Cornelia Schleime: Auf weitere gute
Zusammenarbeit, 1993, Sammlung Deutsche Bank
Die künstlerischen Umbrüche, die Man in the Middle -
Menschenbilder über den Verlauf eines Jahrhunderts markiert, machen
den Zwiespalt deutlich, der sich in jedem Abbild des Menschen verkörpert.
So sehr wir uns auch bemühen, in immer wieder neuen Entwürfen von uns
selbst das Gemeinsame zu suchen und zu formulieren, so fragwürdig
erscheint es, ob dieser Versuch tatsächlich eine gültige Definition des
Menschlichen hervorbringt.
War für das von
Mechanisierung bestimmte 20. Jahrhundert das konzentrische Modell des
Atoms das Symbol für den Fortschritt, wird dieses im digitalen Zeitalter
vom Symbol des Netzes abgelöst, welches kein eindeutiges Zentrum mehr
erkennen lässt. Die Suche nach identitätsstiftenden Werten in Kultur,
Wirtschaft und Politik, nach einer authentischen "Mitte" des Menschen
innerhalb der ihn umgebenden Gesellschaft, ist angesichts der
Auswirkungen der Globalisierung offenbar mehr denn je von Unsicherheit
begleitet. Während sich Kommunikation und Handel zunehmend in den
virtuellen Raum verlagern und die Bindung an fixe Orte, Zeitzonen und
persönliche Begegnungen zunehmend überflüssig machen, ändert sich auch
der Begriff individueller und kultureller Identität.
Angesichts der Möglichkeiten digitaler, chirurgischer und
gentechnischer Manipulation sowie einer unerschöpflichen medialen
Bilderflut erklärt sich der Mensch des neuen Millenniums selbst zum
formbaren Material.

Arnulf Rainer, Im Gewirr gefangen, 1974,
Sammlung Deutsche Bank

Peter Bömmels, Eiermänner, 1998,
Sammlung Deutsche Bank
Der moderne Mensch
zwischen Wunschtraum und Alptraum: Ein "chamäleonartiges Wesen mit
sisyphushaften Zügen" hat Veit Loers in seinem Katalogbeitrag zur
Ausstellung das künstlerische Menschenbild des zwanzigsten Jahrhunderts
genannt. Er ist auch ein Wesen auf der Suche nach sich selbst, die in
Angst- und Traumbildern enden kann. Der österreichische Künstler Arnulf
Rainer zeigte ihn 1974 in seinem eigenen "Gewirre gefangen". Peter
Bömmels findet in den Eiermännern eine groteske Chiffre
für eine tragische Ausweglosigkeit (ein Interview mit Peter Bömmels
finden Sie
hier).
Der Einblick in die Sammlungsgeschichte der Deutschen
Bank fordert zur Gegenüberstellung heraus - denn mit der formalen
Darstellung der menschlichen Figur verknüpfen sich Bezüge zu
persönlicher und gesellschaftlicher Existenz: "Ich bin blöde genug,
trotz aller Erfahrungen immer noch zu glauben, dass es doch noch
Menschen gibt", erklärte die Dresdner Malerin
Elfriede Lohse-Wächtler,
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Elfriede Lohse-Wächtler, Selbstportrait
(in fantastischer Gesellschaft), 1931
©Förderkreis Elfriede Lohse-Wächtler, Hamburg
die 1940 als Insassin einer sächsischen Heilanstalt nach einer
Zwangssterilisation in der anstaltseigenen Gaskammer ermordet wurde.
(Einen Essay über Lohse-Wächtler und George Grosz finden Sie
hier.) In ihrem 1931 entstandenen Selbstportrait (in fantastischer
Gesellschaft), manifestieren sich die Ängste und Zweifel einer Epoche,
die von innerer und äußerer Emigration gekennzeichnet war. Dennoch ist
Wächtlers abgewendeter Blick der einer Rebellin, die sich radikal über das
tradierte Frauen- und Künstlerbild ihrer Zeit hinwegsetzt und ihre
behütete bürgerliche Existenz für das raue Leben des Hamburger
Rotlichtmilieus eingetauscht hat. Ihr Aufbegehren bezahlte die Künstlerin
nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten mit dem Leben (mehr
über Lohse-Wächtlers Schicksal erfahren Sie
hier und
hier).
Freiwillig verstummte hingegen
Eugen Schönebeck, als habe er ab einem bestimmten Moment nichts mehr
über sich oder den Menschen in der Kunst zu sagen. Schönebeck hat nur 27
Gemälde und etwa 500 Zeichnungen hinterlassen. Noch als Student hatte er
mit Georg Baselitz zusammen in Zeiten des Informel und kühler
Abstraktion ein neues, berserkerhaftes Bild vom Menschen entworfen, das
zu direkten Reaktionen, auch zu Ekel, herausforderte. In Tübingen ist
eine ganze Reihe seiner Tuschearbeiten aus den frühen sechziger Jahren
zu sehen. Ist es Zufall, dass er kurz vor seinem Abschied von der Kunst
– er ging als Briefsortierer zur Post – Porträts von Lenin, Trotzki und
Mao malte, also von totalitären Machtfiguren, die den Einzelnen als
"Nichts" hinter die Klasse zurücktreten ließen?

