Porträt der Künstlerin als junge Frau: Elvira Bach im Gespräch
Im
Rahmen ihrer Welttournee ist die Ausstellung Il Ritorno dei Giganti
zur Zeit im Mexikanischen Monterrey zu sehen, bevor sie ihre Reise
durch ganz Lateinamerika fortsetzen wird. Mit der Rückkehr der Giganten
zeigt die Sammlung Deutsche Bank eine Auswahl von Arbeiten, denen als "Heftige
Malerei" zu Beginn der achtziger Jahre ein spektakulärer Triumphzug in
der Kunstwelt gelang. Mit gewaltigen Formaten und expressiven Gesten verbanden
"Malerfürsten" wie Georg Baselitz, Jörg Immendorff oder Markus Lüpertz
einen betont männlichen Habitus. Als eine der wenigen Frauen, die sich
im Umfeld der heftigen Maler und Neuen Wilden etablieren konnte, wird mit
Il Ritorno dei Giganti auch Elvira Bach mit ihrer Arbeit vorgestellt.
Brigitte Werneburg hat für db-art.info die Berliner Malerin in ihrem Atelier
besucht und nach ihren Erinnerungen an die achtziger Jahre befragt.

 Elvira Bach
Frage:
Die Kunstakademien werden inzwischen zu zwei Dritteln von Studentinnen
besucht. Am eindrucksvollsten soll ihre Zahl im Bereich Malerei zugenommen
haben, berichtet die Zeit in ihrer aktuellen Ausgabe.
Das war zu Ihrer Zeit doch sicher noch anders, Frau Bach?

 Brigitte Werneburg und Elvira Bach (rechts)
Elvira
Bach: Nein, nein. In den Klassen waren damals bestimmt genauso viele
Frauen wie Männer. Teilweise gab es sogar mehr Studentinnen als Studenten.
Aber als von der Heftigen Malerei gesprochen wurde, mit ihren gewaltigen
Bildformaten, ging es doch um die große Feier von Potenz und Männlichkeit.
Bei den Neuen Wilden in Berlin waren Sie die einzige Dame im Gruppenbild.
Fühlten Sie sich dieser Gruppe um Rainer
Fetting, Bernd
Zimmer, Salomé
und Helmut
Middendorf zugehörig?
Ich habe zur gleichen Zeit an der
Hochschule der Künste studiert wie Middendorf, Fetting und Salomé. Allerdings
bei Hann
Trier. Nicht bei Karl
Horst Hödicke. Man traf sich schon hier und da. Meistens im "Exil",
dem Restaurant von Oswald
Wiener in Kreuzberg, oder später dann in der "Paris Bar". Da gab es
schon einen Austausch. Da waren auch Lüpertz,
Baselitz,
Koberling
und Hödicke. An den anderen Tischen saßen Fetting, Zimmer, Salomé und Middendorf,
die gehörten eben zum Moritzplatz. Die Gruppe war ursprünglich größer gewesen.
Die vier wurden 1980 durch die Ausstellung "Heftige Malerei" im Berliner
Haus am Waldsee
sehr schnell sehr bekannt. Ich wurde dieser Gruppe fälschlicherweise
oft zugerechnet, aber ich habe nicht dazu gehört.

 Nacht unter Palmen - aus Serie mit 7 Blättern, 1983, Gouache auf Papier
Aber Sie hatten
auch sehr schnell Erfolg. 1978, also noch vor Ihrem Abschluss an der HdK,
hatten Sie Ihre erste Einzelausstellung, die Verschiedenes in einem Metzgerladen
hieß. Drei Jahre später waren Sie bei einer der ganz wichtigen Ausstellungen
der damaligen Zeit dabei: Bildwechsel in der Akademie der Künste. Und
ein Jahr später, 1982, waren Sie zur documenta
7 eingeladen. Andererseits fehlten Sie bei wichtigen Ausstellungen
wie A
New Spirit in Painting in London oder Von hier aus in Düsseldorf.
Rechnete man Sie doch nicht zu dieser Szene?
Ich habe einfach
gemalt und mich wenig um die anderen gekümmert. Ich lehne Gruppen eigentlich
auch ab. Das ist nicht mein Ding. Es ist ein Hilfsmittel, um rauszukommen.
Bevor ich an der HdK freie Malerei studierte, hatte ich ja Einblicke in
die Theaterarbeit, weil ich von 1972 bis 1979 an der Schaubühne
die Requisite gemacht und souffliert habe oder auch mal im Foyer gearbeitet
habe. Dort wurde mir durchaus deutlich, dass Teamarbeit was Tolles ist.
Man braucht den Regisseur, den Bühnenbildner, den Dramaturgen und den Kostümbildner.
Dennoch wusste ich, dass ich lieber etwas alleine machen wollte, wo mir
niemand dreinredet. In meinem Atelier mache ich die Tür hinter mir zu und
mache was ich will. Im Nachhinein, wenn ich darüber nachdenke, ist
mir klar, dass es gut ist, eine Lobby zu haben. Das hab ich nie gehabt.
Diese Männerzusammenschlüsse - Männer werden eben erzogen, Teams zu bilden.
Und Frauen werden da nicht so leicht aufgenommen?
Naja,
Ina
Barfuß zum Beispiel war dabei über Thomas Wachweger, mit dem sie zusammenarbeitete.
Man musste irgendwie auch mithalten können. Vor allem mittrinken. Obwohl
ich wirklich trinkfest bin, hätte ich noch einen Zahn zulegen müssen. Ich
denke schon, dass auch das eine Rolle spielt.

