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Die Rückkehr der Giganten in Sao Paulo

Auf ihrer Tour durch Lateinamerika war die Ausstellung Die Rückkehr der Giganten/ El Regreso de los Gigantes vom 11. Juli bis zum 24. August 2003 im Museu de Arte Moderna in Sao Paulo zu sehen. Wie schon auf den ersten Stationen im Museo de Arte Contemporaneo in Monterrey und im Museo de Arte Moderno in Mexico City, zeigt die Sammlung Deutsche Bank eine Auswahl von Arbeiten, denen als "Heftige Malerei" zu Beginn der achtziger Jahre ein spektakulärer Triumphzug in der Kunstwelt gelang (Katalogbestellung hier). Zu sehen sind rund 150 Arbeiten auf Papier sowie Gemälde der Künstler Elvira Bach, Georg Baselitz, Walter Dahn, Jiri Georg Dokoupil, Rainer Fetting, Antonius Höckelmann, Karl Horst Hödicke, Jörg Immendorff, Dieter Krieg, Markus Lüpertz, Helmut Middendorf und A.R. Penck.


Rainer Fetting:
Van Gogh Gauguin - "Rückkehr der Giganten", 1980
©VG Bild-Kunst, Bonn 2002

Die Rückkehr der Giganten , die sich hier ankündigt, ist in doppelter Hinsicht programmatisch zu verstehen. Dem gleichnamigen Werk Rainer Fettings entlehnt zitiert der Titel nicht nur die einstmalige Rückbesinnung auf die Malerei der Vormoderne, sondern verweist auf den in der Schau inszenierten Auftritt einer Malergeneration, deren Vertreter inzwischen selbst zu den "Giganten" der jüngeren deutschen Kunstgeschichte zählen. Als Vertreter der Neuen Figuration repräsentieren die gezeigten Künstler in Deutschland dabei eine künstlerische Strömung, die gerade ihren Anfang nahm, als der systematische Aufbau der Sammlung Deutsche Bank begann. Zwölf Jahre nach dem Mauerfall ruft Die Rückkehr der Giganten eine Zeit in Erinnerung, in der sich die Kunst in Deutschland auf intensive Weise mit der Geschichte und den kulturellen Werten des eigenen Landes auseinander setzte.

Jörg Immendorff:
aus der Serie "Café Deutschland"
Cafe Deutschland, 1978
©Jörg Immendorff, Düsseldorf
Jörg Immendorff:
aus der Serie "Café Deutschland"
Cafe Deutschland, 1978
©Jörg Immendorff, Düsseldorf

Jörg Immendorffs Zyklus Café Deutschland steht hierbei für eine individuelle deutsche Historienmalerei. Anlass zu diesem Werk gab seine Reise nach Ostberlin, wo er sich mit dem damals noch in Dresden lebenden A.R. Penck traf. Die daraus resultierende Bilderserie entwirft bewusst ein Gegenbild zu Renato Guttusos berühmten Café Greco und wendet sich gegen dessen politisierenden Realismus, der auf den sozialistischen Realismus der DDR seit den sechziger Jahren einen starken Einfluss ausübte. Die in der Ausstellung gezeigten Papier-Arbeiten dienten Immendorff als Vorstudie zu den großformatigen Tafelbildern, die auf geradezu exemplarische Weise den privaten Ost-West-Konflikt zwischen den befreundeten Künstlern darstellen. In der Auseinandersetzung mit Penck werden die zum Teil zwielichtigen Vaterfiguren und Symbole der deutschen Nation und die ideologisch geprägte Konfrontation zwischen den Machtblöcken hinterfragt. Hier findet Immendorff den Stoff für seine uneingelösten Träume: das Brandenburger Tor mit der stürzenden Quadriga, den deutschen Adler als Alptraum, das mit Eis überdeckte Deutschland, in dem noch die Panzer des Krieges stecken. Seine Gouache- und Acrylbilder deklinieren ein Vokabular, in dem sich privates Erleben und politischer Sinngehalt überschneiden. Immendorffs expressive Bilderrätsel widersetzen sich der eindeutigen Aussage aber auch der politischen Freund-Feind-Schematisierung.

