Negative Visionen, pastorale Schönheit: Eine Exkursion
in Paul Morrisons Welt der Pflanzen
Auf Paul Morrisons Gemälden, Skulpturen und Wandbildern entwickelt sich eine
merkwürdige, schwarz-weiße Flora von magischen Proportionen: gigantische
Blüten, Halme und Blätter wuchern in den Himmel, während mikroskopisch
kleine Laubbäume aus dem Boden sprießen. Zugleich stellt Morrisons Arbeit
eine Umkehrung traditioneller Landschaftsmalerei dar: Anstatt sie
detailgetreu und naturalistisch abzubilden zeigt der Londoner Künstler die
Welt der Pflanzen als abstrakt anmutenden Kunstraum voller
scherenschnittartiger, scharfkantiger Strukturen. Ossian Ward hat
ihn besucht.

Black Dahlias, 2004 ©Paul Morrison
Courtesy of Alison Jacques Gallery, London
In der
Bücherei der Royal Horticultural
Society in London herrscht gedämpfte Ruhe. Hier treffen sich
Menschen, die einen grünen Daumen haben, Gärtner und die Mitglieder der
Society, um sich durch die unzähligen Bücher zu arbeiten, in denen jede
nur erdenkliche Blumenart, jede noch so seltene Pflanze verzeichnet sind.
Eigentlich erscheint dieser Ort nicht gerade wie die typische
Inspirationsquelle für einen zeitgenössischen Künstler. Doch für
Paul Morrison bietet die
Lindley Library, mit ihrem antiken Bänden und einem Bestand von 22.000
originalen Illustrationen eine schier unerschöpfliche Quelle für Ideen,
Bilder und mögliche Kunstwerke.
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Feld, 1998
©Paul Morrison Courtesy of
Alison Jacques Gallery, London
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Paul Morrison, 2006-05-17
Foto Courtesy Alison Jacques Gallery, London
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Morrison ist weder ein Pflanzenkundler noch ein
begeisterter Gärtner. Tatsächlich erstreckt sich seine Begeisterung
darauf,
Löwenzahn zu mögen. "Ich kriege gute Laune, wenn ich welchen sehe,
aber das war’s auch schon." Dennoch hat er eine schier enzyklopädische
Sammlung von Motiven angelegt, die dokumentiert, wie das Leben der
Pflanzen im Laufe der Geschichte und in den unterschiedlichsten Kulturen
beschrieben wurde – von der botanischen Illustration bis zum Film-Clip.
Morrisons Datenbank botanischer Darstellungen ist sein ganz persönliches
Depot, aus dem er Elemente seiner Arbeit generiert. Sie ähnelt dem
virtuellen Herbarium eines Naturkundemuseums, einem digitalen Verzeichnis
der unterschiedlichsten Arten von Waldpflanzen, von den Bäumen und
Blättern bis zu Blumen, Wurzeln, Samen und Ästen.
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Trail, 2000
Sammlung Deutsche Bank ©Paul
Morrison Courtesy of
Alison Jacques Gallery, London
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Auch wenn sich seine Titel wie Cambium, Spepal
oder Amyloplast durchaus auf botanische Fachbegriffe beziehen, hat
seine Obsession nicht mit der Natur oder den Pflanzen selbst zu tun,
sondern mit der "Jagd nach Bildern", wie es Morrison ausdrückt: "Ich habe
einen ziemlichen Hunger nach Bildern, und versuche meine Datenbank immer
weiter auszubauen." Seinen umherstreifenden Blick fesseln zurzeit ganz
besonders Holzschnitte des 15. und 16. Jahrhunderts. In der Vergangenheit
gehörte allerdings eine eher comichafte Bildsprache zu den Merkmalen
seiner Arbeit, wie sich auch an dem 2000 entstandenen Trail
erkennen lässt, mit dem Morrison in der
Sammlung Deutsche Bank vertreten ist. "Images aus den unterschiedlichsten
Zeiten miteinander zu verschmelzen ist ein intuitiver Prozess", sagt der
Künstler, "und zugleich auch eine Möglichkeit, die zeitliche Chronologie
der Werke zu brechen und die zeitliche Zuordnung schwerer durchschaubar zu
machen."
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Sphere. 1998/9
Wandgemälde, John Soane's Museum, London
©Paul Morrison Courtesy of
Alison Jacques Gallery, London
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Viele der botanischen Illustrationen, auf die Morrison
zurückgreift, werden innerhalb ihres Fachgebiets als wissenschaftliche
Dokumente betrachtet – und nicht als eigenständige Kunstwerke. Tatsächlich
ist die Freude und Schönheit, die wir angesichts von zarten
Bleistiftzeichnungen oder handgedruckten Lithografien empfinden, zumeist
nur ein Nebenprodukt ihrer darstellenden Funktion als botanische
Illustration. So hat zum Beispiel
Albrecht Dürer eine seiner vollkommensten Blumenstudien, die heute in
der
Kunsthalle Bremen untergebrachte Iris, 1503 in exaktem Maßstab
zum Vorbild abgezeichnet, um möglichst große Wirklichkeitsnähe zu erzeugen.
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Cyathium, 2004
©Paul Morrison Courtesy of
Alison Jacques Gallery, London
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