Rätselhafte Präzision: Die Schirn-Kunsthalle in
Frankfurt/Main widmet mit "Leben, Liebe und Tod" dem Werk von James Lee
Byars eine umfangreiche Retrospektive
Er war ein
Künstler des kaum merklichen Übergangs von Wirklichkeit zur Imagination.
Zugleich hat sich der amerikanische Künstler James Lee Byars
in seinem poetischen Werk dem Pluralismus zeitgenössischer Ausdrucksformen
geöffnet - immer mit einem Sinn für die Schönheit des vollkommenen
Augenblicks. Auch sieben Jahre nach seinem Tod bleibt Byars mit seinen
Performances, Papierarbeiten und goldenen Räumen ein Magier der Stille.

James Lee Byars, Four in a Dress, 1967, schwarze Kunstseide, (c) Estates of
James Lee Byars, courtesy Galerie Michael Werner, Köln/New York
Mit der Beschleunigung des täglichen Lebens hatte
Paul Cézanne bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert erhebliche
Probleme. Angesichts der Industrialisierung seiner Heimatstadt
Aix-en-Provence beschrieb der französische Maler ein Unbehagen, das wenig
später zum Leitbild künstlerischer Erfahrung werden sollte: "Man muss sich
beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet." Die enorme
Geschwindigkeit, mit der sich die moderne Welt veränderte, ließ sich zwar
mit den technischen Mitteln der Fotografie und des Films bis in
Sekundenbruchteile genau abbilden. Aber im Kern ist die Schwierigkeit, den
rasanten Wandel künstlerisch festzuhalten, eine Frage der Wahrnehmung
geblieben: Wie lässt sich genügend Aufmerksamkeit erzeugen für den Moment,
in dem etwas geschieht?
Retrospektiv erscheint das Werk von
James Lee Byars, das in der Ausstellung Leben, Liebe und Tod der
Frankfurter
Schirn-Kunsthalle chronologisch nach Räumen unterteilt und gezeigt wird,
wie eine unentwegte Suche nach dem richtigen Augenblick. Byars, der 1997
im Alter von 65 Jahren an einem Krebsleiden starb, war ein Meister, wenn
es darum ging, eine Spannung zwischen Plötzlichkeit und Dauer zu erzeugen.
Da ist sein 1970 entstandener Film Autobiography: Während die
Leinwand zunächst einige Minuten schwarz bleibt, taucht praktisch aus dem
Nichts der Künstler selbst winzigklein und weit entfernt vor der Kamera
auf - für 1/24 Sekunde, also ein Filmbild lang. Danach herrscht wieder
Dunkelheit, so dass man nicht einmal genau weiß, ob das Bild eine
Täuschung war oder eine kurze Irritation - ein Lichteinfall, wenn nicht
vielleicht gar ein Fehler im Material. Selbst das Filmstill gibt wenig
Aufschluss, ist doch nur umrisshaft eine verschwommene Figur in weißen
Kleidern als heller Punkt zu sehen.

James Lee Byars, Der Tod des James Lee Byars, 1994/2004, Schlagmetall, fünf
Kristalle, Plexiglas, (c) Walter Vanhaerents, Torhout
|
Konzentration durch Verflüchtigung? Angesichts des Kinos
und der Massenmedien hatte
Walter Benjamin schon in den dreißiger Jahren den Wechsel von einer Kultur
der Versenkung zu einer Kultur der Zerstreuung propagiert. Indem das
Kunstwerk mit der
technischen Reproduzierbarkeit seine
Aura verliert, ändert sich auch die Aufmerksamkeit des Betrachters:
Interessant ist nicht mehr das unverwechselbare Original, sondern eben
jene Gegenstände der Alltagskultur und überhaupt der Warenwelt, die vom
Flaneur flüchtig und am Rande wahrgenommen werden. In seinen Arbeiten geht
Byars jedoch den umgekehrten Weg. Selten war moderne Kunst dermaßen mit
Pathos aufgeladen, als Ausdruck erhabener Vollkommenheit.

James Lee Byars, Das perfekte Lächeln, 1994, Performance, (c) Sammlung Museum
Ludwig Köln
Das gilt vor allem für die
Performances von Byars. 1976 erschien er für Das Spiel des Todes
mit zwölf gleichsam schwarz gekleideten Ärzten auf den 13 Balkonen des Kölner
Dom-Hotels, um von dort aus den Laut "th" (griechisch für "thanatos", Tod)
zu hauchen und danach prompt wieder zu verschwinden. Zur Verleihung des
Wolfgang-Hahn-Preises trat er 1994 im
Kölner Ludwig-Museum ganz in schwarz mit verbundenen Augen auf, um
dem Publikum ein kurzes Lächeln zu schenken. Seither ist diese ephemere
Aktion unter dem Titel The Perfect Smile das erste wirklich
konsequent immaterielle Kunstwerk in der Sammlung des Museums. Zugleich
liegt in diesem "perfect", wie Viola Michely in ihrem Katalogbeitrag zur
Schirn-Ausstellung schreibt, ein faszinierender Doppelsinn: Vollkommen und
doch schon vergangen.

James Lee Byars, Der vollkommene Liebesbrief ist, ich schreibe ich liebe Dich
rückwärts in die Luft, 1974, Performance, Palais des Beaux-Arts, Brüssel,
Foto: Katalog Schirn Kunsthalle
[1]
[2]
[3]
|