 Ohne Titel – aus der Serie Aufstehen, 1980-82, Gouache auf Papier
Sie sind also
durch Ihre Malerei aufgefallen. Interessant finde ich, dass Heinrich Klotz,
der ehemalige Gründungsdirektor des ZKM in Karlsruhe, in seinem Buch "Die
neuen Wilden in Berlin" (1987) schrieb: "Elvira Bach ist zu gut, um nur
den Part der Alibi-Frau gegen die 'reine Männerherrschaft' in diesem Buch
zu übernehmen". Und das war es dann mit Ihnen in seinem Buch. So wurden
Sie entsorgt. Weil Sie zu gut sind?
Ich habe einfach gemalt.
Dazu kommt, dass niemand sagen könnte, er habe mich entdeckt. Es kam niemand
zu mir ins Atelier. Jedenfalls nicht rechtzeitig. Und so kann keiner sagen:
Die haben wir entdeckt, das ist uns zu verdanken, dass man sie kennt. Aber
das brauchen die Leute. Selbst von der Berlinischen
Galerie, die alle anderen sammelte, kam niemand zu mir. Die haben eine
einzige Arbeit von mir, allerdings nur, weil sie gespendet wurde.

 Ohne Titel – aus der Serie Aufstehen, 1980-82, Gouache auf Papier
Zu
Ihrer ersten Einzelausstellung Verschiedenes in einem Metzgerladen: Was
war denn das Verschiedene?
Es war auch ein selbstorganisierter
Abend. Ich habe meine Arbeiten einfach an die Wand genagelt und eine Party
gemacht. Es gab damals irgendwo eine Stelle, wo man 200 Mark abholen konnte,
wenn man denen seine Arbeiten gezeigt hat, alle halbe Jahre. Das war das
einzige Mal, dass ich so etwas ausgenutzt habe. Ich schickte sogar noch
jemand anderen mit meiner Mappe hin. Mit den 400 Mark haben wir dann eingekauft,
die Punkband "PVC" eingeladen, die spielten da, und dann kamen all die
Leute, auch vom Theater, und Filmleute, Ulrike
Ottinger, Tabea
Blumenschein. Das war damals eine ganz intensive Zeit. Mit Musik, Punk
im SO 36. Auch am Moritzplatz,
das waren die besten Partys.

 Elvira Bach im Gespräch |

 Ohne Titel - aus der Serie Aufstehen", 1980-82, Gouache auf Papier
"Verschiedenes" bezog sich aber
nicht auf Ihre künstlerischen Mittel. Gerade Frauen haben sich in dieser
Zeit gerne mit anderen Medien auseinandergesetzt, Fotografie oder Video.
Sie malten. Warum Malerei?
Das war bei mir eine ganz alte Vorstellung.
Schon als Kind wollte ich Malerin werden. Der Weg nach Berlin war absolut
folgerichtig. Ich wollte immer was mit Farben machen, freier Maler werden.
An der HdK wurde mir dann ziemlich bald klar, dass ich meiner Fantasie,
meinen Farben und Formen Raum geben muss. Ich habe akzeptiert, dass das
Malen von mir kommt, meine Geste ist. Das war ganz subjektiv. Und es gab
ja, wie Wolfgang
Max Faust sagte, den "Hunger nach Bildern". Das wurde auch von den
Betrachtern aufgenommen. Farbe, Figur und spontane Geste wurden ungeheuer
geschätzt.
Zur gleichen Zeit wurde Cindy
Sherman mit ihren Film Stills bekannt. In der Fotografie gab es also
die figurative Darstellung. Und eine Kritik an den weiblichen Rollenbildern.
Sie haben sich damals ja auch entschieden mit der weiblichen Figur auseinander
gesetzt. Aber eher als Feier der starken Frau?
Ich wollte die
Frau als Individuum zeigen, nicht aufgehoben in der Gruppe, nicht mit anderen
Menschen. Ich hab das ja auch so gelebt. Indem ich mich ausgestellt habe
wie meine Bilder. Mich beobachtet habe. Wie sind die Reaktionen? Kann man
das, darf man das, als Frau schön angezogen an der Bar stehen? Aus diesen
Erfahrungen sind die Frauen entstanden. Mich hat das interessiert, ohne
Mann, ohne Freundin, alleine eben, ungeschützt, irgendwo hinzugehen.