Kara Walker: The Emancipation Approximation, 1999/2000, Sammlung Deutsche Bank
Dass wir bei unseren Begegnungen mit den unterschiedlichen Menschenbildern
unter Umständen nicht nur auf Fremdes, sondern auf den Schrecken unserer
eigenen Klischees und vorgefertigten Entwürfe stoßen, verdeutlicht die
junge afroamerikanische Künstlerin
Kara Walker. Sie greift die Scherenschnitttechnik auf, mit der die
amerikanische Südstaaten im 19. Jahrhundert ihre Welt und ihr Verhältnis
zu den Sklaven zur Idylle umlogen. Auch bei Walker sind die Bilder also
schwarzweiß, wie bei Schönebeck: allerdings, wie es ihre Technik mit
sich bringt, mit messerscharfen Silhouetten. In Schwarzweiß reflektiert
sie über das Verhältnis von Schwarz und Weiß in der Gesellschaft und
stellt eine ganze Reihe von Identitäten in Frage: Die des Unterdrückers
und der Unterdrückten, die von Selbstbild und Projektion durch die
anderen, die von Mann und Frau und von Rasse und Klasse. The
Emancipation Approximation ist der Titel einer programmatischen
Werkreihe, die in Tübingen zu sehen ist. Walkers Werke haben seltsamer
Weise zuerst und gerade in afroamerikanischen Kreisen in den USA zu
einem Schock geführt. In einem
Gespräch mit dem Autor Darius James, das db-art.info vor einigen
Monaten veröffentlichte, erzählt Walker, wie ihre Schattenrisse in der
International Review of African American Arts auf 17 Seiten ohne
Verfasserangabe verrissen wurden.
Das 20. Jahrhundert begann mit einer Suche nach
Ursprünglichkeit. Gauguin, aber auch Pechstein reisten buchstäblich zu
den Antipoden, um das Bild eines in sich ruhenden, mit sich identischen
Menschen zu finden. Eine solche Suche nach Ursprünglichkeit würde heute
nur noch den Spott einer Kara Walker ernten - so lässt sich die
Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts auch als ein langer Abschied von
den Illusionen lesen. Die tänzerische Grazie der Arbeiten Kara Walkers
aber zeigt: Dieser Abschied ist auch eine Befreiung.
KvG/see
Man in the Middle - Menschenbilder, vom 13.9.-2.11.2003 in der
Kunsthalle Tübingen.
Im Rahmen der Ausstellung finden drei
Sonderveranstaltungen statt: - 25.9. um 18 Uhr: Künstlergespräch
mit Florian Merkel - 9.10. um 18 Uhr: Lichtbildvortrag "Menschen
am Meer in den Bildern von Beckmann" Prof. Dr. Klaus Gallwitz
- 23.10. um 18 Uhr: Führung durch die Ausstellung Prof. Dr.
Jean-Christophe Ammann
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