A.R. Penck und Georg Baselitz, die in der DDR ihre künstlerische Ausbildung erhielten, reagierten mit ihren 'subjektiven' Mythologien auf die glatte Konsumwelt des Wirtschaftswunderlandes BRD. Bereits in den frühen sechziger Jahren entstand so eine mit Zeichen spielende Bildsprache und eine sich gegen die Vorherrschaft der abstrakten Kunst gewandte Malweise. Eine radikale Abkehr von der als übermäßig intellektualisiert empfundenen konzeptuellen und Minimal-Kunst vollzieht sich jedoch erst Anfang der achtziger Jahre mit den Auftritten der Jungen Wilden. Mit ihrer subjektiv begründeten Gegenständlichkeit stellten sich diese Künstler mit heftigen Gesten den eingespielten Konventionen des Kunstbetriebs entgegen. So unterliefen die Ausstellungen der Kölner Künstlergruppe Mühlheimer Freiheit, der Walter Dahn, Peter Bömmels (hierzu ein Interview in der db-art.info 1) und Jirí Georg Dokoupil angehörten, die Erwartungen des Publikums: Ihre Arbeiten stapelten sich bis an die Decke und wurden direkt auf die Wand geheftet oder gelehnt. Die mit der Punkbewegung in der Musikszene längst vollzogene Umwertung aller Werte griff auf die Kunst über.



Jiri Georg Dokoupil: ohne Titel, 1984
©VG Bild-Kunst, Bonn 2002

In Berlin fanden sich gleichgesinnte Akteure: Mit einer 1980 im Berliner Haus am Waldsee gezeigten Ausstellung, an der Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé und Bernd Zimmer teilnahmen, fiel erstmals der Ausdruck "Heftige Malerei". Die Selbsthilfegalerie der Künstler am Moritzplatz in Kreuzberg, wie auch Salomés Punkband Geile Tiere, erlangten rasch Kultstatus und wurden zum festen Bestandteil der Berliner Szene.

Die Vertreter der Heftigen Malerei griffen sowohl auf den klassischen Brücke-Expressionismus und Oskar Kokoschka wie auch auf das figurative Oeuvre ihrer "Lehrer" zurück. Ohne den Einfluss von Baselitz, Höckelmann, Hödicke, Krieg oder Lüpertz wäre dieser Bruch mit den Konventionen nicht denkbar gewesen.



Karl Horst Hödicke: ohne Titel, 1979
©VG Bild-Kunst, Bonn 2002

Aus dem engen Kontakt zur Musikszene resultierten gemeinsame Projekte. Das 1978 in Berlin eröffnete SO36 wurde mit seinen Punk und New-Wave Konzerten zur Begegnungsstätte der jungen Berliner Kunstszene. Martin Kippenberger übernahm 1979 für ein Jahr die Geschäftsführung. Neben Musikauftritten wurden nun auch Ausstellungen veranstaltet, in denen unter anderen Elvira Bach ihre Badewannenbilder präsentierte. Ihre unmittelbare Umgebung darin in zeichenhafte Chiffren verwandelnd, dient ihr das Badezimmer als intimer Ausgangspunkt für die Introspektion. Aus diesen Selbstdarstellungen entwickelt sie später ihre dominierenden und in dieser Ausstellung präsentierten Frauenfiguren.



Elvira Bach: Nacht unter Palmen,1983
©VG Bild-Kunst, Bonn 2002

So ironisch und subversiv die Heftige Malerei auch agierte: Zwanzig Jahre später dokumentiert Die Rückkehr der Giganten einen Umstand, der heute nachdenklich stimmt. Neben Elvira Bach zählt Ina Barfuß zu den wenigen Künstlerinnen, die in den Malerzirkel der "Giganten" Einlass fanden.

Maria Morais