Alles und fast Nichts: Malewitsch und die Folgen
Bilder
des Nichts, des sublimen Etwas und des ominösen Alles: Unbestritten gehört
Kasimir Malewitsch zu den Wegbereitern der gegenstandslosen Kunst. Sein
Schwarzes Quadrat ist ein Mythos der Moderne. Doch wie war sein Einfluss
auf die europäischen und amerikanischen Künstlergenerationen der Nachkriegszeit?
Ira Mazzoni ist dieser Frage nachgegangen und stellt Beispiele aus
der Sammlung Deutsche Bank vor.
Mit dem Schwarzen Quadrat auf weißem Grund hatte Malewitsch 1915 den "Nullpunkt der Malerei" markiert
und philosophierte von der "Erfahrung der reinen Gegenstandslosigkeit in
der weißen Leere des befreiten Nichts." Wenig später, 1918, präsentierte
er ein Weißes
Quadrat auf weißem Grund und trieb damit die Entleerung des Bildes
mit pastosem Raffinement bis an die Grenze der Malerei und der Wahrnehmung.
Angesichts des monochromen Bildes in der Großen Berliner Kunstausstellung
1927 konnte sich der Kritiker Ernst Kallai "schwer vorstellen, was über
den bereits erreichten Punkt: Fläche, weiß auf weiß hinaus malerisch noch
möglich wäre..."
Es war noch viel möglich. Fast schien es, als
habe Malewitsch mit seinen Bildern ein Schwarzes Loch erzeugt, das die
moderne Kunst verschlingt und dabei neue Universen gebiert. Seit Malewitsch
wurden Bilder "gereinigt" und "geleert". Maler erforschten die Kunst "als
solche" und reduzierten ihre Gemälde auf die pure Farbe oder die schlichte
geometrische Form, entblößten ihre Bilder bis auf den Grund: die Malfläche
und den Träger. Es wurden Urbilder beschworen und letzte Bilder neu gemalt.
Es gab Bilder des Nichts, des sublimen Etwas und des ominösen Alles. Die
Malerei wurde ontologisch und philosophisch, ganz materiell oder ganz spirituell.
Lange blieb auch die revolutionäre Haltung bestimmend für das Selbstverständnis
des explizit "modernen" Künstlers, solange zumindest, bis Neues unmöglich
schien, weil alles schon gesagt und gezeigt war.

 Ellsworth Kelly, Orange (State I), 1988 © Matthew Marks Gallery, New York Samlung Deutsche Bank
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 Donald Judd Ohne Titel (Blau), aus der Mappe "Für Joseph Beuys", 1986 Sammlung Deutsche Bank
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Anlässlich der
Malewitsch Ausstellung des Solomon
R. Guggenheim Museum of Modern Art 1972 schrieb der Minimalist Donald
Judd: "Heute ist klar, dass in den Formen und Farben der Gemälde, die
Malewitsch 1915 zu malen begann, zum ersten Mal die Form und die Farbe
erschienen... Innerhalb des Rahmens, den Malewitsch vorgegeben hat, sind
bis heute immer wieder neue Werke und Kontroversen entstanden."

 Donald Judd, Ohne Titel 1993
Wenn wir also nach Malewitsch und den Folgen fragen, dann geht es um diesen
Rahmen. Eine wissenschaftlich fundierte Rezeptionsgeschichte für die Neo-Avantgarden
Amerikas und Europas muss noch geschrieben werden. Es liegt der Verdacht
nahe, dass die Vermittlung von Malewitschs Werk recht verwickelt war und
im Westen erst spät wahrgenommen wurde. Mit großer Verwunderung nimmt man
zur Kenntnis, was Imi
Knoebel von seinen Düsseldorfer Studienjahren Anfang der Sechziger
berichtet: "Damals kam dieses Buch raus, Die Gegenstandslose Welt von Malewitsch,
seine Texte. Fasziniert waren wir vom Schwarzen Quadrat. Das war für uns
das Phänomen, das uns völlig eingenommen hatte, das war der eigentliche
Umschlag. Mit diesem Bewusstsein sind wir regelrecht mit Malewitsch hausieren
gegangen. Keine Sau kannte den." Zu diesem Zeitpunkt hatten aber die abstrakten
Maler Europas und Amerikas Malewitsch bereits nach allen Seiten hin interpretiert
und ihre Schlüsse daraus gezogen. Was blieb danach also noch übrig?

