In dieser Ausgabe:
>> Artcouture
>> Comics für Louis Vuitton
>> Issey Miyakes Laufstegkunst
>> Die Muse der Mode: Claudia Skoda
>> Der Labelpirat Olaf Nicolai

>> Zum Archiv

 
Grenzkontrolle


Seit über 30 Jahren ist der japanische Modemacher ein Inbegriff für die Verschmelzung von Kunst und Haute Couture. Immer wieder hat Issey Miyake mit zeitgenössischen Künstlern an Kollektionen gearbeitet, selbst in Museen ausgestellt und Kostüme für das Frankfurter Ballett entworfen. Auch in seinem neuen New Yorker Hauptquartier, das von dem Architekten Frank Gehry gestaltet wurde, ist Miyake seinem Ruf als kulturell innovativer Modemacher treu geblieben. Mit Naoki Takizawa hat er zudem ein ebenso großes Talent als Nachfolger gefunden, das zuletzt durch die Zusammenarbeit mit dem japanischen Künstler Takashi Murakami für Furore sorgte. Cheryl Kaplan über die geglückte Ehe zwischen Kunst und Mode im Hause Miyake.



Innenansicht des Issey Miyake Store
mit Display von Chiho Aoshima,
New York, 2004, Foto: Chiho Aoshima

Die Niedlichkeit, die in Japan das kulturelle Leben bestimmt, hat Tokio ins "Kindchenland der Erwachsenen" verwandelt. Mädchen und junge Frauen, die weit über ihre Kindheit hinaus sind, tragen Kleidung, die auf Fünfjährige zugeschnitten ist. Während dessen blüht aber auch eine japanische Superchic-Mode mit Designern wie Issey Miyake und Naoki Takizawa, dem Design-Wunderkind hinter Miyakes internationalen Männer- und Frauen-Kollektionen. Seit der Gründung seines Miyake Design Studio im Jahr 1970 gehört es zu den Besonderheiten von Issey Miyake, mit Künstlern zusammenzuarbeiten. Damals hatte er Tattoo-Kleidung kreiert, die von den beiden im gleichen Jahr verstorbenen Musikern Jimi Hendrix und Janis Joplin inspiriert war. Miyake betrachtete das Tattoo-Motiv als Hommage an die Stars, doch es war zugleich auch ein Bekenntnis zur Verbindung zwischen Popkultur, Kunst und Mode. Als er ein paar Jahre zuvor beim Pariser Modehaus Givenchy ausgebildet wurde, hatte Miyake auf der Suche nach Zuspruch öfters Entwürfe an Audrey Hepburn und die Gräfin von Windsor geschickt. Seine Zusammenarbeit mit dem Kunstbetrieb brachte ihn schon früh auf das Cover der US-Kunstzeitschrift artforum, überhaupt gelangte er in einer Zeit, in der das SoHo-Viertel in New York noch mit richtiger Kunst assoziiert wurde, schon unter Kunstfans zu einem Status als Superstar der Szene. Miyakes bahnbrechende Technik steuerte allen Trends voran und veränderte nachhaltig die Art und Weise, wie Kleidung produziert, gestaltet und vermarktet wurde.


Issey Miyake

Miyake hat mit Fotografen, Künstlern und Tänzern - darunter William Forsythe vom Frankfurter Ballett - gearbeitet, mit Filmemachern und Architekten. Solche Kooperationen waren für den Designer immer schon eine "ganz natürliche Angelegenheit". Helen Pickett, ehemals Mitglied des Frankfurter Balletts, erinnert sich dabei an "Unmengen von Kisten, die vor der Aufführung von Forsythes Inszenierung Loss of Small Detail eingingen". Die fast 300 Kostüme waren auch die Premiere seiner Pleats-Please -Kollektion. Vom Balkon aus sahen sich Miyake und Takizawa tagtäglich die Proben an, stets stumm und ohne jemals einzugreifen. Dazu schreibt Pickett: "Damals hat Miyake auch verschiedene Tänzer eingeladen, um bei den Modenschauen in Japan und Paris auf dem Laufsteg aufzutreten. Wir haben dann Extraaufführungen gemacht." Vielleicht ist dieses besondere Interesse von Miyake der Tatsache geschuldet, dass er als kleiner Junge, der in Hiroshima aufwuchs, gerne Tänzer geworden wäre. Jedenfalls hat Miyake seinen eigenen Weg als Designer unabhängig von seiner Vergangenheit bei Guy LaRoche oder Geoffrey Beene gemacht, auch wenn er der Modeschöpferin Madeleine Vionnet zumindest einiges an Inspiration verdankt. Für Miyake war klar, dass "ich ein Designer für Designer sein wollte. Ich sah mich lieber auf Augenhöhe mit anderen kreativen Leuten wie Christo oder John Cage und nicht unbedingt innerhalb der Mode". Seine Kollektionen zeichnen sich durch ungeheure Dramatik aus, sie sind Happening und Performance vermutlich näher als den Konventionen des Laufstegs. Der Anstoß kam schon zu Universitätszeiten, über die Miyake im Rückblick notiert hat: "Damals besorgte ich mir aus Amerika Zeitschriften mit Fotos von Richard Avedon oder Hiro, und ich schaute mir die Kunst von Leuten wie Andy Warhol an. Auch Robert Rauschenberg hatte maßgeblichen Einfluss auf seine Vorstellungen von Kunst und Mode.