 Nacht unter Palmen – aus Serie mit 7 Blättern, 1983, Gouache auf Papier
Aber
wo waren Sie dann verortet?
Ich denke in meiner Arbeit. Ich
habe immer viel gearbeitet. Die Zeit ging so schnell vorbei, ich habe das
gar nicht gemerkt. Erst die sieben Jahre an der Hochschule der Künste,
danach habe ich mir das Atelier in Kreuzberg genommen, und dann kamen auch
schon die Leute. Das hätte ich mir nicht träumen lassen. Ich dachte, ich
werde schon irgendwie durchkommen. Aber dass ich davon leben könnte, hätte
ich nie gedacht. Ich finde das toll, dass mein Wunsch als junges Mädchen
in Erfüllung gegangen ist, dass ich Malerin geworden bin und davon leben
kann. Ich denke manchmal selbst: Meine Güte!
Wer hat Sie auf
dem Kunstmarkt vertreten und in die New Yorker Galerien gebracht?
Das
war viele Jahre Ingrid Raab.
Sie hat mich auf die Messen gebracht, nach Chicago, nach Basel, Köln. Die
Raab
Galerie war in den siebziger und achtziger Jahren für mich die wichtigste
Galerie in Berlin. Die Situation dort war richtig gut. Die anderen Künstler
kamen vorbei, auf dem Weg ins Atelier. Man hat sich dort getroffen. Das
war eine tolle Zeit.

 Nacht unter Palmen – aus Serie mit 7 Blättern, 1983, Gouache auf Papier
Ihre Bilder strahlen das ja auch aus. Sie
sehen aus wie Bilder aus einer Zeit, in der sich Frauen gut und stark fühlten.
Ich bin sicher aufgefallen, weil ich die Frauenfiguren in den
Vordergrund geholt habe, sie übergroß gemalt, sie nach ganz vorne an die
Rampe gestellt habe, frontal. Ohne Hintergrund, Perspektive. Ich male die
Stadtfrau.
Ihre Frau ist aber auch so eine Art Robinson. So
selbständig, so allein. Ist sie nicht auch ein bisschen asozial?
Asozial?
Ja, man kann Ihre Frauen jederzeit als einen urbanen Typus entziffern,
über die Kleidung, den Schmuck, die Attitüde. Aber mehr erfährt man über
sie nicht.
Nun ja, was die Kleider angeht, das Schminken: Es
ist doch ein Kraftakt, eine gewaltige Aktion, sich herzurichten, auszusehen
wie die Vorbilder in den Medien und Zeitschriften. Die Forderungen, die
da gestellt werden, sind ja sehr problematisch.

 Weibliche stehende Figur, 1989, Siebdruck auf Papier
Aber malen Sie
nicht auch solche role models? Tolle Frauen, die zeigen, wie man
sein sollte?
Ich kann nicht darauf verzichten, die Frau anzuziehen,
schön zu machen. Das muss sein. Es geht darum ein Stück Haut zu zeigen.
Die Haut zu zeigen ist ja schwierig. Dieses Verletzbarsein. Das kann man
machen, wenn es einem gut geht. Aber es geht einem nicht immer gut. Es
ist viel einfacher, zu zu machen.
Weil ich die Kartoffelschälerin
hinter Ihnen sehe - die ist wohl vor zehn Jahren entstanden? Ist da auch
ein Spiel mit Immendorff drin? Die Kunst muss die Funktion der Kartoffel
übernehmen?
Ja, vielleicht. Ich konnte jedenfalls die Erdbeere,
die in meinen Bildern ja immer wieder auftaucht, diese schöne, süße Frucht,
nicht mehr malen. So habe ich die Kartoffel aus der Erde geholt und der
Frau in die Hand gegeben, dazu noch ein spitzes Messer.

 Kartoffelschälerin
Und
Ihre Frauen von heute?
Ganz wichtig ist es, eine Kontinuität
in seiner Arbeit zu wahren und dabei zu bleiben. Oft ist es ganz schwierig,
alles zu organisieren. Künstlerinnen sehen sich auf ganz andere Weise mit
ihrer biologischen Uhr konfrontiert und vor andere Fragen gestellt als
ihre männlichen Kollegen. Wenn man zum Beispiel früh Kinder bekommt – und
es geht vielen Frauen in vielen Sparten so – ist es besonders schwierig.
Ich dachte immer, Kunst fordere Verzicht. Doch Kunst ist genau das Gegenteil.
Meine Bilder waren lange Zeit so etwas wie meine Kinder. Aber als ich dann
wirklich Mutter wurde, war das ein überwältigendes Erlebnis ganz anderer
Natur. Allerdings habe ich es erst gewagt, als ich schon von meiner Kunst
leben konnte. (Siehe auch Elvira Bachs Ausstellungskatalog
"Kinder, Küche, Kunst".)
Der Kunstmarkt hat ja so seine eigenen
Gesetzmäßigkeiten. In meinem Fall stellte sich plötzlich der Erfolg ein,
und ich war nicht darauf vorbereitet. Es ist eine richtige Herausforderung
im positiven wie im negativen Sinne, dem ganzen Erfolgsdruck, dem man unversehens
ausgesetzt ist, standzuhalten. Es kostet eine Menge Kraft und Glaube, und
vor allem erkennt man, dass man sich selbst motivieren muss.
Brigitte
Werneburg ist Kulturredakteurin bei der taz in Berlin
© VG Bild Kunst, Bonn 2002
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