 Blinky Palermo 4 Prototypen (vierteilig), 1970 Sammlung Deutsche Bank
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 Blinky Palermo Ohne Titel, aus "Mappe Hommage a Picasso", 1974 Sammlung Deutsche Bank
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Blinky
Palermo malte 1964 seine Komposition mit acht roten Rechtecken, sein
erstes geometrisches Bild. Dabei scheint es, als ob der Student das Abstrakte
erst einmal nur ausprobiert. Auch seine Prototypen wirken wie kindliche
Illustrationen zu Malewitschs Grundlagenwerk. Palermo verblüfft und verwirrt
mit der bunten Naivität seiner Dreiecke und Kreise. Idealformen sind das
sicher nicht, und etwas ausdrücken wollen sie auch nicht. Aber von Berechnung,
entindividualisierter, konkreter Geometrie kann hierbei keine Rede sein.
Zu frech und frisch ist der Anstrich.
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 Blinky Palermo Ohne Titel, 1973 Sammlung Deutsche Bank
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 Blinky Palermo 4 Prototypen (vierteilig), 1970 Sammlung Deutsche Bank
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Wirkung zeigte auch die Fotografie
von Malewitschs Suprematistischem Raum in der legendären Ausstellung 0.10
in Petrograd. Da hing ja nicht nur die Ikone der Moderne, das Schwarze
Quadrat ganz oben in der Raumecke, sondern da schwebten und flogen Quadrate,
Kreuze und gedehnte und verzogene Rechtecke in ganzen Geschwadern über
die weißen Wände. Malewitsch neu zu entdecken hieß also auch, das Verhältnis
von Bild und Wand, Form und Raum zu überdenken. Und es hieß nach Jahren
malerischer Abstinenz und minimalistischer Abkehr von Sinnlichkeit und
Duktus, die Valeurs der Farbe schätzen zu lernen.

 Imi Knoebel Grace Kelly (Portfolio mit 5 Blättern) 1990 © Galerie Achim Kubinski, Berlin Sammlung Deutsche Bank
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 Imi Knoebel Grace Kelly (Portfolio mit 5 Blättern) 1990 © Galerie Achim Kubinski, Berlin Sammlung Deutsche Bank
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Und Imi Knoebel?
Wie reagierte er auf die Unhinterfragbarkeit von Malewitschs suprematistischen
Bildern? Er fing von vorne an und malte erst einmal senkrechte Linien in
die Leere der Bildfläche. Auf das Absolute antwortete er mit dem Schlichten.
Dabei faszinierte ihn die kosmische Dimension bei Malewitsch: Es folgten
Lichtprojektionen in den nächtlichen Himmel und damit eine Flucht aus dem
Bild.

 Imi Knoebel Kleine russische Wand, aus "Russische Wand" (Mappe mit 8 Blättern), 1988 © Galerie Sabine Knust, München Sammlung Deutsche Bank
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 Imi Knoebel Große russische Wand, aus "Russische Wand" (Mappe mit 8 Blättern), 1988 © Galerie Sabine Knust, München Sammlung Deutsche Bank
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Nach der Rückkehr zur Materie der Maler drehte Knoebel monochrome
Rechtecke aus ihrer Achse und hängte sie schräg auf die Wände des White
Cube. Da war er wieder, dieser Schwebezustand im Raum. Aus solchen Konstellationen
entwickelte Knoebel dann verzogene Rechtecke im "Erregungszustand". Ab
1976 produzierte er seine Menningebilder,
die Neuanfang und Weiterentwicklung zugleich sind, denn Menninge, das ist
industrielle Rostschutzfarbe, Unter- und Grundfarbe und keine Kunst-Farbe.
Die so fundierten Geometrien schoben sich zu vieleckigen Gebilden zusammen.
Komplexe polygonale Massen, in denen der Betrachter versucht, die Schnittstellen
der Einzelform auszumachen. Und doch sind diese gestanzten Kombinate mehr
als ein Vexierspiel. Zur Russischen Wand arrangiert, teilt sich die raumgreifende,
schwebende Ambivalenz unmittelbar mit.

 Imi Knoebel Schwarzes Kreuz, aus "Russische Wand" (Mappe mit 8 Blättern), 1988 © Galerie Sabine Knust, München Sammlung Deutsche Bank
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 Imi Knoebel Weisses Kreuz, aus "Russische Wand" (Mappe mit 8 Blättern), 1988 © Galerie Sabine Knust, München Sammlung Deutsche Bank
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