekte in eine Galerie, an denen man sich den Kopf stößt, weil die vermeintlichen Stoffbahnen in Wirklichkeit aus scharfkantigem Glas gemacht sind. Man kann diese Strategie jedoch auch in den Ende der neunziger Jahre entstanden zarten Zeichnungen aus der Sammlung Deutsche Bank erkennen, für die sich Lindena von amerikanischer Neo-Folk-Romantik inspirieren ließ.

Das Unfertige, das sowohl aus Zeichnungen wie diesen oder ihren Skulpturen – etwa den so genannten "Statisten", die auch in ihren Filmen auftauchen – anhaftet, ist dabei Programm. Mit ihrer Idee von Schönheit sei es nicht so einfach, denn damit sie etwas als schön empfinde, müsse auch etwas "Komisches" vorhanden sein, erklärt sie. Eine Ästhetik der glatten Perfektion, die ihren Betrachter mit gleißenden Oberflächen überrumpelt, könne dies gar nicht leisten.

Schon als sie vor dem Kunststudium als Teil der Hannoveraner Grafitti-Szene des Nachts um die Häuser zog, habe sie das "Outlining", das Anlegen der graphischen Struktur des Gesprühten, stärker interessiert als das spätere Auffüllen der Flächen mit Farbe. "Die Dinge, die ich da mitbekommen habe in Bezug auf Größe oder Farbenlehre, waren im Grunde eine gute Erziehung." Um dies zu erkennen, sei dennoch das Kunststudium nötig gewesen. Erst dort habe sie gemerkt, dass es einfach keinen Sinn mache, diese Dinge zu trennen. Besonders dann, wenn man es wie sie einfach gewohnt sei "an einer Wand zu arbeiten und den ganzen Arm zu bewegen – nicht nur die Finger oder das Handgelenk." Vielleicht lag es auch an der Lust dieser Arbeitsweise, dass sie in den Neunzigern über die Dauer von zwei Jahren immer wieder an einem Wandgemälde in einem Treppenhaus in Berlin-Mitte arbeitete, das einst die beiden Künstlertreffs Montparnasse und Finks miteinander verband. Heute sind sowohl das Mural wie die beiden Treffpunkte verschwunden, doch für die anstehende Erweiterung der Bar 3 in der Nähe der Volksbühne plant Lindena schon wieder ein neues Projekt.

Wann es realisiert wird, steht allerdings in den Sternen. Denn im Februar beginnt Lindena mit den drei anderen Villa Romana-Preisträgern 2009, Olivier Foulon, Eske Schlüters und Benjamin Yavuszoy, ein zwölfmonatiges Arbeitsstipendium in dem Künstlerhaus in Florenz, das seit den 1920er Jahren von der Deutschen Bank gefördert wird. Für ihre Zeit in der Villa Romana hat sie bislang nur vage Pläne. Ein neuer Film soll entstehen, regelmäßige Besuche in den Uffizien und eine Wanderung nach Bologna hat sie sich fest vorgenommen. Auf den Effekt, den das "Arkadien der Moderne" auf Lindenas Werk haben wird, ist die Künstlerin ebenso gespannt wie ihr Publikum.






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