Irving Penns Fotografien von Issey Miyakes Frauen-Kollektion.
Foto: Irving Penn (c) Issey Miyake in collaboration with Irving Penn

Doch die Zusammenarbeit, die Miyake gefühlsmäßig am nächsten lag, kam im wahrsten Sinne ohne Worte aus. 1986 startete er mit dem Fotografen Irving Penn den mittlerweile legendären Austausch von "stummen Botschaften", die im Japanischen als A-un bekannt sind. Dabei ging es Miyake darum, dass Penn ihm bei seinem nächsten Vorhaben als Designer helfen sollte. Das Atelier des Fotografen hat er jedoch nie betreten, ebenso wenig wie Penn jemals in Miyakes Showroom oder bei einer seiner Modenschauen zu Besuch war (auch wenn er dem Fotografen Kleidungsstücke und einen Stylisten ins Haus schickte). Man mag sich unter der Zusammenarbeit einen stillen Austausch von Nachrichten vorstellen, die ohne Bezug auf den jeweiligen Urheber zirkulieren, bis das Projekt fertiggestellt ist. Als Ergebnis lagen am Ende sechs Bücher vor - und eine Ausstellung im Pariser Kunstgewerbemuseum. Tatsächlich hat Miyake in den wichtigsten Museen der Welt ausgestellt, darunter das Museum für zeitgenössische Kunst in San Francisco und die Cartier-Stiftung. Für die Präsentation der Cartier-Ausstellung bat er 1996 die Künstler Yasumasa Morimura, Nobuyoshi Araki , Tim Hawkinson und Cai Guo-Qiang an seiner Guest-Artist-Reihe teilzunehmen. Ein Sprecher von Issey Miyake erklärt, dass sich "die kooperierenden Künstler für Pleats Please nicht gemeinsam mit Issey hinsetzten und an Ausstellungsstücken arbeiteten. Statt dessen erhielten sie plissierte Stoffe nach Art einer Leinwand. Diese wurden von den Künstlern gestaltet. Das war das Konzept, das Miyake einführte. Bei der Zusammenarbeit ging es Issey nicht um kommerzielle Interessen. Es war eher ein Experiment und ein Versuch, seine Konzepte als Designer auszuweiten".


Dress from the Guest Artist Series, 1996
(c) 1997 Issey Miyake and Yasumasa Morimura

Den Anfang machte Morimura, der für seine Neubearbeitung von Ingres' Odalisk das berühmte Bildnis einer Konkubine mit dem Negativfoto eines eigenen Selbstporträts kombinierte - von Kopf bis Fuß in einen roten Schleier gehüllt. Es war ein unheimliches Bild, dass den Besucher ganz in die Form mit einschloss. Der chinesische Künstler Cai Guo-Qiang ging für sein Projekt von einem weißen Miyake-Stoff aus, mit dem er einen Weg auslegte, aus dessen Umrissen sich ein Drachen auf dem Galerieboden bildete. Danach streute er auf dem Drachen Schwarzpulver aus und zündete es an. Die Überbleibsel der Aktion ließ er als Skulptur zurück, in deren Muster die Explosion nachhallte; später diente das Muster bei einem Kleid als Vorlage für den Faltenwurf.


A Piece of Cloth, Installation, 1999 Foto: (c) Issey Miyake

Vor kurzem hat Miyake seine Aktivitäten an einem zentralen Ort gebündelt. Das New Yorker TriBeCa Issey Miyake ist weltweiter Hauptsitz, US-Zentrale, Geschäft, Schauraum und Bürobereich in einem. Von Frank Gehry durchgestaltet und mit Skulpturen ausgestattet werden hier Miyakes Kollektionen erstmals in der gesamten Breite gezeigt - inklusive Naoki Takazawas Issey-Miyake-Entwürfe, die A-Poc-Serie, die Pleats Please und Melssey Miyake. In den Räumen wurden bereits Künstler wie der Maler Sebastian Blanck, der Fotograf Cary Wollensky und Ian Wright ausgestellt, es gab die Premiere der Frühling- und Sommer-Kollektion für 2004, bei der eine limitierte Auflage plissierter T-Shirts von Tsuyoshi Hirano zu sehen war, der auch eine Wandmalerei zeigte - alles unter der Leitung von Naoki Takizawa.

Während Hiranos T-Shirts durchaus den Konventionen von Gebrauchsdesign entsprechen, nähert sich die Zusammenarbeit Takizawas mit Takashi Murakami schon sehr viel mehr der Grenze zur Kunst. Diese Schnittstelle zwischen zeitgenössischer japanischer Kunst und zeitgenössischem Design aus Japan ist zum Dreh- und Angelpunkt geworden: Niemand sonst hat die Grenzen bislang besser außer Kraft gesetzt als Murakami, der mit seiner Miyake-Connection zum Siegeszug durch die Modewelt angetreten ist. Dagegen steht Murakamis aktuelle Zusammenarbeit mit Marc Jacobs für Louis Vuitton auf einem ganz anderen Blatt. Harold Koda, Leiter und Kurator der Mode-Abteilung des Metropolitan-Museum, beschreibt es folgendermaßen: "Wenn ein Künstler sich auf die Formen einlässt, die ihnen ein Designer vorgibt, wird es dekorativ. Es handelt sich nicht länger um seine Kunst. Vuitton, das ist zwar Murakamis Palette an Farben, aber es sind nicht mehr seine Muster und Formen".

[1] [2]